veröffentlichende Fachgesellschaft: United European Gastroenterology (UEG), European Pancreatic Club (EPC), European Society of Digestive Oncology (ESDO), European Association for Gastroenterology, Endoscopy & Nutrition (EAGEN), European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition (ESPGHAN), European Society of Gastrointestinal and Abdominal Radiology (ESGAR) & European Society for Primary Care Gastroenterology (ESPCG)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 05.05.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1002/ueg2.70230
allgemeine Behandlung akuter Schmerzen
- Empfehlungen aus unspezifischen (nicht auf die akute Pankreatitis bezogen) Leitlinien zu akuten Schmerzen, z.B. zu akuten postoperativen Schmerzen, können für die Behandlung akuter Schmerzen bei einer akuten Pankreatitis herangezogen werden, da keine spezifischen Leitlinien für die akute Pankreatitis vorliegen
- Steigerung der Behandlungsintensität (Medikamenteneinnahme bei AP-bedingten Schmerzen kann ähnlich wie bei anderen akuten Schmerzsituationen, z.B. bei akuten postoperativen Schmerzen, erfolgen, sofern keine Kontraindikationen vorliegen
Pathophysiologie der Schmerzen bei akuter Pankreatitis
- bei Erwachsenen mit akuter Pankreatitis kann die Pathophysiologie akuter Schmerzen gemäß der Klassifikation der Schmerzmechanismen der International Association for the Study of Pain (IASP) sowohl nozizeptive als auch neuropathische Schmerzkomponenten umfassen, die möglicherweise zu einer gewissen zentralen Sensibilisierung führen –> in vielen Fällen ist die Pathophysiologie der Schmerzen wahrscheinlich gemischt (nozizeptiv und neuropathisch)
Beurteilung von Schmerzen bei akuter Pankreatitis
- angesichts der nachgewiesenen Wirksamkeit bei anderen Krankheitsbildern wie der chronischen Pankreatitis einen mehrdimensionalen Ansatz zur Schmerzbeurteilung in Betracht gezogen ziehen
- als Anhaltspunkt können Erkenntnisse aus der Behandlung akuter Schmerzen im Allgemeinen herangezogen werden, wonach die Häufigkeit der Beurteilung je nach Schmerzintensität alle 5 oder alle 60 Minuten erfolgen soll
- beide eindimensionalen Skalen eignen sich gleichermaßen für die Beurteilung akuter Schmerzen im Allgemeinen und können bei AP-Schmerzen eingesetzt werden (NRS-Skala aufgrund der in den meisten Studien festgestellten besseren Compliance bevorzugen)
- Schmerzlinderung hat sich in Studien zu akuten Schmerzen als vielversprechender, sensibler Messwert erwiesen, doch ihre Überlegenheit ggü. der Schmerzintensität bei einer akuten Pankreatitis ist im klinischen Umfeld bislang nicht nachgewiesen (mehrdimensionaler Ansatz zur Schmerzbeurteilung mag vorzuziehen sein, sollte jedoch nicht so umfangreich sein, dass die Durchführbarkeit beeinträchtigt wird)
Schmerztherapie bei akuter Pankreatitis
- Anwendung des WHO-Schema bei leichten bis mäßigen Schmerzen, um bei Patient*innen, die mit einer akuten Pankreatitis stationär aufgenommen werden, eine ausreichende Analgesie zu erreichen
- bei Patienten mit starken Schmerzen kann die Anwendung des WHO-Schema jedoch unzureichend sein –> ggf. bereits bei Aufnahme wirksamere Analgetika wie Opioide erforderlich („Step-down“-Ansatz bei starken Schmerzen im Zusammenhang mit einer akuten Pankreatitis könnte besser geeignet sein, jedoch Bereich weitere Studien erforderlich)
- Einsatz starker Opioide, v.a. von Buprenorphin und Pentazocin, bei Patient*innen, die wegen einer akuten Pankreatitis stationär behandelt werden (aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass diese im Vergleich zu Nicht-opioid-Analgetika eine bessere Schmerzlinderung bieten)
- aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei einer akuten Pankreatitis ggf. kein erhöhtes Risiko für unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit einer Opioid-Gabe besteht –> rechtzeitigen Einsatz von Opioiden bei Patient*innen mit akuter Pankreatitis und starken Schmerzen nicht aus Sicherheitsbedenken zu verzögern
- NSAR führen weder zu einer Zunahme unerwünschter Ereignisse noch zu einer Verschlimmerung des Schweregrads einer akuten Pankreatitis
- COX-2-Hemmer (Parecoxib sowie Celecoxib/Imrecoxib) können ggf. das Risiko einer Progression zu einer schweren akuten Pankreatitis senken
- patient*innengesteuerte (intravenöse) Analgesie (PCA; Patient‐controlled analgesia) findet in der Behandlung akuter Schmerzen breite Anwendung, PCA im Zusammenhang mit AP jedoch mit Vorsicht einsetzen
- Rolle unkonventioneller Analgetika bei der Anaglesie im Zusammenhang mit einer akuten Pankreatitis hinsichtlich der analgetischen Wirksamkeit und der Verbesserung der von den Patient*innen berichteten Ergebnisse bislang nur experimentell belegt, weshalb vom routinemäßigen Einsatz in der klinischen Praxis abraten
- derzeitige Evidenz reicht nach wie vor bei weitem nicht aus, um das Sicherheitsprofil atypischer bzw. unkonventioneller Analgetika bei akuter Pankreatitis zu empfehlen –> kein routinemäßiger Einsatz in der klinischen Praxis
- bei einer akuten Pankreatitis können verschiedene lokale Komplikationen zu Schmerzen beitragen –> Erkennung und angemessene Behandlung dieser Komplikationen ist es nach wie vor wichtig (derzeitige Evidenz nicht ausreichend, um die Wirkung interventioneller Verfahren auf die Schmerzlinderung eindeutig zu definieren)
Rolle der epiduralen Analgesie bei einer akuten Pankreatitis
- epidurale Analgesie in Kombination mit Standardversorgung sorgt bei akuter Pankreatitis für eine bessere Schmerzlinderung als die Standardversorgung allein und führt zu besseren Ergebnissen sowie einer höheren Lebensqualität, v.a. bei Patient*innen mit schwerer akuter Pankreatitis
- epidurale Analgesie bei AP verbesserte in Beobachtungsstudien die Atemwegsparameter und die Überlebensrate –> Ergebnisse aus RCT uneinheitlich, daher Gesamtnutzen ungewiss –> keine Empfehlung bis weitere hochwertige Forschungsarbeiten vorliegen
- epidurale Analgesie ist eine sichere Option zur Schmerztherapie bei AP mit einem geringen Risiko für schwerwiegende Komplikationen (vorübergehende Hypotonie häufigstes Problem, die sich i.d.R. gut kontrollieren lässt) –> epidurale Analgesie in Betracht ziehen, sofern entsprechende Fachkenntnisse vorhanden sind (CAVE: streng aseptisches Arbeiten und engmaschige Überwachung unerlässlich)
- Rolle der epiduralen Analgesie bei der Prävention eines erneuten Auftretens chronischer Schmerzen nach einer akuten Pankreatitis aufgrund unzureichender Evidenz nach wie vor unklar
Analgesie bei AP im Kindesalter und während der Schwangerschaft
- bei Kindern mit AP scheint die Art der verabreichten Analgetika (Opioide vs. Nicht-Opioide) keinen Einfluss auf die Aufenthaltsdauer oder die Indikation für die Intensivstation zu haben
- bei Kindern mit AP führt die orale Nahrungsaufnahme nicht zu einer signifikanten Zunahme der Schmerzen –> orale Nahrungsaufnahme in Betracht ziehen
- Einsatz eines multidisziplinären Ansatzes bei der Schmerztherapie lässt sich auf den postoperativen Bereich übertragen, wo sich gezeigt hat, dass dadurch der postoperative Opioidverbrauch sinkt
- bei Schwangeren mit AP gibt es begrenzte Hinweise darauf, dass eine Epiduralanästhesie bei der Analgesie wirksamer sein könnte als Opioide, Fentanyl oder Tramadol i.v.

Auswirkungen einer nicht durchgeführten Schmerzbehandlung bei akuter Pankreatitis
- ausreichende Schmerzlinderung kann ein Wiederauftreten der Schmerzen während der enteralen Refeeding-Therapie verhindern und somit die Verträglichkeit der oralen Ernährung fördern sowie die Zeit bis zur oralen Aufnahme fester Nahrung bei Patient*innen mit akuter Pankreatitis verkürzen –> Nicht-Opioid-Analgetika aufgrund der Nebenwirkungen von Opioiden auf den Magen-Darm-Trakt ggf. vorziehen
- Risiko einer Organfunktionsstörung kann durch suboptimale Analgeise potenziell erhöht sein
- ausreichende Schmerzlinderung trägt dazu bei, die Dauer eines Ileus zu verkürzen und die Darmmotilität bei akuter Pankreatitis zu steigern, und kann indirekt zur Senkung des intraabdominalen Blutdrucks beitragen (ggf. kann frühzeitige Mobilisierung dazu beitragen, das Risiko einer tiefen Venenthrombose oder einer Lungenembolie zu verringern)
- angemessene Analgesie kann Häufigkeit und Schweregrad von Komplikationen verringern, die mit einer Sensibilisierung des ZNS bei Patient*innen mit akuter Pankreatitis einhergehen, z.B. Entstehung chronischer Schmerzen, erhöhter Bedarf an Schmerzmitteln nach Entlassung sowie Risiko einer Opioidabhängigkeit
- berücksichtigen, dass eine ausreichende Schmerztherapie die Einhaltung eines Plans zur beschleunigten Genesung bei Patient*innen mit akuter Pankreatitis verbessern kann, v.a.a bei einem leichten Krankheitsverlauf
- angemessene Schmerztherapie kann dazu beitragen, lang anhaltende Schmerzen zu vermeiden, und zudem die Zeit bis zur vollständigen Wiederherstellung der Mobilität verkürzen sowie die Beeinträchtigung der Alltagsaktivitäten verringern
- angemessene Schmerzbehandlung bei Patient*innen mit akuter Pankreatitis kann die Lebensqualität erheblich verbessern und psychische sowie psychosomatische Belastungen verringern (CAVE: wirksame Schmerzlinderung kann zudem den Bedarf an zusätzlichen Analgetika senken und Komplikationen vorbeugen, die mit einer unzureichenden Schmerzbehandlung einhergehen, was die psychische Belastung erheblich verringern kann
- berücksichtigen, dass eine ausreichende Schmerzlinderung das Wohlbefinden der Patient*innen sowie deren Fähigkeit zur körperlichen Aktivität verbessern und darüber hinaus Komplikationen bei akuter Pankreatitis weiter verringern kann


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