veröffentlichende Fachgesellschaft: Royal Children’s Hospital Melbourne (RCH)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://www.rch.org.au/clinicalguide/
Grundsätzliches
- Definition „Brief Resolved Unexplained Event (BRUE)“: Ereignis bei Säugling < 12 Monate, bei welchem Folgendes beobachtet wird:
- plötzlich, kurz und gerade ausgelöst
- gekennzeichnet durch eines oder mehrere der folgenden Merkmale
- Zyanose oder Blässe
- fehlende, verminderte oder unregelmäßige Atmung
- deutliche Tonusveränderung (Hypertonie oder Hypotonie)
- veränderte Reagibilität
- Ausschluss alternativer Differenzialdiagnosen nach Anamnese und körperlicher Untersuchung
- häufigste Ursache dürfte Überreaktion der Atemwege sein, die auf mangelhafte Koordination von Saugen und Schlucken oder Stimulation des Vagusnervs zurückzuführen ist (ggf. im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme, gastroösophagealem Reflux oder vermehrten Infektionen der oberen Atemwege)
Anamnese
- Kindesmisshandlung in Betracht ziehen, wenn mehrere oder sich widersprechende Versionen der Vorgeschichte vorliegen oder die Umstände nicht mit Entwicklungsstadium des Kindes vereinbar sind
- Beschreibung des Ereignisses
- Erstickungsanfälle, Würgen
- Atembeschwerden, Atemaussetzer, Atemstillstand
- Hautkolorit: normal, Zyanose, Blässe, Plethora
- Distress
- Bewusstseinszustand: Reaktion auf Ansprache, Berührung oder visuelle Reize
- Tonus: steif, schlaff oder normal
- Bewegung (inkl. Augen): zielgerichtet, repetitiv
- Umstände und Umfeld vor Ereignis
- wach oder schlafend
- Nahrungsaufnahme und Vorgeschichte von Erbrechen
- Position (Bauch-/Rücken-/Seitenlage)
- Umgebung: Schlafgelegenheit, gemeinsames Schlafen, Temperatur, Bettwäsche
- Gegenstände in der Nähe, die verschluckt werden könnten und zum Ersticken führen könnten
- Krankheit in den vorangegangenen Tagen
- Sistieren er Symptomatik
- Dauer des Ereignisses
- Umstände des Sistierens: spontan, durch Umlagerung, Stimulation, Mund-zu-Mund-Beatmung und/oder Herzdruckmassage
- Erholungsphase: schnell oder langsam
- weitere Anamnese
- Vorgeschichte
- ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit oder mehrere Ereignisse/Cluster
- vorangegangene/zwischenzeitliche Erkrankung
- Stridor/Stertor/Erbrechen oder Symptome einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD)
- Kontakt zu kranken Personen
- familiäre Vorbelastung bzgl. plötzlichem Herztod oder schweren Kinderkrankheiten
- Medikamente oder andere Arzneimittel im Haushalt
- Sozialanamnese: elterliche Unterstützung, psychosoziale Beurteilung
Differenzialdiagnosen
- weniger schwerwiegend (häufiger)
- Kehlkopfkrampf, Erstickungsanfälle, Würgen
- gastroösophagealer Reflux
- normale Säuglingsbewegungen, periodische Atmung
- Infektion der unteren Atemwege
- schwerwiegender (seltener)
- Anfälle/infantile Spasmen
- Anomalien oder Verengungen der Atemwege
- Apnoe (zentral/obstruktiv)
- Kopfverletzung/andere Fremdeinwirkungen
- Infektionen: Keuchhusten, bakterielle Infektion
- Herz: angeborene Herzfehler, Herzrhythmusstörungen
- Sonstige: Elektrolytstörungen, angeborene Stoffwechseldefekte, Vergiftung/Aufnahme von Toxinen, Invagination
Diagnostik
- vollständige körperliche Untersuchung
BRUE-Risikostratifizierung
- Risikostratifizierung, wenn sich das Kind erholt hat und die Untersuchung unauffällig ist
- BRUE mit niedrigem Risiko stellt sehr wahrscheinlich kein Hinweis für schwerwiegende Grunderkrankung dar –> Wdh. unwahrscheinlich
- BRUE mit niedrigem Risiko weist in der Anamnese und bei der Untersuchung keine besorgniserregenden Merkmale auf UND erfüllt alle folgenden Kriterien
- Alter > 60 Tage
- Geburt > 32. SSW und korrigiertes Gestationsalter > 45. SSW
- keine Reanimation durch ausgebildetes medizinisches Fachpersonal
- erstes Ereignis
- Ereignisdauer < 1 min
- Patient*innen, die diese Kriterien nicht erfüllen, haben höheres BRUE-Risiko (bei 4 – 8 % der Säuglinge mit BRUE mit höherem Risiko liegt schwerwiegende Grunderkrankung vor, am häufigsten Krampfanfälle oder Apnoe)
Therapie
- bei BRUE mit niedrigem Risiko sind keine Untersuchungen erforderlich und können sicher entlassen werden, wenn sich die Betreuungspersonen beruhigt fühlen und in der Lage sind, ihr Kind zu Hause zu betreuen (gemeinsame Entscheidungsfindung mit der Familie)
- bei BRUE mit höherem Risiko folgenden Untersuchungen in Betracht ziehen
- EKG (QT-Intervall messen) –> Dysmorphologie oder familiäre Vorbelastung bzgl. Herzrhythmusstörungen oder plötzlichem Herztod
- Nasen-Rachen-Abstrich –> Vorgeschichte bzgl. Keuchhustenexposition, respiratorischen Symptomen, Apnoe
- EEG/neurologisches Konsil –> abnorme Bewegungen, Augenabweichungen oder pathologische neurologische Funktionen, rezidivierende Symptomatik
- HNO-Konsil –> Stridor, Nasenbluten, obstruktive Symptome oder Apnoe
- Verständnis zeigen für die Belastung, die dieses Ereignis bei Betreuungspersonen auslösen kann
- benötigt Kind fortlaufende Akutbehandlung, handelt es sich nicht um ein BRUE
- stationäre Aufnahme zur Beobachtung und kardiorespiratorischen Überwachung kann beruhigend wirken, führt aber selten zu einer Diagnose



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