Trotz einer überwiegend positiven Einstellung in der Bevölkerung und kontinuierlicher Aufklärungskampagnen bleibt die Zahl der tatsächlich realisierten Organspenden auf einem niedrigen Niveau. In Deutschland warten über 8.575 Patient*innen auf ein Spenderorgan (Stand: Ende 2024). Gleichzeitig gab es 2024 nur 953 postmortale Spender*innen – eine der niedrigsten Quoten in Europa. Und auch wenn die Zahl der organspendebezogenen Kontakte aus den Kliniken laut der DSO zwar von 2.245 im Jahr 2015 auf fast 3.500 im Jahr 2024 gesteigert werden konnte, hat dies jedoch nicht zu einer signifikanten Steigerung der realisierten Spenden geführt hat.
Während die öffentliche Debatte häufig auf Fragen der Einwilligung, der Widerspruchslösung oder auf strukturelle Defizite in den Krankenhäusern fokussiert, bleibt ein zentrales Problemfeld weitgehend unbeachtet: der Verlust potenzieller Spenderorgane durch präklinische Todesfeststellungen nach erfolgloser Reanimation, ohne dass eine weitergehende Evaluation für eine mögliche Organspende erfolgt. Denn Deutschland nutzt im Gegensatz zu vielen europäischen Ländern keine Organspende nach Herz-Kreislauf-Tod (Donation after Circulatory Determination of Death, DCD), was besonders auch Fälle nach erfolgloser präklinischer Reanimation betrifft.
Die gesetzliche Lage: Warum DCD in Deutschland verboten ist?
Das Transplantationsgesetz (TPG) erlaubt ausschließlich die Organspende nach Hirntoddiagnostik (§3 TPG). DCD – also die Spende nach irreversiblen Kreislaufstillstand – ist explizit nicht zulässig. Diese Regelung entspricht der sogenannten „Dead Donor Rule“: Die Entnahme lebenswichtiger Organe ist nur nach Eintritt des Todes zulässig, und kein Patient darf durch Organentnahme getötet werden. Eine Organentnahme nach Herz-Kreislaufstillstand (DCD) ist nach deutschem Recht nicht zulässig, da der Kreislaufstillstand nicht als sicheres Äquivalent zum Hirntod anerkannt wird. § 19 Abs. 2 TPG stellt die Entnahme eines Organs ohne Hirntoddiagnostik unter Strafe (Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe).
§ 3 Abs. 2 TPG – Entnahme mit Einwilligung des Spenders
(2) Die Entnahme von Organen oder Geweben ist unzulässig, wenn
1. die Person, deren Tod festgestellt ist, der Organ- oder Gewebeentnahme widersprochen hatte,
2. nicht vor der Entnahme bei dem Organ- oder Gewebespender der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.
Die Konsequenz dieser Regelung: Nach erfolgloser Reanimation im Rettungsdienst wird der Tod präklinisch festgestellt – aber ohne jede Option, eine potenzielle Gewebe- oder Organspende zu prüfen.
Die Bundesärztekammer (BÄK) ist gesetzlich beauftragt, Richtlinien zum Stand der medizinischen Wissenschaft für die Feststellung des Todes und die Durchführung der Organspende zu erlassen (§ 16 TPG). Die aktuelle Richtlinie für die Regeln zur Feststellung des Todes und die Verfahrensregeln zur Feststellung des endgültigen, nicht behebbaren Ausfalls der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms legt ein komplexes, mehrstufiges Verfahren fest, das nur im klinischen Setting durch zwei qualifizierte Ärzte durchgeführt werden kann.
Die internationale Perspektive – Deutschland ist ein Sonderfall
Viele europäische Länder nutzen DCD erfolgreich, darunter:
- Schweiz
- Niederlande
- Spanien
- Frankreich
- Belgien
Diese Länder unterscheiden zwischen:
- controlled DCD (cDCD), also die Organspende nach Therapiebegrenzung
- uncontrolled DCD (uDCD), also die Organspende nach erfolgloser Reanimation
Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Spanien – Das Erfolgsmodell
Spanien gilt seit Jahrzehnten als Vorreiter in Europa, wenn es um Organspende und Transplantationen geht. Das Land hat ein durchdachtes System mit folgenden Kernelementen etabliert:
- Widerspruchslösung: jede verstorbene Person gilt automatisch als Organspender*in, sofern sie nicht widersprochen hat
- flächendeckende Koordination: in jedem Krankenhaus arbeiten geschulte Koordinator*innen, die potenzielle Spender*innen identifizieren und die Prozesse begleiten
- zentrale Steuerung: Koordinierung der gesamten Logistik durch die „Organización Nacional de Trasplantes“ (ONT)
- kontinuierliche Weiterbildung: über 16.000 medizinische Fachkräfte wurden seit 1989 geschult
- konsequente Nutzung verschiedener Spendewege: Hirntodspende, kontrollierte und unkontrollierte DCD
Im Jahr 2023 konnte Spanien so 48,9 Organspender*innen pro 1.000.000 Einwohner*innen verbuchen – weltweit spitze. Die Wartezeiten auf ein Organ sind so auch deutlich kürzer als in Deutschland.
Schweiz & UK – DCD als Standard
Die Schweiz und das Vereinigte Königreich haben DCD-Programme etabliert, bei denen die Organentnahme nach Kreislaufstillstand und einer definierten No-Touch-Periode erfolgt. Die Schweiz verlangt zusätzlich die Diagnostik des Gesamthirntods (sekundärer Hirntod) vor der Organentnahme. In beiden Ländern hat die Einführung von DCD zu einem signifikanten Anstieg der Organspendezahlen geführt.
Wie viele Organe gehen uns dadurch verloren?
Epidemiologie – präklinische Reanimationen in Deutschland
Jährlich erleiden in Deutschland etwa 136.000 Menschen außerhalb des Krankenhauses einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand. Bei etwa der Hälfte (ca. 67.000) werden Reanimationsmaßnahmen eingeleitet. Die Überlebensrate bis zur Krankenhausentlassung liegt seit Jahren stabil bei knapp 11 %. Ein Drittel der Patienten erreicht das Krankenhaus mit Rückkehr des Spontankreislaufs (ROSC), aber nur ein kleiner Teil überlebt mit gutem neurologischem Outcome.
Die innerklinische Reanimationsstatistik zeigt ähnliche Muster: Von 5.810 dokumentierten innerklinischen Reanimationen im Jahr 2024 erreichten 56,7 % jemals ROSC, 17,4 % überlebten 30 Tage, und 12,6 % wurden mit gutem neurologischem Status entlassen.
Jährlich sterben tausende Patient*innen trotz Reanimationsversuch – eine potenzielle Spender*innengruppe, die in anderen Ländern systematisch evaluiert wird.
fehlende präklinische Todesfeststellung mit Spendevaluation
In Deutschland erfolgt präklinisch zwar eine Todesfeststellung, aber keine strukturierte Spendererkennung. Aktuelle Analysen betonen, dass Strukturdefizite bei der Spender*innenerkennung und -meldung ein zentraler Grund für die niedrigen Spenderzahlen sind.
konkrete Zahlen – was wir wissen
- Deutschland hat 2024 953 Spender*innen, also nur 11,4 pro 1.000.000 Einwohner*innen
- Spanien hat z.B. 43,1 pro 1.000.000 – u. a. wegen DCD
- in Ländern mit uDCD stammen 10 – 30 % der Spender*innen aus erfolglosen Reanimationen (CAVE: internationale Daten, nicht Deutschland-spezifisch)
Konservative Schätzung (auf Basis internationaler Vergleiche): Deutschland verliert jährlich mehrere hundert potenzielle Spender*innen, weil uDCD nicht erlaubt ist.
EXKURS – richtungsweisende Kieler Studie aus 2026 (LINK ZUR STUDIE)
Dass das DCD-Modell auch für Deutschland von elementarer, lebensrettender Bedeutung sein könnte, wurde von Kritiker*innen lange Zeit lediglich als theoretischer Gedanke abgetan. Im Frühjahr 2026 lieferte jedoch eine richtungsweisende, groß angelegte Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in direkter Zusammenarbeit mit der Eurotransplant International Foundation belastbare und unbestreitbare Daten. Die im Deutschen Ärzteblatt publizierte Arbeit von Dr. med. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna, Hans de Ferrante, Christoph B. Niehus et al. (DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0004) analysierte retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern, die bereits DCD praktizieren, und projizierte diese hochkomplex auf die dokumentierten Spenderzahlen in Deutschland für den Zeitraum 2011 bis 2023. Die Forschungsgruppe modellierte durch multivariate Regressionsanalysen, wie sich die Transplantationszahlen in der Bundesrepublik verändern würden, wenn der Herz-Kreislauf-Stillstand endlich als rechtmäßige Indikationserweiterung für die Organspende (DCD) zugelassen würde.Die Studie kommt zu dem wissenschaftlich fundierten Schluss, dass die Einführung der Organspende nach Herz-Kreislaufstillstand die Transplantationszahlen in Deutschland um bis zu 60 % steigern könnte. Eine derartige prozentuale Erhöhung würde in absoluten Zahlen bedeuten, dass die Menge der realisierten postmortalen Organspender von derzeit stagnierenden rund 985 Spender*innen (2025) auf potenziell nahezu 1.600 Spender*innen jährlich anwachsen könnte.
Im Umkehrschluss verdeutlichen diese Zahlen auf dramatische Weise das Ausmaß der Dunkelziffer: Deutschland verliert durch seine normative Strenge und die mangelnde präklinische Evaluierung jedes Jahr Hunderte funktionstüchtige Nieren, Lebern und Lungen, die Patienten auf der Warteliste das Leben hätten retten können.
Diese Projektion stützt sich nicht nur auf die kontrollierte DCD (cDCD), die Patienten auf Intensivstationen adressiert, sondern wirft auch ein grelles Licht auf das unerschlossene Reservoir der präklinisch reanimierten Patienten. Ein systematischer Transfer von OHCA-Patienten nach frustraner Reanimation unter Reanimationsbedingungen (eCPR oder mechanische Thoraxkompression) in designierte uDCD-Krankenhäuser könnte das Organangebot massiv ausbauen. Moderne Techniken wie die hypotherme Maschinenperfusion (HMP), die laut Studien das Risiko einer verzögerten Transplantatfunktion (Delayed Graft Function, DGF) gegenüber der klassischen Kühllagerung signifikant um bis zu 30 Prozent reduziert (OR 0.69), machen auch marginale Organe aus diesem Pool sicher nutzbar.
präklinische Realität
Selbst wenn ein potenzieller Spender präklinisch identifiziert würde, fehlen:
- rechtliche Grundlage (DCD-Verbot)
- Transportwege zur Organerhaltung
- SOPs für uDCD
- technische Möglichkeiten (ECMO, Perfusion)
- klare Meldewege zwischen Rettungsdienst und DSO
Die DSO selbst betont, dass die Spender*innenerkennung in Deutschland strukturell defizitär ist.
Organspende nach Reanimation mit ROSC
Wenn nach Reanimation ein ROSC erreicht wird, können die Patient*innen später auf der Intensivstation für hirntot erklärt werden – dann ist eine Organspende möglich.
Aber: Viele Patient*innen mit schwerer Hypoxie versterben präklinisch oder kurz nach Aufnahme, bevor eine Hirntoddiagnostik möglich ist. Diese Gruppe wäre in DCD-Ländern potenzielle Spender*innen.
EXKURS – kritische Bewertung der dt. Vorgaben
Entscheidungslösung statt Widerspruchslösung
Deutschland bleibt eines der wenigen Länder ohne Widerspruchslösung. 2024 lag in über 60 % der Fälle kein dokumentierter Wille vor – die Ablehnungsrate durch Angehörige lag bei über 75 %.
kaum genutztes Organspenderegister
Seit Einführung 2024 haben sich nur 0,44 % der Berechtigten eingetragen, da das Verfahren eher „kompliziert“ ist.
fehlende DCD-Option
Der größte strukturelle Nachteil bleibt jedoch das Verbot der DCD – ein Sonderweg, der das Spender*innenpotenzial massiv reduziert. Betrachtet man Länder wie die Niederlande und die Schweiz, machen postmortale Organspenden nach Herz-Kreislauf-Tod dort inzwischen knapp über 50 % der gesamten postmortalen Organspenden aus.
EXKURS – detaillierte Übersicht etablierter europäischer DCDD-Programme und ihrer rechtlichen Rahmenbedingungen
europäisches Land nationale Gesetzgebung bzgl. DCD definierte No-Touch-Zeit (Minuten) Relevanz der DCD (Anteil an Spenden) implementierte Maastricht-Kategorien Spanien vorhanden 5 sehr hoch (> 30 %) I, II (uDCD), III (cDCD) Großbritannien vorhanden 5 hoch III (cDCD), bedingt uDCD Frankreich vorhanden 5 mittel II (uDCD), III (cDCD) Niederlande nicht vorhanden (implizit legal) 5 sehr hoch (> 50 %) II, III, IV Italien vorhanden 20 mittel II (uDCD), III (cDCD) Belgien vorhanden 5 hoch II, III, IV Deutschland nicht vorhanden (strikt verboten) – 0 % keine Implementierung
Was müsste sich ändern?
- Einführung von uDCD-Pilotprojekten, analog zu Systemen wie Spanien, Niederlande oder Frankreich, welche durch Studien begleitet werden
- gesetzliche Anpassung des TPG für eine Erweiterung bzgl. Spende nach Kreislaufstillstand, am Besten in Verbindung mit Etablierung der sogenannten Maastricht-Klassifikation („Donation after Circulatory Death (DCD) – A Belgian Consensus„)
- Berücksichtigung des Rettungsdienstes als aktiven Teil der Spender*innenerkennung mit
- SOPs für präklinische Todesfeststellung + Spender*innenevaluation
- verpflichtende Meldung potenzieller Spender*innen
- Etablierung von technischen Optionen, wie z. B. mobile ECMO-Teams
- bessere Dokumentation des Patient*innenwillens durch
- niedrigschwelligeres Register
- Integration in ePA
- verpflichtende Abfrage in Notaufnahmen
EXKURS – Maastricht-Klassifikation für DCD-Spender*innen
Diese Maastricht-Klassifikation unterteilt Organspender*innen nach Kreislaufstillstand in fünf Kategorien, die sich wesentlich durch den klinischen Kontext des Todeseintritts unterscheiden.
Maastricht-Kategorie Bezeichnung Kurzbeschreibung und Relevanz DCD-Typ Kategorie I Dead on arrival Patient*innen, die bei Eintreffen in der Klinik oder durch den Rettungsdienst bereits tot aufgefunden werden (keine CPR initiiert) uncontrolled (uDCD) Kategorie II Unsuccessful resuscitation Patient*innen mit beobachtetem Kreislaufstillstand, die adäquat reanimiert werden, ohne dass ein ROSC erzielt wird (zentrale Zielgruppe der Präklinik) uncontrolled (uDCD) Kategorie III Awaiting cardiac arrest Intensivpatient*innen mit infauster Prognose (einvernehmlicher Beschluss zur Begrenzung lebenserhaltender Maßnahmen) controlled (cDCD) Kategorie IV Cardiac arrest while brain dead Patient*innen mit diagnostiziertem Hirntod, die vor Organentnahme einen unerwarteten Herzstillstand erleiden controlled/uncontrolled Kategorie V Euthanasia / MAID Organentnahme im unmittelbaren Anschluss an einen ärztlich assistierten Suizid (Medical Assistance in Dying) (in einigen EU-Ländern). controlled (cDCD)
Quellen
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