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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – aliphatische Amine“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • aliphatische Amine, z.B. niedere aliphatische Amine wie:
    • (Mono-)Methylamin (CH3NH2)
    • Dimethylamin ((CH3)2NH)
    • Trimethylamin ((CH3)3N)
    • (Mono-)Ethylamine ((CH2CH2NH2)
    • Diethylamin ((CH3CH2)2NH)
    • Triethylamin ((CH3CH2)3N)
  • stark alkalische Derivate des Ammoniaks
  • Methylamin und Ethylamin sind farblose Gase bei Raumtemperatur UND andere aliphatische Amine sind leicht flüchtige Flüssigkeiten
  • Amine sind gut bis mäßig in Wasser löslich und haben charakteristischen unangenehmen Geruch (ammoniakartig bei hoher Konzentration, fischartig bei niedriger Konzentration)
  • weite Verwendung als Ausgangsmaterialien für chemische Synthesen, als Zwischenprodukte und Lösemittel bei der Herstellung von Kunststoffen, Pflanzenschutzmitteln, Sprengstoffen, Farbstoffen, oberflächenaktiven Substanzen, Katalysatoren und anderen Chemikalien

Exposition

  • Einatmen
    • Exposition im Wesentlichen durch Einatmen (Geruch und Reizwirkung haben deutliche Warnwirkung; Abstumpfen der Geruchswahrnehmung mgl.)
  • Haut-/Augenkontakt
    • unmittelbare Reizung der Augen und feuchter Haut bereits bei niedriger Konzentrationen
    • starke Verätzungen bei direktem Kontakt der Augen oder feuchter Haut mit flüssigen aliphatischen Aminen, konzentriertem Gas oder Dampf
  • Verschlucken
    • unbeabsichtigtes Verschlucken unwahrscheinlich
    • schwere Schäden durch Verätzungen in Mund, Rachen und Magen

akute gesundheitliche Wirkungen

  • Atemweg
    • Reizungen der Augen, der Nase und des Rachens
    • Atembeschwerden bis hin zu Atemnot mit Husten, Verengung der oberen Atemwege und der Bronchien sowie Lungenödem mgl.
  • Haut-/Augenkontakt
    • brennende Schmerzen, Entzündungen, Blasen und Geschwüre bei Kontakt mit Gasen oder Dämpfe, wenn Haut nass oder feucht
    • ggf. Erfrierungen bei Kontakt mit unter Druck stehenden, flüssigen aliphatischen Aminen
    • schmerzloses Hornhautödem mit Schleiersehen, Vorspiegelung graublauer Farben und Halos bei niedrigen Gas- oder Dampfkonzentrationen
    • Konjunktival-Blutungen, Hornhauttrübungen und Hornhautentzündungen bei höherer Konzentration
    • weitere Symptome wie starkes Brennen, krampfhaftes Blinzeln oder Schließen der Augenlider, Rötung und Tränen mgl.
  • Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwäche und Unruhe bei Einatmen vorübergehend mgl.

mögliche Folgen

  • Symptome klingen gewöhnlich wieder ab (ggf. Wochen bis Monate) –> i.d.R. vollständige Wiederherstellung
  • persistierende chronische Lungenerkrankung nach Überlebenden einer schweren inhalativen Schädigung
  • irreversible Augenschäden und Sehstörungen bei Augenkontakt mit flüssigen aliphatischen Aminen

Dosis-Wirkungs-Beziehung

KonzentrationWirkung/Effekte
0,01 – 20 ppmWahrnehmung eines fischartigen Geruchs (CAVE: Toleranzentwicklung)
5 – 25 ppmleichte Sehstörungen
10 – 100 ppmvorübergehende Schleimhautreizungen
100 – 200 ppmGeruch wird ammoniakartig
50 – 500 ppmdeutliche Reizung von Haut, Augen und oberen Atemwegen mit Konjunktivitis, Erstickungsgefühl

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen bei Konzentration > 50 ppm
  • nur für akute Rettungsmaßnahmen kann Einwirkung von aliphatischen Aminen ohne Schutzausrüstung in Konzentrationen < 50 ppm kurzfristig akzeptiert werden
  • Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur ggü. Gas oder Dampf von aliphatischen Aminen exponiert waren, besteht nicht
  • Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit flüssigem Acrylnitril benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasende aliphatische Amine gefährden

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)

Reinigung

  • keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Gas- oder Dampf-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung flüssigen aliphatischen Aminen Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
  • betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen (CAVE: Augen schützen)
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min bis der pH-Wert der Konjunktival-Flüssigkeit wieder bei 7 (Lokalanästhetikum-Lösung wie z.B. Lidocain oder Oxybuprocain erwägen bei Behinderung durch krampfhaften Lidschluss; CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • empirische Therapie
  • kein spezifisches Antidot verfügbar
  • Augen-Exposition kann Reizungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
  • jede Exposition ggü. Gesichtsbereich und jede Verätzung eines Hautareals > 100 cm2 als ernst betrachten
  • Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
  • Maßnahmen bei Konzentration > 100 ppm und klinischen Symptome (z.B. Reizungen der Augen oder pulmonale Symptome)
    • Sauerstoffgabe
    • Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
    • bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
      • 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
      • Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
      • falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
      • 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
    • Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
      • CPAP-Therapie
      • 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
      • bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
    • keinen Fall Erbrechen provozieren bei Verschlucken –> Transport in Endoskopie-Zentrum bei Ösophagusreizung oder -verätzung

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • Pulsoxymetrie, p.a.-Thorax-Röntgen und Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
    • radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
  • Routinelaboruntersuchung (großes Blutbild, Glukose & Elektrolyte)
  • Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum bei Expositionskonzentration > 100 ppm bzw. mit deutlichen klinischen Symptomen
  • bei nur leichten, schnell abklingenden Symptomen der oberen Atemwege (leichtes Brennen oder Husten) sind verzögert auftretende Wirkungen unwahrscheinlich
  • unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2 < 90 %
  • O2 über Maske bei verschlechterter Blutgaskonzentrationen und/oder Zeichen eines toxischen Lungenödems im Thorax-Röntgen
  • CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h bei sich manifestierender Verschlechterung (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
  • bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
  • ZVK-Anlage zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
  • Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. bei persistierendem Lungenödem alle 8 – 12 h
  • keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe (ggf. basierend auf Ergebnissen der Sputum-Kulturen indiziert; CAVE: Pneumonie als Komplikation mgl.)

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Exposition < 100 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen von aliphatischen Aminen kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
    • mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
    • bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h
    • Spirometrie nach Entlassung in regelmäßigen Abständen wiederholen bis zur Normalisierung der Werte auf die Ausgangswerte der Patient*innen vor Exposition
Published inLeitlinien kompakt

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