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30.05. – Welt-MS-Tag – notfallmedizinische Versorgung des MS-Schub

Am heutigen 30. Mai ist Welt-MS-Tag. Multiple Sklerose (MS) wird oft die „Krankheit der 1000 Gesichter“ genannt. In der Präklinik und der Zentralen Notaufnahme (ZNA) treffen wir auf diese Patient*innen meist dann, wenn im System des Körpers etwas kippt – sei es durch einen akuten Schub, eine Infektion oder eine völlig unabhängige Begleiterkrankung.

Multiple Sklerose in Deutschland

  • Prävalenz: ca. 280.000 Menschen leben in Deutschland aktuell mit MS (1:300)
  • Inzidenz: jedes Jahr kommen rund 13.400 bis 15.000 Neudiagnosen hinzu
  • Erkrankungsalter: durchschnittliches Alter bei Diagnosestellung liegt laut DMSG bei ca. 33 – 35 Jahren (erster Schub meist zw. 20. und 40. Lebensjahr)

Was genau ist eigentlich ein echter MS-Schub?

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Das Immunsystem greift die Myelinscheiden der Nervenfasern an, was die Erregungsleitung stört oder komplett unterbricht.

Ein akuter MS-Schub ist klinisch relativ eng definiert:

  • Auftreten von neuen oder deutliche Verschlechterung bereits bestehender neurologischer Ausfälle
  • Symptomatik muss länger als 24 Stunden anhalten
  • mind. 30 Tage seit dem Beginn des letzten Schubs vergangen
  • CAVE: nicht bedingt durch Änderungen der Körpertemperatur (Uhthoff-Phänomen) oder oder im Rahmen von z.B. Infektionen und nicht durch anderweitige physische oder organische Ursache hervorgerufen

Symptomatik eines MS-Schubs

  • typischer MS-Schub zeigt sich i.d.R. in Form eines der Symptomkomplexe
    • Optikusneuritis
    • fokal supratentorielles oder zerebelläres oder Hirnstammsyndrom
    • inkomplette Myelitis
  • atypischer MS-Schub präsentiert sich z.B. mit folgenden Symptomen
    • neuropsychiatrische Symptome
    • isolierte neurokognitive Symptome, inkl. isolierte Fatigue, epileptische Anfälle, unspezifische Enzephalopathien/Kopfschmerzen
  • CAVE: einzelne, wenige Sekunden oder Minuten andauernde paroxysmale Episoden (wie z.B. tonische Spasmen, Trigeminusneuralgie) werden definitionsgemäß nicht als Schub eingeordnet (fortgesetzte Episoden dieser Art > 24 h können ggf. als Schub angesehen werden)

wichtige Differentialdiagnosen

Längst nicht jede neurologische Verschlechterung bei einer bekannten MS ist auch ein neuer Schub. Zwei Phänomene muss man hier zwingend auf dem Schirm haben:

Das Uhthoff-Phänomen

Bei steigender Körpertemperatur (durch Fieber, ein heißes Bad, Hochsommer oder körperliche Anstrengung) leiten demyelinisierte, also bereits vorgeschädigte Nervenfasern die Aktionspotenziale noch schlechter weiter.

  • Die Folge: Alte, eigentlich bereits zurückgebildete Symptome (z. B. eine bekannte Sehstörung oder eine alte Parese) flackern plötzlich wieder massiv auf.
  • Die gute Nachricht: Bei Sinken der Körpertemperatur verschwinden diese Symptome meist rasch und vollständig (rein elektrophysiologisches Problem, keine neue Entzündung)

Der Pseudo-Schub

Ein akuter Infekt – der absolute Klassiker ist hier z.B. der unentdeckte Harnwegsinfekt oder eine beginnende Pneumonie – triggert das Immunsystem und bedeutet Stress für den Körper. Das kann bei MS-Erkrankten zu einer dramatischen, temporären Verschlechterung der neurologischen Gesamtsituation führen, ohne dass ein echter schubförmiger Progress vorliegt.

Vergleich

Merkmalechter MS-SchubUhthoff-Phänomen / Pseudo-Schub
Dauer> 24 h, oft Wochenkurz (Uhthoff) oder infektanhängig
Temperaturnormaloft erhöht (Fieber, Hitze)
Infektzeichenkeinehäufig (HWI, Atemwege, etc.)
Rückbildunglangsam (mit/ohne Kortison)schnell nach Kühlung/Infektsanierung

Premature Closure als gefährlicher kognitiver Bias

Im rettungsdienstlichen oder klinischen Alltag lauert bei der MS ein massives Risiko für die Patient*innensicherheit: Premature Closure, also das vorzeitige Schließen der gedanklichen Akte.

Wenn man in der Übergabe das Stichwort „bekannte MS“ hört und bei der Untersuchung eine frische Hemiparese oder Aphasie feststellen, ist die Versuchung extrem groß, sofort einen echten MS-Schub zu favorisieren. Aber Vorsicht: Auch Patient*innen mit Multipler Sklerose können einen Schlaganfall haben!

Die wichtigste Regel: Auf die Patient*innen hören! Viele chronisch Erkrankte sind absolute Expert*innen für ihren eigenen Körper. Wenn ein*e Patient*in sagt: „Das fühlt sich heute komplett anders an als bei meinen bisherigen Schüben“, dann müssen sofort alle Alarmglocken für zeitkritische Differentialdiagnosen schrillen.

Notfallmanagement des MS-Schub – Step-by-Step

Die kausale Therapie eines echten MS-Schubs findet in der Regel erst nach neurologischer Bestätigung statt. Präklinisch und im Schockraum geht es primär um den sicheren Ausschluss lebensbedrohlicher Alternativen:

  1. ABCDE-Approach: ALS und die Stabilisierung der Vitalfunktionen haben immer Vorrang
  2. Temperaturmessung ist obligatorisch zum Ausschluss eines Infektes bzw. eines Pseudo-Schubs
  3. BZ-Messung –> Hypoglykämie kann neurologische Ausfälle auslösen (Stroke Mimic)
  4. Neuro-Check (z.B. BEFAST etc.)
  5. klinische Schubtherapie: bei neurologisch bestätigtem echten MS-Schub ist die Therapie der Wahl die Hochdosis-Glukokortikoidtherapie i.v., z.B. Methylprednisolon 500 – 1000 mg i.v. für 3 – 5 d (CAVE: präklinisch sind Kortikoide ohne vorherige neurologische Diagnostik i.d.R. nicht indiziert)

Take-Home-Message: Eine akute neurologische Verschlechterung bei bekannter MS erfordert immer einen sehr differenzierten Blick auf Begleitumstände, Infektzeichen und Vitalwerte. Behaltet den Schlaganfall als Differentialdiagnose im Hinterkopf und nutzt das tiefe Krankheitswissen eurer Patient:innen aktiv für eine sichere Versorgung!

Quellen

  • Abboud, Hesham, Karin Mente, Meagan Seay, u. a. „Triaging Patients with Multiple Sclerosis in the Emergency Department: Room for Improvement“. International Journal of MS Care 19, Nr. 6 (2017): 290–96. https://doi.org/10.7224/1537-2073.2016-069.
  • Flöer, Claudia. „Multiple Sklerose (MS Krankheit): Schub, Verlauf & Therapie“. pflege.de. Zugegriffen 24. Mai 2026. https://www.pflege.de/krankheiten/ms-multiple-sklerose/verlauf-schub-therapie/.
  • Freund, Wolfgang. „Neue Symptomatik bei MS-Patientin“. NeuroTransmitter 34, Nr. 5 (2023): 38–47. https://doi.org/10.1007/s15016-023-3108-8.
  • Hemmer B., Gehring K. et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-opticaSpektrum-Erkrankung (NMOSD) und MOG IgGassoziierten Erkrankung (MOGAD), S2k-Leitlinie, 2026, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 24.05.2026)
  • Novartis Pharma GmbH. „Wenn die MS sich verschlechtert“. MS & Ich. Zugegriffen 24. Mai 2026. https://www.msundich.de/behandlung/schubbehandlung-bei-ms.
  • Salter, Amber, Samantha Lancia, Mudita Sharma, Gary R. Cutter, Robert J. Fox, und Ruth Ann Marrie. „Infection, Relapses, and Pseudo-Relapses in Individuals With Multiple Sclerosis“. Neurology: Clinical Practice 15, Nr. 4 (2025): e200493. https://doi.org/10.1212/CPJ.0000000000200493.
  • World MS Day. „World MS Day 30 May 2026“. Zugegriffen 24. Mai 2026. https://worldmsday.org/.
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