veröffentlichende Fachgesellschaft: Association for Diagnostics & Laboratory Medicine (ADLM)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 05.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1093/jalm/jfaf172
Indikationen für Drogentest in der Notaufnahme
Toxidrome
| Toxidrom | Symptomatik | Beispielmedikamente |
|---|---|---|
| Opioide | Miosis, Hypopnoe/Bradypnoe, Bewusstseinstrübung, Hypotonie, Bradykardie, Hypothermie, verminderte Peristaltik, Lethargie, Sedierung, Koma, verzögerte Atemdepression bei Kindern (v.a. bei Kleinkindern) | Fentanyl und Fentanyl-Analoga, Heroin, Oxycodon, andere Opioide (Methadon, Buprenorphin) |
| Sedativa/Hypnotika | Lethargie, Bewusstseinstrübung, Bradypnoe/Hypopnoe, Hypothermie, Stupor (in der Pädiatrie), paradoxe Erregung | Benzodiazepine, Barbiturate, γ-Hydroxybutyrat, Gabapentin, Pregabalin, Zolpidem |
| Sympathomimetika | Tachykardie, Tachypnoe, Hypertonie, Mydriasis, Schwitzen, Agitation, Paranoia, Krampfanfälle, Hyperthermie, gesteigerte Peristaltik (bei Kindern: Reizbarkeit, Untröstbarkeit) | Kokain, Amphetamine, Cathinone (Bupropion) |
| Serotonin-Syndrom | Durchfall, Mydriasis, Fieber, Schwitzen, Unruhe, Tachykardie, Klonus, Flush, Hyperreflexie | MDMA & andere Amphetamine, Halluzinogene |
| Anticholinergika | Hyperthermie, Tachykardie, Mydriasis, Delirium, Agitation/Paranoia, Krampfanfälle, trockene/gerötete Haut, Mundtrockenheit, verminderte Darmperistaltik, Durst, Harnverhalt | Diphenhydramin |
| Cholinergika | Durchfall, Schwitzen, Harnverhalt, Miosis, Bradykardie, Bronchorrhö, Bronchospasmus, Erbrechen, Tränenfluss, Speichelfluss, Krampfanfälle, gesteigerte Darmperistaltik (nikotinerg: Mydriasis, Tachykardie, Schwäche, Hypertonie, Hyperglykämie, Faszikulationen) | Muskarinpilze, Nikotin |
Empfehlungen
- Zusammenarbeit zw. Notaufnahme und Labor, dass objektive Protokolle und/oder eine klare klinische Begründung für die Anordnung von Drogentests vorliegen, da die Ergebnisse von Drogentests nur selten Auswirkungen auf die akute Patient*innenbehandlung in der Notaufnahme haben
- Aufklärung über die Urin-Drogentests durch Labor in Richtung der notfallmedizinischen Personals, v.a. falsch positive und falsch negative Ergebnisse sowie über die Möglichkeit, dass das Vorhandensein eines Medikaments auf eine zurückliegende Exposition hinweist, aber nicht unbedingt Einfluss auf das aktuelle Verhalten hat
- Evaluation durch Labore, welche Drogentest-Methoden/Ansätze die pädiatrische Versorgung am besten unterstützen
- Etablierung von Protokollen zur ordnungsgemäßen Probenentnahme, -konservierung und -untersuchung oder -weiterleitung für spezifische Bevölkerungsgruppen (inkl. Säuglinge)
Verfügbarkeit von Drogentests in Notaufnahmen sowie Ergebnismeldung
dringend empfohlene Test zum Drogen-Screening in der Notaufnahme
| Drogen | übliche klinische Grenzwerte (ng/mL) |
|---|---|
| Amphetamine | 300, 500, 1000 |
| Benzodiazepine | 200, 300 (seltener: 100, 150) |
| Kokain (Benzoylecgonin) | 150, 300 |
| Fentanyl | 1, 2, 5 (seltener: 20) |
| Opiate | 300 (seltener: 100) |
| Oxycodon | 100, 300 |
zusätzlich empfohlene Test zum Drogen-Screening in der Notaufnahme
| Drogen | Zusatz-Informationen |
|---|---|
| 6-Acetylmorphin | spezifischer Heroinmetabolit |
| Buprenorphin | – seltener bei Vergiftungen – Assay-abhängige falsch-positive Raten |
| Methadon/EDDP (2-Ethyliden-1,5-dimethyl-3,3-diphenylpyrrolidin) | – immunologische Assays zielen auf Methadon oder auf dessen Metaboliten (EDDP) ab – nur geringe/keine Kreuzreaktivität mit jeweils anderen Verbindung |
| Phencyclidin (PCP) | – Freizeitkonsum ist regionsspezifisch – Tests in Gebieten mit geringer Prävalenz führen zu hoher Rate falsch positiver Ergebnisse |
| THC | – indiziert in der Pädiatrie – Nutzen der Tests bei Erwachsenen richtet sich nach klinischem Bild |
| Beruhigungsmittel (z.B. Barbiturate) | – assozziert mit drogenbedingter Kriminalität – geringe Verbreitung von nicht-verschriebenem Gebrauch |
| Kreatinin | -Test ist nicht teuer und wird routinemäßig in den meisten Laboren durchgeführt, hat aber in der Notaufnahme nur begrenzten Nutzen |
| Prüfung auf Verunreinigungen, z. B. Oxidationsmittel | geringes Risiko der Verfälschung in der Notaufnahme |
| giftige Zusatzstoffe (z.B. Xylazin) | – Prävalenz ändert sich rasch – Testergebnisse werden klinische Behandlung in der Notaufnahme wahrscheinlich nicht beeinflussen |
Empfehlungen
- Drogentestpanels und -protokolle regelmäßig überprüfen und aktualisieren, um den lokalen Drogenkonsummustern Rechnung zu tragen
- selten verwendete Drogen oder solche mit geringer klinischer Relevanz für die lokale Patientenpopulation aus Testlisten entfernen
- relevante Drogen mit verfügbaren Testverfahren, v.a. synthetische Opioide wie Fentanyl, sollten hingegen aufgenommen werden
- Übermittlung von Urin-Test-Ergebnissen innerhalb eines gemeinsam vereinbarten Zeitfensters, in der Regel < 60 min (CAVE: Tests sollten klinisch relevant für Notfalltherapie und/oder Nachsorge sein)
- einzelne Urinprobe i.d.R. ausreichend bei Aufnahme in die Notaufnahme (wiederholte Tests oder alternatives Probenmaterial in der Notaufnahme selten erforderlich, können aber mitunter wertvolle Informationen für spätere Untersuchungen liefern)
- Bericht über immunologische Assays qualitativ unter Berücksichtigung ihrer inhärenten Einschränkungen (z.B. Begriffe wie „vermutlich positiv“ oder „unbestätigt positiv“)
Vor- & Nachteile von Immunoassays in der Notaufnahme
- Leistungsmerkmale von Immunoassays hängen davon ab, ob Tests zum Nachweis eines einzelnen Wirkstoffs oder einer Wirkstoffklasse entwickelt wurden
- Schulung des Notaufnahme-Personals über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Tests
- interpretative Kommentare zur Leistungsfähigkeit hinzufügen
- Point of Care-Drogenscreening (PoC) bietet das Potenzial für schnellere Ergebnisse, allerdings müssen sich die Mitarbeiter im Labor und in der Notaufnahme der regulatorischen und technischen Herausforderungen sowie der Drogen bewusst sein, die PoC nachgewiesen werden können
- Unterstützung der Notaufnahmen durch die Labore häufige Quellen für falsch positive (kreuzreagierende Verbindungen) und falsch negative (schlecht nachweisbare Verbindungen) Ergebnisse für die verwendeten spezifischen Tests zu identifizieren
spezifisch Probleme bei gängigen Drogenscreening-Tests
| Droge | klassenspezifische Verbindungen, die sich durch Screening-Assays gut nachweisen ließen | Beispiele für dokumentierte falsch positive Ergebnisse (nicht vollständig) |
|---|---|---|
| Amphetamin/ Methamphetamin | Amphetamin, Methamphetamin | Bupropion, Labetalol-Metabolit, Phentermin, Pseudoephedrin, Trazodon-Metabolit |
| MDMA/Ecstasy | MDMA | selten |
| Benzodiazepine | Diazepam, Oxazepam, Chlordiazepoxid, Nordiazepam, Temazepam | Efavirenz, Oxaprozin |
| Buprenorphin | Buprenorphin, Norbuprenorphin | Morphin oder Codein (in einigen Tests), Loperamid |
| Kokain | Benzoylecgonin (Hauptmetabolit von Kokain) | selten |
| Opiate | Morphin, Codein, Hydrocodon, 6-Acetylmorphin | Chinolon-Antibiotika |
| Fentanyl | Fentanyl, Norfentanyl | Labetalol-Metaboliten |
| Oxycodon | Oxycodon, Oxymorphon | selten |
Empfehlungen
- Versuch der Labore, den Nachweis relevanter Verbindungen wie glucuronidierter Benzodiazepine und synthetischer Opioide zu optimieren
- Mitarbeitende der Notaufnahme über testspezifische Kreuzreaktionen und Einschränkungen (z.B. falsch positive Ergebnisse) informieren
- Zusammenarbeit der Mitarbeitenden von Labor, Notaufnahme, medizinischer Toxikologie und Giftnotrufzentrale, um das optimale Testverfahren für die jeweilige Patient*innenpopulation zu bestimmen (z.B. ob spezifische Tests auf synthetische Opioide einbezogen werden sollen)
massenspektrometrie-basierte Diagnostik
Empfehlungen
- Massenspektrometrie besonder hilfreich bei unzuverlässiger oder nicht verfügbarer Anamnese, wenn Immunoassay mit breiter Kreuzreaktivität vorläufig positives Ergebnis liefert oder wenn betreffende Wirkstoffe mittels Immunoassay nicht nachweisbar sind
- Bestätigungstests weniger aussagekräftig, wenn Schnelltestergebnis mit Anamnese oder früheren Testergebnissen übereinstimmt (v.a. Immunoassay-Screenings mit hoher Bestätigungsrate, z.B. Benzoylecgonin)
- Massenspektrometrie für bestimmte Patient*innengruppen erwägen (auch Kinder) aufgrund der überlegenen Sensitivität und Spezifität ggü. Immunassays oder, wenn die Ergebnisse die nachfolgende Versorgung (z.B. psychiatrische Behandlung) erleichtern könnten
- Schaffen von Bewusstsein, dass Immunoassays und viele Bestätigungstests Designerdrogen oder neue psychoaktive Substanzen ggf. nicht nachweisen (falls Tests erforderlich, Zusammenarbeit mit spezialisierten toxikologischen Laboren)
Labor-Unterstützung über die Durchführung von Drogentests hinaus
- Ressourcen und Schulungsmaterialien bereitstellen, um die Notaufnahme bei der Interpretation von Drogentestergebnissen zu unterstützen (Ergebnissen ggf. allgemeine oder spezifische Kommentare hinzuzufügen, die die Testdurchführung verdeutlichen)
- Expert*innen wie Laborant*innen, medizinische Toxikolog*innen und/oder Mitarbeitende der Giftnotrufzentralen sollten für Beratung und Unterstützung bei der Testinterpretation zur Verfügung stehen
- Drogentestangebot, inkl. standardisierte Anordnungen, regelmäßig mit der Notaufnahme überprüfen (Testangebot sollte lokale Drogenkonsummuster widerspiegeln, und Ergebnisse sollten die Patient*innenbehandlung steuern)
- keine Dokumentation der Probenkette für klinische Arzneimitteltests erforderlich (Prüfung, ob die Möglichkeit besteht negative Proben 48 – 72 h und Proben von Kindern oder Proben mit einem oder mehreren positiven Ergebnissen länger für weitere Tests aufzubewahren)


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