Das Review von Pariseau-Legault et al. untersucht, wie „Allyship“ – also solidarisches und machtkritisches Handeln zugunsten marginalisierter Gruppen – in psychiatrischen und psychosozialen Diensten beschrieben wird. Grundlage ist ein Scoping Review von 34 Publikationen. Die Autor*innen verstehen Allyship nicht primär als Identität oder gute Absicht, sondern als fortlaufende Praxis der Machtteilung, Interessenvertretung und gemeinsamen Emanzipation.
Pariseau-Legault, P., C. Lessard-Deschênes, S. Sergerie-Richard, M.-H. Goulet, M.-C. Jacques, and C. Levis. 2026. “ Allyship in Psychiatric and Mental Health Services: A Scoping Review and Thematic Analysis.” Journal of Psychiatric and Mental Health Nursing 33, no. 5: 875–894. https://doi.org/10.1111/jpm.70165.
Ausgangspunkt
Psychiatrische Versorgung wird laut des Reviews zunehmend dafür kritisiert, Zwang, paternalistische Entscheidungsstrukturen und „epistemische Ungerechtigkeit“ zu reproduzieren. Letztere bedeutet, dass das Wissen und die Erfahrungen von Menschen mit eigener Krisen- oder Psychiatrieerfahrung gegenüber professionellem Wissen abgewertet oder ausgeschlossen werden.
Allyship soll diesen Dynamiken entgegenwirken. Gemeint sind insbesondere Fachkräfte oder andere privilegierte Akteur*innen, die ihre Position nutzen, um Menschen mit Psychiatrieerfahrung, Peer-Mitarbeitende und andere marginalisierte Gruppen zu unterstützen und institutionelle Machtverhältnisse zu verändern.
Wichtig ist dabei: Patient*innen sollen nicht „gerettet“ oder stellvertretend vertreten werden. Effektives Allyship soll vielmehr Selbstbestimmung, Führung und Entscheidungsmacht der Betroffenen stärken.
Anwendungsbereich von Allyship
Allyship erscheint in der Literatur in verschiedenen Bereichen:
- Unterstützung von Peer- und „Expert-by-Experience“-Rollen
- Beteiligung von Menschen mit eigener Erfahrung an Forschung und Lehre
- Förderung von Patient*innenvertretung
- Unterstützung von LGBTQ+-Personen, rassifizierten Gruppen, indigenen Menschen sowie trans und nichtbinären Personen
- Entwicklung kultursensibler, antikolonialer und recovery-orientierter Versorgung
- Advocacy innerhalb von Organisationen und gegenüber Entscheidungsträger*innen
Die untersuchten Beiträge stammen aus unterschiedlichen Disziplinen, unter anderem Pflegewissenschaft, Psychologie, Sozialer Arbeit und Public Health. Ein Schwerpunkt liegt auf psychiatrischer Pflege und akademischen Positionen für Menschen mit eigener Erfahrung.
Grundprinzipien
Aus der Literatur ergeben sich mehrere wiederkehrende Prinzipien:
- Bewusstsein für eigene Privilegien und Positionen: Fachkräfte müssen reflektieren, welche institutionelle Autorität und welches Fachwissen ihnen zugeschrieben werden
- Machtumverteilung: Beteiligung soll nicht nur symbolisch sein und Entscheidungs-, Deutungs- sowie Ressourcenkontrolle sollen tatsächlich geteilt werden
- epistemische Demut: Professionelle müssen anerkennen, dass psychiatrisches Fachwissen nicht die einzige oder automatisch überlegenere Wissensform ist
- Solidarität und Gegenseitigkeit: Allyship wird als gemeinsamer Prozess verstanden, nicht als einseitige Hilfe der Professionellen
- Selbstbestimmung: Ziele, Prioritäten und Stimmen der unterstützten Personen müssen maßgeblich sein
- soziale Gerechtigkeit: Allyship soll nicht nur individuelle Beziehungen verbessern, sondern auch diskriminierende Strukturen verändern
Damit unterscheidet sich Allyship von bloßer Freundlichkeit, Höflichkeit oder individueller Fürsprache.
Eigenschaften von Allies
Als hilfreiche Eigenschaften werden insbesondere beschrieben:
- Reflexionsfähigkeit
- Lernbereitschaft und Selbstbildung
- Bereitschaft, Kritik anzunehmen
- Ausdauer und Verlässlichkeit
- Fähigkeit, professionelles Wissen und eigene Annahmen kritisch zu hinterfragen
- Mut, institutionelle Routinen und Hierarchien infrage zu stellen
- Bereitschaft, eigene Ressourcen, Kontakte und Macht zu teilen
- Toleranz für Konflikte und persönliches Unbehagen
Das Review betont, dass ein Ally nicht dadurch entsteht, dass sich jemand selbst so bezeichnet. Entscheidend ist, ob das Verhalten von denjenigen, die unterstützt werden sollen, tatsächlich als hilfreich und machtfördernd erlebt wird.
konkrete Handlungen
Allyship zeigt sich laut Review in einem breiten Handlungsspektrum:
- Räume für Menschen mit eigener Erfahrung schaffen und absichern
- Peer-Rollen, Expert-by-Experience-Positionen und Patient*innenvertretung institutionell verankern
- Zugang zu Stellen, Finanzierung, Ausbildung und Entscheidungsprozessen ermöglichen
- in Besprechungen aktiv gegen Ausgrenzung, Tokenismus und Abwertung intervenieren
- Betroffene nicht nur einladen, sondern ihre Beiträge in Entscheidungen wirksam machen
- organisationsinterne Barrieren und diskriminierende Regeln verändern
- auf mehreren Ebenen Fürsprache leisten: im Team, in der Organisation und auf politischer Ebene
- Verantwortung und Anerkennung mit den Betroffenen teilen
- Risiken eingehen, wenn die Unterstützung marginalisierter Personen Konflikte mit Kolleg*innen oder Hierarchien auslöst
Die Literatur beschreibt Allyship deshalb als aktive, oft zeitaufwendige und mitunter riskante Praxis – nicht als passive Unterstützung.
zentrales Spannungsfeld: performativ oder wirksam?
Die wichtigste kritische Aussage des Reviews betrifft den Unterschied zwischen performativem und wirksamem Allyship.
Performativ ist Allyship beispielsweise, wenn:
- Ally-Label übernommen wird, ohne die eigene Machtposition zu hinterfragen
- Betroffene zwar sichtbar gemacht, aber nicht an Entscheidungen beteiligt werden
- Organisation Diversität öffentlich betont, ohne Ressourcen oder Strukturen zu verändern
- professionelle Helfende sich als „Retter*innen“ darstellen
- Unterstützung nur dort stattfindet, wo sie kaum Konflikte oder persönliche Nachteile verursacht
Wirksames Allyship dagegen verlangt konkrete, wiederholte und überprüfbare Handlungen. Dazu gehören Machtteilung, Ressourcenweitergabe und die Bereitschaft, sich gegen institutionelle Routinen zu stellen. Die Autor*innen warnen davor, dass Allyship paradoxerweise paternalistische Strukturen stabilisieren kann, wenn Professionelle weiterhin definieren, was für Patient*innen „gut“ sei.
Bedeutung für die Praxis
Für psychiatrische und psychosoziale Dienste, aber auch für andere Akteur*innen im Gesundheitswesen wie die Notfallmedizin leitet das Review mehrere Konsequenzen ab:
- Betroffenenbeteiligung muss über Symbolik hinausgehen: Menschen mit eigener Erfahrung sollten nicht nur konsultiert werden, sondern reale Entscheidungsmacht erhalten
- Peer-Arbeit braucht strukturelle Unterstützung: z.B. klare Rollen, angemessene Bezahlung, Zugang zu Ressourcen, Supervision, Entwicklungsmöglichkeiten und Rückhalt durch Führungskräfte
- Aus-, Fort- und Weiterbildung sollte Allyship ausdrücklich behandeln: z.B. Privilegienreflexion, Machtkritik, epistemische Demut, Antidiskriminierung und der Umgang mit institutionellen Konflikten
- Organisationen müssen die eigene Praxis überprüfen: Dienst kann sich nicht als unterstützend verstehen, wenn Zwang, Ausschluss oder die Abwertung von Erfahrungswissen unverändert bleiben
- Die Verantwortung darf nicht auf Betroffene verlagert werden: Allies sollen nicht von Menschen mit Diskriminierungserfahrung erwarten, dass diese ständig erklären, schulen oder Verbesserungen selbst durchsetzen
Kernaussage
Das Review kommt im Wesentlichen zu folgendem Schluss:
In psychiatrischen und psychosozialen Diensten ist Allyship nur dann glaubwürdig, wenn es zu einer tatsächlichen Verschiebung von Macht, Wissen und Ressourcen zugunsten der Betroffenen führt.
Für Fachkräfte bedeutet das: Nicht die Selbstbeschreibung als „Ally“ ist entscheidend, sondern die Bereitschaft, Privilegien zu reflektieren, professionelles Wissen zu relativieren, institutionelle Barrieren zu bekämpfen und Menschen mit eigener Erfahrung echte Autorität zu überlassen.
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