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Positionspapier „Foreign body ingestions in children and adolescents“ der ESPGHAN

veröffentlichende Fachgesellschaft: European Society for Pediatric Gastroenterology, Hepatology, and Nutrition (ESPGHAN)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.07.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1002/jpn3.70485

Grundsätzliches

  • Verschlucken von Fremdkörpern (Foreign Body Ingestion, FBI) und die Ösophagus-Nahrungsmittelimpaktion (Esophageal Food Impaction, EFI) gehören zu den häufigsten kinder- und jugendmedizinischen Notfällen (besonders im Alter von 2 – 5 Jahren; bis zu 1% der Notaufnahmevorstellungen)
  • Mehrzahl der Fremdkörper passiert spontan, aber Impaktion tritt bevorzugt an physiologischen Engstellen (z.B. Hypopharynx, Ösophagus, Pylorus, duodenaler C-Schleife und Ileozäkalvalve)
  • Erstversorgung umfasst Anamnese (beobachtete Ingestion, Objekt, Zeitpunkt, Symptome), klinische Untersuchung und in der Regel Röntgen
  • Dringlichkeit wird in „emergent“ (< 2 h), „urgent“ (< 24 h) und „elektiv“ (> 24 h) eingeteilt
  • bei Jugendlichen mit absichtlicher oder wiederholter Ingestion somatische Versorgung nicht verzögern (CAVE: zusätzlich Jugendmedizin und Psychiatrie einbinden)

Symptomatik

  • Symptome variieren von Beschwerdefreiheit (asymptomatisch – häufig bei Münzen) bis hin zu akuten Symptomen wie Erbrechen, Dysphagie (Schluckstörungen), Speichelfluss (Sialorrhoe), Atemnot oder Schmerzen im Hals- und Brustbereich
anatomische Lagehäufige Symptome
Oropharynx/HypopharynxSpeichelfluss, Würgen, Schluckbeschwerden, Stridor
obere SpeiseröhreSchluckbeschwerden, Schmerzen beim Schlucken, Speichelfluss, Würgereflex, Schmerzen hinter dem Brustbein
mittlere Speiseröhre (Höhe des Aortenbogens)Brustschmerzen, Erbrechen, Husten, Atemwegssymptome
untere Speiseröhrehäufig asymptomatisch oder nur leichte Dysphagie
Magen– typischerweise symptomlos
– mögliches Erbrechen oder Unwohlsein
jenseits des Magens (Zwölffingerdarm und darunter)– verläuft meist symptomlos
– mögliche Anzeichen einer Obstruktion

Diagnostik

  • i.d.R. biplanare Röntgenaufnahmen zur Lokalisierung röntgendichter Fremdkörper (idealerweise des Hals-, Thorax- und Abdominalbereichs bei kleineren Kindern)
  • bei unklarer Lage, scharfen Objekten oder verzögerter Präsentation kann ein CT sinnvoll sein, v.a. zur Erkennung von Perforation oder Gefäßbeteiligung

Fremdkörper

benigne Fremdkörper

  • stumpfe, ungefährliche Fremdkörper im Magen eines asymptomatischen Kindes können meist abwartend behandelt werden (kleine Münzen z.B. werden nach einem Monat radiologisch kontrolliert und bei Persistenz elektiv endoskopiert)
  • große Objekte mit Durchmesser > 25 mm oder einer Länge > 6 cm elektiv entfernen, wobei Größe des Kindes, Objekt und Expertise des Teams berücksichtigt werden
  • ösophageale Fremdkörper sind riskanter –> bei Obstruktion oder relevanten Symptomen wie Speichelfluss, Unfähigkeit zu trinken, retrosternalem Schmerz oder Atemproblemen ist eine sofortige Entfernung nötig (sonst innerhalb von 12 – 24 h)
  • Speisebolus ist häufig Zeichen einer eosinophilen Ösophagitis –> nach Entfernung Biopsien aus proximaler und distaler Speiseröhre empfohlen
  • CAVE: kein Glukagon wird zur Behandlung der ösophagealen Impaktion
  • besondere Berücksichtigung muss potenziell toxischen Fremdkörpern wie Blei, potenziell gefährlichen Fremdkörpern wie Superabsorbierende Polymere (SAP) und Fällen von längerem Ösophagusverschluss gelten

EXKURS – Bleivergiftung
– akute Bleivergiftung kann unspezifische gastrointestinale Symptome, Anämie und zentralnervöse Symptome wie Lethargie, Koma und sogar Tod umfassen
– Symptome können bei Blutbleiwerten über 30 µg/dL auftreten (CAVE: Enzephalopathie sollte jedoch bei Werten < 100 µg/dL nicht auftreten) –> bei Werten > 55 µg/dL wird Chelattherapie empfohlen

EXKURS – Superabsorbierende Polymere (SAP)
– SAP können bis zum Hundertfachen ihres Eigengewichts an Wasser binden, weshalb ihre Verwendung in verschiedenen Bereichen zugenommen hat
– werden derzeit in Kinderspielzeug verwendet, sind aber auch in Windeln, in der Landwirtschaft und vielen anderen Produkten weit verbreitet
– aufgrund der Eigenschaften von SAP kann das Verschlucken selbst kleiner Kugeln oder Kügelchen zu Darmverschluss, Drucknekrose der Darmwand bei Verstopfung und sogar zum Tod führen
– Partikel sind durchscheinend –> bildgebende Verfahren eignen sich nur zur Identifizierung der Folgen, nicht aber des SAP selbst –> Diagnose basiert daher, wenn mgl., auf der Meldung der Eltern oder beobachtetem Verschlucken
– bei beobachteter oder vermuteter Ingestion –> Notfallendoskopie (CAVE: falls Bergung nicht mgl., Kind zur engmaschigen Überwachung mit chirurgischer Unterstützung stationär aufnehmen)

Knopfzellen

  • Knopfzellen im Ösophagus sind ein endoskopischer Notfall (CAVE: Schäden können bereits nach 15 min beginnen, schwere Nekrosen nach etwa 2 h)
  • Entfernung soll idealerweise innerhalb von 2 h erfolgen
  • Hauptrisikofaktoren sind Zellgröße > 20 mm, Alter < 6 Jahre und verzögerte Diagnose nach unbeobachteter Ingestion
  • bei Kindern > 12 Monaten und Ingestion < 12 h werden alle 10 min zwei Teelöffel Honig oder Sucralfat empfohlen (CAVE: max. 6 Dosen, Transport ins KH nicht verzögern, nach > 12 h Honig wegen des steigenden Perforationsrisikos nicht mehr empfohlen)
  • Entfernung erfolgt in Intubationsnarkose
  • bei Zellen auf oder oberhalb Schlüsselbeinhöhe Bergung durch HNO mit Laryngoskopie oder starrer Ösophagoskopie
  • bei verzögerter Präsentation, Blutung oder schwerer Schleimhautschädigung sind CT, Gefäß-/Herzchirurgie bzw. interventionelle Radiologie und Vorbereitung auf massive Blutung erforderlich
  • nach Entfernung bei fehlender Perforation Spülung mit 0,25%iger Essigsäure erwägen
  • Maßnahmen zur Risikominderung bei Verschlucken von Knopfzellenbatterien
ZeitpunktEmpfehlungen
vor Entfernung– 10 mL Honig (zwei Teelöffel) oder Sucralfat alle 10 mim bei Kindern > 12 Monate, sofern die Einnahme < 12 h zurückliegt (zu Hause, während des Transports oder im Krankenhaus; max. 6 Dosen)
– bei Lage in Speiseröhre –> notfallmäßige endoskopische Entfernung (innerhalb von 2 h)
– CT-Bildgebung bei verzögerter Vorstellung > 12 h nach Einnahme
– Herzkatheterlabor/OP vorbereiten, falls Blutungen auftreten
während Entfernung– RSI unabhängig von letzter Nahrungsaufnahme
– Dokumentation von Ausmaß und Umfang der Verätzungsschäden sowie Ausrichtung des negativen Pols
– CAVE: mit möglichen akuten Komplikationen wie Ösophagusperforation, tracheoösophagealer Fistel, Stimmbandlähmung oder offener Blutung rechnen
– bei fehlenden Anzeichen einer Perforation mit 50 – 150 mL steriler 0,25%iger Essigsäure spülen
– Platzierung einer Magensonde unter endoskopischer Kontrolle sollte dringend erwogen werden
nach Entfernung– bei Nachweis einer schweren Schleimhautverletzung sollte innerhalb von 24 – 48 h Kontrastmitteluntersuchung des Thorax (CT/MRT) –> bei Ösophaguswandschädigung in der Nähe großer Gefäße Kontrolluntersuchungen alle 48 – 72 h zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs ratsam
– bei fortschreitender Schädigung von Gefäßstrukturen in Kontrolluntersuchungen herzchirurgisches Team hinzuzuziehen, um prophylaktische Lappenplastik zum Schutz der Gefäße in Erwägung zu ziehen
– mögliche Spätkomplikationen achten : Perforation, tracheoösophageale Fistel, aortoösophageale Fistel (bis zu Tag 28), Stimmbandlähmung, Mediastinitis, Spondylodiszitis
– bei Symptomen oder hohem Strikturrisiko nach 3 – 4 Wochen erneute Ösophagographie erwägen
– klare Entlassungsanweisungen in schriftlicher Form für die Eltern, v.a. wenn diese eine frühere Entlassung wünschen

Magnete

  • mehrere Magnete oder ein Magnet zusammen mit weiteren Metallgegenständen sind immer ein Notfall, auch ohne Symptome (CAVE: können Darmwände zwischen sich einschließen und zu Drucknekrose, Perforation oder Ileus führen)
  • einzelner Magnet wird dagegen i.d.R. wie benigner, stumpfer Fremdkörper bewertet
  • Entfernung sollte rasch erfolgen, bevor die Magnete den endoskopisch erreichbaren Bereich verlassen
  • wenn Bergung nicht möglich oder erfolglos –> engmaschige chirurgische Nachsorge mit wiederholter Schnittbildgebung
  • CAVE: da Röntgenaufnahmen die tatsächliche Zahl der Magnete unterschätzen können, ist sorgfältige endoskopische Suche und ggf. chirurgische Mitbehandlung wichtig
  • CAVE: Magnete können stark aneinander haften, und wenn sie Darmwandgewebe einklemmen, kann ihre Trennung beim Entfernen erhebliches Geschick und Fingerspitzengefühl erfordern –> dies kann mit Greifzange oder durch Einfangen einiger Magnete in einem Netz erreicht werden, um genügend Zugkraft für deren Trennung zu erzeugen)

scharfe und spitze Fremdkörper

  • scharfe oder spitze Objekte im Ösophagus müssen wegen Perforationsgefahr dringend endoskopiert und entfernt werden –> Länge und Ausrichtung bestimmen die sichere Extractionstechnik
  • Schwelle für Entfernung selbst asymptomatischer, spitzer Fremdkörper in Magen und Zwölffingerdarm sollte aufgrund des höheren Komplikationsrisikos sehr niedrig angesetzt werden, obwohl in manchen Fällen ein konservatives Vorgehen angemessen sein kann (CAVE: individuelle Risikobewertung sollte Größe und Form des Fremdkörpers, Alter des Kindes und die mit der Entfernung verbundenen Risiken berücksichtigen)
  • im Magen wird das Risiko einer Entfernung gegen das Risiko eines konservativen Vorgehens abgewogen, wobei lange oder spitz zulaufende Objekte ein erhöhtes Risiko für Darmverletzung haben
  • Objekte, die den Pylorus passiert haben, sind endoskopisch oft nicht mehr erreichbar
  • bei scharfen, langen oder magnetischen Objekten sowie fehlender Progression kann jedoch weiterhin eine endoskopische Bergung oder ein Monitoring mit chirurgischer Beteiligung angezeigt sein

endoskopische Entfernung

Vorgehen bei verschluckten Fremdkörpern je nach Lage

Empfehlungen

  • Entscheidung, ob ein verschluckter Fremdkörper entfernt werden soll und wie dringend die Entfernung erfolgen muss, hängt ab von
    • Art des Fremdkörpers –> harmlos, scharf, gefährlich (Knopfzelle, Magnet) oder giftig
    • Lage des Fremdkörpers
    • Symptome einer Obstruktion oder lokalen Schädigung (Schmerzen, Erbrechen usw.)
    • Zeit seit Ingestion
  • auf Grundlage der zuvor genannten Faktoren und der zur Verfügung stehenden Ressourcen für die Patient*innenversorgung muss ein patient*innenspezifischer Plan umgesetzt werden
  • Nachsorge nach Entfernung hängt von Risikobewertung tatsächlicher oder potenzieller Schäden ab und kann engmaschige Nachsorge mit Schnittbildgebung erfordern

konkrete praktische Tipps

  • bei nicht dringendlichen Fremdkörperentfernungen, bei denen in letzter Zeit keine Bildgebung durchgeführt wurde, wird empfohlen, kurz vor der geplanten Entfernung eine Röntgenaufnahme zu wiederholen, um zu bestätigen, dass der Fremdkörper noch in Reichweite des Endoskops liegt, um einen unnötigen Eingriff zu vermeiden
  • Netze und Schlingen werden oft am besten etwas distal des Fremdkörpers vorgeschoben, um diesen mithilfe des Endoskops beim proximalen Zurückziehen des Geräts einzufangen, sodass der Fremdkörper „hineinfallen“ kann
  • ist der Fremdkörper dem endoskopierenden Personal weniger vertraut und ist der Zugriff auf einen ähnlichen Fremdkörper möglich, kann es von Vorteil sein, ex vivo zu testen, welches Bergungsinstrument einen sichereren Halt bietet
  • in einigen Bereichen des Magens, v.a. im Fundus, kann die Handhabung des Endoskops oder des Bergungsinstruments schwierig sein
    • Umlagern, z.B. durch Anheben des Bettes oder Drehen der Patient*innen, kann der Fremdkörper in eine leichter zugängliche Position gebracht werden
    • alternativ kann Fremdkörper auch vorsichtig mit einer Fasszange oder Schlinge oder sogar mit dem Endoskop selbst in eine geeignetere Position bewegt werden
  • Handhabung des Endoskops und des Bergungsinstruments ist mit geradem Endoskop stets einfacher (auch wenn dies nicht immer möglich ist, Schlaufen möglichst vermeiden und das Endoskop möglichst gerade halten)
  • distale Ballonaufdehnung mit anschließendem „Schleppen“ proximal durch das Lumen könnte eine praktikable Option zur Entfernung von Fremdkörpern sein, v.a. im Ösophagus
Published inLeitlinien kompakt

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