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10.11. – Im Notfall Psychiatrie – Safety Planning anstatt „No‑Suicide‑Contract“ (Welttag der Suizidprävention 2026)

Der Welttag der Suizidprävention erinnert uns jedes Jahr daran, dass hinter jeder suizidalen Krise ein Mensch steht, der Unterstützung, Orientierung und Hoffnung braucht. Doch wie können Fachkräfte Betroffene in akuten Krisen tatsächlich begleiten? Während früher häufig auf sogenannte „No-Suicide-Contracts“ gesetzt wurde, rückt heute das Suicide Safety Planning als praktischer und partnerschaftlicher Ansatz in den Vordergrund. Warum dieser Perspektivwechsel wichtig ist und welche Konsequenzen er für die akut- bzw. notfallpsychiatrische Versorgung hat, ist Thema des heutigen Beitrags.

Das Problem mit dem „No‑Suicide‑Contract“

Der „No‑Suicide‑Contract“ bittet oder fordert Patient*innen, zu versprechen, sich in einem bestimmten Zeitraum nichts anzutun – oft als Bedingung für die Aufnahme, Entlassung oder als vermeintliche Risikominimierung. Mehrere systematische Übersichten und Leitlinien kommen jedoch übereinstimmend zu dem Schluss: Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass solche Verträge Suizidhandlungen verhindern. Konkret sind folgende Probleme zentral:

  • fehlende Evidenz: Reviews zeigen keine Wirksamkeit zur Prävention von Suizidverhalten oder Selbstverletzung, vielmehr warnen manche Autor*innen sogar vor einer falschen Sicherheit bei Behandelnden.
  • ethisch‑therapeutische Risiken: Das „Versprechen“ verlagert die Verantwortung einseitig auf die Patient*innen und kann die therapeutische Allianz belasten, besonders wenn ein „No‑Suicide‑Contract“ als Bedingung oder Druckmittel eingesetzt wird.
  • klinische Fehlanreize: Wenn der Vertrag als „Absicherung“ missverstanden wird, können eigentlich notwendige Maßnahmen (z.B. Means‑Restriction, engmaschige Nachsorge, Krisenplanung) vernachlässigt werden.
  • kaum richtiges Hilfspotential in der Krise: Suizidimpulse entstehen oft in akuten, hochaffektiven Zuständen. Ein einmaliges Versprechen hat in solchen Momenten wenig Steuerungswirkung und bietet keine konkreten Handlungsalternativen.

Kurz: Der „No‑Suicide‑Contract“ ist weder ein wirksames Sicherheitsinstrument noch ein geeigneter Ersatz für eine strukturierte Risikobearbeitung.

Safety Planning als evidenzbasierte Alternative

Safety Planning (häufig auch als „Stanley‑Brown Safety Planning Intervention“, SPI, bezeichnet) ist eine kurze, kollaborative Intervention, bei der gemeinsam mit der betroffenen Person ein schriftlicher, priorisierter Handlungsplan für den Fall einer akuten suizidalen Krise erstellt wird. Im Kern geht es darum, frühzeitige Warnsignale zu erkennen und konkret benennbare Schritte bereitzuhalten, die in der Krise tatsächlich abrufbar sind.

typische Bausteine eines Safety Plans

In der Literatur werden meist sechs (teilweise sieben) Schritte beschrieben, die nacheinander durchgearbeitet werden:

  1. Warnsignale erkennen: persönliche Trigger, Gedanken, Gefühle, Bilder, Verhaltensänderungen oder Situationen, die einer akuten Krise vorausgehen (z.B. „Ich ziehe mich zurück“, „Ich trinke mehr“, „Ich denke, ich bin eine Last“)
  2. interne Bewältigungsstrategien: Dinge, die die Person allein tun kann, um den akuten Druck zu reduzieren (z.B. Ablenkungstechniken, Atemübungen, grounding, kurze Spaziergänge, Musik, Schreiben – konkret und alltagstauglich formuliert)
  3. soziale Kontakte/Orte zur Ablenkung: Personen und Orte, die Kontakt und Ablenkung bieten, ohne dass die Krise sofort thematisiert werden muss (z.B. „Café X“, „Freundin Y anrufen, um über Alltägliches zu reden“)
  4. Vertrauenspersonen für direkte Hilfe: konkrete Namen und Kontakte von Menschen, denen die Person im Krisenfall von den suizidalen Gedanken erzählen und um Unterstützung bitten kann.
  5. professionelle Ressourcen und Notfalloptionen: Behandler*innen, Krisendienste, regionale Notrufnummern, die 24/7 erreichbar sind (z.B. örtliche/regionale Krisendienste oder die 112 bei unmittelbarer Gefahr)
  6. Umgebung sicher machen (Means‑Restriction): konkrete Schritte, um den Zugang zu letalen Mitteln zu reduzieren oder zu verzögern (z.B. Medikamente sichern/abgeben, Waffen außer Haus, gefährliche Gegenstände wegräumen)

Einige Modelle ergänzen explizit „Gründe zu leben“ als eigenen Schritt, um positive Erinnerungen, Werte und Bindungen in der Krise abrufbar zu machen.

Was Safety Planning evidenzbasiert macht

Mehrere Merkmale unterscheiden Safety Planning von bloßen „Verträgen“ und machen es zu einer wirksameren Praxis:

  • kollaborativ statt autoritär: Plan wird gemeinsam erarbeitet, nicht vorgegeben, und die therapeutische Allianz und Passung an die Lebenswelt der Person stehen im Zentrum
  • konkret und handlungsleitend: statt abstrakten Versprechens werden konkrete, priorisierte Schritte festgehalten, die in der Krise nacheinander durchgearbeitet werden können
  • krisen‑ und alltagstauglich: Strategien orientieren sich an real verfügbaren Ressourcen (Personen, Orte, Telefonnummern, konkrete Mittel‑Sicherung)
  • schriftlich und zugänglich: Plan wird schriftlich festgehalten und so aufbewahrt, dass er in der Krise schnell greifbar ist (z.B. im Portemonnaie, als Foto im Handy)
  • Wirksamkeitsdaten: Studien, u.a. eine randomisierte Studie in der Notaufnahme, zeigen eine relevante Reduktion suizidalen Verhaltens (ca. 45% weniger suizidale Handlungen innerhalb von 6 Monaten) sowie eine bessere Anbindung an ambulante Weiterbehandlung im Vergleich zur üblichen Versorgung

CAVE
Wichtig ist zu betonen: Safety Planning ersetzt keine umfassende Risikobeurteilung und keine weiteren notwendigen Maßnahmen (z. B. engmaschige Nachkontakte, Behandlung der zugrundeliegenden Störung, Einbezug des Umfelds). Es ist ein Baustein innerhalb eines größeren, personenzentrierten Sicherheitskonzepts.

Quellen

Published inIm Notfall PsychiatrieWelttag...

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