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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – Maleinsäure-/Phthalsäureanhydrid“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • Maleinsäureanhydrid (C4H2O3)
    • Synonym: 2,5-Furandion
    • bei Raumtemperatur weißer, kristalliner Feststoff mit scharfem Geruch
    • löslich in Aceton, Ethylacetat, Chloroform und Benzol
    • Dampfdruck beträgt 25 Pa bei 25 °C
    • reagiert heftig mit Wasser
  • Phthalsäureanhydrid (C8H4O3)
    • Synonym: 1,2-Benzodicarbonsäureanhydrid
    • bei Raumtemperatur weißer, kristalliner Feststoff mit charakteristischem Geruch
    • löslich in Alkohol, wenig löslich in Ether
    • Dampfdruck ist <0,3 Pa bei 20 °C
    • bei Feuchtigkeit reagiert Phthalsäureanhydrid zu Phthalsäure

Exposition

  • Einatmen
    • Inhalation von Staub und Dämpfen stellt relevanten Expositionsweg dar
    • Reizwirkung von Säureanhydriden schützt nicht ausreichend vor gefährlichen Konzentrationen
    • allergische Personen können schon auf sehr niedrige Konzentrationen reagieren
  • Haut-/Augenkontakt
    • häufigster Einwirkungsweg ist Hautkontakt
    • Reizungen von Haut und Augen bei direktem Kontakt der Augen oderHaut mit festen Säureanhydriden oder Staub
  • Verschlucken
    • Reizungen an Lippen, Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen bei Verschlucken von Säureanhydriden

akute gesundheitliche Wirkungen

  • Atemwege
    • i.d.R. Husten, Trockenheit von Nase und Rachen sowie Niesen bei Einwirkung von Säureanhydriden
    • Obstruktion der Atemwege und Atembeschwerden mit Schmerzen in der Brust und Atemnot bei Inhalation
  • Hautkontakt
    • brennende Schmerzen, Rötung und Entzündungen der Haut und Schleimhäuten
    • ggf. Hautallergien mit zeitweiliger Urtikaria und Ekzemen
  • Augenkontakt
    • Augenreizungen mit schmerzhaften Missempfindungen, krampfhaftes Blinzeln oder unbeabsichtigtes Schließen der Augenlider, Rötung und Tränenfluss
  • Magen-Darm-Trakt
    • ggf. Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen
    • bei Verschlucken diffuse Reizung der Schleimhaut im gesamten Gastrointestinaltrakt
  • Wirkung auf das blutbildende System
    • hämolytische Anämie und pulmonale Hämorrhagie mgl. (Zusammenhang mit Säureanhydriden nicht eindeutig bewiesen)

mögliche Folgen

  • Haut- und Atemwegsallergien können auftreten

Dosis-Wirkungs-Beziehung

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
  • kontaminierte Ausrüstung nicht benutzten
  • Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit Salpetersäure benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasende Salpetersäure gefährden

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)

Reinigung

  • keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Dampf-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger/wässriger Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
  • betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
    • Anwendung einer Lokalanästhetikum-Lösung (z.B. Lidocain, Oxybuprocain) bei Behinderung der Augenspülung durch krampfhaften Lidschluss erwägen

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Expositionskonzentration > 1,5 mg/m3 (Maleinsäure) bzw. > 30 mg/m3 (Phthalsäure)
  • empirische Therapie
  • kein spezifisches Antidot verfügbar
  • empfohlene Maßnahmen bei Expositionskonzentration > 1,5 mg/m³ (Maleinsäure) bzw. > 30 mg/m3 (Phthalsäure), vorhandenen Symptomen (z.B. Reizungen der Augen oder pulmonale Symptome) und bei V.a. Exposition ohne bekannte Expositionsdosis
    • Sauerstoffgabe
    • Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
    • bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
      • 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
      • Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
      • falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
      • 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
    • bei Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
      • CPAP-Therapie
      • 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
      • bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
    • Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
    • Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
    • nach Verschlucken keinesfalls Erbrechen provozieren
      • zeitnaher Transport in Endoskopie-Zentrum bei Symptome einer Ösophagusreizung oder -verätzung
      • sofortige Magenspülung bei Verschlucken von signifikanter Dosis vor < 30 min vor Endoskopie, wenn Perforation ausgeschlossen werden kann

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • Pulsoxymetrie, p.a.-Thorax-Röntgen und Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
    • radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
  • Routinelaboruntersuchung: großes Blutbild, Glukose & Elektrolyte
  • Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum und wiederholte Nachuntersuchungen
  • unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2 < 90 %
  • O2 über Maske bei verschlechterter Blutgaskonzentrationen und/oder Zeichen eines toxischen Lungenödems im Thorax-Röntgen
  • CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h bei sich manifestierender Verschlechterung (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
  • bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
  • ZVK-Anlage zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
  • Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. alle 8 – 12 h bei persistierendem Lungenödem
  • keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe (ggf. basierend auf Ergebnissen der Sputum-Kulturen indiziert; CAVE: Pneumonie als Komplikation mgl.)

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Expositionskonzentration < 0,4 mg/m3 (Maleinsäure) bzw. < 6 mg/m3 (Phthalsäure) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylnitril kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
    • mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
    • bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h
Published inLeitlinien kompakt

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