veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads
grundsätzliche Informationen zur Substanz
- Diisocyanate (TDI; CH3C6H3[NCO]2)
- MDI (CH2(C6H4[NCO])2)
- HDI (C6H12[NCO]2)
- Synonyme: TDI, Diisocyanatotoluol, Toluylendiisocyanat; MDI, Methylendiphenyldiisocyanat, Methylenbis(phenylisocyanat); HDI, Hexamethylendiisocyanat, Diisocyanatohexan
- TDI & HDI bei Raumtemperatur farblose bis strohgelbe Flüssigkeiten
- MDI-Monomer bei Raumtemperatur farbloser Feststoff
- Diisocyanate haben einen fruchtigen, stechenden Geruch und sind sehr reaktionsfreudig, auch mit Hydroxyl- und Aminogruppen in menschlichen Körperzellen (Freisetzung giftiger Stickoxiddämpfe bei Erhitzung bis zur Zersetzung)
- wichtige Anwendung der Diisocyanate ist die Herstellung von Polyurethanschäumen, verschiedener Kunststoffe und Elastomere
- Einsatz von Diisocyanaten als Härter für Farben, Beschichtungen und Kleber
Exposition
- Einatmen
- Exposition vorwiegend durch Inhalation
- Geruch hat keine deutliche Warnwirkung vor gefährlichen Konzentrationen
- Reizung der Atemwege und Asthmaanfälle bei sehr niedrigen Konzentrationen
- Haut-/Augenkontakt
- schwere Haut- oder Augenreizungen
- Verschlucken
- unbeabsichtigtes Verschlucken unwahrscheinlich
- Verätzungen in Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen
akute gesundheitliche Wirkungen
- Atemwege
- Reizung von Rachen und Lungen vordergründig
- Engegefühl in der Brust, Husten, Atemnot und blutigem Sputum mgl.
- ggf. unspezifische Überempfindlichkeit der Atemwege, auch nach Ende der Exposition
- Asthmaanfälle auch nach Exposition ggü. sehr niedrigen Diisocyanat-Konzentrationen mgl. (sofort und auch > 8 h nach Exposition)
- Entwicklung von toxischer Lungenentzündung, auch noch verzögert bis zu 24 h nach schwerer Exposition
- Haut-/Augenkontakt
- Reizungen und Rötungen mit Blasenbildung bei Hautkontakt mit Diisocyanaten
- schweren Reizung mit sofortigem Schmerz, Tränenfluss, Lidödem, Entzündung von Konjuntiva und Cornea, Trübung der Augenoberfläche und Sekundärglaukom bei Augenkontakt
mögliche Folgen
- Asthma oder unspezifische bronchiale Überempfindlichkeit nach Exposition ggü. hoher Konzentration
- Diisocyanate sind potente Allergene
- Persistenz von beeinträchtigter Lungenfunktion und Atemwegssymptome aufgrund Verengung der Bronchien
Dosis-Wirkungs-Beziehung
| Diisocyanatkonzentration | Wirkung/Effekte |
|---|---|
| 0,0001 ppm | asthmatische Reaktionen bei sensibilisierten Personen mgl. |
| 0,05 – 1.0 ppm | Reizung von Haut, Augen, oberen Atemwegen mit Konjunktivitis, Halsentzündungen, Husten |
| 0,4 ppm | Geruchsschwelle |
| 1,0 ppm | schwere irritative und entzündliche Reaktionen, bronchiale Überempfindlichkeit, Lungenentzündung, Lungenödem |
| 2,5 ppm | unmittelbare Lebensgefahr |
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
- Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
- Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur ggü. Formaldehydgas oder -dämpfen exponiert waren, besteht nicht
- Patient*in, die/der selbst oder deren Kleidung mit flüssigem Formaldehyd benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch ausgasendes Formaldehyd gefährden
Rettung
- Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
- falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
- absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
- A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
- B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
- C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
Reinigung
- keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Gas-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
- wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
- bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
- betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
- bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
- empirische Therapie
- kein spezifisches Antidot verfügbar
- empfohlene Maßnahmen bei Formaldehydkonzentration > 1,0 ppm (abhängig von der Dauer der Einwirkung), vorhandenen Symptomen (z.B. Reizungen der Augen oder pulmonale Symptome) und bei V.a. Exposition ohne bekannte Expositionsdosis
- Sauerstoffgabe
- Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
- bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
- 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
- Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
- falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
- 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
- CPAP-Therapie
- 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
- Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
- Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
- bei allen asymptomatischen Patient*innen mit vmtl. Exposition ggü. Diisocyanat-Konzentration > 0,1 ppm
- 5 Hüben Beclometason aus Dosieraerosol erwägen (ggf. Wdh. alle 10 min mit 2 Hüben)
- Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum
weiteres Vorgehen und Behandlung
- Pulsoxymetrie, p.a.-Thorax-Röntgen und Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
- radiologisch eindeutige Zeichen eines Lungenödems (Vergrößerung der Hili, typische, zentral betonte, fleckförmige Verschattungen im Thorax Röntgenbild) sind späte Zeichen, die erst 6 – 8 h oder noch später nach Exposition erkennbar sind
- Routinelaboruntersuchung: großes Blutbild, BZ & Elektrolyte
- Nachbeobachtung über angemessenen Zeitraum und wiederholte Nachuntersuchungen
- unverzüglich BGA (art.) und Thorax-Röntgen wiederholen bei SpO2 < 90 %
- O2 über Maske bei verschlechterter Blutgaskonzentrationen und/oder Zeichen eines toxischen Lungenödems im Thorax-Röntgen
- CPAP-Therapie innerhalb der ersten 24 h bei sich manifestierender Verschlechterung (v.a. bei Tachypnoe mit AF > 30/min und gleichzeitiger pCO₂-Abnahme)
- bei Lungenödem engmaschige Kontrolle von Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung sowie Elektrolyten (CAVE: positive Flüssigkeitsbilanz vermeiden)
- ZVK-Anlage zur Optimierung des Flüssigkeitsmanagements erwägen
- Methylprednisolon (oder eines äquivalenten Steroids) i.v. alle 8 – 12 h bei persistierendem Lungenödem
- keine routinemäßige prophylaktische Antibiotikagabe (ggf. basierend auf Ergebnissen der Sputum-Kulturen indiziert; CAVE: Pneumonie als Komplikation mgl.)
- Biomonitoring mit Bestimmung der jeweiligen Konzentration zur Abschätzung der systemisch aufgenommenen Dosis nach Exposition erwägen
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
- Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Exposition < 3 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
- mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
- ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylnitril kennt bzw. verstanden hat
- weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
- keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
- mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
- bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h
- Spirometrie nach Entlassung in regelmäßigen Abständen wiederholen bis zur Normalisierung der Werte auf die Ausgangswerte der Patient*innen vor Exposition


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