Zwei Professionen, ein Patient. Der Blog für Notfallsanitäter:innen und Notärzt:innen, die gemeinsam entscheiden.
Hinweis in eigener Sache: Dieser Blog gibt ausschließlich meine persönliche, private Meinung wieder. Er ist weder die Meinung noch die offizielle Position einer meiner Arbeitgeber. Ich vertrete in diesem Blog keine Arbeitgeber und werde von diesen weder bezahlt noch unterstützt. Was ihr hier lest, ist also ganz meine eigene Sicht – untermauert mit Fachliteratur und Evidenz.
| Zu meiner Person Ich bin Arthur Schuppert, Notfallsanitäter und TC HEMS in der deutschen Luftrettung auf einem Intensivtransport- bzw. Dual-Use-Hubschrauber sowie Medizinpädagoge. Davor war ich lange als Praxisanleiter und leitender Praxisanleiter beim Malteser Hilfsdienst tätig. Zudem war ich als Simulationsinstructor (InPASS) an einem Klinikum in meiner Heimatregion beschäftigt. Das war für mich eine fantastische Möglichkeit, klinische Expertise und Erfahrungen auszutauschen. Außerdem engagiere ich mich in der Bergwacht in meiner Heimatregion und war zuvor lange im Bevölkerungsschutz unterwegs. Mich interessiert FOAM genauso wie Forschung. Diverse Kursformate – auch im englischsprachigen sowie im niederländischen und belgischen Ausland – gehören für mich ebenso dazu wie das tägliche Lesen von Blogs, neuen Leitlinien und aktuellen wissenschaftlichen Publikationen. Nach der eigenen Sicherheit steht die optimale Patientenversorgung für mich an oberster Stelle meiner Arbeit. Ich bin Befürworter der Notfallsanitäterausbildung, der eigenständigen heilkundlichen Notfallmedizin durch Notfallsanitäter*innen und einer Teilakademisierung des Berufsbilds. Zudem befürworte ich eine Berufskammer zur Steuerung und Kontrolle des Berufsfelds. Nichtsdestotrotz bin ich ein überzeugter Befürworter notärztlicher Expertise in der präklinischen Notfallmedizin. Da, wo man sie braucht, tut sie den Patient*innen gut. |
Liebe Leserinnen und Leser von „im Tandem“,
in diesem Fachblog aus der FOAM-Szene (Free Open Access Medical Education; Cadogan et al., 2014) geht es um nichts anderes als um das beste und zugleich heterogenste Tandem der präklinischen Patientenversorgung: Notfallsanitäter*in und Notärzt*in auf einem notarztbesetzten Rettungsmittel (im Folgenden kurz NARM). Und es gibt durchaus gute wissenschaftliche Hinweise darauf, dass dieses Tandem das Outcome der Patient*innen verbessern kann – und zwar beim härtesten aller Endpunkte, dem Überleben. Metaanalysen zeigen sowohl nach notarztgeführter Reanimation als auch bei arztgeführten interprofessionellen Teams höhere Überlebensraten als bei rein nichtärztlicher Versorgung, auch wenn die Daten überwiegend aus Beobachtungsstudien stammen (Böttiger et al., 2016; Lavery et al., 2025). Also, lasst uns über dieses Tandem reden. Über ein Tandem, in dem zwei völlig unterschiedliche Berufsgruppen aufeinandertreffen und zusammenarbeiten müssen, sollen und – das unterstelle ich mal allen Kolleg*innen – auch wollen. Kurz gesagt: Hier geht es um die Zusammenarbeit von NotSan und Notärzt*in und vor allem um die Rolle der NotSan in diesem Tandem. Zwei Berufsgruppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Schauen wir sie uns genauer an.
Auf der einen Seite die Notfallsanitäterin bzw. der Notfallsanitäter: drei Jahre Berufsausbildung, drei Jahre Vollzeit Notfallmedizin, nix anderes. Insgesamt 4.600 Stunden, davon 1.920 Stunden Unterricht an der Schule, 1.960 Stunden auf der Lehrrettungswache und 720 Stunden Praxiseinsätze in Kliniken, unter anderem in Anästhesie und OP, auf der Intensivstation, in der Notaufnahme sowie in Geburtshilfe bzw. Pädiatrie (NotSan-APrV, 2013). Allein auf der Lehrrettungswache sind mindestens 175 reale Einsätze vorgeschrieben, davon mindestens 50 mit Notarztbeteiligung (NotSan-APrV, 2013, Anlage 2). Grundlagenwissen wie Anatomie und Pathologie wird meist praxisnah und fallorientiert vermittelt – nicht in der Tiefe, wie es etwa im Physikum abgefragt wird. Aber eben: in drei Jahren von 0 auf X. Die 0 steht dabei für den Start ohne notfallmedizinische Vorkenntnisse, das X für den Kompetenzstand, der am Ende tatsächlich erreicht ist. Ich schreibe bewusst X, auch wenn ich gern „von 0 auf 100“ schreiben würde. Doch die 100 erscheint mir gerade mit Blick auf das Tandem nicht gerecht. Was ist schon 100 %? Gibt es das in der präklinischen Medizin überhaupt?
Hinzu kommt: Je nach Bundesland und Standort treffen wir auf Notfallsanitäter*innen mit langjähriger Erfahrung und diversen Zusatzqualifikationen. Kursformate für einen strukturierten Teamansatz wie ACLS/ALS, PALS/EPALS oder ITLS/PHTLS, Führungslehrgänge vom Gruppen- über den Zug- bis zum Verbandsführer oder zum Organisatorischen Leiter Rettungsdienst, dazu weitere medizinische Fortbildungen wie Ultraschall- oder taktische Kurse, der Intensivtransport-Kurs nach DIVI und vieles mehr. Auf einem notarztbesetzten Rettungsmittel trägt die Notfallsanitäterin bzw. der Notfallsanitäter dann viele Bezeichnungen: Kladdenträger, Maschinist, Teamleader, operativ-administrativer Teamlead, Notarztassistent, Karteneinleser, Rucksackträger, Butler, Praxisanleiter, Betreuer, Debriefer …
Was aber bringt die Notfallsanitäterin bzw. der Notfallsanitäter am Patienten konkret mit? Vor allem eines: Routine im präklinischen Raum. Sie oder er kennt die Einsatzstelle als Arbeitsplatz – das enge Badezimmer, die Autobahn, den Waldweg, das Treppenhaus im fünften Stock ohne Aufzug. Sie oder er sichert die Einsatzstelle, verschafft sich einen ersten Eindruck, erhebt strukturiert nach ABCDE den Befund und erkennt, ob es den Patient*innen gut geht. Dazu kommt das handwerkliche Repertoire: venöse und intraossäre Zugänge, Atemwegssicherung mit supraglottischen Atemwegshilfen, Beatmung, Defibrillation, Blutstillung, Immobilisation, Vorbereitung und Applikation von Medikamenten – und das alles unter widrigen Bedingungen, mit begrenztem Material und oft mit Improvisation. Hinzu kommen detaillierte Kenntnisse der Medizintechnik, die Rettung aus Zwangslagen und die Planung eines schonenden Transports. Und nicht zuletzt das Wissen um die lokalen Strukturen: Welche Klinik kann was, welche Versorgungsangebote gibt es, wen erreicht man wie? Vieles davon führt die Notfallsanitäterin bzw. der Notfallsanitäter eigenverantwortlich durch, bis die Notärztin bzw. der Notarzt eintrifft. Auf dem NARM heißt das: Die NotSan arbeitet der Notärzt*in nicht nur zu, sondern bringt eine eigene, präklinisch geprägte Expertise an den Patienten.
Auf der anderen Seite die Notärztin bzw. der Notarzt. Und was dabei meist untergeht: Am Anfang stehen mindestens sechs Jahre und drei Monate Medizinstudium (ÄApprO, 2002). Auch wenn viele das Wort nicht schön finden – es ist ein Grundlagenstudium, und das passt. Man lernt wenig Fachspezifisches, aber was man tief, gründlich und gut lernt, sind die Grundlagen: Anatomie, Physiologie und Pathologie und vieles mehr. Danach folgt die Weiterbildung im Krankenhaus. Für die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin verlangt die Musterweiterbildungsordnung mindestens 24 Monate Weiterbildung in der unmittelbaren stationären Patientenversorgung, davon sechs Monate in Intensivmedizin, Anästhesiologie oder einer interdisziplinären Notaufnahme, außerdem einen 80-stündigen Kurs „Allgemeine und spezielle Notfallbehandlung“ und anschließend 50 Notarzteinsätze unter Anleitung (Bundesärztekammer, 2018). Je nach Standort und Fachrichtung bringen Notärzt*innen also viele Stunden aus Anästhesie, Intensivmedizin oder OP und damit viel klinische Expertise mit. Präklinisch aber heißt es: in 80 Stunden von 0 auf X – wobei 0 hier für null Erfahrung im Rettungsdienst bzw. in der präklinischen Notfallmedizin steht. Also: von 0 auf X. Doch was ist X für Ärzt*innen, die präklinisch als Notärzt*innen tätig werden sollen, müssen oder wollen? Ein 80-Stunden-Kurs, der eher einem Schnupperkurs für den Rettungsdienst gleicht, optional ergänzt durch einen NASIM-Kurs, mit dem sich bis zu 25 der geforderten Einsätze durch Simulation ersetzen lassen (Landesärztekammer Thüringen, o. J.). Auch beim NASIM-Kurs sind Qualität und Anspruch je nach Bildungsstätte heterogen; das Niveau der Fallbeispiele liegt meiner subjektiven Meinung nach etwa auf dem einer NotSan-Examensprüfung.
Was die Notärztin bzw. der Notarzt dafür an den Patienten bringt, ist klinische Tiefe. Aus Studium und Klinikjahren kommt ein fundiertes pathophysiologisches Verständnis und damit die Fähigkeit zur Differenzialdiagnostik: Warum ist dieser Patient eigentlich hypoton – und was folgt daraus? Dazu kommt die Erfahrung, Befunde im weiteren Verlauf einzuordnen, weil man weiß, was nach der Übergabe im Schockraum, auf der Intensivstation oder im OP passiert. Am Patienten bedeutet das: Indikationen stellen und Risiken abwägen, erweiterte invasive Maßnahmen wie Narkoseeinleitung und definitive Atemwegssicherung, Thoraxdrainage oder eine differenzierte Katecholamintherapie durchführen, eine breitere Pharmakologie sicher einsetzen und Therapieziele festlegen – bis hin zu Entscheidungen über Therapiebegrenzung, oder Therapieausschöpfung und zur Wahl eines geeigneten Zieles. Kurz: Die Notärztin bzw. der Notarzt bringt die klinische Perspektive in die präklinische Versorgung.
Genau diese zwei so unterschiedlich ausgebildeten Berufsgruppen mit ihren unterschiedlichen Kompetenzbereichen zusammenzubringen, um eine optimale Patientenversorgung sicherzustellen, ist die Aufgabe jedes notarztbesetzten Rettungsmittels – egal ob NEF, ITW, RTH oder ITH. Auf der einen Seite die Notfallsanitäterin bzw. der Notfallsanitäter: Expert*in für den präklinischen Raum – für Einsatzstelle, Handwerk, Technik, Abläufe und lokale Strukturen. Auf der anderen Seite die Notärztin bzw. der Notarzt, Expert*in für die klinische Tiefe – für Differenzialdiagnostik, Indikationsstellung und Therapieentscheidungen, die bis in die Klinik hineinreichen. Die Ausbildung der Notfallsanitäter*innen ist dabei ausdrücklich auf beides angelegt: auf die teamorientierte Mitwirkung ebenso wie auf eigenverantwortliches Handeln (Schubert & Breitinger, 2024).

Abbildung 1: Das Tandem aus Notfallsanitäter*in und Notärzt*in – unterschiedliche Ausbildungswege, gemeinsame Schnittmenge, ein Ziel (eigene Darstellung).
Deshalb möchte ich in diesem Blog in vielen Beiträgen vertieft auf dieses Tandem aus NotSan und Notärzt*in auf dem NARM – eingehen. Im Mittelpunkt steht dabei das Arbeitsfeld der Notfallsanitäterin bzw. des Notfallsanitäters auf dem NARM: Ich möchte es differenzieren, die einzelnen Rollen beleuchten und zeigen, wie die Zusammenarbeit im Tandem gelingen kann. Dieses Arbeitsfeld wurde bisher nur in sehr wenigen Veröffentlichungen überhaupt betrachtet. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Notfallsanitäterin bzw. dem Notfallsanitäter auf einem NARM wichtige und ganz unterschiedliche Aufgaben zukommen, die es auf einem RTW so nicht gibt – und dass gerade diese Aufgaben die Patientenversorgung und das Outcome verbessern.
Übersicht der Blog-Beiträge
Literatur
ÄApprO – Approbationsordnung für Ärzte vom 27. Juni 2002 (BGBl. I S. 2405).
Böttiger, B. W., Bernhard, M., Knapp, J., & Nagele, P. (2016). Influence of EMS-physician presence on survival after out-of-hospital cardiopulmonary resuscitation: Systematic review and meta-analysis. Critical Care, 20, Artikel 4. https://doi.org/10.1186/s13054-015-1156-6
Bundesärztekammer. (2018). (Muster-)Weiterbildungsordnung 2018: Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin. Bundesärztekammer.
Cadogan, M., Thoma, B., Chan, T. M., & Lin, M. (2014). Free Open Access Meducation (FOAM): The rise of emergency medicine and critical care blogs and podcasts (2002–2013). Emergency Medicine Journal, 31(e1), e76–e77. https://doi.org/10.1136/emermed-2013-203502
Landesärztekammer Thüringen. (o. J.). Zusatz-Weiterbildung Notfallmedizin. Abgerufen am 7. Oktober 2026, von https://www.laek-thueringen.de/aerzte/weiterbildung/anerkennungfacharztteilgebietzusatzbezei/ZusatzbezeichnungNotfallmedizin/
Lavery, M. D., Aulakh, A., & Christian, M. D. (2025). Benefits of targeted deployment of physician-led interprofessional pre-hospital teams on the care of critically ill and injured patients: A systematic review and meta-analysis. Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine, 33, Artikel 1. https://doi.org/10.1186/s13049-024-01298-8
NotSan-APrV – Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter vom 16. Dezember 2013 (BGBl. I S. 4280).
Schubert, A., & Breitinger, H. (2024). Die besondere Rolle der Notfallsanitäter:innen beim prähospitalen Atemwegsmanagement. Notfall + Rettungsmedizin, 27(2), 91–99. https://doi.org/10.1007/s10049-024-01299-1

