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Konsensuspapier „Management of endocrine emergencies – Management of myxoedema coma“ der ETA

veröffentlichende Fachgesellschaft: European Thyroid Association (ETA)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 17.07.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1530/ETJ-26-0044

Diagnostik

  • Hinweise auf Myxödemkoma in der Anamnese/Diagnostik
    • Hypothyreose in der Vorgeschichte (autoimmun bedingt oder infolge einer früheren Behandlung mit radioaktivem Jod oder einer vollständigen Schilddrüsenentfernung wegen einer Hyperthyreose)
    • verändertes Bewusstsein (zunehmende Lethargie und Schläfrigkeit oftmals bereits seit Wochen oder sogar Monaten, ggf. vorübergehende Bewusstseinsstörungen, seltener Koma)
    • Hypothermie (CAVE: Grad der Unterkühlung ist Prädiktor für die Mortalität)
    • auslösendes Ereignis (i.d.R. Symptomauftreten in den Wintermonaten oder nach Kälteeinwirkung, Infektion, Schlaganfall, kardialer Problematik, GI-Blutung oder nach der Einnahme bestimmter Medikamente wie Diuretika, Beruhigungsmittel, Sedativa und Analgetika)
  • weitere Untersuchungsbefunde: Hypoventilation, Bradykardie, trockene, raue Haut, Makroglossie (v.a. bei langjährig bestehender primärer Hypothyreose) sowie verlängerte tiefe Sehnenreflexe
  • i.d.R. FT4-Serumwerte niedrig bzw. nicht nachweisbar UND TSH sehr hoch (CAVE: wenn keine zentrale Hypothyreose vorliegt, kann der TSH-Wert niedrig oder normal sein)
  • weitere typische Laborbefunden sind Hyponatriämie, Hypoglykämie, Hypercholesterinämie, erhöhte Kreatinkinase-Werte und makrozytäre Anämie
  • Diagnostik-Score
BefundPunkte
Störung der Thermoregulation
– > 35 °C
– 32 – 53 °C
– < 32 °C

0 Punkte
10 Punkte
20 Punkte
Auswirkungen auf das ZNS
– keine
– Schläfrigkeit/Lethargie
– Benommenheit
– Stupor
– Koma/Krampfanfälle

0 Punkte
10 Punkte
15 Punkte
20 Punkte
30 Punkte
GI-Symptome
– Appetitlosigkeit/Bauchschmerzen/Verstopfung
– verminderte Darmmotilität
– paralytischer Ileus

0 Punkte
10 Punkte
15 Punkte
auslösendes Ereignis
– identifizierbar
– nicht identifizierbar

0 Punkte
10 Punkte
Herz-Kreislauf-Symptome (HF/min)
– ≥ 60/min
– 50 – 59/min
– 40 – 49/min
– < 40/min

0 Punkte
10 Punkte
15 Punkte
20 Punkte
30 Punkte
sonstige Symptome
–  Perikard- bzw. Pleuraerguss
– Lungenödem
– Kardiomegalie
– Hypotonie

10 Punkte
10 Punkte
15 Punkte
20 Punkte
Stoffwechsel-Symptomatik
– Hyponatriämie
– Hypoglykämie
– niedriger Sauerstoffgehalt im Blut
– Hyperkapnie
– niedrige GFR

10 Punkte
10 Punkte
10 Punkte
10 Punkte
10 Punkte
≥ 60 Punkte: sehr starker Hinweis auf Myxödemkoma
45 – 59 Punkte: Risiko für ein Myxödemkoma
< 45 Punkte: Myxödemkoma unwahrscheinlich

Therapie

  • umgehende Behandlung mit Schilddrüsenhormonen und Glukokortikoid-Therapie in Stressdosis
    • CAVE: Therapie kann und sollte bereits allein aufgrund des klinischen Verdachts eingeleitet werden und darf nicht unnötig verzögert werden, während auf die Laborergebnisse gewartet wird, auch wenn diese i.d.R. schnell vorliegen
  • aggressive Behandlung der auslösenden Faktoren und die Korrektur von Elektrolytstörungen sind unerlässlich (CAVE: typische Anzeichen einer Infektion wie Fieber, Tachykardie und erhöhte Leukozytenzahl liegen ggf. nicht vor –> prophylaktische Gabe von Breitbandantibiotika empfohlen, bis Infektion zweifelsfrei ausgeschlossen werden kann)
  • Gefahr der künstlichen Beatmung durch Hypoventilation –> daher engmaschige Überwachung
  • passive Wärmezufuhr mit Decken (CAVE: aktive periphere Wärmezufuhr kann kardiovaskulären Kollaps auslösen)
  • vorsichtige Volumengabe mit Kristalloiden bzw. Blut i.v. (CAVE: engmaschige Überwachung bei Hyponatriämie)
  • engmaschige Überwachung bzgl. Hypoglykämie, da häufig auftretend –> ggf. Glukose-Gabe
  • CAVE: nicht davon ausgehen, dass eine Bewusstseinsstörung oder kardiovaskuläre Instabilität ausschließlich auf die Schilddrüse zurückzuführen ist (mgl. andere Ursachen sind z.B. Sepsis oder Elektrolytstörungen)

Schilddrüsenhormonersatztherapie

  • Anfangsdosierung des Levothyroxin erfordert sorgfältige Abwägung (zu niedrige Dosis –> keine Verbesserung; zu hohe Dosis –> lebensbedrohliche Tachykardie oder Herzinfarkt)
  • Levothyroxin-Gabe aufgrund der beeinträchtigten Resorption im Magen-Darm-Trakt zunächst i.v.
  • initial hohe i.v.-Dosis von 200 – 400 μg Levothyroxin (CAVE: bei kleineren oder älteren Patient*innen sowie bei Patient*innen mit Vorgeschichte bzgl. ischämischer Herzerkrankung oder signifikanten Herzrhythmusstörungen Gabe niedrigerer Dosen –> 100 – 200 μg Levothyroxin)
  • nach Initialdosis tägliche Substitutionsdosis von 1,6 μg/kg (bei i.v.-Gabe auf 75 % reduzieren)
  • Rolle von Liothyronin (LT3) ist umstritten (CAVE: zu hohe Dosis Liothyronin kann lebensbedrohliche kardiale Komplikationen auslösen) –> bei LT3-Gabe Dosis von 2,5 – 10 μg alle 8 h in Betracht ziehen (pragmatischer Ansatz mit initiale 24 h ausschließlich Levothyroxin und Liothyronin nur bei Patient*innen, bei denen keine Besserung eintritt)
    • alternativer, seltenerer Ansatz: initial 200 – 300 μg Levothyroxin i.v. plus 10 – 25 μg Liothyronin i.v., gefolgt von 2,5 – 10 μg Liothyronin i.v. alle 8 h (CAVE: bei älteren Patient*innen sowie bei Vorliegen kardiovaskulärer Risikofaktoren niedrigere Dosis)

Behandlung mit Glukokortikoiden

  • CAVE: Wiederherstellung des normalen Stoffwechsels kann bei Patient*innen mit gleichzeitig bestehender Nebenniereninsuffizienz eine Addison-Krise auslösen
  • 100 mg Hydrocortison i.v. bei allen Patient*innen, anschließend 50 mg viermal tgl. (oder 200 mg über 24 h mittels Perfusor auf ITS)
  • Mehrheit der Patient*innen weist keine Nebenniereninsuffizienz auf –> Absetzen der Steroide, sobald die Nebennierenfunktion geprüft und für unauffällig befunden wurde
Published inLeitlinien kompakt

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