veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads
grundsätzliche Informationen zur Substanz
- Acrylnitril (CH2=CH-CN)
- Synonyme: Vinylcyanid, Propennitril
- bei Raumtemperatur (Siedepunkt: 77 °C) klare leicht gelbliche, flüchtige und brennbare Flüssigkeit mit unangenehmem Geruch
- in Wasser nur schwach löslich, aber gut löslich in vielen organischen Lösungsmitteln
- wird zur Produktion von Acrylfasern, Kunststoffen und Klebstoff verwendet (Fasern und Kunststoffe werden bei der Herstellung von Kleidung, Möbel, Baumaterial, Lebensmittelverpackungen und im Automobilbau eingesetzt)
Exposition
- Einatmen
- Exposition erfolgt im Wesentlichen durch Einatmen (Geruch hat keine deutliche Warnwirkung)
- CAVE: schnelles Abstumpfen der Geruchswahrnehmung
- Erstickungsgefahr in schlecht gelüfteten, niedrig liegenden oder geschlossenen Räumen (Acrylnitril ist schwerer als Luft)
- Haut-/Augenkontakt
- gute Aufnahme über die Haut bei hohen Konzentrationen oder flüssigem Acrylnitril
- allgemeine Vergiftungserscheinungen mgl.
- Verschlucken
- ernste Vergiftungserscheinungen durch die Metabolisierung von Acrylnitril zu Cyaniden (CAVE: Todesfälle mgl.)
akute gesundheitliche Wirkungen
- allgemeinen Vergiftungserscheinungen über alle Zufuhrwege, z.B.
- Kurzatmigkeit
- Engegefühl in der Brust
- Kopfschmerzen
- Krämpfe
- Bewusstlosigkeit
- Herzrhythmusstörungen
- Blutdruckabfall
- Gelbsucht
- Giftigkeit von Acrylnitril kann auf Freisetzung von Blausäure im Stoffwechsel und auf Giftigkeit von Acrylnitril selbst beruhen
- Symptome können mit Verzögerung von bis zu 12 h auftreten
- Reizungen der Atemwege mit Niesen, Beklemmungsgefühl in der Brust, Kurzatmigkeit und Husten bei Einatmen
- Übergang von Tachypnoe und vertieften Atemzügen in Schnappatmung mit Zyanose als Zeichen einer fortschreitenden Vergiftung
- Herzrhythmusstörungen und therapieresistenter Blutdruckabfall
- schwere Haut- und Augereizungen mit Tränenfluss und Hornhautschäden bei lokaler Einwirkung von hohen Konzentrationen oder flüssigem Acrylnitril
- Blasenbildung nach Latenzzeit von mehreren Stunden bei längerem Hautkontakt
- sofortige oder auch zeitlich verzögerte zentralnervöse Störungen
- Reizbarkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Muskelschwäche als erste Zeichen
- Müdigkeit, Krämpfe, Halluzinationen, Bewusstlosigkeit und Koma im Verlauf
- Laktat-Azidose und Anstieg der Leberenzym-Werte (Gelbsucht innerhalb der ersten 24 h, die für mehrere Stunden bestehen bleibt)
mögliche Folgen
- hypoxische Gehirnschäden als Folge einer akuten Vergiftung
- erhöhte Suszeptibilität gegenüber Reizgasen oder Zugrundegehen von Lungengewebe nach Inhalation
- wahrscheinlich beim Menschen krebserzeugender Stoff
Dosis-Wirkungs-Beziehung
- Konzentrationen von 16 ppm für 20 – 30 min: Kopfschmerzen, Übelkeit & Reizungen
- Konzentrationen von 400 ppm für 60 min oder Aufnahme relevanter Mengen über die Haut: ggf. tödlich
| Acrylnitrilkonzentration | AEGL-Klassifikation | Wirkung/Effekte |
|---|---|---|
| 1,5 ppm | AEGL-1 (10 min) | – spürbare Beschwerden, Reizungen oder bestimmte asymptomatische, nicht sensorische Wirkungen – Wirkungen jedoch nicht behindernd und vorübergehend sowie nach Beendigung der Exposition reversibel |
| 1,7 ppm | AEGL-2 (60 min) | irreversible oder andere schwerwiegende und langanhaltende Gesundheitsschäden oder Beeinträchtigung in der Fluchtfähigkeit |
| 8,6 ppm | AEGL-2 (10 min) | irreversible oder andere schwerwiegende und langanhaltende Gesundheitsschäden oder Beeinträchtigung in der Fluchtfähigkeit |
| 130 ppm | AEGL-3 (10 min) | lebensbedrohliche gesundheitliche Auswirkungen oder Tod |
Exposition bezogen auf die Konzentration eines Stoffes in der Luft
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
- Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
- Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur ggü. Acrylnitril-Gas exponiert waren, besteht nicht
- Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit flüssigem Acrylnitril benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Acrylnitril gefährden
Rettung
- Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
- falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
- absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
- A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
- B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
- C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
- „CRASH“-Dekontamination
- kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
- falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
- kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
- Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
- Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)
Reinigung
- keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Acrylnitril-Dampf-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
- wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
- bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von wässriger Acrylnitril-Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
- betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
- bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
- Antidot nach inhalativer Acrylnitril-Exposition
- N-Acetylcystein parenteral: 150 mg/kgKG i.v. über 60 min als empfohlene Anfangsdosis für schwere Vergiftungsfälle (Luftkonzentration > 15 ppm bzw. orale oder dermale Aufnahme und Vergiftungszeichen, wie Atembeschwerden, Zyanose, Krämpfe, Bewusstlosigkeit) –> gefolgt von 50 mg/kgKG über 4 h und 100 mg/kgKG über 16 h
- peroral Dosen entsprechend der Behandlung von Paracetamol-Vergiftungen, wenn keine parenteralen N-Acetylcystein-Zubereitungen verfügbar sind (initial 140 mg/kgKG, danach alle 4 h 70 mg/kgKG über 72 h)
- Leberfunktion, Serum-Bilirubin & Quick-Wert überwachen bei N-Acetylcystein-Gabe
- Antidot nach oraler Arcylnitril-Exposition
- bei oraler Exposition + Zeichen einer Blausäure-Vergiftung Gabe der entsprechenden Antidota gemäß der Leitlinie für Cyanide/Blausäure (Gabe von N-Acetylcystein nach Gabe von 4-DMAP und Natriumthiosulfat)
- Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol bei Atemwegsreizungen und Expositionskonzentrationen > 15 ppm
- 1 g Methylprednisolon (oder äquivalente Steroiddosis) parenteral bei Expositionskonzentrationen > 100 ppm
- unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Expositionskonzentration > 15 ppm oder bei vermuteter oraler oder dermaler Aufnahme
- Hautkontakt mit Acrylnitril kann Reizungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
- Augen-Exposition kann Reizungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
weiteres Vorgehen und Behandlung
- Diagnosestellungg stützt sich im Wesentlichen auf klinische Zeichen Dyspnoe & Zyanose
- Anamnese, körperlicher Untersuchung und Monitoring der Vitalfunktionen (Pulsoxymetrie, EKG)
- Spirometrie
- Laboruntersuchung (Blutbild, Glukose & Elektrolyte sowie Laktat und Leberenzyme)
- Röntgen der Lunge & Pulsoxymetrie bei Inhalation von Acrylnitril ggf. angebracht (in schweren Fällen venöses pO2 ggf. erhöht –> dadurch ggf. normale Differenz zw. arteriellem und venösem pO2 erniedrigt)
- radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
- nach Methämoglobinbildnern-Gabe (z.B. 4-DMAP) Methämoglobinspiegel überwachen
- Biomonitoring mit Bestimmung der Konzentration von Cyanoethylmercaptursäure (CEMA) im Urin zur Abschätzung der systemisch aufgenommenen Dosis nach Exposition
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
- Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Exposition < 15 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
- mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
- ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylnitril kennt bzw. verstanden hat
- weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
- keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
- mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
- bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h
- Spirometrie nach Entlassung in regelmäßigen Abständen wiederholen bis zur Normalisierung der Werte auf die Ausgangswerte der Patient*innen vor Exposition


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