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Leitlinie „Headaches in over 12s – diagnosis and management“ des NICE (Update 2025)

veröffentlichende Fachgesellschaft: National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 03.06.2025
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://www.nice.org.uk/guidance/cg150

Einteilung der Kopfschmerzen

Kopfschmerz-CharakteristikaKopfschmerz vom SpannungstypMigräne
(mit/ohne Aura)
Cluster-Kopfschmerz
Schmerzlokalisationbilateralunilateral & bilateralunilateral (um das Auge herum, oberhalb des Auges und entlang der Seite des Kopfes/Gesichts)
Schmerzqualitätdrückend/spannend (nicht pulsierend)pulsierend (pochend oder klopfend bei Jugendlichen zw. 12 – 17 Jahren)variabel (kann stechend, bohrend, brennend, pochend oder drückend sein)
Schmerzintensitätmild oder moderatmoderat oder schwerschwer oder sehr schwer
Auswirkungen durch/auf Aktivitätslevelkeine Verschlimmerung durch AktivitätVerschlimmerung durch Aktivität ODER Vermeidung von AktivitätUnruhe oder Agitation
andere Symptomekeine– Empfindlichkeit ggü. Licht und/oder Geräuschen
– Übelkeit und/oder Erbrechen
– Aurasymptome mit/ohne Kopfschmerz (vollständig reversibel, über mind. 5 min entwickelnd, 5 – 60 min andauernd)
– typische Aura-Symptomen sind z.B. visuelle Symptome wie flackernde Lichter, Flecken oder Linien und/oder teilweiser Sehverlust, sensorische Symptome wie Taubheitsgefühle und/oder Kribbeln und Nadelstiche und/oder Sprachstörungen
– rote und/oder tränende Augen
– verstopfte und/oder laufende Nase
– geschwollenes Augenlid
– Schweiß auf der Stirn und im Gesicht
– verengte Pupille und/oder hängendes Augenlid
(alle Symptome auf der gleichen Seite wie der Kopfschmerz)
Kopfschmerzdauer30 min bis kontinuierlicher bzw. andauernder Kopfschmerz– 4 – 72 h bei Erwachsenen
– 1 bis 72 h bei Jugendlichen im Alter von 12 – 17 Jahren
15 – 180 Minuten
Frequenz der Kopfschmerzen– episodisch: an weniger als 15 Tagen pro Monat
– chronisch:
an 15 oder mehr Tagen pro Monat seit > 3 Monaten
– episodisch: an weniger als 15 Tagen pro Monat
– chronisch:
an 15 oder mehr Tagen pro Monat, wobei mind. 8 Tage Merkmale einer Migräne aufweisen müssen (seit mehr als 3 Monaten)
– episodisch: von einmal jeden zweiten Tag bis zu 8 Mal am Tag mit schmerzfreiem Intervall von mehr als 1 Monat
– chronisch:
von einmal jeden zweiten Tag bis zu 8-mal täglich mit einer ununterbrochenen schmerzfreien Intervallen von weniger als 1 Monat innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten
  • menstruationsbedingte Migräne
    • V.a. menstruationsbedingte Migräne, wenn die Migräne überwiegend zw. 2 Tagen vor und 3 Tagen nach Beginn der Menstruation in mind. 2 von 3 aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen auftritt
  • Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch
    • Möglichkeit eines Kopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch erwägen bei Personen, deren Kopfschmerzen während der Einnahme der folgenden Medikamente über 3 Monate oder länger entstanden sind oder sich verschlimmert haben
      • Triptane, Opioide, Ergotamine oder kombinierte Analgetika an 10 Tagen pro Monat oder mehr
      • Paracetamol, Aspirin oder NSAR, entweder allein oder in Kombination, an 15 Tagen pro Monat oder mehr

Diagnostik

  • Beurteilung und Erwägung von weiteren Untersuchungen und einer neurologischen Vorstellung von Patient*innen mit Kopfschmerzen und einem der folgenden Merkmale:
    • sich verschlimmernder Kopfschmerz mit Fieber
    • plötzlich einsetzender Kopfschmerz, der innerhalb von 5 min die max. Intensität erreicht
    • neu auftretendes neurologisches Defizit
    • neu auftretende kognitive Funktionsstörung
    • Persönlichkeitsveränderung
    • Bewusstseinsbeeinträchtigung
    • kürzlich erlittenes Schädel-Hirn-Trauma (typischerweise innerhalb der letzten 3 Monate)
    • Kopfschmerzen ausgelöst durch Husten, Valsalva (Ausatmen mit verstopfter Nase und Mund) oder Niesen
    • Kopfschmerz ausgelöst durch Bewegung
    • orthostatischer Kopfschmerz
    • Symptome, die auf eine Riesenzellarteriitis hindeuten
    • Symptome und Anzeichen eines akuten Engwinkelglaukoms
    • relevante Veränderung der Kopfschmerzcharakteristika
  • weitere Untersuchungen und/oder neurologischen Vorstellung erwägen bei Personen, die sich mit neu auftretenden Kopfschmerzen und einem der folgenden Punkte vorstellen:
    • geschwächtes Immunsystem (z.B. durch HIV oder immunsuppressive Medikamente)
    • Alter < 20 Jahre und maligne Erkrankung in der Vorgeschichte
    • maligne Erkrankung in der Vorgeschichte, die ins Gehirn metastasiert
    • Erbrechen ohne andere offensichtliche Ursache

Therapie

  • Kopfschmerzen vom Spannungstyp
    • ASS, Paracetamol oder NSAR erwägen
    • kein ASS bei Kindern & Jugendlichen < 16 Jahre (CAVE: Reye-Syndrom)
    • keine Gabe von Opioiden
  • Migräne mit oder ohne Aura
    • Kombinationstherapie mit oralem Triptan und NSAR ODER Paracetamol (bei Alter zw. 12 – 17 Jahren nasales Triptan einem oralen Triptan vorziehen)
    • Monotherapie mit oralem Triptan, NSAR, Aspirin (900 mg) oder Paracetamol bei Patient*innen, die Monotherapie vorziehen (bei Alter zw. 12 – 17 Jahren nasales Triptan einem oralen Triptan vorziehen)
    • Antiemetikum als Ergänzung erwägen, auch wenn keine Übelkeit und kein Erbrechen auftreten (wenn orale Präparate frustran –> MCP oder Prochlorperazin nicht oral erwägen sowie zusätzliche Gabe eines NSAR oder Triptans ebenfalls nicht oral in Betracht ziehen)
    • Rimegepant (oraler Calcitonin-Gene-Related-Peptid-Hemmer) als Akuttherapie von Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen, allerdings nur, wenn zuvor eine Migräne bekannt ist und…
      • mind. zwei Triptane ausprobiert wurden, die nicht gut genug gewirkt haben
      • Triptane kontraindiziert sind oder nicht vertragen wurden, und NSAR & Paracetamol getestet wurden, aber nicht ausreichend genug gewirkt haben
    • keine Gabe von Opioiden
    • bei absehbarer menstruationsbedingter Migräne, die nicht ausreichend auf normale Akutmedikation anspricht, Frovatriptan (2,5 mg zweimal tgl.) oder Zolmitriptan (2,5 mg zweimal oder dreimal tgl.) an Tagen, an denen eine Migräne erwartbar ist, in Betracht ziehen
    • Paracetamol als Akutmedikation während der Schwangerschaft (Triptane oder NSAR nach Risiko-Nutzen-Abwägung und -Besprechung mit Patientin in Betracht ziehen)
  • Cluster-Kopfschmerz
    • Notwendigkeit einer zerebralen Bildgebung bei erstmaligen Clusterkopfschmerzen gemeinsam mit Neurologie oder Schmerz-Abteilung erwägen
    • Gabe von Sauerstoff (O2-Gabe mit 100 % O2 und Flow von mind. 12 L/min über Sauerstoffmaske mit Reservoirbeutel)
    • Applikation eines subkutanen/nasalen Triptans (CAVE: ausreichende Dosierung entsprechend der Vorgeschichte der Cluster-Anfälle auf Grundlage der max. Tagesdosis)
    • keine Gabe von Paracetamol, NSAR, Opioiden, Ergotaminen oder oralen Triptanen
  • Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch
    • Erläuterung, dass die Therapie v.a. aus dem Absetzen von zu viel eingenommenen Medikamenten besteht
    • Erläuterung, dass alle zu viel eingenommenen Medikamente mind. einen Monat lang abgesetzt werden müssen (CAVE: nicht schrittweise, sondern abrupt)
    • Erläuterung, dass sich die Kopfschmerzsymptome wahrscheinlich kurzfristig verschlimmern werden, bevor sie sich bessern, und dass es zu Entzugserscheinungen kommen kann (engmaschige ambulante Betreuung durch niedergelassenen Neurolog*in)
    • prophylaktische Therapie der zugrundeliegenden primären Kopfschmerzerkrankung, zusätzlich zum Absetzen zu viel eingenommenen Medikamente
    • kein routinemäßiger stationärer Entzug
    • ambulante Vorstellung nach 4 – 8 Wochen nach Beginn des Absetzens
Published inLeitlinien kompakt

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