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10.10. – World Hospice and Palliative Care Day – Die Surprise-Question der Palliativmedizin im Kontext der Notfallmedizin

Die „Surprise-Question“ (Überraschungsfrage) ist ein einfaches Screening-Instrument aus der Palliativmedizin: „Wären Sie überrascht, wenn dieser Patient innerhalb der nächsten 6–12 Monate verstirbt?“. Eine verneinende Antwort („Nein, das würde mich nicht überraschen“) signalisiert einen möglichen palliativen Versorgungsbedarf und sollte Anlass für weiterführende Gespräche zu Therapiezielen, Belastungsgrenzen und Patientenwünschen geben.

Für die Notfallmedizin ist diese Frage hochrelevant: Sie hilft, bereits im Akutkontakt Patienten mit begrenzter Lebenserwartung zu erkennen, unnötige Maximaltherapien zu vermeiden und frühzeitig palliative Bedürfnisse in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

Was ist die Surprise-Question?

Kernelement ist die reflexive Frage an die behandelnde Fachperson: „Wären Sie überrascht, wenn Ihr Patient innerhalb der nächsten (6 –)12 Monaten verstirbt?“. Die Antwortoptionen sind einerseits „Ja, ich wäre überrascht“ sowie „Nein, das würde mich nicht überraschen“. Ziel der Frage ist nicht die exakte Prognose, sondern ein Bewusstsein für die begrenzte Lebenserwartung zu schaffen und den palliativen Bedarf früh zu identifizieren. Die Anwendung sollte als Selbstreflexion oder im Team erfolgen, idealerweise kombiniert mit klinischem Gesamtbild und weiteren Screening-Tools (z.B. SPICT).

Die Surprise-Question wurde ursprünglich von Lynn et al. vorgeschlagen, um Patient*innen zu identifizieren, die von palliativer Versorgung profitieren könnten. In Leitlinien (z.B. S3-Leitlinie Palliativmedizin) wird sie als pragmatisches Instrument zur Einschätzung der Dringlichkeit einer palliativen Beratung empfohlen.

Warum ist das für die Notfallmedizin wichtig?

In der Notfallmedizin sehen wir häufig Patient*innen mit fortgeschrittenen, nicht heilbaren Erkrankungen – oft in Krisensituationen, in denen Therapieentscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden. Die Surprise-Question kann hier als „kognitiver Anker“ dienen.

  • Surprise-Question lenkt den Blick auf die Gesamtprognose, nicht nur auf das akute Problem
  • Surprise-Question fördert frühzeitige Gespräche zu Therapiezielen („Was ist dem Patienten wichtig?“) und zur Begrenzung von Maßnahmen (z.B. Reanimationsstatus)
  • Surprise-Question kann helfen, unnötige belastende Interventionen zu vermeiden und stattdessen symptomorientierte, palliative Ansätze zu priorisieren

Studien zeigen, dass die Surprise-Question allein nur eine moderate Treffsicherheit für die Vorhersage des Todes hat, besonders bei Nicht-Tumor-Patient*innen. In Kombination mit klinischer Einschätzung, Frailty-Assessment oder Tools wie SPICT steigt jedoch der Nutzen für die Versorgungsplanung.

Wie lässt sich die Surprise-Question im Notfallsetting nutzen?

Praktisch kann die Frage in verschiedenen Phasen des Notfallversorgung eingebaut werden:

  • präklinisch im Rettungsdienst
    • bei wiederkehrenden Einsätzen bei derselben Person (z.B. fortgeschrittene COPD, Herzinsuffizienz, Demenz) kann im Team kurz reflektiert werden: „Wären wir überrascht, wenn dieser Patient in den nächsten Monaten verstirbt?“
    • Surprise-Question kann die Entscheidung beeinflussen, ob eine Verlegung in die Klinik sinnvoll ist oder ob eine palliative Krisenintervention vor Ort priorisiert werden sollte
  • in der Notaufnahme
    • nach erster Stabilisierung kann die Frage als Teil der „Goals-of-Care“-Überlegung genutzt werden, besonders bei älteren, multimorbiden Patient*innen
    • verneinende Antwort sollte Anlass geben, mit Angehörigen oder Hausärzt*innen über Therapieziele und mögliche palliative Optionen zu sprechen
  • im interdisziplinären Austausch
    • Surprise-Question eignet sich gut für kurze Team-Besprechungen („Ist uns dieser Patient schon als palliativ bedürftig aufgefallen?“) und kann den Anstoß für eine formelle palliativmedizinische Mitbetreuung geben

Wichtig: Die Surprise-Question ersetzt keine detaillierte Prognoseabschätzung, sondern dient als Trigger für weiterführende Schritte.

EXKURS – Die Double Surprise Question als Weiterentwicklung

Eine mögliche Weiterentwicklung ist die sogenannte Double Surprise Question. Wenn die erste Frage mit „Nein“ beantwortet wird, folgt:

„Wäre ich überrascht, wenn diese Person in zwölf Monaten noch leben würde?“

Damit entsteht eine dritte Gruppe zwischen „wahrscheinlich länger lebend“ und „wahrscheinlich innerhalb eines Jahres sterbend“.

In einer prospektiven Studie mit 379 onkologischen Patient*innen konnte die zusätzliche Frage den positiven Vorhersagewert gegenüber der ursprünglichen Surprise Question erhöhen. Die Autor sehen darin einen möglichen Ansatz zur präziseren Identifikation von Menschen mit relevantem palliativen Versorgungsbedarf. Für die Notfallmedizin ist diese Variante allerdings noch keine etablierte Standardstrategie.

Quellen

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  • Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, Hrsg. „S3-Leitlinie Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung“. 21. Juli 2026. https://register.awmf.org/assets/guidelines/128-001OLl_S3_Palliativmedizin-PatientInnen-nicht-heilbaren-Krebserkrankung_2026-07.pdf.
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