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Leitlinie „Suspected sepsis in people aged 16 or over: recognition, assessment and early management“ des NICE (Update 2026)

veröffentlichende Fachgesellschaft: National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 23.09.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://www.nice.org.uk/guidance/ng254

Could this be sepsis?

Wann besteht der V.a. Sepsis?

  • bei Personen mit Symptomen oder Anzeichen einer möglichen Infektion sollte man an eine mögliche Sepsis denken
  • zu berücksichtigen ist, dass Menschen mit Sepsis unspezifische, nicht lokalisierte Symptome aufweisen können, z.B. Unwohlsein und kein hohes Fieber
  • besonderes Augenmerk sollte auf die von der Person selbst und ihren Angehörigen oder Betreuern geäußerten Bedenken gelegt werden, z.B. auf Verhaltensänderungen
  • bei Personen mit V.a. Sepsis ist besondere Sorgfalt geboten, wenn die Anamnese schwierig ist, z.B. bei Personen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, oder bei Personen mit Kommunikationsschwierigkeiten (etwa im Zusammenhang mit Neurodiversität, kognitiven Beeinträchtigungen, Lernbehinderungen, schweren psychischen Erkrankungen oder Hirnverletzungen)
  • Personen mit V.a. eine Infektion sollten untersucht werden, um Folgendes zu identifizieren:
    • mögliche Infektionsquelle
    • Faktoren, die das Sepsisrisiko erhöhen
    • jegliche Anzeichen klinischer Besorgnis, wie etwa neu aufgetretene Verhaltens-, Kreislauf- oder Atmungsstörungen
  • Nutzung von strukturierten Beobachtungsschemata, um Personen im persönlichen Gespräch zu beurteilen und das Risiko bei Verdacht auf Sepsis einzuschätzen
  • Verwendung des NEWS2, um Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis zu beurteilen, die nicht schwanger sind und auch in der jüngeren Vergangenheit nicht schwanger waren und sich in einer Notaufnahme, in einer psychiatrischen Akutklinik oder im Rettungsdienst vorstellen
  • Verwendung eines Frühwarnsystems zur Beurteilung von Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis im ambulanten oder stationären Bereich sollte erwogen werden
  • bei Patient*innen mit Krankheitssymptomen sollte eine neutropenische Sepsis vermutet werden, wenn diese…
    • … in den letzten 30 Tagen eine systemische Krebsbehandlung hatten oder haben.
    • … Patient*innen, die aus Gründen, die nicht mit der Krebserkrankung zusammenhängen, eine immunsuppressive Therapie erhalten oder erhalten haben, anhand der klinischen Erfahrung (basierend auf spezifischem Zustand, Krankengeschichte oder beidem sowie der erhaltenen Behandlung) so beurteilt wurden, das eine frühere Behandlung möglicherweise noch immer eine Neutropenie auslösen kann.
  • Patient*innen mit V.a. neutropenische Sepsis sollten umgehend zur Abklärung in ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden
  • Patient*innen mit neutropenischer Sepsis unabhängig von der Ursache gemäß der NICE-Leitlinie zur neutropenischen Sepsis bei Krebspatient*innen behandeln

Personen, die am anfälligsten für eine Sepsis sind

  • Berücksichtigen Sie die Faktoren, die das Risiko einer Sepsisentwicklung oder einer verzögerten Diagnose erhöhen können. Dazu gehören:
    • Alter: 75 Jahre oder älter
    • ethnische Zugehörigkeit: Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit
    • klinische Merkmale wie:
      • Gebrechlichkeit
      • Multimorbidität oder schwere chronische Erkrankungen
      • beeinträchtigte Immunfunktion aufgrund von Krankheit oder medizinischer Behandlung
      • Operationen oder invasive Eingriffe in den letzten 6 Wochen
      • Dauerkatheter
      • wiederholte Antibiotikaeinnahme
      • Verletzung der Haut
    • Kommunikationsherausforderungen, beispielsweise im Umgang mit…
      • Menschen mit Lernbehinderungen
      • Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung
      • Menschen, die einen Dolmetscher benötigen
    • Drogen- oder Alkoholmissbrauch
    • soziale, wirtschaftliche oder ökologische Faktoren wie:
      • Obdachlosigkeit
      • Leben in benachteiligten Gebieten

Diagnostik

Erstbeurteilung und Untersuchung

  • bei Personen mit V.a. Sepsis sollten Temperatur, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck, Bewusstseinszustand und Sauerstoffsättigung beurteilt werden
  • in der ambulanten Versorgung sollte die Sauerstoffsättigung gemessen werden, sofern die entsprechende Ausrüstung verfügbar ist und die Messung keine Verzögerung bei der Beurteilung oder Behandlung verursacht
  • bei Personen mit Verdacht auf Sepsis auf Folgendes untersuchen:
    • geflecktes oder aschgraues Aussehen
    • Zyanose der Haut, der Lippen oder der Zunge
    • nicht wegdrückbarer petechialer oder purpurischer Hautausschlag
    • jede Verletzung der Hautintegrität (z.B. Schnitte, Verbrennungen oder Hautinfektionen)
    • andere Hautausschläge können auf eine mögliche Infektion hinweisen
  • betroffene Person, ihre Angehörigen oder Betreuer*innen fragen, wie oft die Person in den letzten 18 Stunden uriniert hat
  • Person mit V.a. Sepsis sowie deren Angehörige oder Betreuer*innen nach kürzlich aufgetretenem Fieber oder Schüttelfrost befragen
  • betroffene Person, die Angehörigen oder Betreuer*innen befragen, ob die Person kürzlich (z.B. beim Hausarzt/Hausärztin oder im Krankenhaus) Symptome oder Anzeichen gezeigt hat, die auf eine Sepsis hindeuten könnten
  • im Rahmen der Erstbeurteilung eine gründliche klinische Untersuchung durchführen, um Infektionsquellen zu identifizieren, inkl. solcher, die ggf. drainiert oder anderweitig behandelt werden müssen

Interpretation der Ergebnisse

  • Temperatur bei V.a Sepsis
    • Fieber oder Unterkühlung allein reichen nicht aus, um eine Sepsis auszuschließen oder zu bestätigen
    • beachten, dass einige Patient*innengruppen mit Sepsis ggf. keine erhöhte Temperatur entwickeln, dazu gehören:
      • ältere oder sehr gebrechliche Menschen
      • Menschen, die wegen Krebs behandelt werden
      • Menschen, die schwer an Sepsis erkrankt sind
      • Menschen mit einer Rückenmarksverletzung
    • beachten, dass ein Temperaturanstieg eine physiologische Reaktion sein kann, z.B. nach OP oder Trauma
  • Herzfrequenz bei V.a. Sepsis
    • Herzfrequenz einer Person mit V.a. Sepsis sollte im Kontext interpretiert werden, wobei Folgendes zu berücksichtigen ist:
      • Ruheherzfrequenz kann bei jungen Menschen und fitten Erwachsenen niedriger sein
      • ältere Menschen mit einer Infektion entwickeln ggf. keinen erhöhten Herzschlag
      • bei älteren Menschen kann als Reaktion auf eine Infektion eher eine neue Herzrhythmusstörung als eine erhöhte Herzfrequenz auftreten
      • Herzfrequenzreaktion kann durch Medikamente wie Betablocker beeinflusst werden
  • Blutdruck bei Verdacht auf Sepsis
    • Blutdruckwerte sollten, sofern bekannt, im Kontext der vorherigen Blutdruckwerte der jeweiligen Person interpretiert werden (CAVE: normaler Blutdruck bei jungen Menschen schließt eine Sepsis nicht aus)
  • Verwirrtheit, mentaler Zustand und kognitiver Zustand bei V.a. Sepsis
    • mentalen Zustand im Kontext der normalen Funktionsfähigkeit interpretieren und Veränderungen als bedeutsam behandeln
    • beachten, dass Veränderungen der kognitiven Funktionen subtil sein können und die Beurteilung die Anamnese der betroffenen Person sowie ihrer Familie oder Betreuer*innen einbeziehen sollte
    • beachten, dass sich Veränderungen der kognitiven Funktionen bei Erwachsenen mit Lernbehinderung oder Demenz in Form von Verhaltensänderungen oder Reizbarkeit äußern können
    • berücksichtigen, dass Veränderungen der kognitiven Funktionen bei älteren Menschen sich als akute Veränderungen der Funktionsfähigkeit äußern können
  • Sauerstoffsättigung bei V.a. Sepsis
    • beachten, dass eine erschwerte Messung der peripheren Sauerstoffsättigung bei V.a. Sepsis auf eine verminderte periphere Durchblutung aufgrund eines Schocks hindeuten kann

Risikobewertung…

… in Gemeinschafts- und Betreuungseinrichtungen

  • bei Personen ab 16 Jahren, sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in Justizvollzugsanstalten, ist das Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis anhand folgender Kriterien einzuschätzen:
    • Geschichte
    • Ergebnisse der körperlichen Untersuchung
    • Kriterien basierend auf dem Alter (für Personen ab 16 Jahren, die nicht schwanger sind und auch in der jüngeren Vergangenheit nicht schwanger waren)
  • beachten, dass Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis sowohl in der Bevölkerung als auch in Justizvollzugsanstalten folgende Risikogruppen betreffen:
    • hohes Risiko für eine schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis besteht, wenn eines der Hochrisikokriterien in Tabelle 1 erfüllt ist
    • mittleres Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis, wenn eines der Kriterien für ein mittleres Risiko in Tabelle 1 erfüllt ist
  • Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis, sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch in Justizvollzugsanstalten, die keine Kriterien für ein hohes oder mittleres Risiko erfüllen, gelten als Personen mit einem geringen Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf oder Tod durch Sepsis
KategorieHochrisikokriterienKriterien für mittleres Risiko
Anamneseobjektive Hinweise auf einen neu aufgetretenen veränderten Bewusstseinszustand– Angaben der Patient*innen oder von Bezugsperosnen über neu aufgetretene Verhaltens- oder Bewusstseinsveränderungen
– Vorgeschichte einer akuten Verschlechterung der Funktionsfähigkeit
– geschwächtes Immunsystem (Krankheit oder Medikamente, inkl. oraler Steroide)
– Trauma, Operation oder invasive Eingriffe in den letzten 6 Wochen
Atmung– erhöhte Atemfrequenz (> 25/min)
– neuer Sauerstoffbedarf (> 40 % FiO2) zur Aufrechterhaltung einer Sättigung von > 92 % (bzw. > 88 % bei chronischer hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz)
erhöhte Atemfrequenz (21 – 24/min)
BlutdruckRRsys < 90 mmHg oder RRsys > 40 mmHg unter dem NormalwertRRsys zw. 91 – 100 mmHg
Durchblutung und Flüssigkeitszufuhr– erhöhte HF (> 130/min)
– kein Wasserlassen in den letzten 18 h (bei katheterisierten Patient*innen: < 0,5 mL/kg Urin/h)
– erhöhte HF (91 – 130/min; 100 – 130/min während Schwangerschaft) oder neu aufgetretene Herzrhythmusstörungen
– kein Wasserlassen in den letzten 12 – 18 h (bei katheterisierten Patient*innen: 0,5 – 1 mL/kg Urin/h)
Temperatur– tympanale Temperatur < 60 °C
Haut– geflecktes oder aschgraues Hautkolorit
– Zyanose der Haut, der Lippen oder der Zunge
– nicht wegdrückbarer petechialer oder purpurischer Hautausschlag
Anzeichen einer möglichen Infektion, inkl. Rötung, Schwellung oder Wundsekretion an der Operationsstelle oder Wundheilungsstörungen
Kriterien zur Risikostratifizierung für schwere Erkrankungen oder Tod durch Sepsis bei Personen ab 16 Jahren in einer ambulanten oder stationären Einrichtung

… in Akutkrankenhäusern, Akutpsychiatrien und im Rettungswagen

  • bei Personen ab 16 Jahren wird das Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis anhand folgender Kriterien eingeschätzt:
    • Anamnese
    • Ergebnisse der körperlichen Untersuchung (v.a. Symptome und Anzeichen einer Infektion)
    • NEWS2-Score (NEWS2-Score ist im Kontext der zugrunde liegenden Physiologie und der Komorbiditäten der Person zu interpretieren)
  • bei der Beurteilung des Risikos einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis bei Personen ab 16 Jahren mit Verdacht auf oder bestätigter Infektion ist das klinische Urteilsvermögen zur Interpretation des NEWS2-Scores heranzuziehen und Folgendes zu beachten:
    • Wert > 7 deutet auf ein hohes Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis hin
    • Wert von 5 oder 6 deutet auf mittleres Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis hin
    • Wert von 1 – 4 deutet auf geringes Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis hin
    • Wert von 0 deutet auf sehr geringes Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis hin
    • wenn ein einzelner Parameter 3 Punkte beim NEWS2-Score ausmacht, ist eine dringende Überprüfung durch einen ärztliches Personal notwendig, um eine endgültige Entscheidung über das Risiko der Person für eine schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis zu treffen
  • Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis sollte als höher eingeschätzt werden, als es allein anhand des NEWS2-Wertes vermutet wird, wenn einer der folgenden Punkte zutrifft:
    • geflecktes oder aschgraues Aussehen/Hautkolorit
    • nicht wegdrückbarer petechialer oder purpurischer Hautausschlag
    • Zyanose der Haut, der Lippen oder der Zunge
  • erwägen, dass das Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis bei der betroffenen Person als höher einzuschätzen ist, als es der NEWS2-Wert allein vermuten lässt, wenn Anlass zur Besorgnis besteht, weil sich der Zustand der Person verschlechtert hat oder keine Besserung eintritt, seit…
    • … jeder vorherigen NEWS2-Berechnung.
    • … Durchführung aller Interventionen.
    • (CAVE: schließt auch den NEWS2-Score sowie alle Interventionen ein, die vor der Erstuntersuchung in der Notaufnahme berechnet/durchgeführt wurden)
  • regelmäßige Neuberechnung des NEWS2-Score und Bewertung des Sepsisrisikos:
    • alle 30 min, für diejenigen mit hohem Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
    • stündlich für diejenigen mit mittlerem Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
    • alle 4 – 6 h, für Personen mit geringem Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
    • wenn Standardbeobachtungen gemäß dem lokalen Protokoll bei Personen mit sehr geringem Risiko für eine schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis durchgeführt werden
  • bei einer Verschlechterung oder einer unerwarteten Veränderung des Zustands der Person ist der NEWS2-Score neu zu berechnen und das Sepsisrisiko neu zu bewerten

Management von Verdachtsfällen auf Sepsis

außerhalb Krankenhauseinrichtungen mit Notfallversorgung

  • wenn Hochrisikokriterien erfüllt sind, sind Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis – sowohl im ambulanten Bereich als auch in Justizvollzugsanstalten – notfallmedizinisch zu versorgen –> Nutzung des geeignetsten Transportmittels (i.d.R. RTW)
  • vorbereitende Sekundärversorgung (durch den Hausarzt oder den Rettungsdienst) ist erforderlich, wenn bei einer Person > 16 Jahre mit V.a. Sepsis im häuslichen Umfeld oder in einer Justizvollzugsanstalt Hochrisikokriterien erfüllt sind (Person ist unverzüglich zu verlegen)
  • Personen > 16 Jahren, die sich in einer Akutpsychiatrie befinden und ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis aufweisen, sollten notfallmedizinisch versorgt werden
  • RTW-Transport für Personen mit aufeinanderfolgenden NEWS2-Werten von > 5
    • RTW-Besatzungen sollten bei Personen > 16 Jahre mit V.a. oder bestätigter Infektion, die entweder aufeinanderfolgende NEWS2-Werte von > 5 aufweisen oder Anlass zu erheblicher klinischer Besorgnis geben, einen zeitkritischen Transport erwägen und das Krankenhaus vorab informieren
    • bei der Entscheidung, ob eine zeitkritische Verlegung und Vorabbenachrichtigung des Krankenhauses für eine Person > 16 Jahre mit aufeinanderfolgenden NEWS2-Werten > 5 und V.a. oder bestätigter Infektion erforderlich ist, sind folgende Punkte zu berücksichtigen:
      • lokale Richtlinien und Protokolle in Bezug auf den Tätigkeitsbereich von Ärzt*innen
      • Vereinbarungen über die Verlegung ins Krankenhaus
      • Vorausplanung der medizinischen Versorgung
      • Planung der Versorgung am Lebensende
  • Umgang mit der Erkrankung während der Wartezeit auf die Überweisung
    • im Rettungswagen und in der Notaufnahme ist bei Übernahme der Person, deren Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis besteht (und in einer Verwahrungseinrichtung beurteilt wurde), das Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis mithilfe von NEWS2 zu beurteilen
    • in abgelegenen und ländlichen Gebieten, wo die Transportzeit in die Notaufnahme regelmäßig mehr als eine Stunde beträgt, muss sichergestellt werden, dass Hausärzt*innen über Mechanismen verfügen, um Patient*innen mit Hochrisikokriterien bereits vor der Einlieferung ins Krankenhaus Antibiotika zu verabreichen
    • in abgelegenen und ländlichen Gebieten, in denen die kombinierte Transfer- und Übergabezeit in der Notaufnahme mehr als 1 Stunde beträgt:
      • sollten Rettungsdienste prüfen, ob sie Mechanismen einrichten müssen, um Personen mit hohem Risiko einer schweren Erkrankung oder eines Todes durch Sepsis Antibiotika verabreichen können, wenn diese zuvor nicht von Hausärzt*innen verabreicht wurde
      • Rettungsdienstpersonal, das die Gabe von Antibiotika erwägt, sollte lokale Leitlinien beachten

sofern eine sofortige Verlegung/Einweisung nicht erforderlich ist

  • in Gemeinschafts- oder Betreuungseinrichtungen
    • sowohl in der ambulanten Versorgung als auch in Justizvollzugsanstalten sollten Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis, die die Kriterien für ein mittleres Risiko erfüllen, wie folgt beurteilt werden:
      • endgültige Diagnose stellen
      • Entscheidung, ob die Erkrankung sicher außerhalb eines Krankenhauses behandelt werden kann
      • CAVE: falls keine eindeutige Diagnose gestellt werden kann oder die Erkrankung nicht sicher außerhalb eines Akutkrankenhauses behandelt werden kann, umgehender Transport in die Notaufnahme
    • sowohl in der ambulanten Versorgung als auch in Justizvollzugsanstalten sollten Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis, die keine Hochrisiko- oder Mittelrisikokriterien erfüllen, über Folgendes informiert werden:
      • zu überwachende Symptome
      • wie medizinische Hilfe angefordert wird, wenn Bedenken auftreten
  • in akutpsychiatrischen Einrichtungen
    • für Personen in akutpsychiatrischen Einrichtungen, die > 16 Jahre alt sind und ein mittleres Risiko für eine schwere Erkrankung und Tod durch Sepsis aufweisen
      • ärztlichen Rat einholen
      • Entscheidung, ob die Erkrankung ohne Verlegung behandelt werden kann
    • kann der Zustand der Person nicht in einer Akutpsychiatrie behandelt werden, ist eine notfallmedizinische Versorgung einzuleiten
    • in akutpsychiatrischen Einrichtungen sollten Personen > 16 Jahre mit niedrigem oder sehr niedrigem Sepsisrisiko über Folgendes informiert werden:
      • zu überwachende Symptome
      • wie medizinische Hilfe angefordert wird, wenn Bedenken auftreten

in der Notaufnahme

  • erste Untersuchungen zur Ermittlung der Infektionsquelle
    • bei Patient*innen im Krankenhaus mit V.a. Infektionen:
      • mit Suche nach Infektionsquelle beginnen
      • vor Antibiotika-Gabe sind mikrobiologische und Blutproben zu entnehmen
  • bei Personen > 16 Jahren, die ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis aufweisen:
    • Beurteilung durch ärztliches Personal mit notfallmedizinischer Expertise sowie Suche nach alternativen Diagnosen
    • Durchführung einer venösen Blutuntersuchung (BGA, inkl. BZ & Laktat; Blutkultur; großes Blutbild; CRP; Harnstoff & Elektrolyte; Kreatinin; Leberwerte; Gerinnungsscreening)
    • Procalcitonin-Testung erwägen
    • Antibiotika gemäß lokaler Richtlinien

hohes Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
– hohes Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis besteht bei vermuteter oder bestätigter Infektion und NEWS2-Wert > 7
– hohes Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis besteht auch bei V.a. oder bestätigter Infektion, NEWS2-Wert < 7 und einzelner NEWS2-Parameter mit 3 Punkten UND medizinische Überprüfung bestätigt, dass hohes Risiko besteht ODER weitere klinische Gründe zur Besorgnis liegen vor

  • Antibiotika
    • Personen > 16 Jahre mit hohem Risiko für schweren Krankheitsverlauf oder Tod durch Sepsis sollten innerhalb einer Stunde nach Berechnung des NEWS2-Scores bei der Erstbeurteilung in der Notaufnahme oder bei Verschlechterung des Zustands auf der Station i.v.-Breitbandantibiotikum erhalten (CAVE: Antibiotika dürfen nur verabreicht werden, wenn sie im Rahmen dieser Sepsis-Episode noch nicht eingesetzt wurden)
  • Flüssigkeit i.v.
    • Personen > 16 Jahre mit hohem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis sollten unverzüglich (innerhalb einer Stunde nach Feststellung des hohen Risikos) einen i.v.-Flüssigkeitsbolus verabreicht bekommen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen
    • wenn Personen ab 16 Jahren Flüssigkeit i.v. benötigen, sollte eine isotonische Elektrolyt-Kristalloidlösung verwendet werden (balancierte Lösung oder, falls keine balancierte Lösung verfügbar ist, NaCl 0,9 %)
    • initialer Bolus von 250 mL, dealerweise verabreicht über 10 – 15 min
    • bei Bedarf weitere Bolusgaben von 250 mL bis max. Gesamtmenge von 1000 mL (inkl. bereits verabreichter Flüssigkeiten)
    • nach jeder Flüssigkeitsgabe erneute Beurteilung
    • wenn sich der Zustand der Person nach der Gabe von 1000 mL nicht ausreichend verbessert hat (z.B. Blutdruckanstieg, Bewusstseinsverbesserung), erfahrenes ärztliches Personal (Oberärzt*in) hinzuziehen
    • bei der Verwendung eines Infusomaten/eines Perfusors oder eines Durchflussreglers zur i.v.-Flüssigkeitszufuhr im Rahmen der Versorgung von Personen > 16 Jahre mit V.a. Sepsis, die Flüssigkeitsboli benötigen, muss sichergestellt werden, dass das Gerät die erforderliche Flüssigkeitsrate, z.B. mind. 2000 mL/h bei Erwachsenen, gewährleisten kann
  • Vasopressoren
    • Vasopressoren-Gabe mit ITS oder, falls nicht verfügbar, Oberärzt*in besprechen und falls diese benötigt wird, ob sie peripher gestartet werden sollte, wenn kein ZVK verfügbar ist
    • vor Beginn der Vasopressortherapie gemeinsam mit der betroffenen Person und ggf. Angehörigen (sowie, wenn möglich, dem behandelnden Facharzt oder Intensivteam) entscheiden, ob Eskalation der Therapie angemessen ist –> folgendes berücksichtigen:
      • Gesamtzustand
      • jegliche Vorausplanung der medizinischen Versorgung oder Eskalationspläne für die Behandlung (Patientenverfügung o.Ä.)
      • Dringlichkeit einer intensivmedizinischen Betreuung
    • bei peripherer Gabe von Vasopressoren:
      • lokale Richtlinien zur Wahl des Vasopressors, zur Dosis, zur Konzentration und zur Überwachung beachten
      • sicherstellen, dass der periphere Zugang und die Kanüle sicher liegen
      • auf Anzeichen von unerwünschten Ereignissen (v.a. Paravasation) überwachen
  • Überwachung und Eskalation
    • NEWS2-Score regelmäßig neu berechnen
    • wenn eine Person > 16 Jahre, die ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis aufweist, innerhalb einer Stunde nach jeglicher Intervention nicht reagiert:
      • sicherstellen, dass leitendes ärztliches Personal persönlich teilnimmt
      • Mitbetreuung/Konzil durch Intensivmediziner*in/Intensivteam
      • Angehörige informieren
    • bei Personen > 16 Jahren, die ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis aufweisen:
      • Beurteilung durch ärztliches Personal mit notfallmedizinischer Expertise sowie Suche nach alternativen Diagnosen
      • Durchführung einer venösen Blutuntersuchung (BGA, inkl. BZ & Laktat; Blutkultur; großes Blutbild; CRP; Harnstoff & Elektrolyte; Kreatinin; Leberwerte; Gerinnungsscreening)
      • Procalcitonin-Testung erwägen
      • ober-/fachärztliche Bewertung des Zustand der Person und Überprüfung der venösen Laktatwerte innerhalb einer Stunde nach der Einstufung als mittleres Risiko
    • bei Patient*innen mit mittlerem Risiko für schweren Krankheitsverlauf oder Tod durch Sepsis sollte ein fach-/oberärztliches Personal Folgendes in Betracht ziehen:
      • Verzögerung der Breitspektrum-Antibiotikatherapie um bis zu 3 h nach Berechnung des ersten NEWS2-Wertes der Person bei der Erstbeurteilung in der Notaufnahme oder bei Verschlechterung des Zustandes auf der Station
      • Zeit nutzen, um Informationen für eine genauere Diagnose zu sammeln
      • Rücksprache mit leitendem Personal
    • bei NEWS2-Wert von 5 oder 6, bei dem einzelner Parameter 3 Punkte zum Gesamt-NEWS2-Wert beiträgt, sollte die wahrscheinliche Ursache dieser 3 Punkte anhand des klinischen Urteilsvermögens ermittelt werden
      • aktuelle Infektion als Hochrisikofall einstufen und Breitspektrum-Antibiotikatherapie
      • bei anderen Faktoren (z.B. bereits bestehende Erkrankung) Risiko als mittel einstufen
    • für Personen > 16 Jahre mit mittlerem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis:
      • NEWS2-Score regelmäßig neuberechnen
      • Hinzuziehen von fach-/oberärztlichem Personal, wenn weiterhin Anlass zur Besorgnis (z. B. Verschlechterung oder fehlende Besserung) besteht

mittleres Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
– bei vermuteter oder bestätigter Sepsis und NEWS2-Wert von 5 oder 6 besteht ein mittleres Risiko für eine schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis
– mittleres Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis besteht auch bei V.a. oder bestätigter Infektion, NEWS2-Wert < 5 und einzelnem NEWS2-Parameter mit 3 Punkten UND medizinische Überprüfung bestätigt, dass mittleres Risiko besteht ODER weitere klinische Gründe zur Besorgnis liegen vor

  • Anzeichen einer Minderdurchblutung
    • bei Personen > 16 Jahre mit mittlerem Risiko für schweren Krankheitsverlauf oder Tod durch Sepsis und Anzeichen einer Hypoperfusion (z.B. Laktatwert > 2 mmol/L oder Anzeichen einer akuten Nierenschädigung) Zustand so behandeln, als ob ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf oder Tod durch Sepsis bestünde
    • bei Personen > 16 Jahre mit mittlerem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis und OHNE Anzeichen einer Minderdurchblutung sollte nach klinischer Beurteilung die Gabe von intravenösen Flüssigkeiten erwogen werden
    • für Personen > 16 Jahre mit geringem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis:
      • innerhalb einer Stunde nach Einstufung der Person als Person mit niedrigem Risiko eine Untersuchung durch Pflegepersonal
      • ggf. Bluttests durchführen
    • bei Personen mit geringem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis sollte eine Mitbeurteilung durch eine*n Ärzt*in mit Kernkompetenzen in der Versorgung akut erkrankter Patient*innen erfolgen, damit diese*r Folgendes berücksichtigen kann:
      • Verzögerung der Verabreichung einer Breitbandantibiotikatherapie um bis zu 6 h nach Berechnung des ersten NEWS2-Wertes der Person bei der Erstbeurteilung in der Notaufnahme oder bei Verschlechterung des Zustandes auf der Station (CAVE: sobald die Entscheidung für die Antibiotika-Gabe erfolgt ist, diese nicht verzögern)
      • Zeit nutzen, um Informationen für eine genauere Diagnose zu sammeln
    • für Personen ab 16 Jahren mit geringem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis:
      • NEWS2-Score regelmäßig neuberechnen
      • Hinzuziehen von fach-/oberärztlichem Personal bei Verschlechterung oder fehlender Besserung
    • bei Personen mit sehr geringem Risiko für schwere Erkrankung oder Tod durch Sepsis
      • Überprüfung durch fach-/oberärztliches Personal
      • klinisches Urteilsvermögen nutzen, um Zustand zu behandeln, und Maßnahmen ggf. eskalieren
      • NEWS2-Score regelmäßig neuberechnen

geringes Risiko einer schweren Erkrankung oder des Todes durch Sepsis
geringes Risiko für schwere Erkrankung oder den Tod durch Sepsis besteht bei einer vermuteten oder bestätigten Infektion und einem NEWS2-Wert von 1 – 4 ODER bei einem NEWS2-Wert von 0 und Anlass zu klinischer Besorgnis

  • Entlassung
    • vor Entlassung von Personen, bei denen der Verdacht auf Sepsis bestand, folgende Informationen bereitstellen:
      • Behandlung der endgültigen Erkrankung (sofern diese festgestellt wurde)
      • Warnzeichen für Sepsis

Antibiotikatherapie, Flüssigkeitszufuhr i.v. und Sauerstofftherapie

Wahl der Antibiotikatherapie bei Verdacht auf Sepsis

  • wenn die Infektionsquelle bestätigt ist oder mikrobiologische Ergebnisse vorliegen:
    • Wahl des/der Antibiotika überprüfen und
    • Antibiotikatherapie den Ergebnissen entsprechend anpassen, ggf. durch ein Antibiotikum mit schmalerem Wirkungsspektrum ersetzt werden
  • bei allen Personen mit Verdacht auf Sepsis und eindeutiger Infektionsquelle sind die bestehenden lokalen Leitlinien zur antimikrobiellen Therapie anzuwenden
  • bei V.a. ambulant erworbene Sepsis jeglicher Ursache im Alter von 16 – 18 Jahren wird Ceftriaxon in einer Dosierung von 80 mg/kg einmal tgl. verabreicht, wobei die maximale Tagesdosis unabhängig vom Alter 4 g beträgt
  • bei 16- bis 18-Jährigen mit V.a. Sepsis, die sich bereits im Krankenhaus befinden oder bei denen eine Infektion oder Kolonisation mit Ceftriaxon-resistenten Bakterien bekannt ist, sollten die lokalen Leitlinien zur Antibiotikawahl beachtet werden
  • bei Personen > 18 Jahre, die aufgrund des V.a. Sepsis eine empirische antimikrobielle Therapie i.v. benötigen, aber keine bestätigte Diagnose haben, ist ein i.v.-Antibiotikum aus dem vereinbarten lokalen Arzneimittelverzeichnis gemäß den lokalen (sofern verfügbar) oder nationalen Leitlinien anzuwenden

Sauerstoffgabe bei Verdacht auf Sepsis

  • Sauerstoffgabe zur Erreichung einer Zielsättigung von 94 – 98 % bei Personen > 18 Jahre bzw. 88 – 92 % bei Personen mit Risiko für hyperkapnische respiratorische Insuffizienz
  • Sauerstoffgabe bei Personen im Alter von 16 – 18 Jahren mit V.a. Sepsis, die Anzeichen eines Schocks oder SpO2 < 92 % bei Raumluft aufweisen (CAVE: auch bei Kindern mit einer SpO2 > 92 % Sauerstofftherapie in Betracht ziehen, sofern dies klinisch indiziert ist)

Identifikation und Bekämpfung der Infektionsquelle

  • Ermittlung der Infektionsquellen sollte auf die Krankheitsgeschichte der betroffenen Person und die Untersuchungsbefunde abgestimmt sein
  • bei allen Patient*innen mit V.a. Sepsis Urinanalyse und Röntgenaufnahme des Thorax zur Identifizierung der Infektionsquelle in Betracht ziehen
  • wenn nach klinischer Untersuchung und ersten Tests keine wahrscheinliche Infektionsquelle identifiziert werden kann, Bildgebung des Abdomens und des Beckens erwägen
Published inLeitlinien kompakt

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