veröffentlichende Fachgesellschaft: Asociación Española de Pancreatología (AESPANC), Organización Panamericana de Gastroenterología (OPGE), Società Italiana di Endoscopia Digestiva (SIED) & Sociedade Portuguesa de Gastrenterologia (SPG)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 30.05.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://iaem.ie/professional/clinical-guidelines/
Definition der akuten Pankreatitis
- akute Pankreatitis (AP): akute Entzündung der Bauchspeicheldrüse mit verschiedenen Ursachen
- i.d.R. leichter, auf die Bauchspeicheldrüse beschränkter Entzündungsprozess
- bei etwa 1/3 tritt Pankreasnekrose und/oder Beteiligung des umliegenden Gewebes oder entfernter Organe auf, was zu einem mittelschweren bis schweren Krankheitsverlauf führt
- breites klinisches Spektrum, das von selbstlimitierenden Bauchschmerzen bis hin zu lokalen oder systemischen Komplikationen reicht, die mit erheblicher Morbidität und potenzieller Mortalität einhergehen
- idiopathische Pankreatitis: AP, bei der nach gründlicher Anamnese, Laboruntersuchungen und mind. einer fortgeschrittenen bildgebenden Untersuchung (EUS und/oder MRCP) keine Ursache festgestellt werden kann
- rezidivierende Pankreatitis: zwei oder mehr AP-Episoden, zwischen denen ein Zeitraum von mehr als 3 Monaten mit vollständiger Remission liegt
Anamnese & Diagnostik
Diagnosekriterien einer akuten Pankreatitis
- für die Diagnose einer akuten Pankreatitis müssen mind. 2 von 3 Kriterien erfüllt sein:
- typische Bauchschmerzen
- erhöhte Pankreasenzymwerte im Serum (mehr als das Dreifache des oberen Normwerts)
- charakteristische Befunde in der Bildgebung
- Diagnose erfolgt hauptsächlich klinisch und labortechnisch; bildgebende Verfahren kommen zum Einsatz, wenn das Krankheitsbild atypisch ist
Ursachensuche/-klärung
- Erstuntersuchung umfasst Anamnese, körperliche Untersuchung, Leberprofil, Bestimmung der Triglycerid- und Kalziumwerte sowie Ultraschalluntersuchung des Abdomens
- kontrastmittelunterstützte CT-Untersuchung bei V.a. eine bösartige Erkrankung empfohlen
- bei unklarer Ursache kann die weitere Abklärung eine erneute Ultraschalluntersuchung, Laboruntersuchungen, eine endoskopische Ultraschalluntersuchung (EUS) und/oder eine MRCP umfassen (kontrastmittelgestütztes CT ist sekundäre Option)
- genetische und/oder immunologische Untersuchungen bei wiederkehrenden idiopathischen Fällen in Betracht ziehen
Schweregradbestimmung
- Schweregradeinstufung einer akuten Pankreatitis anhand der überarbeiteten Atlanta-Klassifikation, die sich auf Organversagen sowie auf lokale & systemische Komplikationen stützt
- zur frühzeitigen Vorhersage werden Bedside Index for Severity in Acute Pancreatitis (BISAP) und persistierendes SIRS-Kriterien empfohlen, da sie trotz ihrer begrenzten Genauigkeit einfach anzuwenden sind
Therapie
ITS-Einweisungskriterien
- frühzeitige Einweisung auf die Intensivstation empfohlen bei
- Patient*innen mit Organversagen, das auf die erste Akuttherapie nicht anspricht
- Patient*innen mit infizierte Pankreasnekrose und systemischer Beeinträchtigung
- Einweisung auf die Intensivstation bei Patienten mit anhaltendem (> 48 h) isoliertem oder multiplem Organversagen empfohlen
- Einweisung in die Intermediate Care Unit empfohlen bei
- prognostizierter schwerer akuter Pneumonie (BISAP ≥ 3, anhaltendes SIRS)
- isoliertem Organversagen, das auf die Behandlung anspricht
- frühzeitige intrakranielle Hypertension (IAH)
Flüssigkeitstherapie
- moderate Flüssigkeitszufuhr (1,5 mL/kg/h) empfohlen, bei hypovolämischen Patient*innen optional mit Bolus von 10 mL/kg
- Lactat-Ringer-Lösung aufgrund ihrer potenziell entzündungshemmenden Wirkung bevorzugen
Analgesie
- multimodale Schmerztherapie, wobei je nach Schweregrad der Schmerzen und den individuellen Faktoren der Patient*innen NSAR und/oder Opioide zum Einsatz kommen sollten
- leichte Schmerzen sprechen möglicherweise auf NSAR und Paracetamol an, während bei mäßig starken bis starken Schmerzen starke Opioide oder eine epidurale Analgesie erforderlich sein können, wobei die Dosierung schrittweise reduziert wird
Antibiotikatherapie
- keine prophylaktische Gabe von Antibiotika bei einer nekrotisierenden Pankreatitis (CAVE: Gabe nur bei bestätigten oder vermuteten bakteriellen Infektionen –> falls erforderlich, hochdosierte Breitbandantibiotika verabreichen)
- Procalcitonin kann als Orientierungshilfe beim Einsatz von Antibiotika dienen
- Antimykotika nur angewenden, wenn der V.a. Pilzinfektion besteht oder bestätigt wurde
Thromboseprophylaxe
- medikamentöse Thromboseprophylaxe bei mittelschwerer bis schwerer akuter Pneumonie oder bei hohem Thromboserisiko ohne Blutungsrisiko empfohlen
- keine routinemäßige Thromboseprophylaxe bei einer leichten AP
- bei hohem Blutungsrisiko mechanische Methoden erwägen; sobald die Situation sicher ist, kann auf pharmakologische Methoden umgestellt werden
Indikationen für frühzeitige endoskopische retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP)
- dringende ERCP (≤ 24 h) bei akuter Cholangitis als Komplikation einer akuten Pankreatitis
- bei Patient*innen mit Choledocholithiasis ohne akute Cholangitis ERCP aufschieben, da ein frühzeitiges Eingreifen das Outcome nicht verbessert
Versorgung des abdominalen Kompartmentsyndrom
- als intraabdominale Hypertonie (IAH) gilt ein intraabdominaler Druck (IAP) > 12 mmHg –> abdominales Kompartmentsyndrom ist definiert als IAP > 20 mmHg bei neu auftretenem Organversagen
- IAP-Überwachung bei Intensivpatient*innen mit AP
- Behandlung umfasst medikamentöse Maßnahmen (Sedierung, nasogastrale und rektale Sonden, Prokinetika), perkutane Drainage und bei anhaltendem abdominalem Kompartmentsyndrom sogar eine dekompressive Laparotomie
Versorgung eines Disconnected Pancreatic Duct Syndrome (DPDS)
- Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie (MRCP) als diagnostisches Verfahren der 1. Wahl bei V.a. DPDS empfohlen (CAVE: sekretinverstärkte MRCP, sofern verfügbar, aufgrund ihrer höheren diagnostischen Sensitivität vorziehen; Amylase-Bestimmung in der abgelassenen Flüssigkeit hilfreich bei der Erkennung von DPDS)
- endoskopische transluminale Drainage ggü. ERCP bei vollständiger Gangunterbrechung vorziehen
- Zeitpunkt einer OP bei DPDS ist unklar (im Allgemeinen wird schrittweiser Ansatz bevorzugt, bei dem eine OP nur für therapieresistente Fälle vorbehalten bleibt)
Versorgung bei sterilen und infizierten (peri-)pankreatischen Ansammlungen
- kontrastmittelverstärktes CT zur Diagnose von PPPC wirksam, während MRT bei Bedarf eine bessere Charakterisierung des Inhalts ermöglicht
- Breitband-Antibiotikatherapie nur bei bestätigten oder vermuteten Infektionen (CAVE: keine prophylaktische Gabe)
Versorgung bei (peri-)pankreatischen Venenthrombosen und einer linksseitigen portalen Hypertonie
- therapeutische Antikoagulation bei akuter Pfortaderthrombose, Mehrgefäßthrombose der splanchnischen Venen oder fortschreitender Milzventrombose erwägen
- nach akutem Ereignis wird Thrombophilie-Untersuchung empfohlen, um das Rezidivrisiko einzuschätzen und die Behandlungsdauer festzulegen
- Behandlung umfasst Gabe von LMWH, gefolgt von oralen Antikoagulanzien über Zeitraum von 3 – 6 Monaten (Behandlung ist nach Abklingen der Symptome oder bei ausbleibender Rekanalisation abzubrechen, außer bei Thrombophilie)
- derzeitige Evidenz spricht nicht für Einsatz von Betablockern oder endoskopische Therapie zur primären oder sekundären Blutungsprävention bei linksseitiger, nicht-zirrhotischer portaler Hypertonie
Versorgung einer durch die Gallenwege bedingten akuten Pankreatitis
- bei leichter AP laparoskopische Cholezystektomie bereits während des ersten KH-Aufenthalts
- in mittelschweren bis schweren Fällen Cholezystektomie bis 8 Wochen nach Entlassung oder bis zum Abklingen lokaler Komplikationen aufschieben
Versorgung bei Choledocholithiasis im Rahmen einer AP
- bei leichter oder voraussichtlich schwerer akuter Pankreatitis ohne Cholangitis, jedoch mit anhaltender Cholestase oder Gangerweiterung, Untersuchungen um bis zu eine Woche verschieben, sofern die Patient*innen klinisch stabil sind (CAVE: wenn Cholestase abklingt und die Gänge nicht erweitert sind, sind keine weiteren Untersuchungen erforderlich)
- bei milder biliärer Apoplexie mit hohem V.a. Choledocholithiasis, bei der eine frühzeitige Cholezystektomie geplant ist, wird eine präoperative Gallengangserkundung empfohlen, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist:
- Bilirubin > 70 μmol/L (4 mg/dL)
- gemeinsamer Gallengang > 6 mm bei Bilirubinwert von 30 – 70 μmol/L (1,75 – 4 mg/dL)
- Anzeichen einer Cholangitis
- in unklaren Fällen MRCP oder EUS durchführen, da diese eine hohe Genauigkeit bei der Erkennung von Lithiasis aufweisen
Sonderfall – Hypertriglyceridämie bedingte Pankreatitis
Diagnostik
- Werte > 1000 mg/dL bestätigen AP-Ursache, sofern keine andere Ursache festgestellt wird
- Werte > 500 mg/dL deuten auf hohe Wahrscheinlichkeit hin
Therapie
- rasche Senkung der Triglyceridwerte durch Fasten und Insulin
- bei Triglyceridwerten > 5000 mg/dL Blutreinigung in Betracht ziehen
- oralen Gabe von Fibraten, sobald die Nahrungsaufnahme wieder aufgenommen wird


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