veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads
grundsätzliche Informationen zur Substanz
- Fluorwasserstoff (HF)
- Synonyme: Flusssäure (wässrige Lösungen von Fluorwasserstoff)
- stechend riechende, bei 19 – 20 °C siedende, farblose, klare, an feuchter Luft stark rauchende Flüssigkeit
- Dämpfe der Flusssäure sind giftig
- Flusssäure siedet als azeotropes Gemisch bei 112 °C
- Ausgasen von Fluorwasserstoff bei Erhitzen von Flusssäure mit einer Konzentration > 40 %
- entsteht auch bei der Hydrolyse verschiedener Fluoride (Cobaltfluorid, Phosphorpentafluorid, Silizium-Tetrafluorid, Schwefeltetrafluorid)
- starke Säure, die mit vielen Verbindungen unter starker Wärmeentwicklung reagiert und dabei leicht entflammbare und explosive Stoffe bilden kann
- greift Metall, Glas und Stein an und löst Silizium auf –> daher Aufbewahrung in Plastik, Blei, Wachs oder Paraffinflaschen
- Einsatz zur Herstellung anorganischer Fluoride und bei der Oberflächenbehandlung von Gläsern und Metallen
- verdünnte Lösung dient sie als Industrie- und Haushaltsreiniger und als Hilfsstoff in der Elektronik- und Halbleiterindustrie
Exposition
- Einatmen
- Aufnahme großer Mengen an Fluorid-Ionen durch Einatmen von Flusssäuredämpfen –> systemische Vergiftung
- starke Reizwirkung hat deutliche Warnwirkung gegenüber gefährlichen Konzentrationen
- Haut-/Augenkontakt
- Exposition im Wesentlichen durch Hautkontakt
- sehr gute und schnelle Aufnhame von Fluorid-Ionen über Haut und Augen –> systemische Vergiftung
- Gefahr schwerer systemischer Wirkungen, wenn > 160 cm² Haut betroffen (Fläche von ca. 1 – 2 Handflächen)
- schwere Haut- und Augenverätzungen auch schon bei geringen Konzentrationen (< 2 %) bei andauernder Einwirkung
- Verschlucken
- schnell starke Verätzungen der Schleimhäute in Rachen, Speiseröhre und Magen-Darm-Trakt sowie bei Resorption zu systemischen Vergiftungserscheinungen
- bei Erwachsenen Todesfälle nach Aufnahme von > 1500mg Flusssäure beschrieben
akute gesundheitliche Wirkungen
- lokale Effekte
- sehr schmerzhafte Verätzungen an Augen, Haut und Magen- Darm-Trakt bei Kontakt
- systemische Effekte
- bei Kontakt mit Flusssäure Reaktion des Fluors mit körpereigenem Kalzium und anderen Elektrolyten mgl.
- deutlicher Abfall von Elektrolyten, v.a. Kalziumspiegels –> Stoffwechselveränderungen –> Herz-Kreislauf-Stillstand –> Tod
- Herz-Kreislauf
- lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen (v.a. Kammerflimmern und Asystolie)
- ZNS
- direkte toxische Wirkung von Fluorid-Ionen auf das ZNS –> Koma & Atemstillstand
- Augenkontakt
- Hornhauttrübung bis komplette Zerstörung des Auges
- brennende Missempfindungen in den Augenlidern sowie Ulzerationen
- Atemwege
- i.d.R. Rachenreizungen und Husten bei Einatmen
- rasche Entwicklung von Atemwegsproblemen mit Schmerzen in der Brust, Atemnot und Laryngospasmus
- Lungenödem bis zu 24 h verzögert mgl. nach inhalativer Exposition mit entsprechenden Symptomen
- Hautkontakt
- i.d.R. zunächst Rötungen, Ödeme und Blasenbildung
- Weißfärbung der Haut bei höherer Konzentration (> 10 %) –> Kolliquationsnekrosen mit Blasenbildung –> Exsudat
- tiefe Gewebeschäden, Sehnenentzündungen, Sehnenscheidenentzündungen oder sogar Entkalkung der Knochen bei verzögerter Behandlung
- ggf. verzögerte Symptome bei Exposition ggü. niedrigen bis mittleren Konzentrationen (< 10 %) von Flusssäure oder seinen Dämpfen
- Schmerzen bei dermaler Exposition ggü. niedrigen Flusssäure-Konzentrationen in viel größerem Ausmaß als aufgrund des Untersuchungsbefundes zu erwarten
- asgeprägte Schmerzen auch bei lediglich geröteter Haut
- Magen- Darm-Trakt
- starken Verätzungen der Schleimhäute von Rachen, Ösophagus und des Magen-Darm-Traktes
- Erbrechen, v.a. Hämatemesis, mgl.
- andere systemische gesundheitliche Auswirkungen
- ggf. metabolische Azidose, Nierenversagen und Störungen in der Blutgerinnung
mögliche Folgen
- irreversible Verätzungen an Haut, Gewebe und Augen (z.B. tiefe Nekrosen)
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
- Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
- Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit Flusssäure benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Acrylnitril gefährden
- Aufnahme von Flusssäure auf der Kleidung durch Freiwerden von hohen Konzentrationen von Flusssäure-Dampf/-Rauch mgl. –> Reinigung entsprechend vorsichtig vornehmen
Rettung
- Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
- falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
- absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
- A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
- B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
- C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
- „CRASH“-Dekontamination
- kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
- falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
- kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
- Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
- Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)
Reinigung
- wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
- bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
- betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
- bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen) –> falls zeitnah verfügbar ausgiebige Spülung mit 1%iger Kalziumglukonat-Lösung
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
- Augen
- bei Behinderung der Augenspülung durch krampfhaften Lidschluss, Anwendung einer Lokalanästhetikum-Lösung (z.B. Lidocain, Oxybuprocain) erwägen
- bis Augenärz*in verfügbar ist, Auge (z.B. vorsichtig mit Hilfe einer Spritze) mit 1%iger Kalziumglukonat-Lösung spülen
- Augenarzt konsultieren
- Haut
- ausgiebige Spülung unter reichlich fließendem Wasser (mind. 5 min) so lange fortsetzen, bis 2,5 %iges Kalziumglukonat-Gel vorhanden ist
- Maßnahmen bei großflächigen Verätzungen (> 160 cm²; ca. 1 – 2 Handflächen) un Flusssäurekonzentrationen > 20 %
- s.c.-Injektion von 10 %iger Kalziumglukonat-Lösung in betroffenen Bereich und darum herum
- Verwendung von dünner Nadel (25G – 30G) und verätztes Gewebe an mehreren Stellen injizieren
- max. applizierte Menge: 0,5 mL/cm² der betroffenen Hautoberfläche
- Nachlassen der Schmerzen i.d.R. guter Indikator für adäquate Behandlung (Lokalanästhesie vermeiden)
- s.c.-Injektionen mit Kalziumglukonat 10 % so lange wiederholen, bis Schmerzen deutlich nachlassen
- bei Verätzungen geringeren Ausmaßes bzw. bei niedriger Flusssäurekonzentration
- in betroffenen Hautstelle Kalziumglukonat-Gel (2,5 %) einmassieren
- unbedingt geeignete Handschuhe tragen (z.B. aus Butylkautschuk)
- Gel alle 10 min auftragen und zwischenzeitlich Hautpartien mit Wasser spülen
- s.c.-Injektionen mit Kalziumglukonat 10 %, falls nach 45 min kein Nachlassen der Schmerzen erreicht wird
- bei isolierter Einwirkung von Flusssäure auf Finger oder Nägel
- initiale Anwendung von Kalziumglukonat-Gel durch Auftragen
- Hand zur weiteren Therapie in mit Kalziumglukonat-Gel gefüllten Gummihandschuh einführen und Hand kühlen
- empfohlene Maßnahmen bei Beschwerden oder Symptome seitens der Atemwege (Halsschmerzen, Husten, Atemnot) nach Inhalation von Flusssäure-Dämpfen, Exposition von Flusssäure im Kopf-, Brust- oder Halsbereich bzw. systemisch-toxische Wirkung
- Sauerstoffgabe
- Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
- bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
- 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
- Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
- falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
- 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
- CPAP-Therapie
- 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
- Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
- Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
- Verschlucken
- auf keinen Fall Erbrechen provozieren
- CAVE: Erbrochenes kann Flusssäure
- umgehendes Trinken von 200 – 300 mL Wasser oder falls verfügbar Milch trinken und/oder falls zeitnah verfügbar Magensäure neutralisierende Mittel (z.B. Magnesiumhydroxid, Kalziumcarbonat) als Tablette/Suspension einnehmen
- zeitnahe Vorstellung in Endoskopie-Zentrum bei Symptome einer Ösophagusreizung oder -verätzung
- innerhalb von 60 min nach Ingestion Magenspülung mit Kalziumchlorid (20 mL CaCl2 pro 1000 mL Wasser) oder Kalziumglukonat über Magensonde, wenn signifikante Dosis weniger als 60 min vor Endoskopiev erschluckt wurde und Perforation ausgeschlossen
weiteres Vorgehen und Behandlung
- unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Exposition ggü. hohen Flusssäure-Konzentration oder bei Verschlucken
- systemische Behandlung bei alle exponierten Patient*innen mit Flusssäure-Exposition der Haut mit exponierter Fläche > 160 cm²
- frühzeitige i.v.-Gabe von Kalzium und Magnesium ohne vorherige Labordiagnostik bei schwerwiegender Exposition –> engmaschige Kontrolle der Vitalparameter und permanentes Monitoring der Kreislauffunktionen und Atmung
- Erwachsene:
- 1 – 2 g Kalciumglukonat i.v. über 5 min
- 2 – 4 g Magnesiumsulfat i.v. als Kurzinfusion
- Kinder:
- 25 mg/kgKG Kalciumglukonat i.v. über 5 min
- 25 – 50 mg/kgKG Magnesiumsulfat i.v. als Kurzinfusion
- Überwachung von Vitalfunktionen, Blutbild, Hämoglobin, Glucose, Elektrolyte, Prothrombin und partielle Thromboplastinzeit (PT und PTT) sowie BGA (art.) neben Anamneseerhebung, körperlicher Untersuchung und Urinanalyse
- kontinuierliche EKG-Überwachung bzgl. rechtzeitiger Zeichen einer Elektrolytstörung (v.a. verlängerte QT-Intervalle als Zeichen von Hypokalzämie oder Hyperkaliämie-induzierten Arrhythmien)
- Hämodialyse mit fluoridfreiem Wasser (und normalen bis niedrigen Kalium- und etwas höheren Kalzium-Konzentrationen) in lebensbedrohlichen Fällen erwägen
- Inhalation
- Röntgenbild i.d.R. bei Erstvorstellung auch nach Einatmen größerer Dosen noch unauffällig –> Lungenödem-Zeichen auch erst mit mehrstündiger Verzögerung
- unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2-Abfall
- bei Befundverschlechterung Beatmungstherapie mit PEEP bzw. CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h nach Exposition erwägen (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
- bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
- ZVK-Anlage und invasives Volumenmonitoring zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
- 1 g Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. alle 8 – 12 h bei persistierendem Lungenödem
- keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe (ggf. basierend auf Ergebnissen der Sputum-Kulturen indiziert; CAVE: Pneumonie als Komplikation mgl.)
- Haut
- intraarterielle Kalziumglukonat-Therapie als „Ultima Ratio“ erwägen, wenn Verätzungen an Händen, Füssen, Fingern oder Zehen nicht in 45 min auf zuvor beschriebene Therapie ansprechen
- i.v.-Therapie ebenso „Ultima Ratio“ (nur bei Hand-, Finger-, Zehen- oder Fußverätzungen bei Flusssäurekonzentrationen < 20 %)
- Katheter am Handrücken oder in passende Vene am betroffenen Bein platzieren und oberflächliche Venen durch Hochlagern der Extremität entleeren –> Anlage eines pneumatischen Tourniquets (über RRsys) über Ellenbeuge oder am Oberschenkel –> 10 mL einer 10%igen Kalziumglukonat-Lösung mit 40 mL NaCl infundieren –> Tourniquet nach 20-minütiger Ischämie lösen
- dermato-chirurgische oder plastische Wundrevision mit Entfernung aller nekrotischen und irreversibel geschädigten Hautareal bei Hautnekrosen und großflächigen Verätzungen
- Biomonitoring mit Bestimmung der Fluorid-Konzentration im Urin zur Abschätzung der systemisch aufgenommenen Dosis nach Exposition
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
- Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und ohne keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
- mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
- ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylsäure kennt bzw. verstanden hat
- weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
- keine schwere körperliche Arbeit und kein Rauchen
- Nachuntersuchung nach 24 h bei Haut- oder Augenkontakt mit Flusssäure


Sei der Erste der einen Kommentar abgibt