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Konsensusstatement „Women’s heart centres“ der ESC

veröffentlichende Fachgesellschaft: European Society of Cardiology (ESC)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 26.05.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag350

Grundsätzliches

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen und für 30 % der weltweiten Sterblichkeit verantwortlich
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden bei Frauen weiterhin zu selten diagnostiziert und behandelt und die Forschung widmet sich erst in jüngster Zeit verstärkt diesem Thema

Hindernisse bei der Einrichtung von Herzzentren für Frauen (WHC) und Lösungsvorschläge

  • finanzielle Einschränkungen
    • vorgeschlagene Lösung
      • stufenweise Umsetzung mit Priorisierung wirkungsvoller Leistungen
      • Nutzung der bestehenden Infrastruktur
      • Integration in die bestehenden kardiologischen und geburtshilflichen Dienste
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • fungieren als Referenzzentren, die Behandlungspfade koordinieren, anstatt Dienstleistungen zu duplizieren
  • regionale Ungleichheiten
    • vorgeschlagene Lösung
      • regionale Hub-and-Spoke-Netzwerke
      • Zusammenarbeit zwischen Universitätskliniken und peripheren Krankenhäusern
      • Telekonsultation
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Bereitstellung von fortgeschrittenem Fachwissen und Unterstützung für regionale und gemeindenahe Dienste
  • Arbeitskräftemangel
    • vorgeschlagene Lösung
      • gemeinsame Versorgungsmodelle
      • gezielte Schulungsprogramme
      • virtuelle multidisziplinäre Teambesprechungen
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Leitung von Bildung, Schulung und multidisziplinärer Koordination im gesamten Netzwerk
  • Risiko der geografischen Konzentration
    • vorgeschlagene Lösung
      • vernetzte Modelle statt eigenständiger Zentren
      • mobile Kliniken
      • Telemedizin
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      •  dienen als Organisations- und Bildungszentren, nicht als ausschließliche Pflegeanbieter
  • Fragmentierung der Versorgung
    • vorgeschlagene Lösung
      • klare Integration mit der Primärversorgung, der allgemeinen Kardiologie und der Geburtshilfe
      • gemeinsame klinische Behandlungspfade
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Förderung der Integration und Verbreitung geschlechtsspezifischer kardiovaskulärer Expertise
  • begrenztes Bewusstsein und Bildung für/bzgl. geschlechtsspezifischer kardiovaskulärer Risiken bei medizinischem Fachpersonal und der Öffentlichkeit
    • vorgeschlagene Lösung
      • strukturierte Ausbildungsprogramme
      • kontinuierliche medizinische Weiterbildung
      • Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Entwicklung und Verbreitung von Lehrmaterialien und beruflicher Weiterbildung
  • Variabilität in den Gesundheitssystemen
    • vorgeschlagene Lösung
      • flexible, kontextspezifische WHC-Modelle, die an lokale Systeme anpassbar sind
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Bereitstellung eines Rahmens, der an nationale und regionale Gesundheitsstrukturen anpassbar ist
  • Zugangsbarrieren für Patientinnen
    • vorgeschlagene Lösung
      • Telemedizin, Fernüberwachung, digitale Bildungswerkzeuge
    • Rolle der WHC innerhalb des Gesundheitssystems
      • Unterstützung von Fernberatung, Nachsorge und Patienteneinbindung

Ziele eines Herzzentrums für Frauen

  • Früherkennung und Diagnose
    • Schärfung des Bewusstseins für geschlechtsspezifische Erscheinungsformen von ischämischer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen
    • Implementierung von Screening-Strategien, die auf die individuellen Risikoprofile von Frauen zugeschnitten sind und reproduktive sowie psychosoziale Faktoren berücksichtigen
  • umfassende Risikobewertung
    • routinemäßige Einbeziehung frauenspezifischer Risikofaktoren (z.B. negative Schwangerschaftsausgänge, Autoimmunerkrankungen, vorzeitige Menopause) und sozialer Determinanten der Gesundheit in die kardiovaskuläre Risikobewertung
  • evidenzbasierte, geschlechtsspezifische Versorgung
    • Integration leitliniengerechter Therapien, die an die geschlechtsspezifischen Unterschiede angepasst sind, entlang des gesamten kardiovaskulären Kontinuums, um gleichberechtigte Behandlung aller Frauen zu gewährleisten
  • Patientenaufklärung und -einbindung
    • Entwicklung kultursensibler Lehrmaterialien und Befähigung von Frauen zur aktiven Mitwirkung an gemeinsamen Entscheidungen über ihre medizinische Versorgung
  • interdisziplinäre und kooperative Betreuung
    • Förderung koordinierter, multidisziplinärer Teamansätze unter Einbeziehung von Kardiolog*innen, Geburtshelfer*innen, Onkolog*innen, Endokrinolog*innen und anderen medizinischen Fachkräften
  • Forschung und klinische Studien
    • Vorantreiben von Forschung, indem die Einbeziehung von Frauen in klinische Studien im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefördert und geschlechtsspezifische therapeutische Reaktionen und Ergebnisse untersucht werden
  • Überwindung sozioökonomischer Barrieren
    • Ergreifen von Maßnahmen (z.B. Telemedizin, aufsuchende Programme), um den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu verbessern, v.a. in unterversorgten Bevölkerungsgruppen
  • psychosoziale und Rehabilitationsunterstützung
    • Integration psychologischer und verhaltensbezogener Interventionen in die Routineversorgung, um der höheren Belastung durch psychische Gesundheitsprobleme bei Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu begegnen
  • Ausbildung und Weiterbildung von Gesundheitsfachkräften
    • Einrichtung von Ausbildungsprogrammen und Zertifizierungswegen mit Schwerpunkt auf der Herz-Kreislauf-Gesundheit von Frauen für Ärzt*innen und verwandte Berufsgruppen
  • Nutzung digitaler Gesundheitstechnologien und Innovationen
    • Nutzung digitaler Tools, Wearables und künstlicher Intelligenz, um personalisierte Pflege, Fernüberwachung und Risikostratifizierung zu ermöglichen

Kern- und erweitere Kompetenzen im Bereich der Herz-Kreislauf-Gesundheit von Frauen

DomäneKernkompetenzenerweiterte Kompetenzen
GrundlagenwissenVerständnis der geschlechts- und genderspezifischen kardiovaskulären Risikofaktoren im gesamten Lebensverlauf, inkl. schwangerschaftsbedingter Erkrankungen und Menopausehochspezialisierte Expertise in komplexen, vorwiegend bei Frauen auftretenden Erkrankungen (z. B. INOCA, MINOCA, SCAD, HFpEF, Kardiomyopathien in der Schwangerschaft)
klinische Beurteilung– Erkennung geschlechtsspezifischer Symptomatik und Krankheitsphänotypen
– angemessene Risikostratifizierung und Überweisung
umfassende Beurteilung komplexer oder atypischer Krankheitsbilder mithilfe fortschrittlicher Diagnoseverfahren
VerhütungUmsetzung leitliniengerechter Präventionsstrategien unter Einbeziehung geschlechtsspezifischer RisikofaktorenEntwicklung und Leitung von frauenzentrierten Präventionsprogrammen o.Ä.
diagnostische StrategienBewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und Interpretation diagnostischer TestsFachkompetenz in geschlechtsspezifischer multimodaler Bildgebung, Koronarphysiologie und spezialisierten Testverfahren
therapeutisches ManagementAnwendung evidenzbasierter pharmakologischer und nicht-pharmakologischer Therapien unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer AspekteManagement komplexer therapeutischer Entscheidungen, einschließlich interventioneller und schwangerschaftsbezogener Versorgung
perkutane und strukturelle EingriffeBewusstsein für geschlechtsspezifische Aspekte bei Überweisung, Risikobewertung und Nachsorgeerweiterte Einbindung in die multidisziplinäre Entscheidungsfindung des Herzteams bei koronaren und strukturellen Eingriffen bei Frauen
multidisziplinäre Zusammenarbeiteffektive Kommunikation und Zusammenarbeit mit Hausärzt*innen, Geburtshelfer*innen und anderen GesundheitsfachkräftenFührung multidisziplinärer Teams, inkl. kardiologischer und geburtshilflicher Teams sowie spezialisierter Behandlungspfade
Schul- und BerufsbildungTeilnahme an kontinuierlicher beruflicher Weiterbildung zum Thema Geschlechtsunterschiede bei Herz-Kreislauf-ErkrankungenEntwicklung und Durchführung von Fortbildungsprogrammen für Angehörige der Gesundheitsberufe in verschiedenen Netzwerken
Forschung und QualitätsverbesserungBewusstsein für geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei der Forschungsteilnahme und den ForschungsergebnissenFührungsrolle in Forschung, Registerentwicklung, Auditierung und Initiativen zur Qualitätsverbesserung
Führung und ManagementEinhaltung institutioneller und nationaler PflegestandardsProgrammleitung, Entwicklung von Handlungspfaden und Koordination von WHC-Netzwerken
Ausrichtung an ESC-RahmenwerkenBeteiligung an bestehenden Bildungs- und CPD-Aktivitäten der ESCBeitrag zu ESC-konformen Lehrplänen, modularen Schulungen und kompetenzbasierten Zertifizierungswegen
Kernkompetenzen: werden von allen Kardiologen und relevanten medizinischen Fachkräften erwartet
erweiterte Kompetenzen: werden von WHC-Leiter*innen und Referenzzentren erwartet

Empfehlungen für die Einrichtung von WHC

  • Einführung eines vernetzten Versorgungsmodells
    • WHC soll als „Hub-and-Spoke“-Referenzzentren etablieren, die in bestehende kardiovaskuläre Versorgungsangebote integriert sind, wobei die Routineversorgung in der Primärversorgung und der allgemeinen Kardiologie erfolgt und komplexe Fälle an spezialisierte Zentren überwiesen werden
  • geschlechtsspezifische kardiovaskuläre Versorgung auf allen Ebenen verankern
    • Sicherstellung, dass das Bewusstsein, die Fortbildung und die Sensibilität für geschlechtsspezifische kardiovaskuläre Risikofaktoren und Krankheitsbilder in allen klinischen Bereichen, von der Primärversorgung bis hin zu den Fachkliniken, gestärkt werden
  • Festlegung klarer Führungs- und Leitungsstrukturen
    • Ernennung engagierter klinischer Führungskräfte und multidisziplinärer Teams, die innerhalb der WHC-Netzwerke für die Koordination, die Entwicklung von Behandlungsabläufen, die Fortbildung und die Qualitätssicherung zuständig sind
  • Bildung und Ausbildung in den Vordergrund stellen
    • Kernkompetenzen im Bereich der kardiovaskulären Gesundheit von Frauen in die Standardausbildung in Kardiologie und Primärversorgung integrieren, wobei fortgeschrittene Kompetenzen für Ärzt*innen entwickelt werden sollten, die im Bereich der kardiovaskulären Gesundheit von Frauen tätig sind
  • Verstärkung von Prävention und Sensibilisierung der Öffentlichkeit
    • Förderung von Aufklärungs- und Präventionsinitiativen, die sich an medizinisches Fachpersonal, Frauen und die breite Öffentlichkeit richten, in Zusammenarbeit mit Gesundheitsbehörden und Patientenorganisationen
  • Standardisierung von Diagnose- und Überweisungsprozessen
    • Einführung strukturierter, geschlechtsspezifischer Behandlungswege für Erkrankungen, die bei Frauen häufiger auftreten oder seltener erkannt werden, darunter INOCA/MINOCA und schwangerschaftsbedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Realisierung eines gerechten Zugangs zu interventioneller Versorgung
    • Förderung eines leitliniengerechten Zugangs zu koronaren und strukturellen Eingriffen für Frauen, gestützt auf die Entscheidungsfindung eines multidisziplinären Herzteams und standardisierte Überweisungsprozesse
  • Nutzung von Telemedizin und digitale Gesundheit
    • Nutzung von Telekonsultationen, virtuellen multidisziplinären Besprechungen und digitalen Bildungsinstrumente, um den Zugang zu verbessern, v.a. in unterversorgten oder ressourcenarmen Regionen
  • Förderung inklusiver Forschung und Datenerhebung
    • Förderung von gleichberechtigter Teilnahme von Frauen an Registern und klinischen Studien
    • Beitrag zur Erhebung von europaspezifischen Ergebnisdaten zur kardiovaskulären Gesundheit von Frauen
  • Einführung einer kontinuierlichen Qualitätssicherung und -bewertung
    • Definition von Qualitätsindikatoren
    • Unterstützung von Audits und Benchmarking
    • Nutzung von Ergebnisdaten, um die kontinuierliche Verbesserung und nachhaltige Umsetzung der WHC-Netzwerke voranzutreiben

kurz- und langfristige Umsetzung des Modells von Herzzentren für Frauen

Domänewichtigste Empfehlungenkurzfristige Umsetzung (0 – 2 Jahre)langfristige Umsetzung (≥ 3 Jahre)
Gesamtmodell des WHCFunktion als vernetzte Referenzzentren nach dem Hub-and-Spoke-Prinzip, die in bestehende Gesundheitssysteme integriert sind– Referenzzentren ermitteln
– regionale Netzwerke aufbauen
– Überweisungswege festlegen
etablierte regionale und nationale Netzwerke für die Versorgung von Menschen mit Behinderungen mit standardisierten Versorgungswegen
Führung & Leitungklare Führung und Verantwortlichkeit sind für die Koordinierung des WHC unerlässlich– Verantwortliche für den WHC ernennen
– multidisziplinäre Teams definieren
– Abstimmung mit der institutionellen Leitungsstruktur
– nationale Anerkennung der WHC-Netzwerke
– dauerhafte Führungsstrukturen
Integration in die medizinische GrundversorgungVerankerung geschlechtsspezifischer Herz-Kreislauf-Versorgung auf allen Versorgungsebenen– Überweisungsalgorithmen entwickeln
– Grundversorgung und allgemeine Kardiologie einbinden
routinemäßige Einbeziehung geschlechtsspezifischer Behandlungswege in der Primär- und ambulanten Versorgung
Ausbildung & Weiterbildungvon allen Kardiolog*innen sollten Kernkompetenzen im Bereich der Herz-Kreislauf-Gesundheit von Frauen erwartet werdenIntegration geschlechtsspezifischer Module in Fortbildungs- und lokale SchulungsprogrammeVerabschiedung von an den ESC-Leitlinien ausgerichteten kompetenzbasierten Lehrpläne auf nationaler Ebene
fundiertes Fachwissenerforderliche fortgeschrittene Kompetenzen für WHC-Leiter und Referenzzentren– Ärzt*innen mit fundierter Fachkompetenz ermitteln
– Einleitung multidisziplinärer Fallbesprechungen
strukturierte Weiterbildungswege und anerkannte Kompetenzzentren
Prävention & AufklärungAufklärung und Prävention sind entscheidend für die Verbesserung der ErgebnisseStart von Initiativen zur beruflichen Weiterbildung und AufklärungskampagnenEinbeziehung der Herz-Kreislauf-Gesundheit von Frauen in nationale Präventionsstrategien
DiagnosepfadeVerbesserung der Erkennung und Diagnose von Erkrankungen, die vorwiegend bei Frauen auftretenEinführung von INOCA/MINOCA- und kardio-obstetrischen Behandlungspfaden in Referenzzentrenharmonisierte Diagnosepfade in regionalen Netzwerken
interventionelle BehandlungGewährleistung eines gerechten Zugangs zu koronaren und strukturellen EingriffenStandardisierung der Überweisung und der Entscheidungsfindung im Herzteam für Frauenlaufende Überprüfung geschlechtsspezifischer Behandlungsergebnisse
Telemedizin & digitale Gesundheitdigitale Tools sollten einen gerechten Zugang und die Zusammenarbeit in multidisziplinären Teams fördernEinführung von Telekonsultationen und virtuellen MDT-Sitzungenskalierbare digitale Netzwerke zur Unterstützung der regionalen und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit
Forschung & RegisterBekämpfung der Unterrepräsentation von Frauen in der ForschungFörderung der Teilnahme von Frauen an Registern und StudienErhebung aussagekräftiger europäischer Ergebnisdaten und Durchführung gesundheitsökonomischer Analysen
Qualitätssicherungkontinuierliche Bewertung erforderlich, um die Wirksamkeit sicherzustellenDefinition von Qualitätsindikatoren und Einleitung von AuditprozessenBenchmarking und kontinuierliche Qualitätsverbesserung auf nationaler und europäischer Ebene
Gerechtigkeit & InklusionWHC sollten gesundheitliche Ungleichheiten verringern – und nicht verschärfen– Anpassung der Modelle an ressourcenarme Umgebungen
– Zugang über Netzwerke fördern
nachhaltige und kontextsensitive Umsetzung des WHC in ganz Europa
Published inLeitlinien kompakt

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