veröffentlichende Fachgesellschaft: Irish Association for Emergency Medicine (IAEM)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 02.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://iaem.ie/professional/clinical-guidelines/
Grundsätzliches
- Definition „akute Perikarditis“: entzündetes Perikard mit oder ohne Perikarderguss
- kann sowohl durch infektiöse als auch durch nicht-infektiöse Erkrankungen verursacht werden
- häufigste Erkrankung des Perikards in der klinischen Praxis und macht 5 % der nicht-ischämischen Brustschmerzen aus, die in der Notaufnahme behandelt werden
- Klassifizierung
- akute Perikarditis: < 4 – 6 Wochen
- anhaltende Perikarditis: > 4 – 6 Wochen
- rezidivierende Perikarditis: Wiederauftreten der Anzeichen und Symptome nach dokumentierten Episode einer akuten Perikarditis mit symptomfreiem Intervall von > 4 Wochen dazwischen
- chronische Perikarditis: Anzeichen und Symptome, die > 3 Monate andauern
Risikofaktoren
- männliches Geschlecht
- Alter zw. 20 – 50 Jahren
- kürzlich erlittener transmuraler Myokardinfarkt (MI)
- Herzoperation
- Neoplasien
- interkurrente bakterielle oder virale Infektionen (bei ca. 90 % aller Betroffenen)
- Patient*innen mit Urämie oder unter Dialysebehandlung
- systemische Autoimmunerkrankungen (rheumatoide Arthritis, systemischer Lupus erythematodes usw.)
Hauptrisikofaktoren für schlechteres klinisches Outcome
- hohe Temperatur (> 38 °C)
- subakuter Verlauf (Symptome, die über mehrere Tage ohne eindeutigen Beginn auftreten)
- Anzeichen eines großen Perikardergusses (diastolischer echofreier Raum von > 20 mm)
- Herztamponade
- ausbleibendes Ansprechen auf NSAR innerhalb von 7 Tagen
moderate Risikofaktoren für schlechteres klinisches Outcome
- Perikarditis mit begleitender Myokarditis (Myoperikarditis)
- Immunsuppression
- Trauma
- orale Antikoagulanzientherapie
Diagnosekriterien
Diagnose zutreffend, wenn 2 von 4 Kriterien stimmen
- charakteristischer Thoraxschmerzen (bei 85 % der Patient*innen): typischerweise stechend und pleuritisch, Besserung bei Aufrichten oder Vorbeugen
- Perikard-Reibegeräusch (bei 33 % der Patient*innen): kratzendes/quietschendes Geräusch, das am besten mit dem Diaphragma des Stethoskops über dem linken Brustbeinrand zu hören ist
- EKG-Veränderungen (in 60 % der Fälle)
- Vorliegen eines Perikardergusses (in 60 % der Fälle)
Patient*innen können auch unspezifische Symptome wie Unwohlsein, Fieber und Durchfall aufweisen.
Diagnostik
- EKG
- EKG-Diagnostik bei allen Patient*innen mit V.a. akute Perikarditis
- häufige EKG-Veränderungen sind u.a.:
- globale nach oben konkave („sattelförmige“) ST-Strecken-Hebungen
- PR-Strecken-Senkungen in den meisten Extremitätenableitungen (I, II, aVL, aVF) und präkordialen Ableitungen (V2 – V6)
- Troponin
- Durchführung des hochsensitiven Troponin-Bluttests bei allen Patient*innen mit V.a. akute Perikarditis
- erhöhte Werte gibt es bei 35 – 50 % der Patient*innen mit Perikarditis auftreten
- erhöhte Werte weisen auf eine Beteiligung des Myokards (Myoperikarditis) hin
- CAVE: Test ist jedoch weder spezifisch noch sensitiv –> Troponin-Bestimmung dient in erster Linie zum Ausschluss einer Myoperikarditis
- keine Hinweise darauf, dass der Test einen prognostischen Wert bei akuter Perikarditis hat
- großes Blutbild
- Durchführung eines großen Blutbildes bei allen Patient*innen mit V.a. akute Perikarditis
- bei akuter Perikarditis oder anderen infektiösen Ursachen können erhöhte Leukozyten detektiert werden
- großes Blutbild sollte vor Therapie mit Colchicin erfolgen (CAVE: Gefahr von Neutropenie und Knochenmarksuppression)
- erhöhtes CRP tritt häufig bei entzündlicher Perikarditis auf
- Serumharnstoff und Elektrolyte können bei akuter Perikarditis hilfreich sein, da erhöhte Harnstoffwerte (v.a. > 21,4 mmol/L bzw.> 60 mg/dL) auf urämische Ursache der Perikarditis hinweisen können
- Thorax-Röntgen
- Durchführung eines Röntgenbildes des Thorax bei allen Patient*innen mit V.a. akute Perikarditis
- bei Patient*innen mit Perikarditis hat das Herz i.d.R. eine normale Größe
- bei Patienten mit großem Perikarderguss (i.d.R. > 300 mL) kann das Herz-Thorax-Verhältnis erhöht sein
- Röntgenaufnahme kann auch hilfreich sein, um begleitende Lungenerkrankungen (z. B. Pneumonie, Krebs usw.) zu erkennen
- Echokardiografie
- Durchführung einer transthorakalen Echokardiografie zur Beurteilung des Vorliegens eines Perikardergusses
- Patient*innen, die fit, gesund sind und ein geringes Risiko haben, können vor der Echokardiografie entlassen werden, und eine TTE kann als frühzeitige ambulante Untersuchung geplant werden
- Perikarderguss wird anhand seiner Größe in der Diastole als leicht (< 10 mm), mittel (10 – 20 mm) oder ausgeprägt (> 20 mm) eingestuft
- weitere TTE-Indikationen sind die Diagnose einer Tamponade (in 3,1 % der Perikarditis-Fälle)
- Echokardiographie kann auch zur Unterscheidung zwischen Perikarditis und Myokardischämie eingesetzt werden, indem regionale Wandbewegungsstörungen bei Patient*innen mit akuten Brustschmerzen ausgeschlossen werden
- lokalisierte Perikardergüsse oder Ergüsse, die Blutgerinnsel enthalten (typischerweise nach Herzoperationen), können mit transthorakalem Ansatz schwer zu visualisieren sein –> bessere Darstellung mit transösophagealer Echokardiographie
- Computertomografie (CT)
- CT ist die genaueste Diagnostik zur Darstellung von verkalkten Geweben innerhalb des Perikards
- bei der Erstuntersuchung nicht erforderlich, kann aber bei Patient*innen mit neoplastischen Erkrankungen hilfreich sein, um die Behandlungsplanung und Nachsorge zu unterstützen
- kardiale Magnetresonanztomographie (cMRT)
- cMRT ist für die weitere Charakterisierung einer Perikarditis hilfreich
- obwohl als Erstdiagnostik in der Notaufnahme nicht erforderlich ist, ermöglicht die cMRT die Visualisierung und Gewebecharakterisierung sowohl des Perikards als auch des Herzens bei einer Perikarditis
- cMRT unterscheidet aktiv zwischen gemischten entzündlichen Myoperikarderkrankungen (z. B. Myoperikarditis und Perikardverletzung nach Myokardinfarkt)
- im Vergleich zur CT liefert die cMRT Informationen über die hämodynamische Beeinträchtigung des nicht nachgiebigen Perikards bei der Herzfüllung
Management
- Behandlung der Perikarditis hängt vom Vorliegen oder Nichtvorliegen von Risikofaktoren ab
- stationäre Aufnahme bei jedem V.a. Perikarditis mit Prädiktor für schlechte Prognose zur Behandlung und zur Abklärung der Ätiologie
- Patient*innen ohne schwerwiegende oder geringfügige Risikofaktoren können nach empirischer NSAR-Therapie und kurzfristiger Nachuntersuchung nach einer Woche zur Beurteilung des Ansprechens auf die Behandlung entlassen werden
- Patient*innen, die nach einwöchiger NSAR-Therapie nur schlecht ansprechen, sollten als Patient*innen mit „mittlerem Risiko“ eingestuft und zur weiteren Behandlung und Ursachenforschung stationär aufgenommen werden
- Patient*innen sollten körperliche Aktivität bis zum Abklingen der Symptome und zur Normalisierung der Biomarker einschränken (Empfehlung für Sportler*innen Wettkampfsport bis 3 Monate nach Abklingen der Symptome zu vermeiden)

medikamentöse Therapie
- Aspirin als Mittel der 1. Wahl (oral)
- Initialdosis: 750 – 1000 mg alle 8 h
- Behandlungsdauer: 2 Wochen, anschließend wie folgt ausschleichen: nach 2 Wochen Dosis alle 1 – 2 Wochen um 250 – 500 mg reduzieren
- Ibuprofen (oral)
- Dosierung
- Initialdosis: 600 mg alle 8 h
- Behandlungsdauer: 2 Wochen, anschließend wie folgt ausschleichen: nach 2 Wochen Dosis wöchentlich um 200 – 400 mg reduzieren
- Dauer der Behandlung richtet sich nach klinischen Symptomen und CRP-Werten
- schrittweise Dosisreduzierung, um die späteren Rezidivraten zu senken
- schrittweise Reduzierung in allen Fällen, auch bei asymptomatischer Perikarditis
- in unkomplizierten Fällen dauert die Behandlung in der Regel 1 – 2 Wochen
- Magenschutz ebenfalls in Betracht ziehen
- Dosierung
- Colchicin (oral)
- Colchicin als Ergänzung zur empirischen NSAR-Therapie, um Ansprechen zu verbessern und Remissionsraten zu erhöhen
- CAVE: vorsichtige Gabe bei Patient*innen mit Nieren- und Leberfunktionsstörungen
- Dosierung
- Initialdosis: 0,5 mg einmal täglich (bei Körpergewicht < 70 kg) oder 0,5 mg zweimal täglich (bei Körpergewicht > 70 kg)
- Behandlungsdauer: 3 Monate (inkl. Ausschleichphase*; schrittweise Reduzierung der Colchicin-Dosis ist nicht zwingend erforderlich)
- in den letzten Wochen die Dosis auf 0,5 mg jeden 2. Tag (bei Körpergewicht < 70 kg) oder 0,5 mg einmal täglich (bei Körpergewicht > 70 kg) reduzieren
spezielle Überlegungen zur Herzbeuteltamponade
- Herzbeuteltamponade ist eine lebensbedrohliche Komplikation der Perikarditis
- tritt bei bis zu 3,1 % der Patient*innen mit Perikarditis auf
- Symptomatik
- Tachykardie
- Hypotonie
- Puls paradoxus (inspiratorischer Abfall des RRsys um > 10 mmHg bei normaler Atmung)
- erhöhter Jugularvenendruck (JVP)
- gedämpfte Herztöne
- verminderte EKG-Spannung mit elektrischer Alternanz
- vergrößertes im Röntgenbild
- bei V.a. auf Herzbeuteltamponade Durchführung einer Echokardiographie, um Erguss zu identifizieren sowie Größe und hämodynamischen Einfluss abzuschätzen
- Behandlung umfasst die Drainage der Perikardflüssigkeit, vorzugsweise durch Nadelperikardpunktion (CAVE: unverzügliche Durchführung bei instabilen Patient*innen)


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