veröffentlichende Fachgesellschaft: European Society of Anaesthesiology and Intensive Care (ESAIC)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 06.07.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1097/EJA.0000000000002420
Grundsätzliches
- Gesundheitssektor ist ein wichtiger Treiber der Klimakrise und der Umweltverschmutzung (CO₂-Fußabdruck von 4,7 % der nationalen Emissionen in Europa)
- aktuelle Klimabedingungen haben ein in der Menschheitsgeschichte beispielloses Ausmaß erreicht, mit dramatischen Folgen für die Gesundheit und für kritische Infrastrukturen
- nähern uns zweifellos einem irreversiblen klimatischen Wendepunkt und aus diesem Grund ist es von größter Bedeutung, dass Anästhesist*innen und Intensivmediziner*innen die Umweltauswirkungen ihrer klinischen Praxis mindern
- Ziel dieser Konsenserklärung ist es, das Bewusstsein und das Wissen darüber zu schärfen, wie sich die verursachten Treibhausgasemissionen und Umweltbelastungen verringern lassen
Empfehlungen
Energie/Energiesektor
- Krankenhaus von fossilen Brennstoffen auf 100 % erneuerbare Energien umstellen
- Energieeinsparungsmaßnahmen umsetzen:
- Einstellungen von Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen überprüfen
- Energieverbrauch der medizinischen Geräte und Ausrüstung überprüfen (EU-Energieeffizienzskala: A – G)
- Verpflichtung schaffen, gemeinsam mit der Gebäudeverwaltung die lokalen Einstellungen der Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen entsprechend den örtlichen Erfordernissen im Hinblick auf die Optimierung der Energieversorgung überprüfen
- Energieverbrauch als Kriterium in Ausschreibungen und Vergabeverfahren berücksichtigen
- fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens wird Energiebedarf erhöhen –> bei Berechnung des Energieverbrauchs auf Intensivstationen berücksichtigen
Abfallwirtschaft
- auf Einwegartikel verzichten, wenn bereits ähnliche Alternativen vorhanden sind oder die Notwendigkeit eines solchen Artikels überdacht werden kann
- vorverpackte Sets überdenken, indem selten benötigte Materialien weggelassen werden
- alkoholbasierte Handdesinfektionsmittel als bevorzugte Methode für die routinemäßige Handhygiene auf der Intensivstation anstelle von Seife und Wasser, es sei denn, die Hände sind sichtbar verschmutzt oder es werden Patient*innen mit Erregern wie Clostridium difficile betreut (in diesen Fällen sind Seife und Wasser aufgrund der geringen sporiziden Wirkung von Alkohol vorzuziehen)
- Materialflussanalyse auf jeder Intensivstation durchführen, um Bereiche zu ermitteln, in denen durch eine Reduzierung unnötiger Ressourcen Einsparungen erzielt werden können
- wiederverwendbare Produkte gegenüber Einwegprodukten bevorzugen, es sei denn, es besteht ein eindeutiges Risiko für die Patient*innen
- Einführung geeigneter Richtlinien zur Mülltrennung (Kunststoffe, Papier, Pappe, Metalle und Medikamente), um Umweltschäden zu verringern
Umweltauswirkungen des Medikamenteneinsatzes
- Sedierung
- Propofol, Dexmedetomidin oder Midazolam zur Sedierung auf Intensivstationen einsetzen, wobei die jeweiligen Indikationen und Kontraindikationen zu berücksichtigen sind
- Einsatz von Isofluran oder Sevofluran vermeiden, da es sich dabei um starke Treibhausgase handelt –> falls der Einsatz von Isofluran oder Sevofluran aus medizinischen Gründen erforderlich ist, Absaugsysteme verwenden, um eine Exposition des Personals zu verhindern
- Einsatz von Desfluran einstellen, da es an sich bereits ein starkes Treibhausgas ist und bei der Sedierung auf der Intensivstation den höchsten CO₂-Fußabdruck pro Patient*in aufweist
- Einsatz regionaler Anästhesieverfahren sowie die systemische Gabe von Remifentanil oder die orale Gabe von Hydromorphon
- Gabe von Ketamin i.v. oder Morphin p.o. vermeiden, je nach klinischem Zustand der Patient*innen und sofern ein gleichwertiges alternatives Medikament zur Verfügung steht
- nicht verwendete Medikamente gemäß den örtlichen Vorschriften ordnungsgemäß in den Behältnissen zur Medikamentenvernichtung entsorgen und verbrennen
- Sensibilisierung für die derzeitige Praxis der Arzneimittelverschwendung und Überprüfung dieser Praxis sowie Umsetzung von Strategien zur Verhinderung solcher Praktiken
- Antibiotikaresistenz
- Optimierung der Diagnosestrategien durch Verkürzung der Bearbeitungszeit im mikrobiologischen Labor, Einführung molekularer Schnelltests und Unterscheidung zwischen Kolonisationen und Infektionen
- Förderung interdisziplinärer Teams mit Expert*innen für Infektionskrankheiten, um den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika und die kritische Überprüfung von Antibiotikatherapien zu erleichtern
- Entwicklung nationaler und regionaler Protokolle für den Einsatz antimikrobieller Mittel auf der Grundlage der lokalen mikrobiologischen Gegebenheiten (Protokolle zielen darauf ab, den unangemessenen Verbrauch nicht nur hinsichtlich der Dosierung, sondern auch in Bezug auf Verbrauchsmaterialien, Verpackungen und Produktionsprozesse zu reduzieren)
- Sensibilisierung und Schulung des Personals und der am Infektionsmanagement beteiligten Akteur*innen
- Schulung des medizinischen und pflegerischen Personals
- Angehörige und Patient*innen in die Therapien sowie in die Methoden zur Infektionsprävention & -kontrolle einbeziehen und darüber informieren
- Interessengruppen für die Risiken der Antibiotikaresistenz sensibilisieren
- über die Auswirkungen auf das Mikrobiom (des Einzelnen und der Umwelt) informieren
- Wasserverschmutzung und potenzielle Toxizität von Medikamenten auf der Intensivstation
- vor allem jene Arzneimittel berücksichtigt werden, die länger wirksam sind und häufiger verwendet werden
- Programme zur Ermittlung des Verbleibs von Arzneimitteln in der Umwelt auflegen
- Durchführung von Forschungsprojekten zur Entwicklung neuer nachhaltiger Technologien, die eine schnelle Behandlung von Stoffen, die zunehmend Anlass zur Sorge geben, im Abwasser ermöglichen
- Programme umsetzen, um die Dosierung der eingesetzten Medikamente zu minimieren und unnötige medikamentöse Behandlungen zu vermeiden, sofern dies klinisch möglich ist
Umweltethik
- Daten zu den CO₂-Kosten oder einem gleichwertigen Wert für Arzneimittel und gängige Behandlungsmethoden in der Intensivmedizin vorlegen
- Ermittlung, wo es in der gängigen Praxis auf der Intensivstation Alternativen mit ähnlicher Wirksamkeit gibt
- Personal sollte Zugang zu angemessener körperlicher, psychischer und spiritueller Unterstützung haben, damit es arbeiten und sein Leben außerhalb der Intensivstation genießen kann
- familienfreundliche Arbeitszeiten
- Sabbatical-Möglichkeiten für festangestellte Mitarbeitende
- Unterstützung im Bereich der Arbeitsmedizin sowie leicht zugängliche und zeitnahe medizinische Versorgung durch den Arbeitgeber
- Fachkräften auf der Intensivstation, Intensivpatient*innen und deren Angehörigen Zugang zu religiöser oder spiritueller Unterstützung gewähren
- Verbesserung der digitalen Infrastruktur und der Partnerschaften mit Krankenhäusern, um effizientere und besser unterstützte Arbeitsabläufe im klinischen Bereich zu ermöglichen


Sei der Erste der einen Kommentar abgibt