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06.02 – Internationaler Tag der Nulltoleranz gegenüber FGM/C – Bedeutung für die Notfallmedizin

Heute, am 6. Februar, wird weltweit der Internationale Tag der Nulltoleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation/Cutting – FGM/C) begangen. Dieser Tag wurde von den Vereinten Nationen als globaler Aktionstag etabliert, um auf das Ausmaß und die schwerwiegenden Folgen dieser Praxis aufmerksam zu machen und ihre weltweite Abschaffung zu fordern.

Was ist Genitalverstümmelung?

Genitalverstümmelung umfasst sämtliche nicht-medizinischen Eingriffe, bei denen Teile der äußeren weiblichen Genitalien entfernt oder verletzt werden. Es gibt unterschiedliche Typen von FGM/C, die häufig ohne jede Form der Analgesie oder hygienischen Absicherung durchgeführt. Medizinisch ist diese Praxis nicht indiziert, bietet keinen gesundheitlichen Nutzen und verletzt grundlegende Menschenrechte.

Epidemiologie – global und in Deutschland

Weltweit leben schätzungsweise über 230 Millionen Mädchen und Frauen mit den Folgen von FGM/C. Jedes Jahr werden rund 4 Millionen weitere Mädchen Opfer dieser schädlichen Praxis.

In Deutschland gibt es keine vollständigen offiziellen Registrierungen zu FGM/C, doch neueste Schätzungen zeigen einen deutlichen Anstieg der Betroffenen:

  • rund 123.000 Frauen und Mädchen in Deutschland sind betroffen oder bedroht (Stand Ende 2024)
  • etwa 86.500 volljährige Frauen, die bereits eine Form der Genitalverstümmelung erfahren haben
  • 11.100 minderjährige Mädchen gelten als potenziell betroffen, bis zu 25.000 weitere als gefährdet
  • andere Schätzungen (2022) sprechen von ca. 104.000 Betroffenen und bis zu 17.000 gefährdeten Mädchen – abhängig von Berechnungsmethoden und Migrationsbewegungen

Seit dem Jahr 2013 ist FGM/C in Deutschland als Straftatbestand im Strafgesetzbuch verankert.

klinische Akutprobleme und Notfallversorgung

Im Rettungsdienst oder der Notaufnahme können uns auch die direkten körperlichen Folgen von FGM/C begegnen, auch in akuten Situationen.

akute Blutungen und Schock

Unmittelbar nach einer Verstümmelung (z.B. bei „household cutting“ oder illegal vorgenommene Prozeduren) besteht ein hohes Risiko für massive Blutungen, die zu Hypovolämie und Schock führen können. Die Versorgung ähnelt der bei anderen traumatischen Weichteilverletzungen: Blutstillung, Volumentherapie, Schmerztherapie und ggf. chirurgische Intervention.

Infektionen und Sepsis

Da FGM/C oft unter unhygienischen Bedingungen ausgeführt wird, sind Infektionen an der Wunde, lokale Abszesse und systemische Infektionen häufige Komplikationen. Ohne adäquate Therapie kann sich schnell einer septische Situation entwickeln, die intensivmedizinische Versorgung notwendig macht.

geburtshilfliche Komplikationen

Bei Patientinnen mit FGM/C bestehen erhöhte Risiken für geburtshilfliche Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt (z.B. Schwierigkeiten bei der vaginalen Entbindung, perineale Risse, größere Blutverluste), was die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Notfallmedizin, Gynäkologie und Geburtshilfe erforderlich machen kann.

muskulokutane Verletzungen mit Schmerzen und Harnproblemen

Verletzungen der Genitalregion können Schmerzen im Unterbauch oder Genitalbereich (v.a. auch bei Wasserlassen), Dysurie, Harnverhalt oder – bei Narbenbildung – chronische Beschwerden verursachen, die in der Notaufnahme untersucht und symptomatisch adressiert werden müssen.

psychische Traumata und akute psychische Krisen

Neben den somatischen Komplikationen sind psychische Traumafolgen ein zentraler, in der Akutversorgung jedoch häufig unterschätzter Aspekt von FGM/C. Viele Betroffene entwickeln traumabezogene Störungsbilder, darunter akute Belastungsreaktionen, Angststörungen, depressive Episoden oder eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). In der Notfallversorgung können sich diese Traumata in Form von Panikattacken, Dissoziation, starker Anspannung, Weinen, Rückzug oder aggressivem Verhalten äußern – insbesondere im Rahmen gynäkologischer Untersuchungen oder bei intimen Maßnahmen.

Für das notfallmedizinische Personal ist es essenziell, diese Reaktionen nicht als „kooperationsunwillig“ oder „psychosomatisch“ fehlzudeuten. Körperliche Nähe, Schmerzen, Gerüche oder bestimmte Lagerungen können Flashbacks auslösen und zu einer akuten psychischen Dekompensation führen. Eine traumasensible Vorgehensweise umfasst daher:

  • klare, einfache und transparente Kommunikation aller Maßnahmen,
  • Einholen von Einverständnis vor jeder Untersuchung,
  • nach Möglichkeit Anwesenheit einer weiblichen Fachperson oder Vertrauensperson,
  • Vermeidung unnötiger Exposition und Zeitdrucks,
  • frühzeitige Einbindung psychiatrischer oder psychosozialer Unterstützung bei akuter Krise.

Fazit

Der Internationale Tag der Nulltoleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung erinnert nicht nur an die Menschenrechtsverletzung selbst, sondern hat direkte Relevanz für die Akut- und Notfallmedizin. FGM/C ist keine „exotische“ Randerscheinung: auch in Deutschland leben Betroffene und gefährdete Mädchen. Notfallpersonal muss in der Lage sein, akute Komplikationen wie Blutungen, Infektionen und schmerzhafte Harnprobleme schnell zu erkennen und zu behandeln. Gleichzeitig fordert der Tag eine Reflexion darüber, wie medizinische Versorgung kultursensibel, unter Wahrung der Autonomie und mit Blick auf die vielfachen gesundheitlichen Folgen organisiert wird.

Quellen

Published inWelttag...

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