veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads
grundsätzliche Informationen zur Substanz
- Anilin (C6H5NH2)
- Synonyme: Aminobenzol, Phenylamin
- bei Raumtemperatur niedriger Dampfdruck
- bei Raumtemperatur klare bis leicht gelbliche ölige Flüssigkeit, die sich nach Kontakt mit Luft bräunlich verfärbt
- in Wasser mäßig löslich
- süßlicher bis fischähnlicher Geruch
- Gewinnung durch Reduktion von Nitrobenzol mit Wasserstoff oder durch Ammonolyse von Phenol
- Verwendung bei der Synthese einer Vielzahl von Produkten wie Polyurethanschäumen, Fotochemikalien, Kautschukchemikalien, Farbstoffen und Pflanzenschutzmitteln
Exposition
- Einatmen
- schnelle Aufnahme durch die Lunge –> systemische Toxizität
- i.d.R. ausreichender Warngeruch vor gefährlichen Konzentrationen
- CAVE: Erstickungsgefahr in schlecht gelüfteten, niedrig liegenden oder geschlossenen Räumen
- Haut-/Augenkontakt
- i.d.R. allenfalls leichte Augenreizungen
- gute Aufnahme durch die Haut bei flüssigem Anilin oder Anilindämpfen –> systemische Toxizität
- Verschlucken
- unbeabsichtigtes Verschlucken ist unwahrscheinlich
- schnelle toxische Wirkung nach Verschlucken
akute gesundheitliche Wirkungen
- Methämoglobinämie und Hämolyse mgl. –> stark beeinträchtiger Transport von Sauerstoff im Blutkreislauf zu den Geweben
- 30 – 50 ppm über mehrere Stunden –> nur geringe Beschwerden
- > 100ppm über eine Stunde –> erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen
- CAVE: Methämoglobinspiegel von bis zu 5% können durch das Rauchen verursacht
- Herz-Kreislauf-System
- Herzrhythmusstörungen oder akutes Herzversagen –> Tod
- Hautkontakt
- Hautkontakt mit flüssigem Anilin oder Anilindämpfen –> systemische toxische Wirkung
- ggf. graues, bronzenes oder bläuliches Aussehen bei normalem pO2 bei normalem pO2
- ZNS
- Störungen des Bewusstseins und motorischer Funktionen
- Schwindel, Krampfanfällen und Koma
- Niere und Leber
- Dysurie sowie Hämaturie (Nachweis von Blut, Hämoglobin oder Methämoglobin im Urin) sowie Einschränkung der Nierenfunktion –> akutes Nierenversagen
- Leberschädigung mit Ikterus bei Resorption großer Anilinmengen
mögliche Folgen
- i.d.R. Rückbildung der Symptome nach einigen Tagen bis Wochen
- chronische Beschwerden aufgrund irreversibler Schädigung von Gehirn, Nieren oder Leber mgl. nach Überleben bei schwerer Anilinvergiftung, v.a. bei relevanter Hypoxie
Dosis-Wirkungs-Beziehung
| Methämoglobin (in %) | Wirkung/Effekte |
|---|---|
| 15 – 30 | Grau-blaue Hautfarbe |
| 30 – 50 | Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Tachykardie, leichte Kurzatmigkeit |
| 50 – 70 | Stupor, Bradykardie, Atemdepression, Herzrhythmusstörungen, Störungen des Säure-Basen-Haushalts |
| 60 – 70 | Herzstillstand, Bewusstlosigkeit, Koma |
| > 90 | Tod |
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
- Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen in Bereichen mit gefährlicher Konzentration (> 10 ppm) oder bei Gefahr des Kontakt mit flüssigem Anilin
- kontaminierte Ausrüstung nicht mehr verwenden
- kurzfristige Einwirkung von Anilinkonz. < 10 ppm ohne Schutzmaßnahmen für Rettungsmaßnahmen akzeptabel
- CAVE: Gefährdung anderer durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Anilin bei Patient*innen, die selbst oder deren Kleidung mit Anilin benetzt ist
Nutzung adäquater Schutzhandschuhe, z.B. Butylkautschuk- oder Latexhandschuhe mit Dicke > 1 mm (CAVE: normale Nitrilhandschuhe schützen nicht ausreichend)
Rettung
- Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
- falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
- absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
- A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
- B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
- C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
Reinigung
- keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Acrylnitril-Dampf-Exposition oder Augenreizung
- wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
- bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssigem Anilin Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
- betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen (CAVE: Augen während des Spülens schützen)
- bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min und bis der pH-Wert der Tränenflüssigkeit wieder bei pH 7 ist (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
- Sauerstoff bei Hypoxie
- ETI oder alternatives Atemwegsmanagement bei respiratorischer Insuffizienz (falls nicht mgl., ggf. Koniotomie)
- Antidot-Behandlung bei Patient*innen mit Symptomen (nicht nur Zyanose, sondern auch Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, schneller oder unregelmäßiger Herzschlag, Atemnot) die auf Methämoglobinspiegel > 30 % hinweisen oder bei pulsoxymetrischem Nachweis einer relevanten Methämoglobinämie empfohlen
Antidot-Behandlung
- 2 – 4 mg/kgKG Toluidinblau i.v. über 5 – 10 min (d.h. 0,07 bis 0,14 mL/kgKG einer 3%igen Lösung)
- ggf. einmalige Wdh. nach 30 min, abhängig von Methämoglobinspiegel und klinischem Zustand
- max. initiale Gesamtdosis: 7mg/kgKG
- mgl. Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen im Thorax/Abdomen, Schwindel, Schwitzen und Dysurie
- wenn Toluidinblau nicht verfügbar, 1 – 2mg/kgKG Methylenblau i.v. über 5 – 10 min (0,1 – 0,2 mL/kgKG einer 1%igen Lösung)
- ggf. einmalige Wdh. nach 60 min, abhängig von Methämoglobinspiegel und klinischem Zustand
- CAVE: Toluidinblau und Methylenblau hat bei bekanntem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel keinen therapeutischen Nutzen
- unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Exposition ggü. Anilinkonzentrationen > 30 ppm oder signifikante dermaler Exposition (> 100 cm2 Haut)
- Therapie mit PEEP und Austauschtransfusion bei lebensbedrohlicher Vergiftung erwägen, wenn sich Zustand trotz Antidot-Therapie verschlechtert oder bei schwerem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
weiteres Vorgehen und Behandlung
- folgende Untersuchung bei Exposition > 30 ppm oder signifikanter dermaler Exposition (> 100 cm2 Haut)
- Anamnese, körperliche Untersuchung und Vitalfunktion-Überwachung
- großes Blutbild, Bestimmungen von Hämoglobin, Methämoglobin und Glukose sowie Urinanalyse
- engmaschige Überwachung von Flüssigkeitsaufnahme & -ausscheidung sowie Elektrolyte
- BGA (art.), p.a.-Thorax-Röntgen und EKG bei Zyanose oder Dyspnoe
- zusätzliche Untersuchungen beu Anilin-Exposition: peripherer Blutausstrich, Nierenfunktionstests und Bestimmung des unkonjugierten Bilirubins
- Beobachtung und wiederholte Nachuntersuchungen für angemessenen Zeitraum
- wiederholte Bestimmungen der Methämoglobinspiegel und BGA (art.) ratsam (CAVE: Pulsoxymetrie unter diesen Bedingungen unzuverlässig)
- Methämoglobinspiegel bis zu Abfall auf < 15% regelmäßig kontrollieren
- CAVE: Hämolyse kann auch noch > 24 h nach Exposition einsetzen
- auf Zeichen von akutem Nierenversagen und Herzrhythmusstörungen achten
- Biomonitoring mit Bestimmung der Anilin-Konzentration im Urin zur Abschätzung der systemisch aufgenommenen Dosis nach Exposition erwägen
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
- Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Anilin-Konzentration < 30 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer), ohne relevante dermal Exposition sowie asymptomatischenPatient*innen, die nach angemessener Nachbeobachtungszeit Methämoglobinspiegels < 15 % unter folgenden Umständen:
- mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
- ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylsäure kennt bzw. verstanden hat
- weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
- keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
- mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden


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