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FOAMio Politix – Thesenpapier „Zivile Verteidigung 2.0. – Krankenhäuser, Rettungsdienste, Leitstellen & ambulanter Sektor“ des Enneker Forum am Tegernsee

Auf dem Enneker Forum am Tegernsee der Claus Enneker Stiftung wurde vom 15. bis 17. Juni 2026 ein Thesenpapier mit dem Titel „Zivile Verteidigung 2.0 – Krankenhäuser, Rettungsdienste, Leitstellen & ambulanter Sektor“ erarbeitet und anschließend veröffentlicht. Die wichtigsten Punkte aus dem Thesenpapier gibt es heute bei FOAMio Politix.

konsentierte Thesen

Grundhaltung und Steuerungsprinzip

  • Krisenvorsorge im Gesundheitswesen ist eine gesamtgesellschaftliche und gesamtstaatliche Aufgabe und gelingt nur in Partnerschaft und gemeinsam auf Augenhöhe mit allen Leistungserbringern
  • neben gemeinsamer Strategie und Abstimmung braucht es die Bereitschaft, an der gemeinsamen Sache zu arbeiten und die gleichen Ziele zu verfolgen (Lösungen entstehen vor Ort)
  • Patient*innenzuweisung im Cluster-/Hub-System erfolgt in die Länder sowie in den Ländern als hoheitliche Aufgabe zentral gesteuert und staatlich legitimiert nach dem Push-Prinzip unter Zugrundelegung eines gemeinsamen, ressortübergreifenden Lagebildes
  • zusätzliche Fähigkeiten bei der Patient*innenverteilung sind zu etablieren und dabei nicht als Parallelstruktur, sondern in Verzahnung mit bestehenden Strukturen zu organisieren

Versorgungsarchitektur

  • als gemeinsame Planungsannahme gilt es, bis zu 1.000 Verwundete/Erkrankte/Verletzte pro Tag zu verteilen (plus unbestimmtes X), davon etwa 700 als stationär aufnahmebedürftig
  • zivil-militärische Cluster-/Hub-Konzept mit vier entlang föderaler Strukturen gegliederten Großräumen (Cluster) ist tragend (Hub ist dabei funktionelle Steuerungs- und Stabsstruktur mit weiteren Funktionselementen)
  • Zielkliniken sind fähigkeitsbezogen abgestuft zu organisieren – Benennung von Krisen-/Zentrumskliniken als primäre Anlaufstellen (grundsätzlich aber Einbeziehung aller Kliniken)
  • Steuerung erfolgt bidirektional über mehrere Versorgungsebenen –> Push-Prinzip wirkt vom Bund in die Länder und von dort gemäß der regionalen Struktur in die Zentren & geeigneten Kliniken und legitimiert auch die Ab- & Weiterverlegung aus ihnen heraus in nachgelagerte Netzwerke
  • anonymisierte militärische Minimaldatensatz genügt zunächst für gute Ressourcenallokation und muss für nachfolgende landesweite Behandlungskapazitäten-Systeme (z.B. IVENA) anschlussfähig sein
  • Patient*innenverteilung erfolgt grundsätzlich auf Basis eines einheitlichen, ressortübergreifenden Lagebildes (einheitliche Definition, ab wann unterschiedliche Phasen der Auslastung, also Regelbetrieb, kompensiert oder dekompensiert, vorliegen; Länder bestimmen, wie sie unterverteilen – Lagebild der Individualversorgung, der kompensierten Krisenversorgung und der dekompensierten Krisenversorgung)

Verletzungsmuster, klinische Fähigkeiten und Krankenhausstruktur

  • zu erwarten sind etwa 70 % Verwundete („Wounded in Action“ = WIA) und 30 % erkrankte & verletzte Patient*innen („Disease, Non-Battle-Injury“ = DNBI)
  • integrierte Rehabilitation ist elementar und klinisches Ziel für die Versorgung
  • klinische Fähigkeiten sind durch geeignete Formate zu entwickeln und zu üben (Kursformate schaffen ene gemeinsame Sprache; Üben von krisenrelevanten Szenarien hat hohen Stellenwert und ist in geeigneten Formaten regelmäßig durchzuführen)
  • Strukturreformen müssen Qualität und Resilienz steigern (Leervorhaltung ist zu vermeiden)

Lieferketten und kritische Infrastruktur

  • Importabhängigkeit bei pharmakologischen Wirkstoffen, medizinischem Verbrauchsmaterial, Komponenten für Medizintechnik und Blutprodukte ist sicherheits- und verteidigungspolitisch kritisch
  • dezentrale Bevorratung mit zentraler Steuerung, ausreichenden Lagerflächen & geeigneten Umwälzungskonzepten sind notwendig (ergänzend braucht es krisenfeste, autarke Produktion, resiliente Netzwerke & Transparenz)
  • Krankenhaus ist kritische Infrastruktur und Energie- & Gebäuderesilienz, gesicherte Wasser- & Medienversorgung sowie Cyber-Sicherheit sind zentral (Stärkung von „safety & security” beinhaltet physikalische Härtung der Infrastruktur; Liegenschaft, Krankenhausbetrieb und Patient*innenversorgung sind durch Etablierung von Business Continuity Management Strukturen resilient zu gestalten)
  • integrierte Leitstellen sind von den zuständigen Behörden als kritische Infrastruktur zu definieren
  • Besonderheiten im ambulanten Sektor sind bei Beschaffungswegen (z.B. Arzneimittel) und Notfallketten zu berücksichtigen

Recht, Führung und Lagebild

  • aufgrund bestehender Rechtsgrundlagen (Amtshilfe, Zivilschutzgesetz) können erste Vorbereitungen getroffen werden, wenngleich der Gesetzgeber zeitnah Anpassungen vorzunehmen hat (auf Verfassungsänderung ist nicht zu warten, wenngleich sie grundsätzlich anzustreben wäre)
  • Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) ist wesentlicher Baustein und muss die Voraussetzungen für weitere Planungen schaffen
  • schlankes, dynamisches Gesamtlagebild der gesundheitlichen Versorgung ist Voraussetzung jeder Steuerung (redundante Auslegung)
  • operativ und regulativ ist parallel zu denken (zivile & militärische Seite brauchen gemeinsame Sprache)

Personal, Training, Kommunikation und Resilienzkultur

  • Übungsverpflichtung, einheitliche Methoden und Systemübungen über die gesamte Versorgungskette notwendig
  • Resilienz gehört in die tägliche Routine und Befähigung in der Breite (nichtärztliche Berufe, Bevölkerung) ist das Fundament
  • Zustimmung der Helfer*innen und deren tatsächliche Verfügbarkeit sind zu erheben (Aufgaben sind entlang vorhandener Qualifikation zu vergeben, Verfügbarkeit vorab zu regeln)
  • Krisenkommunikation braucht klare, wiederholte, zuversichtliche sowie nachvollziehbare Kernbotschaften und Hilfe zur Selbsthilfe

psychiatrische und psychosoziale Versorgung

  • psychiatrische Versorgung ist konsequent weiterzuführen und an die Zielkliniken sowie den ambulanten Sektor anzudocken
  • niedrigschwelliges Krisendienst-Modell kann als bundesweite Blaupause und zugleich als Lagebild-Sensor dienen (Versorgungslücke bei SHT- und Neuropsychiatrie ist perspektivisch zu schließen)

weitere & anhaltend offene bzw. kontroverse Fragestellungen

  • Rationierung und Priorisierung im Mangel – ungelöst
  • Vereinheitlichung der Lagebild-Systeme – noch ungelöst
  • Mehrfachverplanung – wem stehen wieviel Helfer*innen tatsächlich zur Verfügung?
  • Priorisierung bei absoluter Materialknappheit
  • Kritische Warenkorbliste und dezentrale Vorhaltung/Umwälzung
  • Host Nation Support: Nebenkosten und Operationalisierung noch teilweise in der Grauzone
  • Notstrom und Versorgungsrealität
  • Übertragbarkeit des Krisendienst-Modells und Skalierung der psychosozialen Notfallversorgung
  • Ausbau europäischer Produktionskapazität
  • fehlende, rechtssichere Definition der Mindestversorgung mit klaren Priorisierungskriterien für den ambulanten Sektor
Published inFOAMio Politix

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