veröffentlichende Fachgesellschaft: Royal College of Emergency Medicine (RCEM)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 30.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://rcem.ac.uk/clinical-guidelines/
Grundsätzliches
- häufigste Blutgerinnungsstörungen, die in der Notaufnahme auftreten, sind Hämophilie A, Hämophilie B und die von-Willebrand-Krankheit (vWD)
- Hämophilie A (Faktor-VIII-Mangel) und Hämophilie B (Faktor-IX-Mangel) sind durch wiederkehrende Blutungen in Gelenken und Muskeln gekennzeichnet (Blutungen können aber auch an jeder anderen Stelle auftreten)
- Schweregrad der Hämophilie wird durch die Aktivität des entsprechenden Faktors bestimmt, der mangelhaft ist (leicht: Faktor-VII-Aktivität von > 40 bis < 40 %; mittelschwer: Faktor-VII-Aktivität von ≥ 1 bis ≤ 5 %; schwer < 1 %)
- vWD (niedrige Konzentrationen des von-Willebrand-Faktors) ist durch Haut- und Schleimhautblutungen gekennzeichnet
- Vielzahl der Patient*innen mit schwerer Hämophilie A bzw. B oder schwerer Typ-3-vWD haben eine prophylaktische Therapie und können die meisten Durchbruchblutungen mit einer Auffrischungsbehandlung behandeln
- Vielzahl der Patient*innen mit vWD haben leichte oder mittelschwere Blutungsstörung (Ausnahme: seltener Typ 3) und suchen i.d.R. zunächst ein Krankenhaus auf, wenn sie eine Blutung vermuten
Symptomatik
- schon geringfügige Traumata können zu starken Blutungen führen
- Hirnverletzungen
- ICB, egal ob traumatisch oder nicht traumatisch, sind die häufigste Ursache für lebensbedrohliche Blutungen und nach wie vor eine relativ häufige Todesursache, v.a. bei schwerer Hämophilie (CAVE: Symptome können zunächst subtil sein und sich erst spät zeigen)
- Risikofaktoren: Alter > 60 Jahre, Hypertonie, HIV oder Hepatitis C
- Atemwegsbeeinträchtigungen
- Hämatome von Zunge, Mundboden und Epiglottis können zu Atemwegsobstruktion führen
- ggf. schnell fortschreitende Symptome wie Heiserkeit, Dysphagie, Stridor und Dyspnoe
- Hämatoome im Halsbereich können auch zu einer Atemwegsbeeinträchtigung führen
- Gelenk- oder Muskelblutungen
- Gelenkblutungen können sehr schmerzhaft sein
- Muskelblutungen können ein Kompartmentsyndrom verursachen
- Hüft-, Leisten- und Rückenschmerzen
- Blutungen in den Musculus Iliopsoas können mit Hüft-, Leisten- und Rückenschmerzen oder mit Unterleibsschmerzen einhergehen
- Patient*innen fühlen sich am wohlsten, wenn sie ihre Hüfte und ihr Knie beugen
- Kompression des Nervus femoralis kann zur Anästhesie an der Vorderseite des Oberschenkels führen
- Blutverlust in diesem Bereich kann sehr hoch sein
- GI-Blutungen
- mgl. bei der Einnahme von NSAR
- mgl. aufgrund von Komplikationen einer portalen Hypertonie (inkl. Varizenblutungen) bei Patient*innen mit einer durch Hepatitis C verursachten Zirrhose
- bestimmte Arten der vWD sind mit einem erhöhten Risiko für GI-Angiodysplasien verbunden
- Hämaturie
- häufig bei Männern mit schwerer oder mittelschwerer Hämophilie
- „Thrombuskolik“ kann Nierensteinerkrankung vortäuschen
- Risiko einer Harnwegsobstruktion, v.a. bei Blutungen im oberen Harntrakt
- intraabdominale Blutungen
- viszerale Hämatome (sekundär nach Trauma oder spontan) können reißen und andere intraabdominale Notfälle imitieren
- Blutungen in der Darmwand können zu Obstruktionen führen
- intraperitoneale Blutungen können bei Frauen während des Eisprungs oder nach Reißen einer hämorrhagischen Gelbkörperzyste auftreten
- Rückenschmerzen, Nackenschmerzen
- neue starke Rücken- oder Nackenschmerzen können auf Blutung in der Wirbelsäule hinweisen
- kürzlich durchgeführte Operationen oder Eingriffe
- CAVE: selbst relativ einfache Eingriffe zu erheblichen Komplikationen führen können, z. B. Kompartmentsyndrom als Folge einer arteriellen Punktion oder schlechter Venenpunktion
- Spätblutungen nach Operationen oder zahnärztlichen Eingriffen mgl., wenn die hämostatische Versorgung unzureichend war
Management
- Grundsätze der Notfallversorgung bei Patient*innen mit Hämophilie und ähnlichen Blutgerinnungsstörungen („The Four ‘T’s„)
- T – Triage: sofortige Erstversorgung innerhalb von 15 min
- T – Think: an Blutungen und Blutungskomplikationen denken
- T – Telephone: frühzeitig Hämatologie hinzuziehen
- T – Treat: schnellstmögliche Behandlung (nicht auf Blutwerte oder Bildgebung warten, v.a. bei intrakraniellen oder andere lebensbedrohlichen Blutungen)
- Patient*innen sind wahrscheinlich „Expert*innen für ihre Krankheit“ –> aufmerksam zuhören!!!
- bei Triage nach Blutgerinnungsstörungskarte und Notfallplan für Blutungen fragen (CAVE: Behandlungspläne dienen nur als Leitfaden und nicht davon abhalten lassen, fachärztlichen Rat einzuholen)
- berücksichtigen, dass Blutungen spontan auftreten können (bei schweren & mittelschweren Blutungsstörungen) und dass bei allen Blutungsstörungen bei Traumata ein hoher Verdacht auf Blutungen besteht (auch wenn diese relativ geringfügig sind)
- bei Patient*innen mit Hämophilie und ähnlichen erblichen Blutgerinnungsstörungen, bei denen lebensbedrohliche oder extremitätenbedrohende Blutungen vorliegen, sollte eine hämostatische Therapie innerhalb von 60 min nach Einlieferung erfolgen
- zusätzlich zur hämostatischen Therapie schnelle und ausreichende Schmerzlinderung sicherzustellen (CAVE: keine COX-1-Hemmer, inkl. Ibuprofen, Naproxen)
- i.m.-Injektionen mit Vorsicht und nur dann, wenn es keine geeignete Alternative gibt (Injektionsort für mind. 2 min komprimieren)
- bei Venenpunktionen ist Vorsicht geboten (CAVE: Kompartmentsyndrom bei unsachgemäßer Technik mgl.)
- arterielle Punktionen vor Blutstillung vermeiden
- bei Hämophiliepatient*innen, die aus einem nicht mit Blutungen zusammenhängenden Grund in die Notaufnahme vorstellig werden, sollte die übliche Gerinnungsfaktor-Therapie als „zeitkritische Medikation” betrachtet werden –> Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die Patient*innen keine Dosis der eigenen Hämophilie-Medikamente verpassen
- vor invasiven oder chirurgischen Eingriffen Konzil durch Spezialist*innen für die Behandlung von Hämophilie und ähnlichen erblichen Blutgerinnungsstörungen
spezifische Therapien
- Hirnblutungen
- Ersatztherapie mit Gerinnungsfaktoren mit dem Ziel, nach der Behandlung und VOR der Bildgebung des Gehirns einen Gerinnungsfaktorspiegel von 100 IE/dL zu erreichen
- Tranexamsäure als Zusatztherapie
- Kopf-CT ist die Bildgebung der Wahl in der Notfallversorgung bei Hirnblutungen
- bei V.a. Wirbelsäulenblutung ist die MRT die Bildgebung der Wahl
- Hämatoome/Blutungen der Atemwege
- Ersatztherapie mit Gerinnungsfaktoren mit Ziel-Gerinnungsfaktorspiegel von 100 IE/dL
- frühzeitige Einbeziehung von HNO/Anästhesie
- Gelenkblutungen
- Ersatztherapie mit Gerinnungsfaktoren mit Ziel-Gerinnungsfaktorspiegel von i.d.R. 60 – 80 IE/dL (CAVE: zuerst behandeln)
- Gelenkpunktion selten erforderlich (CAVE: NICHT zu diagnostischen Zwecken)
- angemessene Schmerztherapie (keine Cox-1-NSAR)
- fachärztliche & physiotherapeutische Beratung
- Kompartmentsyndrom
- Ersatztherapie mit Gerinnungsfaktoren mit Ziel-Gerinnungsfaktorspiegel von 100 IE/dL
- frühzeitige Einbeziehung der Orthopädie
- Fasziotomie nach hämostatischer Therapie
- Tranexamsäure ggf. als zusätzliche Therapie
- Iliopsoas-Blutung
- Ersatztherapie mit Gerinnungsfaktoren
- Tranexamsäure ggf. als zusätzliche Therapie
- Bestätigung durch Kontrastmittel-CT
- GI-Blutung
- Ersatztherapie mit rekombinanten Gerinnungsfaktoren
- Tranexamsäure in den meisten Fällen akzeptabel
- frühzeitige Einbeziehung der Gastroenterologie
- Hämaturie
- leichtere Fälle werden oft konservativ behandelt (z. B. mit der üblichen prophylaktischen Dosis eines Faktor-Konzentrats)
- reichliche Flüssigkeitszufuhr und Beobachtung
- bei schweren Verläufen und Entwicklung einer Obstruktion ggf. Spülung oder Nephrostomie erforderlich
- intraabdominale Blutung
- Diagnosestellung durch CT-Bildgebung, dann Blutstillung durchführen
- wenn Symptome mit hoher Wahrscheinlichkeit auf intraabdominale Blutung zurückzuführen sind, zuerst behandeln und dann Diagnostik
spezifische Therapeutika
- Hämophilie-Blutungen werden i.d.R. mit dem entsprechenden rekombinanten Faktor-Konzentrat behandelt, und für die von-Willebrand-Krankheit gibt es eine Reihe verschiedener Behandlungsmöglichkeiten
- rekombinanter Faktor VIII (FVIII)
- Dosis bei schwerer oder mittelschwerer Hämophilie A: 50 IE/kg
- Dosis bei leichter Hämophilie A, wenn DDAVP nicht geeignet ist: [(100 – FVIII-Ausgangswert in IE/dL) x Gewicht in kg] x 0,5
- rekombinanter Faktor IX (FIX)
- Dosis bei Hämophilie B: [(100 – FIX-Ausgangswert in IE/dL) x Körpergewicht in kg]
- Von-Willebrand-Faktor
- Konzentrate aus Plasma und rekombinante Konzentrate erhältlich
- Dosierung sollte gemäß der Herstellerangaben für jedes Produkt erfolgen
- bei Verwendung von Veyvondi® oder Wilfact® zur Behandlung von vWD-Blutungen sollte FVIII ebenfalls mit der ersten Dosis verabreicht werden
- Desmopressin oder DDAVP (Desamino-D-Arginin-Vasopressin)
- wird bei weniger schweren Blutungen bei leichter Hämophilie A und vWD eingesetzt
- kann für die subkutane Gabe geeignet sein, Anwendung ist jedoch aufgrund von Unwirksamkeit oder Kontraindikationen bei bestimmten Arten von VWD (2b & 3) eingeschränkt, wenn Begleiterkrankungen wie dekompensierte Herzinsuffizienz, instabile Angina pectoris, Anfallsleiden und ein Risiko für erhöhten Hirndruck vorliegen
- nach DDAVP-Gabe wird Flüssigkeitsrestriktion empfohlen, da sonst das Risiko einer Hyponatriämie besteht
- Tranexamsäure
- wird häufig zusammen mit entsprechender rekombinanter Faktortherapie bei schweren Blutungen appliziert (CAVE: bei Patient*innen mit Hämaturie vermeiden)
- Emicizumab
- Emicizumab ist ein rekombinanter humanisierter bispezifischer Antikörper, der bei schwerer Hämophilie A (nicht B) ausschließlich zur Prophylaxe eingesetzt wird
- ist hochwirksam bei der Verringerung spontaner Blutungen, jedoch weniger wirksam bei der Vorbeugung sekundärer traumatischer Blutungen
- Patient*innen, die Emicizumab erhalten, weisen normale Gerinnungswerte auf, sind jedoch weiterhin blutungsgefährdet
- keine Prothrombinkomplexkonzentrat-Gabe, da dies thrombotische Mikroangiopathien begünstigen kann
- Hämophilie und Inhibitoren
- Inhibitoren sind Alloantikörper gegen FVIII und FIX, die als Reaktion auf die Exposition ggü. Gerinnungsfaktorkonzentraten entstehen (häufiger bei Patient*innen mit schwerer Erkrankung)
- Inhibitoren verhindern die Funktion des infundierten rekombinanten Faktor-Konzentrats
- Patienten mit Inhibitoren erfordern immer eine spezielle Behandlung


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