veröffentlichende Fachgesellschaft: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie (DGKJCH)
Klassifikation gemäß AWMF: S2k
Datum der Veröffentlichung: 23.07.2026
Ablaufdatum: 22.07.2031
Quelle/Quelllink: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/006-126
Grundsätzliches
- typische intraartikuläre Kondylusfrakturen des distalen Humerus sind die häufigsten Gelenkfrakturen im Kindesalter und machen…
- 2 % aller Frakturen im Kindesalter aus
- 10 – 20 % der Ellenbogenfrakturen aus
- 1/3 der distalen Humerusfrakturen aus
- Altersgipfel liegt im 4.-Lebensjahr (komplexere T- oder Y-Frakturen kommen im 9. bis 16. Lebensjahr mit einem Altersgipfel im 15 Lebensjahr vor)
- bei all diesen Frakturen handelt es sich um transkondyläre Humerusfrakturen bei offenen Wachstumsfugen (Fraktur des Kondylus radialis, des Kondylus ulnaris sowie bikondyläre T-/Y-Fraktur = Fugen-kreuzende Gelenkfrakturen mit metaphysärem Anteil; Salter-Harris IV)
- Differenzierung nach von Laer et al. in
- Typ I inkomplette Fraktur, lateral hängend, aber zentral undisloziert
- Typ II vollständige, aber undislozierte Fraktur
- Typ III vollständige, dislozierte Fraktur
- mit Kondylusfrakturen gehen typische Begleitverletzungen (1,4 – 17 %) einher, die bedacht und abgeklärt werden sollen: Ellenbogenluxation, Abriss des Epikondylus ulnaris, Radiushalsfraktur, Olekranonfraktur
- meist indirekte Verletzungen (Sturz auf den gestreckten Arm) bei adäquatem Trauma; keine typische Fraktur bei Kindesmisshandlung, sondern folgt Stürzen aus der Höhe und Verkehrsunfällen
initiales Management
- klinisch besteht meist eine lateral betonte Schwellung des distalen Humerus mit lokalisierter Einblutung in die Weichteile (Ekchymosis), Gelenkerguss und schmerzhafter Bewegungseinschränkung (vor allem Beugehemmung)
- kein Repositionsversuch am Unfallort
- Arm in Oberarmschiene in bequemer Spontanhaltung lagern
- adäquate Analgesie
- Nüchternheit berücksichtigen
- Transport in Klinik mit kindertraumatologischer Expertise
- sehr selten vorbestehende Fehlstellungen oder Bewegungseinschränkungen der Ellenbogenregion nach früheren Verletzungen, vorbestehende neurologische Ausfälle und systemische Knochenerkrankungen (Osteogenesis imperfecta, M. Ollier, fibröse Dysplasie) anamnestisch abklären
Diagnostik
- nach Beurteilung des Weichteilschadens Erhebung des Nervenstatus (N. medianus, N. radialis, N. ulnaris; pragmatische Tests (z.B. Schere-Stein-Papier)) und der Gefäßstatus (A. radialis, A. ulnaris)
- konventionelle Röntgenaufnahme in zwei Ebenen (CAVE: ist nach Röntgenaufnahme in nur einer Ebene die OP-Indikation gegeben, zweite Ebene in Narkose ergänzen; Röntgen der Gegenseite ist obsolet)
- dorsale Fettkörperzeichen („Fat pad“) ist Folge eines Gelenkergusses und weist als indirektes Frakturzeichen auf eine intraartikuläre Fraktur hin
- zentrale Dislokation liegt beim Kleinkind im chondralen Bereich und ist in dieser Altersgruppe im Röntgenbild nicht beurteilbar
- Messung einer Fragmentdistanz an der metaphysären Kante soll nicht als OP-Indikation gelten, da sie nichts über die Beteiligung des chondralen Bereichs aussagt
- als typische Weichteilläsion lässt sich das Fettkörperzeichen sonografisch nachweisen bzw. ausschließen –> Sonografie kann bisher das konventionelle Röntgen zwar nicht ersetzen, erlaubt aber als primäres Screening-Instrument vor allem die Unterscheidung zwischen Prellung und Fraktur
- sonografisch fehlende Fettkörperzeichen machen eine zusätzliche Röntgenuntersuchung vermeidbar
- bei positivem Fettkörperzeichen liegt jedoch meistens eine intraartikuläre Ellenbogengelenksfraktur vor –> zusätzliche Röntgenuntersuchung zur genauen Frakturdiagnose notwendig
- Sensitivität der sonografischen Erkennung des Fettkörperzeichens ist hoch (98 %), die Spezifität erreicht 70 – 97 %
- CT und MRT nicht in der Primärdiagnostik einsetzen (CAVE: CT kann beim Kleinkind aufgrund der unvollständigen Mineralisation der Epiphyse die Gelenkflächenkongruenz nicht beurteilen)
- bei Kleinkindern < 2 Jahre Kondylusabriss nicht übersehen
- schwer dislozierte Kondylus radialis-Fraktur ohne große metaphysäre Schuppe im konventionellen Röntgen nicht als Ellenbogenluxation fehldeuten
- Verschiebung des Kapitulum-Kerns zusammen mit dem Unterarm realisieren
- CAVE: Luxationen kommen in diesem Alter so gut wie nicht vor
- differentialdiagnostisch an Ellenbogenprellung, Subluxation des Radius („Chassaignac-Lähmung“), andere intraartikuläre Ellenbogenfrakturen, Hämarthros ohne Fraktur und die isolierte Radiusluxation/Monteggia-Verletzung denken
klinisches Management
- nach Prüfung der adäquaten Analgesie (oral, nasal, Supp., i.v.) und ggf. Infektionsprophylaxe bei offenen Frakturen Aufklärung der Erziehungsberechtigten zu möglichen Komplikationen des jeweiligen Therapieverfahrens:
- konservative Therapie: sekundäre Dislokation möglich, wenn Frakturen vom Typ II nach von Laer primär nicht sicher erkennbar waren; dann Therapiewechsel notwendig
- operative Therapie: Blutung, Infektion, verbleibende Fehlstellung, sekundäre Dislokation, Gefäß-, Nervenverletzung, Durchblutungsstörung des Kondylus mit Nekrose, Knorpelschaden, Arthrose, Folgeoperationen
- unabhängig vom Therapieverfahren: Bewegungsstörung, Wachstumsstörung (Kubitus varus/valgus), Pseudarthrose
- intraartikuläre Frakturen des distalen Humerus sind Gelenkfraktur –> somit soll eine anatomische Rekonstruktion der Gelenkfläche erfolgen und keine Fehlstellung der Spontankorrektur überlassen werden
Indikationsstellung
- undislozierte Frakturen (von Laer I) konservativ und ambulant behandeln
- dislozierte Frakturen (von Laer III) operativ und stationär behandeln
- Frakturen von Laer II sind nativ radiologisch nicht sicher zu klassifizieren (CAVE: MRT ist in dieser Altersgruppe wegen der erforderlichen Narkose zu aufwändig; Arthrografie nur in Narkose durchführbar)
- Therapieentscheidung „konservativ“ deshalb zeitnah (4 – 7 Tage) mittels gipsfreier Röntgenaufnahme überprüfen
Therapie
- konservative Therapie
- konservative Therapie im zirkulären, gespaltenen Oberarmgips oder Oberarmgipsschiene, die Kondylen umgreifend, in 90 Grad Ellenbogenflexion und Neutralstellung des Unterarmes je nach Alter der Patient*innen für 3 – 4 Wochen (Weißgips- und Kunststoffverbände sind gleichzustellen)
- nach 4 – 7 Tagen und in fraglichen Fällen nach 14 Tagen konventionelle Röntgen-Kontrolle in 2 Ebenen gipsfrei zum Ausschluss einer sekundären Dislokation
- Fragmentverschiebung in der Röntgenkontrolle nach 4 – 7 Tagen oder später erfordert den Therapiewechsel mit Reposition und Osteosynthese (Ergebnisse sind dann nicht schlechter als nach primärer Operation)
- operative Therapie
- Operation ist dringlich, aber selten notfallmäßig und erfolgt standardmäßig in Allgemeinanästhesie (Alter der Kinder)
- Ziel ist die zuverlässige und kontrollierte Wiederherstellung der chondralen artikulären Oberfläche und die solide Fixation dieses Repositionsergebnisses, egal mit welcher Methode


Sei der Erste der einen Kommentar abgibt