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Leitlinie „Acute Extremity Compartment Syndrome (CS) and the Role of Fasciotomy in Extremity War Wounds“ des JTS (Update 2026)

veröffentlichende Fachgesellschaft: Joint Trauma System – Department of Defense Center of Excellence for Trauma (JTS)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 21.05.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://jts.health.mil/assets/docs/cpgs/Extremity_Compartment_Syndrome_and_Fasciotomy_ID17_21_May_2026.pdf

Grundsätzliches

  • Kompartmentsyndrom ist ein Zustand, bei dem ein erhöhter Druck im myofaszialen Raum die Durchblutung und Gewebeviabilität reduziert
  • verspätete Diagnose kann aufgrund von Rhabdomyolyse und Nierenversagen lebensgefährlich sein
  • Häufigkeit
    • ca. 3 – 27 % der zivilen Tibiafrakturen führen zu Kompartmentsyndrom
    • bei bis zu 15 % der militärischen orthopädischen Traumapatient*innen ist mind. eine Fasziotomie notwendig
  • Ödem erreicht seinen Höchstpunkt nach 24 – 48 h, kann sich jedoch durch Ischämie-Reperfusion (z.B. nach Shunteinlage, Schock, Tourniquet-Einsatz) auf 2 – 5 d verzögern

Diagnostik

  • Diagnose in der Einsatzumgebung ist primär klinisch
  • klassischen Symptome sind die „5 Ps“: Schmerz (Pain), Blässe (Pallor), Paralyse/Schwäche (Paralysis), Parästhesien (Paresthesias) sowie Pulslosigkeit (Pulselessness)
  • Druckmessungen im Einsatz haben erhebliche Einschränkungen und werden nicht empfohlen
  • Verbrennungen stellen keine automatische Indikation für eine Fasziotomie dar (sofern keine Crush-Verletzungen, Frakturen oder Gefäßschäden vorliegen)

Therapie

  • gesichertes Kompartmentsyndrom erfordert sofortigen operativen Eingriff (Fasziotomie), um die Ischämie- und Nekrosekaskade zu unterbrechen
  • prophylaktische Fasziotomie: indiziert bei hohem Risiko (z.B. bestimmte Frakturmuster, prolongierte Ischämie > 3 h, drohendem langen Evakuierungstransport)
  • operativer Eingriff (Fasziotomie): Schnitte müssen großzügig sein und alle Kompartimente müssen vollständig und über ihre gesamte Länge geöffnet werden (CAVE: keine unvollständigen Fasziotomien)
  • verzögerte Evakuierung/Behandlung: bei verzögerter Präsentation (> 12 h) besteht ein erhöhtes Risiko –> Empfehlung, im Zweifel (Zugunsten der Erhaltung lebensfähigen Gewebes) dennoch eine Fasziotomie durchzuführen und intensivmedizinisch zu unterstützen

Unterschenkelfasziotomie

  • Unterschenkel besitzt vier Kompartimente: anterior, lateral, oberflächlich dorsal & tief dorsal
  • Standard ist die Zwei-Inzisions-Technik (laterale Inzision und mediale Inzision), um alle vier Kompartimente vollständig zu entlasten
  • häufige Fehler bei unvollständigen Fasziotomien: falsche Identifikation des Septums (Fibulakopf als Orientierung), unvollständige Lösung des tiefen posterioren Kompartiments (Ablösung des Soleusmuskels von der Tibia) sowie zu kurze Inzisionen
  • laterale Fasziotomie
Fibula wird abgetastet und der laterale Schnitt wird eine Fingerbreite vor der Fibula (Finger vor der Fibula) sowie zwei Fingerbreiten oberhalb des Knöchels und unterhalb des Knies gesetzt
Septum zwischen dem vorderen und dem seitlichen Kompartiment wird identifiziert (Pfeil zeigt perforierendes Gefäß, das in das Septum eintritt und gleichzeitig dessen Identifizierung erleichtert)
Anschließend wird ein quer verlaufender Schnitt durch das Septum vorgenommen, wodurch sich sicherstellen lässt, dass das vordere und das seitliche Kompartiment korrekt identifiziert wurden –> Fasziotomien werden dann proximal und distal parallel zum Septum durchgeführt (CAVE: Scherenklingen sollten vom Septum weggerichtet sein, um eine Verletzung des darunterliegenden Nervs zu vermeiden)
vollständige Fasziotomie der vorderen und seitlichen Kompartimente des Unterschenkels
  • mediale Fasziotomie
A: medialer Schnitt wird einen Daumen hinter der Tibia gesetzt, wobei die Vena saphena ausgespart wird
B: Faszie unterhalb des Schnitts wird geöffnet (oberflächliches hinteres Kompartiment) und das tiefe Kompartiment wird hinter der Tibia freigelegt
C: Fasern des M. soleus werden von der Oberfläche der Tibia abgetrennt, wodurch Zugang zum tiefen hinteren Kompartiment geschaffen und dieses entlastet wird

Unterarm-/Handfasziotomie

  • Unterarm
    • volare Inzision öffnet das Flexorkompartiment (inklusive Mobile Wad und Karpaltunnel unter Schonung von Musculus palmaris longus und Medianusnerv)
    • dorsale Inzision öffnet das Extensorenkompartiment
volarer Schnitt wird markiert und der Schnitt wird bis zur Faszie fortgeführt, wodurch das vordere (Beuger-) Kompartiment geöffnet wird; dazu gehört auch die Öffnung des „Mobile Wad“ und des Karpaltunnels
Karpaltunnelband wird geöffnet, wobei eine Verletzung der Sehne des Musculus palmaris longus (PL) und des Nervus medianus (Stern) vermieden wird
dorsale rSchnitt wird markiert,und das hintere (Strecker-)Kompartiment wird geöffnet
Kompartimente der Hand werden freigelegt –> entlang der gepunkteten Linien werden Schnitte gesetzt, um das Interossär-, Adduktoren-, Hypothenar- und Thenarkompartiment zu öffnen
  • Hand
    • Inzisionen über Interosseus-, Adduktor-, Hypothenar- und Thenar-Kompartimente

Oberschenkelfasziotomie

  • seltener aufgrund des größeren Volumens –> meist bei Femurfrakturen mit begleitenden Gefäßverletzungen
  • erfordert typischerweise lateralen Längsschnitt (entlang des Tractus iliotibialis) zur Eröffnung des anterioren und posterioren Kompartiments
  • mediale Inzision ist selten erforderlich
Oberschenkel besteht aus drei Kompartimenten, wobei sich die großen Gefäße im vorderen Kompartiment befinden
lateraler Schnitt erfolgt über dem Bandus iliotibialis, wobei zunächst das vordere Kompartiment erschlossen und anschließend das hintere Kompartiment durch das intermuskuläre Septum freigelegt wird –> separater medialer Schnitt kann vorgenommen werden, falls weiterhin der V.a. ein Kompartmentsyndrom des medialen Kompartiments besteht

Fußkompartmentsyndrom

  • bleibt kontrovers –> Daten des DoD Trauma Registry zeigen keinen klaren klinischen Nutzen von Fußfasziotomien im Vergleich zum konservativen Management (da Folgeschäden wie Infektionen oder Hauttransplantationen oft schwerwiegender sind)
  • routinemäßige Entlastungen am Fuß daher bei im Kampf verletzten Soldat*innenen nicht empfohlen
Published inLeitlinien kompakt

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