veröffentlichende Fachgesellschaft: European Society of Cardiology (ESC), Heart Failure Association (HFA) und European Society for Emergency Medicine (EUSEM)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 22.10.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag744
Grundsätzliches
- akute Herzinsuffizienz (acute heart failure, AHF) ist ein häufiger Grund für Notfallversorgung
- ca. 3 – 7 % aller Rettungsdiensteinsätze stehen im Zusammenhang mit akuter Herzinsuffizienz
- bei annähernd 1% aller Notaufnahmevorstellungen wird eine akute Herzinsuffizienz diagnostiziert
- rund 65 – 85 % der Betroffenen werden nach der Notaufnahme stationär aufgenommen
- Krankenhaussterblichkeit liegt bei 5 – 10 %
phänotypische Klassifikation der akuten Herzinsuffizienz
- akut dekompensierte Herzinsuffizienz (ADHF)
- zunehmende Symptome und Zeichen der Stauung, häufig bei vorbekannter Herzinsuffizienz
- typisch sind periphere Ödeme, Halsvenenstauung, Rasselgeräusche und ein eher schleichender Verlauf
- akutes Lungenödem (APO)
- rasche pulmonale Flüssigkeitsansammlung mit ausgeprägter Dyspnoe und Hypoxämie
- Orthopnoe, Tachypnoe und beidseitige Rasselgeräusche sind typische Befunde
- rasche respiratorische Stabilisierung erforderlich
- isoliertes Rechtsherzversagen (isolated RVF)
- rechtsventrikuläre Dysfunktion führt zur systemvenösen Stauung
- pulmonale Befunde können dabei vergleichsweise unauffällig sein
- differenzialdiagnostisch müssen unter anderem Lungenembolie, Perikardtamponade und Rechtsherzinfarkt berücksichtigt werden
- kardiogener Schock (CS)
- schwerwiegende kardiale Funktionsstörung mit systemischer Minderperfusion und drohender Organdysfunktion
- Hypotonie, erhöhtes Laktat und andere Hypoperfusionszeichen sind wichtige Warnbefunde
- frühzeitige intensivmedizinische Versorgung erforderlich

- zusätzlich auch Beurteilung von Stauungsprofil („wet“ oder „dry“) und Perfusionsstatus („warm“ oder „cold“), ergänzend zur Phänotypisierung, um die Entscheidung über die Therapieintensität zu unterstützen
akute Herzinsuffizienz im präklinischen Notfallsetting
- Diagnostik und Therapie parallel durchführen, ohne den Transport in eine geeignete Klinik unnötig zu verzögern
- Ersteinschätzung und Monitoring
- strukturierte ABC-Beurteilung und frühzeitige Erkennung respiratorischer oder hämodynamischer Instabilität
- kontinuierliches EKG sowie Überwachung von SpO2, RR, HF & AF
- 12-Kanal-EKG zur Erkennung möglicher akuter Koronarsyndrome
- bei entsprechender Ausstattung ggf. Point-of-Care-Ultraschall und schnelle Biomarkerdiagnostik
- respiratorische Unterstützung
- O2-Gabe bei Hypoxämie, v.a. bei SpO2 < 90 %
- frühzeitige nichtinvasive Beatmung (NIV) bei respiratorischem Versagen und akutem Lungenödem
- bei progredientem respiratorischem Versagen trotz Sauerstofftherapie oder NIV endotracheale Intubation erwägen
- medikamentöse Therapie
- Nitrate, v.a. beim hypertensiven akuten Lungenödem, sofern RR Vasodilatation zulässt
- Furosemid i.v. bei klinischer Volumenüberlastung (CAVE: klinischer Entstauungseffekt setzt allerdings verzögert ein)
- keine routinemäßige Anwendung von Morphin, da der Nutzen begrenzt ist und unerwünschte Effekte beschrieben sind
- bei kardiogenem Schock vorsichtige Flüssigkeitsgabe in geeigneten Situationen erwägen (weitere Kreislaufunterstützung richtet sich nach dem hämodynamischen Zustand)
akute Herzinsuffizienz in der Notaufnahme
- Notaufnahme muss die Diagnose sichern, lebensbedrohliche Auslöser erkennen und gleichzeitig die initiale Therapie einleiten
- klinische Beurteilung
- Differenzierung zwischen akuter Dekompensation und akutem Lungenödem ist besonders relevant (CAVE: Mischbilder sind häufig)
- zusätzlich alternative oder begleitende Ursachen der Dyspnoe, wie etwa Pneumonie, COPD-Exazerbation oder Lungenembolie, berücksichtigen
- Biomarkerdiagnostik
- BNP, NT-proBNP und ggf. MR-proANP unterstützen v.a. den Ausschluss einer akuten Herzinsuffizienz bei unklarer Dyspnoe
- Werte sind im klinischen Kontext zu interpretieren und erhöhte Konzentrationen sind nicht spezifisch für eine akute Herzinsuffizienz und können auch bei anderen Erkrankungen auftreten
- hochsensitives Troponin ebenfalls bestimmen, um ACS auszuschließen
- weitere Diagnostik
- 12-Kanal-EKG zur Erkennung von Ischämie und Arrhythmien
- Lungenultraschall (LUS): B-Linien können pulmonale Stauung nachweisen und Pleuraergüsse lassen sich ebenfalls erkennen
- Point-of-Care-Echokardiografie zur Beurteilung der kardialen Funktion und zur Erkennung relevanter struktureller oder hämodynamischer Probleme
- frühe Erkennung von Hochrisikopatient*innen und Auslösern
- Auslöser systematisch zu suchen, z.B. mithilfe der Merkhilfe CHAMPIT
- C – Coronary syndrome: akutes Koronarsyndrom
- H – Hypertensive emergency: hypertensiver Notfall
- A – Arrhythmia: Arrhythmie
- M – Mechanical cause: mechanische Ursache
- P – Pulmonary embolism: Lungenembolie
- I – Infection: Infektion
- T – Tamponade: Perikardtamponade
- Patient*innen mit respiratorischem oder zirkulatorischem Versagen, persistierender Hypotonie, Hypoperfusion oder Multiorgandysfunktion frühzeitig als Hochrisikopatient*innen identifizieren
- bei Bedarf ist intensivmedizinische beziehungsweise spezialisierte Schockraumversorgung erforderlich
- Auslöser systematisch zu suchen, z.B. mithilfe der Merkhilfe CHAMPIT
initiale Therapiemaßnahmen
- Therapie soll sich am klinischen Phänotyp, an der Hämodynamik und an der nachgewiesenen Stauung orientieren
- pauschales Behandlungsschema für alle Patient*innen wird dem Krankheitsbild nicht gerecht
- Sauerstoff und ventilatorische Unterstützung
- Sauerstoff bei Hypoxämie
- frühzeitige NIV bei akutem Lungenödem (CPAP mit typischerweise 5 – 10 cmH₂O)
- bei Hyperkapnie kann eine BiLevel-Beatmung Vorteile bieten
- bei isoliertem Rechtsherzversagen ist NIV mit besonderer Vorsicht einsetzen(CAVE: erhöhter intrathorakale Druck kann rechtsventrikuläre Nachlast steigern)
- diuretische Therapie
- bei klinischer Volumenüberlastung sind Schleifendiuretika i.v. zentraler Bestandteil
- frühe Kontrolle des Therapieansprechens, insbesondere anhand von
- Urinausscheidung
- ggf. Natriumkonzentration im Spontanurin
- klinischen Stauungszeichen
- Nierenfunktion & Elektrolyten
- bei unzureichender Wirkung Diuretikadosis strukturiert steigern
- bei persistierender Stauung Kombination mit weiterem Diuretikum, etwa Acetazolamid oder Thiazid(-ähnlichen) Diuretikum, erwägen

- Vasodilatatoren
- Nitrate oder Nitroprussid i.v. können bei ausreichendem Blutdruck und persistierender Stauung eingesetzt werden (relevant bei hypertensivem akutem Lungenödem)
- Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung und Perfusionszeichen müssen während der Therapie überwacht werden
- Kreislaufunterstützung
- beim kardiogenen Schock kann Noradrenalin zur Stabilisierung des Blutdrucks und zur Verbesserung der Organperfusion eingesetzt werden
- Inotropika kommen selektiv bei Hypotonie mit Hypoperfusion und unzureichendem Ansprechen auf die Standardtherapie infrage
- kein routinemäßiger Einsatz, da Sicherheitsbedenken bestehen
- langfristige Herzinsuffizienztherapie
- bestehende leitliniengerechte Herzinsuffizienztherapie (guideline-directed medical therapy, GDMT) soll grundsätzlich fortgeführt werden, sofern keine Kontraindikationen vorliegen
- Notaufnahme soll außerdem prüfen, ob Therapieoptimierung oder Einleitung geeigneter Medikamente bereits vor Entlassung möglich ist
Risikostratifizierung und Entscheidung über den weiteren Versorgungsort
- nach initialer Diagnostik und Behandlung muss entschieden werden, ob stationäre Aufnahme erforderlich ist oder Entlassung vertretbar erscheint
- zwei validierte Risikoscores:
- Emergency Heart Failure Mortality Risk Grade (EHMRG): v.a. zur Abschätzung der 7-Tage-Mortalität
- MEESSI-AHF: spanischer Score zur Abschätzung der 30-Tage-Mortalität, der unter anderem den funktionellen Status berücksichtigt
| klinische Situation | Konsequenz |
|---|---|
| Schock, relevante Hypoperfusion oder schweres respiratorisches Versagen | intensivmedizinische Versorgung beziehungsweise spezialisierte Einheit |
| anhaltende Symptome, unzureichende Entstauung, Organfunktionsverschlechterung oder hämodynamische Instabilität | i.d.R. stationäre Aufnahme |
| klinisch stabile Patient*innen mit niedrigem Risikoprofil und ausreichender Entstauung | Entlassung kann nach individueller Beurteilung infrage kommen |
- bei Entlassung frühe ambulante Kontrolle organisieren, idealerweise innerhalb von 7 Tagen, um Stauungszeichen, Verträglichkeit der Medikation und die weitere Optimierung der Herzinsuffizienztherapie zu überprüfen
wichtigste Punkte für die Diagnostik und Therapie bei akuter Herzinsuffizienz im Notfallbereich
diagnostische Abklärung bei Verdacht auf akute Herzinsuffizienz
- 12-Kanal-Elektrokardiogramm (innerhalb von 10 min bei V.a. ACS mit Komplikationen durch akute Herzinsuffizienz)
- BNP, NT-proBNP oder MR-proANP (bei Patient*en mit Dyspnoe)
- BNP, NT-proBNP oder MR-proANP (zum Ausschluss einer Herzinsuffizienz bei Patient*innen mit Symptomen, die auf eine Herzinsuffizienz hindeuten)
- hochsensitives Troponin (mit frühzeitiger Bestimmung am Point-of-Care, sofern verfügbar)
- Röntgenaufnahme des Brustkorbs (bei Patient*innen mit Schock oder relevanten diagnostischen Unsicherheiten eine Thorax-CT erwägen)
- Lungenultraschall
- Point-of-Care-Echokardiographie
therapeutische Ansätze
- bei SpO2 < 90 % oder PaO2 < 60 mmHg Gabe von Sauerstoff zur Korrektur einer Hypoxämie
- angemessene progressive Beatmungsunterstützung bei Patienten mit respiratorischer Insuffizienz: (i) Sauerstoff, (ii) NIV mit positivem Druck und (iii) mechanische Beatmung
- bei Atemnot (AF > 25/min, SpO 2 < 90 %) NIV mit positivem Druck erwägen und so früh wie möglich einleiten, um Atemnot zu verringern und ETI-Rate zu reduzieren
- Schleifendiuretika i.v. bei den meisten Patienten mit akuter Herzinsuffizienz empfohlen, die mit Anzeichen/Symptomen einer Flüssigkeitsüberladung aufgenommen werden, um die Symptome zu verbessern
- bei therapieresistenten Ödemen, die auf eine Erhöhung der Schleifendiuretikadosis nicht ansprechen, Kombination aus Schleifendiuretikum und Thiaziddiuretikum erwägen
- bei akuter Herzinsuffizienz und RRsys > 110 mmHg Vasodilatatoren i.v. (Nitrate oder Nitroprussid) als initiale Therapie zur Linderung der Symptome und zur Reduzierung der Stauung in Betracht ziehen
- Noradrenalin als bevorzugtes Vasopressorikum und kann bei kardiogenem Schock zur Steigerung des Blutdrucks und der Durchblutung lebenswichtiger Organe in Betracht gezogen werden
- bei RRsys < 90 mmHg und Anzeichen einer Hypoperfusion, die nicht auf die Standardtherapie (inkl. Flüssigkeitsgabe) ansprechen, inotrope Substanzen zur Verbesserung der peripheren Durchblutung und zum Erhalt der Endorganfunktion erwägen
- inotrope Substanzen aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht routinemäßig empfohlen, außer bei symptomatischer Hypotonie und Anzeichen einer Hypoperfusion
- Thromboembolieprophylaxe empfohlen bei Patient*innen, die noch nicht antikoaguliert sind und bei denen keine Kontraindikation für eine Antikoagulation besteht, um das Risiko einer tiefen Venenthrombose und einer Lungenembolie zu verringern
- kiene routinemäßige Gabe von Opioiden, außer bei ausgewählten Patient*innen mit schweren/therapieresistenten Schmerzen oder Angstzuständen (Midazolam könnte eine sicherere Alternative darstellen)
- leitliniengerechte medikamentöse Therapie (GDMT) bei Patient*innen, die diese Behandlungen bereits vor der aktuellen Episode erhalten haben, im Allgemeinen fortsetzen, es sei denn, es treten Kontraindikationen auf
weitere Versorgung
- Risikostratifizierung mithilfe validierter Instrumente kann erfolgen, da sie zusätzliche Informationen für eine optimale Entscheidungsfindung hinsichtlich Entlassung oder Krankenhausaufenthalt liefert
- bei Patient*innen, bei denen eine stationäre Aufnahme notwendig ist, ist die am besten geeignete Ressource unter Berücksichtigung der Patientenmerkmale und des Zustands sowie der lokalen Krankenhausressourcen zu ermitteln
- bei Patient*innen, die nach Hause entlassen werden, wird eine frühzeitige Nachuntersuchung 1 Woche nach der Entlassung empfohlen, um Anzeichen von Stauung und Medikamententoleranz zu beurteilen und die leitliniengerechte medikamentöse Therapie (GDMT) zu beginnen bzw. zu intensivieren
Versorgungspfad



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