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Im Notfall Psychiatrie – Anwesenheit von Bezugspersonen (Ein kleines, evidenzbasiertes Plädoyer)

In der Notfallmedizin geht es oft um die entscheidenden Minuten. Doch Zeitdruck und medizinische Dringlichkeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Patientinnen in akuten Situationen nicht nur körperliche, sondern auch psychische Bedürfnisse haben. Für viele Menschen, wie z.B. ältere Patient*innen, Menschen mit Demenz, ortsfremde Personen (bspw. Urlauber*innen), ängstliche Patient*innen, ist die Anwesenheit einer vertrauten Bezugsperson ein zentraler Faktor für Orientierung, Kooperation und Sicherheit. Trotzdem kommt es viel zu oft vor, dass wir Patient*innen von ihren Bezugspersonen trennen und diese nicht mit in die Klinik nehmen oder Angehörige in der Notaufnahme im Wartezimmer platzieren – und das nicht selten unter vorgeschobenen Gründen.

Aus diesem Grund wird dies hier ein kleines Plädoyer dafür Angehörige oder andere Bezugspersonen öfter im Rettungswagen mit in die Klinik zu nehmen oder in der Notaufnahme bei den Patient*innen zu belassen, sofern dies medizinisch vertretbar und unter Berücksichtigung von Hygiene- und Sicherheitsaspekten problemlos möglich ist.

Das Krankenhaus als Ort der Unsicherheit

Für uns als medizinisches Fachpersonal gehören Notaufnahmen zum Alltag. Für Patient*innen sind sie jedoch häufig eine völlig fremde Umgebung. Besonders belastend ist dies für:

  • ältere Menschen
  • Menschen mit Demenz
  • Patient*innen mit kognitiven Einschränkungen
  • Menschen mit Angststörungen oder psychiatrischen Erkrankungen
  • Kinder und Jugendliche
  • Menschen mit Sprachbarrieren
  • Tourist*innen oder ortsfremde Personen
  • Patient*innen in akuten Krisensituationen

Sie verlieren innerhalb kürzester Zeit ihre gewohnte Umgebung, werden von unbekannten Personen behandelt und müssen oftmals lange Wartezeiten in einer lauten, reizintensiven Umgebung verbringen. Eine vertraute Bezugsperson stellt in dieser Situation häufig den einzigen konstanten Orientierungspunkt dar.

Angehörige sind keine Besucher*innen – sie sind Teil der Versorgung

Die Forschung beschreibt Angehörige zunehmend als wichtige Ressource für eine sichere und qualitativ hochwertige Versorgung. Gerade bei älteren oder dementen Menschen übernehmen Angehörige häufig Aufgaben, die das medizinische Personal allein kaum leisten kann:

  • Vermittlung der Krankengeschichte
  • Informationen zu Medikamenten
  • Beschreibung des Ausgangszustandes
  • Hinweise auf kognitive Veränderungen
  • Unterstützung bei Kommunikation
  • Orientierung und Beruhigung der Patient*innen
  • Mitwirkung an Therapieentscheidungen

Angehörige tragen wesentlich zur Kontinuität der Versorgung bei, fühlen sich jedoch häufig aus Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Gleichzeitig wird ihre Einbindung als wichtiger Baustein zur Verbesserung der Versorgungsqualität beschrieben, da sie z.B. nachweislich das Delirrisiko senken kann.

Sicherheit entsteht nicht nur durch Monitoring & medikamentöse Symptomlinderung

Im Rettungsdienst wird Patient*innensicherheit häufig mit Monitoring, Medikamenten oder technischen Maßnahmen gleichgesetzt. Doch Sicherheit besitzt immer auch eine psychologische Dimension, denn eine vertraute Person kann…

  • … Angst reduzieren.
  • … Orientierung vermitteln.
  • … Panik verhindern.
  • … Kooperation fördern.
  • … Kommunikationsprobleme lösen.
  • … Delirrisiken vermindern.
  • … Vertrauen schaffen.

Gerade bei Menschen mit Demenz gilt eine bekannte Bezugsperson als einer der wichtigsten nichtmedikamentösen Faktoren zur Vermeidung von Desorientierung und Stress. Die Literatur betont deshalb ausdrücklich die Bedeutung informeller Pflegepersonen in der Versorgung älterer Menschen in der Notaufnahme.

Schlussendlich sorgen Desorientierung und Stress für akute Angst, welche das sympathische Nervensystem aktiviert. Die Folgen davon können u.a. sein:

  • Tachykardie
  • Hypertonie
  • Hyperventilation
  • erhöhter Sauerstoffverbrauch
  • schlechtere Schmerzverarbeitung
  • erschwerte Diagnostik
  • geringere Therapieadhärenz

Die Anwesenheit vertrauter Personen reduziert nachweislich bei vielen Patient*innen Stress und verbessert das subjektive Sicherheitsempfinden. Auch wenn ein Teil der Evidenz aus Notaufnahmen und Reanimationssituationen stammt und nicht für den „normalen“ Rettungsdiensteinsatz, zeigt sich konsistent, dass die Einbindung von Angehörigen eher positive als negative Effekte hat und nicht zu einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung führt. Und darüber hinaus noch die Würde und Autonomie der Patient*innen respektiert.

Auch für den Rettungsdienst ergeben sich Vorteile

Die Mitnahme einer Bezugsperson dient nicht ausschließlich den Patient*innen. Auch wir im Rettungsdienst profitiert davon, z.B. durch:

  • schnellere Anamnese
  • weniger Informationsverlust
  • bessere Medikamentenanamnese
  • zuverlässigere Angaben zum Ereignis
  • Unterstützung bei der Kommunikation
  • bessere Übergabe an die Notaufnahme

Gerade bei älteren Patient*innen betonen systematische Übersichtsarbeiten, dass Entscheidungen im Rettungsdienst häufig gemeinsam mit Patient*innen und Angehörigen getroffen werden und Angehörige dabei eine wichtige Rolle im Entscheidungsprozess übernehmen.

Und jede*r im Rettungsdienst kennt wahrscheinlich die typische Situation, wenn die wichtigsten Punkte mit den Patient*innen geklärt sind oder die Annamese vollständig ist und sich diese komische Stille im Rettungswagen einstellt, weil es nicht mehr zu besprechen gibt. Genau in dieser Stille lassen wir die Patient*innen ggf. mit ihren Sorgen und Ängsten allein und genau hier sind Bezugspersonen ein absoluter Gamechanger, da diese die berückende Stille oftmals durch einfach Gespräche mit ihren Verwandten oder Anvertrauten brechen oder gar nicht erst aufkommen lassen.

häufige Gegenargumente

„Der Rettungswagen ist kein Taxi.“
Richtig! Und die Mitnahme erfolgt nicht als alleinige Serviceleistung, sondern als patient*innenenzentrierte Intervention. Denn eine Bezugsperson erfüllt eine medizinisch relevante Unterstützungsfunktion.

„Es gibt keinen bzw. zu wenig Platz im RTW.“
Die meisten RTWs verfügen über ausreichend zugelassene Begleitsitze; 2 – 3 Sitze im Patient*innenbereich und 1 Beifahrer*innensitz. Wo diese vorhanden sind und keine Sicherheitsbedenken bestehen, sollte seine Nutzung ernsthaft geprüft werden.

„Das Ganze verzögert ja vielleicht noch den Einsatz.“
Die zusätzliche Zeit beschränkt sich meist auf wenige Sekunden. Demgegenüber stehen häufig eine bessere Kommunikation, weniger Angst und eine vollständigere Anamnese/Übergabe.

„Angehörige stören ja nur bzw. oftmals.“
Dieses Argument basiert, wenn man sich ehrlich macht, häufig nur auf Einzelfällen. Die wissenschaftliche Literatur beschreibt Angehörige überwiegend als Ressource, sofern klare Kommunikation und Rollendefinition erfolgen.

„Aber dadurch kann ja ein Infektionsrisiko entstehten.“
Bei infektiösen Erkrankungen (z.B. hochkontagiöse Atemwegsinfektionen) ist natürlich Zurückhaltung geboten. Aber ansonsten sind einfache Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen i.d.R. ausreichend. Oftmals haben wir ja davor schon mehrere Minuten mit den Angehörigen/Bezugspersonen an der Einsatzstelle verbracht.

„Aber dadurch kommt es doch zu einer Beeinträchtigung der medizinischen Versorgung…“
Studien zeigen keine Verschlechterung der klinischen Ergebnisse durch Angehörigenpräsenz. Und mit klaren Regeln und geschultem Personal lassen sich Störungen vermeiden.

„Aber die rechtlichen, versicherungstechnischen und Haftungsfragen…“
Klare Dokumentation, Einweisung und Einhaltung von Standards reduzieren rechtliche Risiken. Leitlinien und lokale Regelwerke können rechtliche Unsicherheiten adressieren.

EXKURS – Family Presence During Resuscitation (FPDR)

Einer der historisch am stärksten umstrittenen Bereiche der Notfallmedizin ist die Anwesenheit von Familienmitgliedern während kardiopulmonaler Reanimationen (Family Presence During Resuscitation – FPDR) oder bei extrem schmerzhaften, invasiven Prozeduren. Dieses überholte Dogma der Vergangenheit diktierte rigoros, Angehörige zum vermeintlichen „Schutz“ vor traumatischen optischen und akustischen Eindrücken sowie zur Vermeidung von Interferenzen mit dem arbeitenden medizinischen Personal vom Ort des Geschehens (oder aus dem Rettungswagen) zu entfernen.

Die empirische Datenlage zur Traumabewältigung

Die moderne wissenschaftliche Literatur, inkl. umfangreicher systematischer Cochrane-Reviews und groß angelegter randomisiert-kontrollierter Studien (z.B. durch Jabre et al. ), zeichnet ein völlig anderes Bild der psychologischen Realität.

Angehörige, die physisch abwesend sind, entwickeln oftmals quälende, unrealistische Fantasien über die letzten Minuten ihres Liebsten und hegen lebenslang bohrende Zweifel, ob durch die Rettungskräfte wirklich alles medizinisch Mögliche unternommen wurde. Zeugen der Reanimation sehen hingegen die unermüdlichen Bemühungen des professionellen Teams, können die extreme Schwere des Zustands rationalisieren und akzeptieren im Falle eines Abbruchs der Maßnahmen den unvermeidlichen Tod des Patienten wesentlich besser.

Qualitative Studien zeigen, dass ein präklinischer Herz-Kreislauf-Stillstand für die Familie ein hochgradig traumatisches Ereignis ist. Die Geräuschkulisse (z.B. das Brechen von Rippen bei der Thoraxkompression, die Defibrillation) und zurückgelassenes Material (wie Verpackungen von Defibrillator-Pads) triggern extreme psychische Belastungen. Dennoch belegt z.B. eine Cochrane-Analyse (Rubin et al., 2023), dass Angehörige, die von Notfallteams aktiv eingeladen wurden, der Reanimation beizuwohnen (unter Betreuung dedizierter Unterstützungspersonen), nach 3 und 12 Monaten signifikant weniger Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aufwiesen. Ebenso litten sie seltener an Depressionen und verzeichneten eine signifikant geringere Inzidenz von pathologischer (komplizierter) Trauer im Vergleich zu der Gruppe, die aus dem Raum verbannt wurde.

Widerlegung der Bedenken des medizinischen Personals

Häufig geäußerte Vorbehalte des präklinischen und klinischen Personals umfassen die Angst vor potenziellen Leistungseinbußen durch familiäre Einmischung, Panikattacken der Beobachtenden, rechtliche Konsequenzen bei Misserfolg oder einen massiv erhöhten psychischen Stress für das Einsatzteam.

Die prospektive Datenlage widerlegt diese subjektiven Befürchtungen weitgehend. In den klinischen Studien unterschieden sich weder die objektive Dauer der Reanimationsbemühungen noch die Rate der Überlebenden (ROSC) in den Gruppen mit und ohne Angehörigenpräsenz. Bemerkenswerterweise konnte auch bei der objektiv messbaren Stressbelastung der beteiligten Notärzt*innen und Rettungsdienstpersonal kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen festgestellt werden. Aus ethischer und medizinischer Sicht wird die FPDR mittlerweile von führenden Fachgesellschaften (wie der Emergency Nurses Association und der American Heart Association) als integraler Bestandteil einer holistischen, patienten- und familienzentrierten Notfallversorgung gefordert.

konkrete Empfehlungen für die Praxis

  • Standardisierte Policy entwickeln
    • klare Kriterien, wann Angehörige mitgenommen werden bzw. anwesend sein können und wann nicht (medizinische Dringlichkeit, Infektionsrisiko, Platzverhältnisse, Gefährdung)
    • Checkliste für Rettungsdienstpersonal (Sitzplatz, Anschnallen, kurze Einweisung, Hygieneregeln, Verhalten in der Notaufnahme)
  • Kommunikation und Einwilligung
    • kurz und klar Angehörige informieren: Zweck der Mitnahme, Verhalten im Fahrzeug, mögliche Wartezeiten, Rolle in der Notaufnahme
    • wenn möglich, Einwilligung der Patient*innen einholen und bei fehlender Entscheidungsfähigkeit Angehörige als Informationsquelle und Unterstützer einbeziehen
  • Schulung des Personals
    • Training zu Kommunikation, Deeskalation, Umgang mit Angehörigen in Stresssituationen und zu rechtlichen/ethischen Aspekten
    • Szenarientraining (z. B. Demenzpatient*in, ängstliche Patient*innen, Sprachbarrieren)
  • Koordination mit den Notaufnahmen
    • Vorabinformation an die Notaufnahme über Mitnahme von Angehörigen
    • vereinbarte Abläufe in der Notaufnahme, um Angehörige rasch zu integrieren oder zu betreuen
  • Dokumentation und Evaluation
    • Dokumentation, ob Angehörige mitgenommen wurden sowie Gründe und besondere Vorkommnisse
    • regelmäßige Evaluation der Praxis (Sicherheitsvorfälle, Zufriedenheit, Zeitaufwand)

patient*innenzentrierte Versorgung endet nicht an der Fahrzeugtür

Internationale Konzepte wie Person-Centred Care oder Age-Friendly Health Systems betonen seit Jahren die aktive Einbindung von Angehörigen. Im Rettungsdienst wird dieses Potenzial jedoch vielerorts noch nicht konsequent genutzt oder ist mit stereotypen Ablehnungsgründen belegt. Dabei wäre die zentrale Frage häufig nicht:

„Warum sollten wir Angehörige mitnehmen?“

Sondern vielmehr:

„Gibt es einen guten Grund, diese nicht mitzunehmen?“

EXKURS – Family-Centered Care in der Notfallsituation

Das Konzept der „Patient- and Family-Centered Care“ (PFCC) basiert auf einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Patienten, seiner Familie und uns als Gesundheitsdienstleister. Im Kern dieses Modells steht die Erkenntnis, dass die Familie die einzige Konstante im Leben der Patient*innen darstellt, während medizinische Interventionen lediglich episodischer Natur sind. Die Übertragung dieses innerklinischen Konzepts auf die präklinische Notfallmedizin erfordert ein grundlegendes Umdenken.

Traditionell wird die präklinische Versorgung als exklusive Domäne betrachtet, in der familiäre Anwesenheit oft als potenzielle Störquelle für standardisierte Abläufe wahrgenommen wird. PFCC bedeutet jedoch nicht die Aufgabe der medizinischen Entscheidungsgewalt oder die Toleranz gegenüber grenzüberschreitendem Verhalten von Angehörigen. Vielmehr geht es um die gezielte Nutzung familiärer Ressourcen zur Optimierung der Patient*innenversorgung. Die Notfallsituation wird hierbei als „dreieckige Beziehung“ (triangular relationship) verstanden, in der die Interventionen des medizinischen Personals, das Erleben der Patient*innen und die Reaktionen der Angehörigen in einer ständigen, sich gegenseitig beeinflussenden Wechselwirkung stehen.

Wenn der Rettungsdienst diese Dynamik ignoriert und den Angehörigen am Einsatzort zurücklässt, wird die Triade gewaltsam aufgebrochen. Dies führt nicht nur zu einer diagnostischen Verarmung für das Behandlungsteam, sondern generiert auch den „vergessenen Patient*innen“ („The forgotten patient“) – nämlich die isolierten Angehörigen, die durch die Ungewissheit und den Kontrollverlust ebenfalls einem massiven psychischen Trauma ausgesetzt wird.

Fazit

Die routinemäßige Mitnahme von Angehörigen oder engen Bezugspersonen sollte überall dort geprüft und ermöglicht werden, wo dies sicherheitstechnisch vertretbar ist. Insbesondere ältere Menschen, Patient*innen mit Demenz, Menschen mit Angst oder psychiatrischen Erkrankungen sowie ortsfremde Personen profitieren von der Anwesenheit einer vertrauten Person.

Angehörige verbessern die Kommunikation, erhöhen die Orientierung, reduzieren Angst und fördern eine patient*innenzentrierte Versorgung. Sie sind daher nicht bloß Begleitpersonen, sondern können ein relevanter Bestandteil der präklinischen Behandlung sein.

Eine moderne Notfallmedizin behandelt nicht nur Krankheiten – sie begleitet Menschen. Und manchmal beginnt genau das mit einem freien Sitzplatz im Rettungswagen und der Mitnahme von Bezugspersonen.

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