Der 130. Deutsche Ärztetag hat in der letzten Woche in Hannover einen Beschluss gefasst, der in seiner Klarheit ebenso bemerkenswert wie irritierend ist. Die Delegierten lehnen „fallabschließende Diagnostik und Therapie durch nichtärztliche Berufsgruppen“ kategorisch ab und fordern den Gesetzgeber auf, entsprechende Reformvorhaben zu stoppen.
Hier findet Ihr den angenommenen Beschluss „Ablehnung fallabschließender Behandlung durch Nichtärzte“ (Ib – 41) des 130. Deutscher Ärztetag 2026.
Was auf dem Papier wie ein Plädoyer für Patient*innensicherheit klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als das Gegenteil: ein realitätsfernes, wissenschaftlich nicht gedecktes und politisch protektionistisches Statement, das die gewachsene interprofessionelle Zusammenarbeit in der Notfallmedizin gefährdet.
Realitätsverweigerung als Beschlusslage
Die moderne Notfallmedizin ist längst ein interprofessionelles System. Pflegefachpersonen, Notfallsanitäter*innen, Physician Assistants, Advanced Practice Nurses und viele weitere Berufsgruppen tragen tagtäglich Verantwortung – und zwar hochqualifiziert, evidenzbasiert und im Sinne der Patient*innen.
Der Beschluss des Ärztetags ignoriert diese Realität vollständig. Er tut so, als sei die Notfallversorgung ein ärztliches Monopol, das es zu verteidigen gilt. Dass in vielen Notaufnahmen und Rettungsdiensten längst multiprofessionelle Teams arbeiten, die gemeinsam Diagnostik und Therapie gestalten, wird ausgeblendet.
Dieser Beschluss wirkt wie aus einer Zeit gefallen – und zeigt, wie weit Teile der ärztlichen Selbstverwaltung von der Versorgungsrealität entfernt sind.
Wissenschaftliche Evidenz? Fehlanzeige!
Es gibt keinerlei belastbare Evidenz dafür, dass interprofessionelle Modelle die Patient*innensicherheit gefährden. Im Gegenteil:
- Internationale Studien zeigen, dass Advanced Practice Providers in vielen Bereichen gleichwertige oder bessere Outcomes erzielen.
- Länder wie die Niederlande, Großbritannien, Australien oder Kanada setzen seit Jahren erfolgreich auf erweiterte Kompetenzen nichtärztlicher Berufsgruppen.
Der Ärztetag ignoriert dies vollständig. Stattdessen wird ein Bauchgefühl zur politischen Leitlinie erhoben – ein Bauchgefühl, das vor allem eines schützt: das eigene Monopol.
Protektionismus statt Patient*innenorientierung
Der Beschluss ist kein fachlicher, sondern ein machtpolitischer Akt. Er schützt nicht die Patient*innen, sondern die Standesinteressen der Ärztekammern.
In einer Zeit, in der Notaufnahmen überlaufen, Rettungsdienste überlastet und ärztliche Stellen unbesetzt sind, ist das ein fatales Signal. Statt innovative Versorgungsmodelle zu fördern, werden sie blockiert. Statt Verantwortung sinnvoll zu verteilen, wird sie zentralisiert. Statt Teamarbeit zu stärken, wird sie geschwächt.
Das ist nicht Patient*innensicherheit – das ist Besitzstandswahrung.
Ein Schlag ins Gesicht der interprofessionellen Teams
Die Formulierung „fallabschließende Diagnostik und Therapie“ suggeriert, dass nichtärztliche Berufsgruppen grundsätzlich nicht in der Lage seien, komplexe Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht nur falsch, sondern auch respektlos.
Wer täglich in Notaufnahmen, auf Intensivstationen oder im Rettungsdienst arbeitet, weiß:
- Pflegefachpersonen treffen hochkomplexe Entscheidungen
- Notfallsanitäter*innen führen invasive Maßnahmen durch, die früher ausschließlich Ärzt*innen vorbehalten waren
- interprofessionelle Teams funktionieren, weil sie Verantwortung teilen – nicht, weil eine Berufsgruppe alles kontrolliert
Solch ein Beschluss zerstört Vertrauen, Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung. Und das ausgerechnet in einem System, das ohne diese Berufsgruppen längst zusammengebrochen wäre.
Fazit
Statt die Realität der modernen Notfallmedizin anzuerkennen, hat sich der 130. Deutsche Ärztetag in protektionistische Reflexe geflüchtet.
Statt Patient*innen in den Mittelpunkt zu stellen, betreibt der Beschluss nur Standespolitik.
Ein solcher Beschluss ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt in Sachen Patient*innensicherheit und treibt einen Keil in die so wichtige interprofessionelle Zusammenarbeit, die eigentlich das gemeinsame Ziel hat das aus den letzten Löchern pfeifende Gesundheitssystem am Laufen zu halten, wenn nicht sogar zusammen besser zu machen!
Als Reaktion auf diesen Beschluss auf dem 130. Deutschen Ärztetag kann man nur hoffen, dass sich die großen medizinischen Fachgesellschaften, die nicht nur Ärzt*innen vertreten, die Berufsverbände und auch die großen Hilfsorganisationen zusammentun und einem solchen Beschluss entschieden entgegentreten!
Wenn hochqualifizierte Notfallsanitäter*innen, Pflegefachpersonen oder Advanced Practice Professionals immer wieder hören, dass ihre Kompetenzen politisch kleingehalten, ihre Expertise delegitimiert und ihre berufliche Entwicklung blockiert wird, dann hat dies mit großer Sicherheit Konsequenzen.


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