bei Raumtemperatur fast farbloses Gas mit scharfem oder stechendem Geruch
Dämpfe sind brennbar und explosionsfähig
reines Gas neigt zur Polymerisation –> daher i.d.R. Vertrieb als 30 – 50 %ige wässrige Lösung mit bis zu 15% Methanol als Stabilisator
bedeutender Ausgangsstoff bei der Herstellung von Kunststoffen, Harzen, Harnstoff-Formaldehyd-Isolierschäumen
Verwendung formaldehydhaltiger Harze in Baumaterialien (Spanplatten)
Einsatz in der Papierherstellung und bei der Produktion von Bodenbelägen, Farben und Möbeln
Exposition
Einatmen
Exposition im Wesentlichen durch Einatmen und lokale Einwirkung
Geruch und Reizeffekt hat deutliche Warnwirkung
Abstumpfen der Geruchswahrnehmung und Reizeffekte bei chronischer Einwirkung niedriger Konzentrationen
Erstickungsgefahr in schlecht gelüfteten, tiefliegenden oder geschlossenen Räumen
Haut-/Augenkontakt
Reizungen und Verätzungen bei Einwirkung von Formaldehydgas auf nasse oder feuchte Haut bzw. Augen
Verschlucken
schwere Verätzungen von Speiseröhre und Magen
ggf. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Magenschmerzen
akute gesundheitliche Wirkungen
Atemwege
Reizungen der Augen und der oberen Atemwege (Rachenreizungen, Husten)
schnell Atembeschwerden mit Schmerzen in der Brust, Atemnot, Laryngospasmen und toxischem Lungenödem bei hohen Konzentrationen
Atem- und Herz-Kreislauf-Stillstand bei massiver Einwirkung
Hautkontakt
brennende Schmerzen, Rötung, Entzündung, Blasenbildung und Verätzungen der Haut und Schleimhäute bei hoher Konzentrationen oder wässriger Lösungen
Augenkontakt
Augenreizungen mit Brennen, Rötung, Tränenfluss und Lidschluss bei niedriger Konzentration
Verätzungen und Hornhauttrübungen bei Kontakt mit flüssigem Formaldehyd und hohen Konzentrationen
mögliche Folgen
weitere Besserung der Symptomatik erwartbar bei Überleben der ersten 48 h
i.d.R. vollständige Wiederherstellung
Persistenz einer erhöhten Sensitivität ggü. reizenden Stoffen –> Bronchospasmen oder chronische Bronchitis (“reactive airways dysfunction syndrome” (RADS) besteht ggf. über mehrere Jahre)
Zerstörung von Lungengewebe sowie Narbenbildung –> chronische Dilatation von Bronchien –> erhöhte Suszeptibilität ggü. pulmonalen Infektionen
Sensibilisierungen durch Hautkontakt mgl.
Dysphagien und Stenosen der Speiseröhre und des Magens nach Verschlucken
Dosis-Wirkungs-Beziehung
Formaldehydkonzentration
Wirkung/Effekte
0,05 – 1.0 ppm
Geruchswahrnehmung (Toleranzentwicklung)
0,5 – 3 ppm
schwache Reizung der Augen und der oberen Atemwege
3 – 10 ppm
mäßige Reizung der Augen und der oberen Atemwege
5 – 30 ppm
Schmerzen in der Brust, Atembeschwerden, Husten, Übelkeit und Erbrechen
starke Schmerzen, Geschwürbildung, Glottisödem, Asphyxie, Tod
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur ggü. Formaldehydgas oder -dämpfen exponiert waren, besteht nicht
Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit flüssigen Formaldehyd benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Formaldehyd gefährden
Rettung
Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
Reinigung
keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Gas-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
Anwendung einer Lokalanästhetikum-Lösung (z.B. Lidocain, Oxybuprocain) bei Behinderung der Augenspülung durch krampfhaften Lidschluss erwägen
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Expositionskonzentration > 3 – 10 ppm (in Abhängigkeit von der Einwirkungsdauer)
empirische Therapie
kein spezifisches Antidot verfügbar
empfohlene Maßnahmen bei Formaldehydkonzentration > 3 – 10 ppm (abhängig von der Dauer der Einwirkung), vorhandenen Symptomen (z.B. Reizungen der Augen oder der oberen Atemwege) und bei V.a. Exposition ohne bekannte Expositionsdosis
Sauerstoffgabe
Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
nach Verschlucken keinesfalls Erbrechen provozieren
zeitnaher Transport in Endoskopie-Zentrum bei Symptome einer Ösophagusreizung oder -verätzung
sofortige Magenspülung bei Verschlucken von signifikanter Dosis vor < 30 min vor Endoskopie, wenn Perforation ausgeschlossen werden kann
weiteres Vorgehen und Behandlung
Pulsoxymetrie, p.a.-Thorax-Röntgen und Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum und wiederholte Nachuntersuchungen
unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2 < 90 %
CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h bei sich manifestierender Verschlechterung (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
ZVK-Anlage zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. alle 8 – 12 h bei persistierendem Lungenödem
keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe (ggf. basierend auf Ergebnissen der Sputum-Kulturen indiziert; CAVE: Pneumonie als Komplikation mgl.)
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Exposition < 3 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylnitril kennt bzw. verstanden hat
weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h
Spirometrie nach Entlassung in regelmäßigen Abständen wiederholen bis zur Normalisierung der Werte auf die Ausgangswerte der Patient*innen vor Exposition
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