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Im Notfall Psychiatrie – Was ist eine generalisierte Angststörung?

Grundsätzliches

Bei einer generalisierten Angststörung (GAS) haben Betroffene ein starkes und anhaltendes Erleben von Angst und Sorgen, welches nicht an spezifische Situationen und Objekte gebunden ist. Bei einer GAS kommt es auch nicht zu attackenartigen Angstanfälle. Kurz und knapp gesagt wirkt die Welt für Patient*innen bedrohlich und voller Risiken. Egal ob Todesfälle, Erkrankungen oder andere Schicksalsschläge, die Freunde oder die Familie betreffen, werden von Betroffenen dauerhaft befürchtet, wobeider Fokus der Sorgen kann ständig wechseln kann. Wichtig ist hier bei der diagnostischen Abgrenzung, dass die Gründe für die Sorgen selbst sich nicht von denen gesunder Menschen unterscheiden, aber die ungewöhnliche Häufigkeit, Dauer, Intensität sowie die Unkontrollierbarkeit sind Indikatoren für eine pathologische Ausprägung.

EXKURS – Definition „Angst“
– Reaktion auf Gefahrenreize, die sich in körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, Schwitzen etc. sowie in psychischen Symptomen wie Unwohlsein oder Unruhe zeigen
– Angst vor realen Bedrohungen ist eine wichtige körperliche Reaktion, um den Körper auf Kampf- oder Fluchtsituationen vorzubereiten
– Angst ist integraler Bestandteil vieler psychischer Erkrankungen

EXKURS – Definition „pathologische Angst“
übertriebene, unrealistische oder auch grundlose Reaktionen auf o.g. Gefahrenreize

Manifestationsebenen von Angst

  • subjektive Ebene –> bestimmte Kognitionen (z.B. Gefahr, Katastrophe, Beschämung)
  • physiologischer Ebene –> körperliche Reaktionen (z.B. sympathikotone Innervation, Stresshormonantwort)
  • motorischen Ebene –> definierte Verhaltensweisen (z.B. Fliehen, Vermeiden, Erstarren, Kämpfen)

Epidemiologie

  • Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen (höchste Verbreitungsrate psychischer Störungen mit insgesamt 29 %)
  • Lebenszeitprävalenz für Angststörungen von 14 – 29 %
  • 12-Monatsprävalenz für Angststörungen von 15,3 % für Deutschland
  • 12-Monats-Prävalenzen für generalisierte Angststörung in Deutschland: gesamt 2,2 % (Frauen 2,9 % & Männer 1,5 %)
  • Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer an Angststörungen
  • höchste 12-Monatsprävalenz in der Altersgruppe von 18 – 34 Jahren
  • mittleres Alter bei der generalisierten Angststörung bei 40,7 Jahren
  • zwei Altersgipfel: Adoleszenz und um das 40. Lebensjahr herum
  • Median des Alters zu Beginn beträgt 31 Jahre für die generalisierte Angststörung

Ätiologie & Pathogenese

Die Entstehung von Angststörungen – inkl. der generalisierte Angststörung – ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Es existieren mehrere theoretische Modelle, die verschiedene Einflussfaktoren beschreiben, doch ein abschließendes ätiologisches Konzept steht weiterhin aus.

Aus klinischer Perspektive spielen belastende Lebensereignisse eine zentrale Rolle. Sorgen und anhaltende Überforderung können als initiale Auslöser wirken, insbesondere dann, wenn sie auf individuelle Vulnerabilitäten treffen. Diese Kombination kann nicht nur die Entstehung einer Angststörung begünstigen, sondern auch deren Übergang in einen chronischen Verlauf fördern.

Auf neurobiologischer Ebene ist die Datenlage ebenfalls noch nicht abschließend bzw. uneindeutig. Zwar gibt es Hinweise auf die Beteiligung bestimmter neuronaler Netzwerke und Regulationsmechanismen, doch bislang lassen sich daraus keine endgültigen Aussagen über die Ursachen der Angstverarbeitung ableiten.

Pathogenese

  1. auslösende Stimuli (innere und äußere Reize, körperliche Symptome) werden so interpretiert, dass bedrohliche Situation vorliegt
  2. Gefühl der Sorge intensivieren sich (bedingt durch gering eingeschätzte Ressourcen zur Problembewältigung)
  3. positive und negative Metakognitionen halten Erkrankung aufrecht (z.B. „wenn ich mir Sorgen mache, bin ich vorbereitet“ oder „Die ständigen Sorgen belasten mich, ich könnte ein Magengeschwür bekommen“)
  4. Versuch, sorgenvolle Gedanken zu unterdrücken, führt zu weiterer Intensivierung (rein kognitive Verarbeitung der Sorgen vermeidet das Auftreten von Emotionen)

Risikofaktoren

  • Kindheitstraumata wie Tod des Vaters, Trennung von den Eltern, Krankheit in der Kindheit, Alkoholmissbrauch in der Familie, sexueller Missbrauch
  • aktuelle Belastungen (Trennung, Scheidung, Tod von Partner*innen
  • schlechtes Bildungsniveau
  • Teilzeitberufstätigkeit, Arbeitslosigkeit

Anamnese & Diagnostik

Klassifikation nach ICD-11 WHO

  • ausgeprägte Angstsymptome, die mindestens mehrere Monate lang an der Mehrzahl der Tage anhalten
    • allgemeine Besorgnis, die nicht auf bestimmten externen Auslöser oder bestimmte Situation beschränkt ist (d.h. „freischwebende Angst“) ODER
    • übermäßiger Sorge (ängstliche Erwartung) bzgl. negativer Ereignisse, die sich auf verschiedene Aspekte des täglichen Lebens konzentrieren (z. B. Familie, Gesundheit, Finanzen, Schule, Beruf)
  • zusätzliche Symptome wie Muskelverspannungen oder motorischer Unruhe, sympathischer autonomer Überaktivität, subjektivem Erleben von Nervosität, Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Konzentration, Reizbarkeit oder Schlafstörung
  • Symptome führen zu bedeutsamem Leidensdruck oder signifikanter Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen, ausbildungsbezogenen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen
  • Symptome sind nicht Ausdruck eines anderen Gesundheitszustands und sind nicht auf die Wirkung einer Substanz oder einer Medikation auf das zentrale Nervensystem zurückzuführen

Komorbiditäten

  • irgendeine psychische Störung (93,6 %)
  • depressive Erkrankung (78,9 %)
  • somatoforme Erkrankungen (48, 1%)
  • Zwangsstörung (10 %)
  • Alkoholabhängigkeit (5,5 %)
  • Essstörung (2,5 %)
  • Angsterkrankungen sind mit erhöhtem Suizidrisiko verbunden (CAVE: in manchen Studien ist eine Angststörung unabhängiger Risikofaktor)

Differenzialdiagnosen

organische Differenzialdiagnosen

  • Lungenerkrankungen: z.B. Asthma bronchiale, COPD, Pneumothorax, Lungenembolie, Lungenödem
  • Herz-Kreislauferkrankungen: z.B. Angina pectoris, Myokardinfarkt, Synkopen, Arrhythmien
  • neurologische Erkrankungen: z.B. komplex-partielle Anfälle, Migräne, Migraine accompagnée, Multiple Sklerose, Tumoren, AIDS, Encephalomyelitis disseminata, Morbus Parkinson, demenzielle Erkrankungen, Chorea Huntington, zerebrale Vaskulitiden, Morbus Wilson, diverse Schwindelformen (u. a. benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel, periphere Vestibularisstörung)
  • endokrine Störungen: z.B. Hypo-/Hyperthyreose, Thyreotoxikose, akute intermittierende Porphyrie, Insulinom, Karzinoid, Phäochromozytom, Hyperparathyreoidismus, Cushing-Syndrom
  • metabolische Angstsyndrome: Hypoglykämie, Hypokalzämie, Hyperkaliämie
  • weitere Krankheitsbilder: z.B. periphere Vestibularisstörung, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
  • Medikamentennebenwirkungen

psychische Differenzialdiagnosen

  • Depression
  • Schizophrenie
  • akuter oder chronischer Substanzgebrauch

Diagnostik zum Ausschluss organischer Ursachen

  • klinische Untersuchung, RR, Puls, EKG, Belastungs-EKG, Laboruntersuchungen (BZ, Elektrolyte, Schilddrüsenstatus) zum Auschluss von
    • Angina pectoris, Myokardinfarkt, Synkope, kardiale Arrhythmien
    • Lungenerkrankungen
    • Hyperkaliämie, Hypokalziämie, Hypoglykämie
    • Insulinom, Karzinoid, Phäochromozytom
    • Hyperthyreose
  • Herzecho, Röntgen-Thorax; evtl. 24-h-RR, 24-h-EKG
  • klinische Untersuchung, EEG, Bildgebung, Liquoruntersuchung, Doppler zum Auschluss von
    • (komplex)-fokale Epilepsie
    • vertebrobasiläre Perfusionsstörung
    • chronisch entzündliche ZNS-Erkrankungen
    • Migräne/Migraine accompagnée
  • Elektronystagmographie, Videonystagmographie, kalorischer Reflextest, Vestibularisprüfung, Rotationsprüfung zum Auschluss von
    • benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
    • periphere Vestibularisstörung
    • M. Menière

Schweregradbestimmung

  • HAMA (Hamilton-Angst-Skala) als Fremdbeurteilungs-Skala
    • < 17 Punkte: leichte Angst
    • 18 – 24 Punkte: moderate Angst
    • 25 – 30 Punkte: deutliche Angst
  • BAI (Beck Anxiety Inventory) als Selbstbeurteilungs-Skala
    • 0 – 21 Punkte: leichte Angst
    • 22 – 35 Punkte: moderate Angst
    • > 36 Punkte: schwere Angst

Therapie

Die Indikationen für eine allgemeine Behandlung besteht, wenn eine Angststörung im Sinne des ICD-11 und/oder einer der nachfolgenden Punkte vorliegen:

  • mittlerer bis schwerer Leidensdruck der Patient*innen
  • psychosoziale Einschränkungen
  • mögliche Komplikationen einer Angsterkrankung (wie Suchterkrankungen u.a.)

Wichtig ist es abwendbare gefährliche Verläufe schnell zu erkennen und hier frühzeitig therapeutisch zu intervenieren. Beispiel aus diesem Bereich wären u.a.:

  • Übersehen einer somatischen Erkrankung
  • sekundäre Depression
  • Suizidalität
  • Suchtentwicklung
  • sozialer Rückzug und Isolation
  • Entstehen und Verstärken von Beziehungsproblemen
  • berufliche Einschränkungen

Zusätzlich sollte auch die Angehörigen in die Behandlung mit einbezogen werden, jedoch nur mit Einverständnis der Patient*innen. Hierfür sollten die folgenden Prinzipien verfolgt werden:

  • Erhebung der Fremdanamnese mit Einverständnis der Patient*innen
  • Wecken von Verständnis für die Symptome des Patient*innen
  • Psychoedukation über Angststörungen
  • Einbindung in die Therapie (so sollten Angehörige nicht das Vermeidungsverhalten durch Trost verstärken, sondern dessen Abbau fördern)
  • Unterstützung der Therapieadhärenz durch die Angehörigen

Indikationen für stationäre Behandlung

  • Suizidalität
  • ausgeschöpfte oder nicht verfügbare ambulante Behandlungsmaßnahmen
  • besondere Schwere der Angstsymptomatik (z.B. ausgeprägtes Vermeidungsverhalten bei Agoraphobie)
  • Ko- und Multimorbidität, belastendes soziales Umfeld bzw. familiäre Desintegration

Behandlungsziele

  • Angstsymptome und Vermeidungsverhalten reduzieren
  • Rückfallwahrscheinlichkeit reduzieren
  • Einschränkung der Bewegungsfähigkeit verbessern
  • soziale Integration verbessern
  • berufliche Leistungsfähigkeit wiederherstellen
  • Lebensqualität verbessern

psychotherapeutische Ansätze

Eine wirksame psychotherapeutische Behandlung setzt voraus, dass zwischen Patient*in und Therapeut*in eine stabile, vertrauensvolle Arbeitsbeziehung entsteht und kontinuierlich gepflegt wird. Die Qualität dieser therapeutischen Allianz gilt als zentraler Faktor für den Behandlungserfolg.

Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie wird in der Regel nach strukturierten, empirisch geprüften Manualen gearbeitet. Die Dauer der Behandlung folgt dabei keiner festen Vorgabe, sondern wird individuell festgelegt – abhängig von Schweregrad der Symptomatik, bestehenden Begleiterkrankungen sowie den psychosozialen Lebensumständen der Patient*innen.

Bei agoraphobischem Vermeidungsverhalten sollte die KVT unbedingt Expositionsverfahren integrieren, also gezielte Konfrontationen mit angstauslösenden Situationen, um eine nachhaltige Reduktion der Angstreaktionen zu ermöglichen.

Für GAS-Patient*innen kann zudem das Verfahren der Applied Relaxation als ergänzendes Modul innerhalb der KVT eingesetzt werden, um körperliche Anspannung systematisch zu reduzieren und die Selbstregulationsfähigkeit zu stärken.

Pharmakotherapie

SubstanzklasseMedikamentDosierung
SSRIEscitalopram10 – 20 mg
Paroxetin20 – 50 mg
SNRIDuloxetin60 – 120 mg
Venlafaxin75 – 225 mg
KalziummodulatorPregabalin150 – 600 mg
trizyklisches AnxiolytikumOpipramol50 – 300 mg
AzapironBuspiron15 – 60 mg

Verlauf & Prognose

Angststörungen entwickeln sich häufig über lange Zeit unbemerkt: Zwischen dem ersten Auftreten von Angstsymptomen und der tatsächlichen Diagnose vergehen im Durchschnitt fünf bis fünfzehn Jahre. Der natürliche Verlauf im Erwachsenenalter gilt als ungünstig, da spontane Remissionen nur bei etwa 20 % der Betroffenen auftreten. Insgesamt zeigen Angststörungen meist einen chronischen Verlauf, wobei insbesondere die generalisierte Angststörung typischerweise in phasenhaften Episoden verläuft.

Die hohe Krankheitslast spiegelt sich auch in globalen Gesundheitsdaten wider: In den Schätzungen der WHO zu den „years lived with disability“ (YLD), einem zentralen Maß für Chronizität und Beeinträchtigung, rangieren Angststörungen weltweit auf Platz sechs aller Erkrankungen.

Quellen

Published inIm Notfall Psychiatrie

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