veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads
grundsätzliche Informationen zur Substanz
- Styrol (C6H5-CH=CH2)
- Synonyme: Vinylbenzol, Phenylethylene, Cinnamen
- bei Raumtemperatur (Siedepunkt: 145 °C) klare bis leicht gelbliche, ölige Flüssigkeit
- Dämpfe und Flüssigkeit sind entzündlich
- süßlich, scharfer Geruch
- Geruchsschwelle liegt bei 0,017 – 1,9 ppm (CAVE: rascher Gewöhnungseffekt)
- gering löslich in Wasser, aber gut löslich in Alkohol, Ether und Aceton
- spontane Polymerisation
- bei Verbrennung entsteht Kohlenmonoxid
- organisches Lösungsmittel mit niedrigem Dampfdruck
- Einsatz in der Herstellung von Polystyrol, Oberflächenbeschichtungen, Polyesterharzen, Copolymeren mit Acrylnitril und Butadien und als chemisches Zwischenprodukt
Exposition
- Einatmen
- Exposition erfolgt im Wesentlichen durch Einatmen
- schnelle Aufnahme über die Lunge
- Haut-/Augenkontakt
- Aufnahme über die Haut mgl.
- allgemeine Vergiftungserscheinungen
- Verschlucken
- Aufnahme über Magen-Darmtrakt mgl.
- Verschlucken am Arbeitsplatz selten
akute gesundheitliche Wirkungen
- Atemwege
- Reizung der oberen Atemwege
- Hautkontakt / Augenkontakt
- Hautreizungen bei lokaler Einwirkung von flüssigem Styrol
- Reizungen der Augen mit Rötung, Brennen, Tränenfluss oder krampfhaftem Lidschluss bei lokaler Einwirkung von flüssigem Styrol
- systemische Effekte
- Diagnose einer Styrolvergiftung stützt sich im Wesentlichen auf klinische Zeichen einer Reizung, zentralnervösen Störungen zusammen mit sehr wahrscheinlicher Styroleinwirkung
- allgemeine Vergiftungserscheinungen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Schwäche, Verwirrtheit und Bewusstlosigkeit führend
- Zeichen einer Reizung der oberen Atemwege, gefolgt von Asphyxie, Muskelschwäche, Herzrhythmusstörungen, Koma und Atemstillstand bei Exposition ggü. hohen Konzentrationen
- Störungen des zentralen und peripheren Nervensystems und Leberenzymveränderungen bei chronischer Exposition mgl.
mögliche Folgen
- weitere Besserung der Symptomatik erwartbar bei Überleben der ersten 48 h
- Normalisierung der Lungenfunktion nach akuter Einwirkung i.d.R. in 7 – 14 d
- i.d.R. vollständige Wiederherstellung
- Persistenz einer erhöhten Sensitivität ggü. reizenden Stoffen –> Bronchospasmen oder chronische Bronchitis (Schwefeldioxidgas-induziertes “reactive airways dysfunction syndrome” (RADS) besteht ggf. über mehrere Jahre)
- Zerstörung von Lungengewebe sowie Narbenbildung –> chronische Dilatation von Bronchien –> erhöhte Suszeptibilität ggü. pulmonalen Infektionen
- ggf. zentrale und periphere Neuropathie (Störungen der psychomotorischen Funktionen, Demenz, distale Hypästhesie und verzögerte Nervenleitgeschwindigkeit) und Ototoxizitätbei chronischer Exposition
Dosis-Wirkungs-Beziehung
| Styrol-Konzentration | Wirkung/Effekte |
|---|---|
| 0,017 – 1,9 ppm | Geruchsschwelle (mit rascher Gewöhnung) |
| 50 ppm | subjektive Beschwerden (z.B. Kopfschmerzen, Schwäche, Konzentrationsstörungen) |
| 100 ppm | leichte Reizung von Augen und Rachen |
| 400 – 500 ppm | mäßige, noch erträgliche Reizung |
| 800 ppm | unmittelbare Reizung von Augen und Rachen, verstärkte Nasensekretion, metallischer Geschmack, Schwindel und Schläfrigkeit |
| 2500 ppm | lebensgefährlich bei Exposition > 8 h |
| 10000 ppm | lebensgefährlich bei Exposition > 20 – 30 min |
Management
Selbstschutz der Helfer*innen
- Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
- Patient*innen, die selbst oder deren Kleidung mit flüssigem Styrol benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch Dämpfe gefährden
- keine Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur Dämpfen ausgesetzt waren
Rettung
- Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
- falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
- absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
- A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
- B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
- C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
Reinigung
- keine speziellen Reinigungs-Maßnahmen nach Dampf/Gas-Exposition ohne Haut- oder Augenreizung
- wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
- bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssiger/wässriger Lösung Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
- betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen
- bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)
- unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Expositionskonzentration > 100 ppm (abhängig von der Dauer der Einwirkung) oder unklarer, aber wahrscheinlich relevanter Expositionsdosis
- empirische Therapie
- kein spezifisches Antidot verfügbar
- empfohlene Maßnahmen bei Expositionskonzentration > 10 ppm (abhängig von der Dauer der Einwirkung), vorhandenen Symptomen (z.B. Reizungen der Augen oder pulmonale Symptome) und bei V.a. Exposition ohne bekannte Expositionsdosis
- Sauerstoffgabe
- Verabreichung von 8 Sprühstößen Beclometason (800 μg Beclometasondipropionat) aus Dosieraerosol
- bei Zeichen einer Verengung der Atemwege (z.B. Bronchospasmus oder Stridor)
- 2 mg Adrenalin (2 mL) + 3mL NaCl 0,9% über Verneblermaske
- Gabe eines ß2-selektiven Adrenozeptor-Agonisten (z.B. 4 Hübe Terbutalin, Salbutamol oder Fenoterol; ggf. Wdh. nach 10 min); alternativ 2,5 mg Salbutamol und 0,5 mg Ipratropiumbromid über Verneblermaske
- falls Verneblung nicht mgl.: 0,25 – 0,5 mg Terbutalinsulfat s.c. oder 0,2 – 0,4 mg Salbutamol i.v. über 15 min
- 250 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- bei Zeichen eines toxischen Lungenödems (z.B. schaumiger Auswurf, feuchte Rasselgeräusche)
- CPAP-Therapie
- 1000 mg Methylprednisolon i.v. (oder äquivalente Steroiddosis)
- bei (zunehmender) resp. Insuffizienz erweitertes Atemwegsmanagement, z.B. ETI oder ggf. Koniotomie
- Hautkontakt kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (adäquate Flüssigkeitsgabe, Analgesie, Wärmeerhalt, Abdeckung des betroffenen Hautareals mit steriler Auflage oder sauberem Tuch)
- Augen-Exposition kann schwere Schädigungen hervorrufen, die wie Verbrennungen zu behandeln sind (CAVE: Augenarzt konsultieren)
weiteres Vorgehen und Behandlung
- Spirometrie neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
- berschiedene Laboruntersuchungen zur Überwachung und Abschätzung von Komplikationen erwägen
- Routinelaboruntersuchung: Blutbild, Glukose & Elektrolyte
- Biomonitoring mit Bestimmung der Mandelsäure- und Phenylglyoxylsäure-Konzentration im Urin zur Abschätzung der systemisch aufgenommenen Dosis nach Exposition
Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten
- Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit Expositionskonzentration < 100 ppm (abhängig von Einwirkungsdauer) und unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
- mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
- ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylnitril kennt bzw. verstanden hat
- weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
- keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
- mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
- bei ernsten Haut- oder Augenverletzungen erneute Untersuchung nach 24 h


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