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GenderEMed x Leitlinien kompakt – „Sex and gender-related differences in neurological diseases“ der SINdem & SIN

veröffentlichende Fachgesellschaft: Sex and Gender differences in dementia Study Group (SINdem) & Società Italiana di Neurologia (SIN)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 06.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1007/s10072-025-08623-8

zerebrovaskuläre Pathologien

Epidemiologie

  • jährlich etwa 47 % aller Schlaganfälle bei Frauen
  • 49 % der Menschen, die mit den Folgen eines Schlaganfalls leben, sind Frauen
  • ischämischer Schlaganfall
    • Inzidenzrate bei Frauen: 96 pro 100.000 Personen pro Jahr
    • Prävalenz bei Frauen: 50 %
    • Mortalität bei Frauen: 50 %
    • Schlaganfallhäufigkeit bei Frauen bis zum Alter von 75 Jahren niedriger als bei Männern, danach kehrt sich dieses Verhältnis um
    • Lebenszeitrisiko für Schlaganfall im Allgemeinen bei Männern höher
  • intrazerebrale Blutung
    • Inzidenzrate bei Frauen: 39 pro 100.000 Personen pro Jahr
    • Prävalenz bei Frauen: 44 %
    • Mortalität bei Frauen: 45 %
    • Schlaganfallhäufigkeit bei Frauen bis zum Alter von 75 Jahren niedriger als bei Männern, danach kehrt sich dieses Verhältnis um
  • Subarachnoidalblutungen
    • Inzidenzrate bei Frauen: 9 pro 100.000 Personen pro Jahr
    • Prävalenz bei Frauen: 55 %
    • Mortalität bei Frauen: 51 %
    • höhere Inzidenzrate bei Frauen > 50 Jahren

Risikofaktoren und Pathophysiologie

  • ischämischer Schlaganfall
    • Erblichkeit von ischämischen Schlaganfällen bei Frauen höher als bei Männern
    • arterielle Hypertonie erhöht das Schlaganfallrisiko bei Frauen stärker
    • doppelt so hohes Schlaganfallrisiko bei Frauen bei Vorhofflimmern
    • Frauen sind während ihrer fruchtbaren Jahre besser vor Schlaganfällen geschützt (zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht vollständig verstanden)
    • Hormonersatztherapie nach der Menopause mit Östrogenen allein oder in Kombination mit Gestagenen erhöht das Schlaganfallrisiko
    • frühe Menarche und Menopause, Schwangerschaft und Komplikationen (Schwangerschaftshypertonie und damit verbundene Komplikationen, Schwangerschaftsdiabetes usw.), die Anwendung hormoneller Kontrazeptiva und Hormonersatztherapie sind geschlechtsspezifische Risikofaktoren
    • schwangere Frauen haben ein dreifach höheres Risiko für einen ischämischen Schlaganfall, intrazerebrale Blutung und zerebrale Venenthrombose als nicht schwangere Frauen gleichen Alters
      • Einnahme kombinierter oraler Kontrazeptiva erhöht das Risiko für einen Myokardinfarkt oder einen ischämischen Schlaganfall um das 1,6-Fache
    • Einfluss von Migräne mit Aura auf das Risiko eines ischämischen Schlaganfalls ist bei jüngeren Frauen verstärkt, v.a. wenn sie rauchen und mit Östrogenen und Gestagenen behandelt werden
  • intrazerebrale Blutung
    • keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Ätiologie
    • erhöhte Risiko, da der arterieller Bluthochdruck bei Frauen nach dem 30. Lebensjahr aufgrund hormoneller Veränderungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Wochenbett und Erkrankungen wie PCOS tendenziell schwerer ist
    • Menopause gilt als spezifische Risikophase für Hirnblutungen, da sie mit einem Abfall des Östrogenspiegels, erhöhtem Blutdruck, Veränderungen des Lipidprofils und einer erhöhten Insulinresistenz einhergeht
  • Subarachnoidalblutung
    • zerebrale Aneurysmen sind bei Frauen häufiger als bei Männern
    • Rupturrisiko bei Frauen höher ist als bei Männern
  • schwangere Frauen haben ein dreifach höheres Risiko für einen ischämischen Schlaganfall, intrazerebrale Blutungen und zerebrale Venenthrombosen als nicht schwangere Frauen gleichen Alters

Symptomatik

  • keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei den Symptomen des ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfalls
  • Hinweise, dass Frauen häufiger nicht-fokale Symptome aufweisen, was das Risiko einer Fehldiagnose erhöhen kann, obwohl die häufigsten initialen Symptome bei Männern und Frauen ähnlich sind (Bsp.: allgemeine Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Gedächtnisstörungen)
  • Frauen scheinen auch häufiger ischämische Schlaganfälle im Bereich der vorderen Hirngefäße und kardioembolischer Genese zu erleiden
  • Frauen haben im Vergleich zu Männern tendenziell eher schwere Schlaganfälle, gemessen anhand des NIHSS
  • Frauen haben ein höheres Risiko für bleibende Behinderungen 1 – 10 Jahre nach ischämischen Ereignis
  • Gesamtprognose, insbesondere die Mortalität, ist bei Frauen ab dem 75. Lebensjahr schlechter als bei Männern

Therapie

  • vergleichbare Ergebnisse hinsichtlich der 90-Tage-Mortalität, Sicherheit und der Rekanalisierungsraten zwischen den Geschlechtern bei intravenöser Thrombolyse und mechanischer Thrombektomie
  • Frauen scheinen seltener für eine Thrombolyse i.v. geeignet zu sein als Männer (ggf. bedingt durch die höhere VHF-Prävalenz)
  • Frauen leben häufiger allein und haben oft atypische Symptome, was zu Verzögerungen bei der Schlaganfallerkennung und der Einlieferung ins Krankenhaus führen kann
  • Frauen werden bei intrazerebraler Blutung und SAB seltener auf Stroke Units behandelt werden und insgesamt weniger intensivmedizinisch betreut werden, was zu den im Vergleich zu Männern schlechteren 3-Monats-Ergebnissen beitragen kann
  • keine evidenzbasierten Empfehlungen zur intravenösen Thrombolyse bei Schwangeren (aufgrund von Beobachtungsdaten empfehlen die meisten Expert*innen jedoch die Behandlung von Schwangeren mit schwerem ischämischem Schlaganfall mittels Thrombolyse i.v.
    • ähnliche Empfehlungen für Frauen, die sich nicht im unmittelbaren Wochenbett befinden

Empfehlungen

  • Berücksichtigung, dass Inzidenz und Prävalenz von Schlaganfällen bei Frauen niedriger ist als bei Männern, die Schlaganfall-Schwere ist jedoch im Allgemeinen bei Frauen höher
  • geschlechtsspezifische Risikofaktoren, die besondere Aufmerksamkeit und Berücksichtigung erfordern, sind u.a. Migräne mit Aura, die Einnahme von Östrogen-Gestagen-Präparaten, Schwangerschaft und Wochenbett
  • Frauen haben beim Schlaganfall häufiger nicht-fokale neurologische Symptome, was zu Fehldiagnosen führen kann
  • Schweregrad und Folgen eines Schlaganfalls bei Frauen sind tendenziell schlechter, da sich die Ausgangsrisikofaktoren unterscheiden und es zu Verzögerungen bei der Diagnose kommt
  • geschlechtsspezifische Risikofaktoren sowohl bei der Primär- als auch bei der Sekundärprävention berücksichtigen
  • spezifische Pathologien, die während der Schwangerschaft auftreten können, erkennen, um akute zerebrovaskuläre Ereignisse zu verhindern (z.B. HELLP, Präeklampsie etc.)
  • Förderung klinischer Studien zu akuten Revaskularisierungsbehandlungen und anderen Akutphasentherapien während der Schwangerschaft und im Wochenbett, um die Evidenz für die Wirksamkeit und Sicherheit solcher Behandlungen in dieser Bevölkerungsgruppe zu erhöhen

Epilepsie

Epidemiologie & Risikofaktoren

  • 2021 weltweit 51,7 Millionen Menschen mit Epilepsie (24 Millionen mit idiopathischer und 28 Millionen mit sekundärer Epilepsie)
  • Großteil der Betroffenen (> 80 %) lebte in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen
  • globale altersstandardisierte Prävalenzrate betrug 658/100.000 (307/100.000 für idiopathische und 350/100.000 für sekundäre Epilepsie)
  • globale altersstandardisierte Prävalenz unterschied sich 2021 nicht wesentlich zwischen Männern und Frauen (322/100.000 für Männer und 293/100.000 für Frauen)
  • Inzidenz und Prävalenz von Epilepsie bei Männern wahrscheinlich etwas höher als bei Frauen
  • idiopathische generalisierte Epilepsien sind deutlich häufiger bei Frauen

Symptomatik

  • bei Temporallappenepilepsie (TLE) scheinen fokale Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein häufiger bei Frauen aufzutreten, während bilaterale Entwicklung häufiger bei Männern beobachtet wurden
  • atonische Anfälle bei Männern mit generalisierter Epilepsie häufiger
  • autonome, visuelle und psychische Symptome im Zusammenhang mit fokaler Epilepsie werden häufiger bei Frauen beobachtet
  • Männer haben häufiger Funktionsstörung des Frontallappens auf der Seite des Anfallsbeginns und Frauen Funktionsstörungen im kontralateralen Temporallappen
  • verzögertes Ansprechen auf Antiepileptika, höheres Rückfallrisiko nach Absetzen der Medikamente & insgesamt schlechtere Anfallskontrolle bei Frauen mit juveniler myoklonischer Epilepsie
  • erhöhte Sterblichkeit bei Epilepsie bei Männern
  • Suizidrisiko bei Männern fast sechsmal so hoch wie bei Frauen
  • Risiko eines plötzlichen unerwarteten Todes bei Epilepsie (SUDEP) unterscheidet sich jedoch nicht zwischen Männern und Frauen

Therapie

  • höhere Häufigkeit allgemeiner, kutaner und metabolischer Nebenwirkungen bei Frauen (sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen)
  • keine statistisch signifikanten Unterschiede bzgl. des Einflusses des Geschlechts auf das Ansprechen auf Antiepileptika
  • Schwangerschaft und Stillen
    • Anfallsbehandlung bleibt oberstes Gebot, da eine unzureichend kontrollierte Epilepsie zu mütterlichen Verletzungen, fetaler Hypoxie und in extremen Fällen sogar zum Tod von Mutter oder Kind führen kann
    • physiologische Veränderungen während der Schwangerschaft, wie das erhöhte Plasmavolumen, die gesteigerte renale Clearance und die veränderte Proteinbindung, beeinflussen die Pharmakokinetik von Antiepileptika signifikant –> sorgfältige Überwachung und Dosisanpassungen, um therapeutische Wirkstoffspiegel aufrechtzuerhalten
    • Anwendung bestimmter Antiepileptika während der Schwangerschaft ist mit unterschiedlich starkem teratogenem Risiko verbunden, z.B. Valproat
    • Medikamente wie Lamotrigin und Levetiracetam gelten als vergleichsweise sicherer
    • nach der Geburt ist eine sofortige Anpassung der Antiepileptika-Dosierung auf das Niveau vor der Schwangerschaft erforderlich

Empfehlungen

  • individueller Ansatz, um die Anfallskontrolle mit der Minimierung der Risiken für den Fötus während der Schwangerschaft in Einklang zu bringen
  • Überwachung von Antiepileptika sollte verbessert und die Forschung zu den Langzeitwirkungen einer ASM-Exposition im Mutterleib ausgeweitet werden, da dies für die Verbesserung der Versorgung von entscheidender Bedeutung ist
  • für die Personalisierung der Behandlungsansätze ist es notwendig weitere Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden bei Epilepsie, einschließlich Prävalenz, Anfallsneigung, Ansprechen auf Therapien und Anfälligkeit für Nebenwirkungen von Antiepileptika, zu fördern

Kopfschmerzerkrankungen

Epidemiologie

  • Migräne und Spannungskopfschmerzen sind häufige Erkrankungen und treten bei Frauen weitaus häufiger auf
  • Clusterkopfschmerzen sind seltener und kommen häufiger bei Männern vor
  • Migräneprävalenz bei Frauen von den Lebensphasen abhängig: bis zur Adoleszenz ist sie bei beiden Geschlechtern ähnlich, bei Frauen im gebärfähigen Alter tritt sie am häufigsten auf, mit einem Höhepunkt im 2. und 3. Lebensjahrzehnt, und nimmt nach dem 5. Lebensjahrzehnt bei beiden Geschlechtern wieder ab

Risikofaktoren und Pathophysiologie

  • unterschiedliche Geschlechtsverteilung bei Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne und Clusterkopfschmerz ist wahrscheinlich eher auf unterschiedliche Penetranz als auf unterschiedliche Mechanismen der Genübertragung zurückzuführen
  • periodischer Abfall des Östrogenspiegels während der prämenstruellen Phase des Menstruationszyklus ist mit erhöhter Anfälligkeit für Migräneattacken verbunden
  • erhöhte Anfälligkeit für Migräneattacken bei Frauen, die kombinierte orale Kontrazeptiva einnehmen, v.a. solche mit hohem Östrogengehalt
  • männliche Hormone sind mit einer verringerten Anfälligkeit assoziiert
  • Belastung durch Migräne insgesamt bei Frauen höher ist als bei Männern
  • Prävalenz einiger Komorbiditäten wie Asthma und Angstzustände ebenfalls bei Frauen höher
  • Prävalenz einiger Komorbiditäten wie Bluthochdruck und Adipositas bei Männern häufiger als bei Frauen

Symptomatik

  • bei Migräne treten die typischen Begleitsymptome tendenziell häufiger bei Frauen als bei Männern auf, und die Krankheitslast ist bei Frauen höher
  • Männer erhalten tendenziell später die Diagnose Migräne und bekommen weniger Medikamente verschrieben als Frauen
  • bei Clusterkopfschmerz leiden Frauen im Allgemeinen stärker unter den Symptomen als Männer (Symptome wie Übelkeit und Geruchsempfindlichkeit bei Frauen häufiger auf als bei Männern, was bei Frauen einen „migräneähnlichen“ Phänotyp ausmacht)

Therapie

  • Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Triptananwendung treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern
Published inGenderEMedLeitlinien kompakt

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