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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – Chlorformiate“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • Methylchlorformiat (CH3-OCOCl)
    • Synonyme: Chlorameisensäuremethylester, Methoxycarbonylchlorid
    • bei Raumtemperatur farblos-gelbliche, klare Flüssigkeit mit Schmelzpunkt von – 61 °C und Siedepunkt von 71 °C
    • Methylchlorformiat ist Methylester der Chlorameisensäure (CAVE: Phosgen-Abkömmling)
    • CAVE: Methylchlorformiat nicht mit Methylchloroform (1,1,1-Trichlorethan) verwechseln
  • Ethylchlorformiat (C2H5-OCOCl)
    • Synonyme: Chlorameisensäureethylester, Ethoxycarbonylchlorid
    • bei Raumtemperatur farblos-gelbliche, klare Flüssigkeit mit Schmelzpunkt von – 80 °C und Siedepunkt von 93 °C
  • 2-Ethylhexylchlorformiat (C8H17-OCOCl)
    • Synonyme: Chlorameisensäureethylhexylester, Ethoxyhexylcarbonylchlorid
    • bei Raumtemperatur farblos-gelbliche, klare Flüssigkeit mit Schmelzpunkt von – 55 °C und Siedepunkt von 100 °C
  • Isopropylchlorformiat (C3H7-OCOCl)
    • Synonyme: Chlorameisensäureisopropylester, Isopropoxycarbonylchlorid
    • bei Raumtemperatur farblos-gelbliche, klare Flüssigkeit mit Schmelzpunkt von – 70 °C und Siedepunkt von 34 °C
  • Butylchlorformiat (C4H9-OCOCl)
    • Synonyme: Chlorameisensäurebutylester, Butoxycarbonylchlorid
    • bei Raumtemperatur farblos-gelbliche, klare Flüssigkeit mit Schmelzpunkt von – 70 °C und Siedepunkt von 138 °C
  • Verwendung gelöst in Lösungsmitteln
  • scharfer, strenger und erdrückender Geruch
  • langsame Zersetzung durch Feuchtigkeit zu Salzsäure
  • bedeutender Ausgangsstoff bei der Herstellung vieler Chemikalien wie Isocyanate, Polyurethane, Polycarbonate, Farbstoffe, Pflanzenschutzmittel und Medikamente

Exposition

  • Einatmen
    • Exposition im Wesentlichen durch Einatmen oder Haut/Augen-Kontakt
    • Geruch hat nur unzureichende Warnwirkung
    • bereits Gefährdung bei niedrigen Konzentrationen
    • Reizwirkung kann mild und verzögert sein (CAVE: unbemerkt lange Einwirkung mgl.)
    • schwerer als Luft –> Ausbreitung am Boden
  • Haut-/Augenkontakt
    • Reizungen und Verätzungen an feuchter oder nasser Haut oder Augen
    • Aufnahme über Haut ist möglich
  • Verschlucken
    • Reizungen von Mund, Rachen und Magen

akute gesundheitliche Wirkungen

  • Atemwege
    • ggf. nur milde Beschwerden unmittelbar nach Einwirkung von Chlorformiaten aufgrund von Reizungen der oberen Atemwege (Rachenbrennen, Hustenreiz, Druckgefühl)
    • schwere Lungenschädigungen mit Lungenödem noch 24 h nach Einwirkung mgl.
    • Versagen der Atmung und des Herz-Kreislauf-System mgl.
  • Haut- & Augenkontakt
    • Hautreizungen oder -rötungen bei Kontakt von nasser/feuchter Haut mit gasförmigen Chlorformiaten
    • Augenrötung und -tränen bei hohen Gaskonzentrationen
    • Augenkontakt mit flüssigen Chlorformiaten –> Trübung der Augenoberfläche –> andauernde Schädigung

mögliche Folgen

  • weitere Besserung der Symptomatik erwartbar bei Überleben der ersten 48 h
  • Persistenz einer erhöhten Sensitivität ggü. reizenden Stoffen –> Bronchospasmen oder chronische Bronchitis
  • Lungenparenchymschäden sowie Narbenbildung –> chronische Dilatation von Bronchien –> erhöhte Suszeptibilität ggü. pulmonalen Infektionen

Dosis-Wirkungs-Beziehung

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
  • Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur ggü. Chlorformiat-Gas exponiert waren, besteht nicht
  • Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit flüssigen Chlorformiaten oder Chlorformiate-enthaltenen Lösungsmitteln benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Acrylnitril gefährden

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
  • „CRASH“-Dekontamination
    • kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
    • falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
    • kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
    • Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
    • Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)

Reinigung

  • keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Gas-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger Lösung oder Chlorformiate-enthaltenden Lösungsmitteln Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
  • betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Expositionskonzentration > 500 ppm (in Abhängigkeit von der Einwirkungsdauer)
  • empirische Therapie
  • kein spezifisches Antidot verfügbar
  • empfohlene Maßnahmen bei Exposition im Bereich des ERPG-2 (> 0,5 ppm) und bei V.a. Exposition ohne bekannte Expositionsdosis
    • Sauerstoffgabe
    • Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
    • bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
      • 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
      • Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
      • falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
      • 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
    • Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
      • CPAP-Therapie
      • 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
      • bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
    • Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
    • Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • p.a.-Thorax-Röntgen und Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
    • radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
  • Routinelaboruntersuchung: großes Blutbild, BZ & Elektrolyte
  • Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum und wiederholte Nachuntersuchungen
  • unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2 < 90 %
  • CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h bei sich manifestierender Verschlechterung (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
  • bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
  • ZVK-Anlage zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
  • 1 g Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. alle 8 – 12 h bei persistierendem Lungenödem

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Exposition unterhalb des AEGL-2 Wertes sowie unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und ohne keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • weiteres Thorax-Röntgen vor Entlassung, auch wenn sich der klinische Zustand nicht verschlechtert haben sollte –> keine Entlassung nur beim geringsten Hinweis auf Lungenödem
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylsäure kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
    • mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
    • erneute Untersuchung bei Augenverletzungen nach 24 h
    • wiederholte Spirometrie nach Entlassung in regelmäßigen Abständen bis Normalisierung der Werte auf die Ausgangswerte
    • Hausarzt oder Notaufnahme des nächstgelegenen KH kontaktieren, falls innerhalb der nächsten 24 h Auffälligkeiten oder Symptome auftreten, v.a.
      • Husten, keuchendes oder pfeifendes Atmen
      • Atembeschwerden oder Kurzatmigkeit
      • vermehrte Schmerzen oder Auffälligkeiten im Bereich betroffener Hautpartien oder der Augen
      • Schmerzen oder Engegefühl im Brustbereich
Published inLeitlinien kompakt

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