veröffentlichende Fachgesellschaft: Chinese Medical Association (CMA)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 26.08.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1016/j.cjtee.2026.06.002
Beurteilung des Tetanus-Immunstatus bei Patient*innen mit schwerem Trauma
- sofern ein unklarer Tetanus-Impfstatus nicht schnell bestätigt werden kann, können die Patient*innen vorläufig so behandelt werden, als seien sie unvollständig geimpft
- Anwendung einer dualen Prophylaxestrategie, die eine vollständige aktive Immunisierung plus eine ausreichende Dosis passiver Immunisierung umfasst, sofern dies die Notfallbehandlung nicht beeinträchtigt, um eine Verzögerung der Prophylaxe während des Wartens auf die Klärung des Tetanus-Impfstatus zu vermeiden
aktive Immunisierungsstrategie gegen Tetanus bei schweren Traumata
- bei allen Patient*innen mit offenen Wunden nach schweren Traumata sollte der Bedarf an Tetanus-Impfung geprüft werden
- bei Patient*innen, die keinen vollständigen Impfungschutz haben (< 3 Dosen) oder deren Impfstatus unklar ist, sollte die vollständige Tetanus-Impfserie so früh wie möglich begonnen werden
- Patient*innen mit tetanusgefährdeten Wunden, die bereits eine vollständige Impfserie erhalten haben, deren letzte Auffrischungsimpfung mit einem Impfstoff mit Tetanustoxoid (TTCV) jedoch mehr als 5 Jahre zurückliegt, sollten eine Auffrischungsimpfung erhalten (CAVE: liegen seit der letzten TTCV-Impfung mehr als 10 Jahre zurück, sollte unabhängig vom Wundtyp eine Auffrischungsimpfung verabreicht werden)
- bevorzugt i.m.-Injektion in den Deltamuskel an der Außenseite des Oberarms einer unverletzten Extremität (sind alle Extremitäten schwer verletzt oder ödematös/geschwollen, kann ein Bereich mit gut ausgeprägter Gesäßmuskulatur gewählt werden)
- 1. Dosis des Tetanus-Impfstoffs nach der Verletzung sollte nach Abschluss der Erstuntersuchung so bald wie möglich von qualifiziertem medizinischem Personal verabreicht werden, sofern dies die Notfallbehandlung nicht beeinträchtigt (entsprechende Dokumentation vervollständigen und die Impfung nicht bis nach der Entlassung verschieben)
passive Immunisierungsstrategie gegen Tetanus bei schweren Traumata
- Auswahl passiver Immunisierungspräparate für Patient*innen mit schweren Traumata sollte den Grundsätzen der Sicherheit, Wirksamkeit und Verfügbarkeit folgen und auf einer umfassenden Beurteilung des Zeitraums seit der letzten Impfung, des Wundrisikos und des Immunstatus basieren
- Rangfolge der passiven Immunisierungspräparate ist: TeNT-mAb > HTIG > F(ab‘)2 > TAT
Tetanusprophylaxe während der frühen stationären Behandlung von Schwerverletzten
- Tetanusprophylaxe sollte als routinemäßiger Bestandteil der Sekundäruntersuchung in die Standardversorgung von Schwerverletzten integriert werden, wobei besonderes Augenmerk auf das vollständige Entkleiden des Körpers gelegt werden sollte, um keine Wunden zu übersehen
- nach Abschluss der initialen Behandlung durch das Traumateam und Stabilisierung der Hämodynamik der Patient*innen unverzüglich Tetanusrisikobewertung und Immunprophylaxe einleiten
- bei Patient*innen, die eine Not-OP benötigen, sollten die Tetanusrisikobewertung und die Immunprophylaxe in den perioperativen Behandlungsablauf integriert und parallel dazu fortgeführt werden, sofern dies den Beginn und die Durchführung der Notoperation nicht beeinträchtigt
Débridement stark kontaminierter Wunden und Tetanusprophylaxe bei schweren Traumata
- bei stark kontaminierten offenen Wunden von Patient*innen mit schwerem Trauma sollte das Débridement nach folgenden Prinzipien erfolgen:
- (1) beim initialen Débridement sollten alle sichtbaren Fremdkörper und offensichtlich nekrotische Gewebe gründlich entfernt werden. (reichlich mit physiologischer Kochsalzlösung spülen, wobei der Fokus auf Blutstillung und Kontrolle der Kontamination liegt sollte und nicht auf einem vollständigen einzeitigen Débridement
- (2) Wunden offen lassen oder mit Unterdruck-Wundtherapie behandeln (CAVE: einzeitiger Wundverschluss bei stark kontaminierten Wunden generell nicht empfohlen –> ist ein Verschluss erforderlich, müssen die Bedingungen für ein adäquates Débridement, eine effektive Kontrolle der Kontamination und ein akzeptables Infektionsrisiko erfüllt sein)
- (3) beim 2. Débridement (i.d.R. nach 48 – 72 h) sollte die Wunde umfassend neu beurteilt und verbliebenes nekrotisches Gewebe gründlich entfernt werden (CAVE: wurde die Immunprophylaxe während der 1. OP nicht abgeschlossen –> unverzügliche Gabe)
- (4) bei jedem Débridement sollten der Wundzustand, der Débridement-Prozess und die Durchführung der Tetanusprophylaxe dokumentiert werden
Tetanusprophylaxe bei besonderen Verletzungsarte
- folgende spezielle Verletzungsarten erfordern besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich der Tetanusprophylaxe und sollten gemäß den Standards für Hochrisikoexpositionen behandelt werden, wobei jeweils die entsprechenden Präventionsmaßnahmen umzusetzen sind:
- bestätigte offene Schädelbasisfraktur oder starker V.a. offene Schädelbasisfraktur
- Kolonruptur durch stumpfes Trauma
- penetrierende Thorax- oder Abdominalverletzung mit viszeraler Verletzung
- schwere geschlossene Weichteilverletzung, die eine Fasziotomie zur Dekompression erfordert
- offene Knochen- oder Gelenkverletzung
- Verbrennungen und Erfrierungen
Tetanusprophylaxe für immungeschwächte Patient*innen mit schwerem Trauma
- immunsupprimierte Traumapatient*innen können sicher mit einem TTCV und passiven Immunisierungspräparaten behandelt werden
- Behandlung sollte nach dem Grad der Immunschwäche stratifiziert werden:
- (1) bei leichter Immunschwäche allgemeine Prophylaxegrundsätze befolgen (Intervall der TTCV-Auffrischungsimpfung sollte auf 5 Jahre verkürzt werden, auch wenn die letzte Dosis weniger als 5 Jahre zurückliegt, kann eine passive Immunisierung je nach Wundkontaminationsgrad und Immunstatus erwogen werden)
- (2) bei schwerer Immunschwäche sollte, sofern möglich, der Tetanus-Antikörperspiegel bestimmt werden, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen (CAVE: ist Bestimmung nicht möglich, routinemäßig passives Immunisierungspräparat verabreichen)
- (3) bei Patient*innen nach hämatopoetischer Stammzelltransplantation passives Immunisierungspräparat verabreichen, wenn innerhalb von 12 Monaten nach der Transplantation ein Trauma auftritt (TTCV wird in diesem Zeitraum nicht empfohlen)
- vollständige TTCV-Impfserie sollte 12 Monate oder später nach der Transplantation wieder aufgenommen werden
„verzögertes Management“ der Tetanusprophylaxe
- sind nach Exposition ggü. Tetanus mit hohem Risiko mehr als 24 h vergangen, ohne dass eine Prophylaxe eingeleitet wurde, sollte ein verzögertes Vorgehen eingeleitet werden
- ist eine passive Immunisierung erforderlich, wird TeNT-mAb als Mittel der 1. Wahl empfohlen, gefolgt von 500 I.E. HTIG
Behandlung von Tetanus bei Patient*innen mit schwerem Trauma während MANV und unter ressourcenbeschränkten Bedingungen
- Tetanusprophylaxe bei Massenanfällen von Verletzten (MANV) sollte den Prinzipien der Schnelligkeit, Effizienz und Ordnung folgen, zu den spezifischen Anforderungen gehören:
- (1) bei der Triage alle Verletzten mit offenen Verletzungen deutlich kennzeichnen und gleichzeitig in einen speziellen Arbeitsablauf für das Tetanusprophylaxe-Management aufnehmen, um Versäumnisse zu vermeiden (Einrichtung eines einfachen und nachvollziehbares Dokumentationssystem und „T“ auf einem wasserfesten Armband oder Triage-Etikett anbringen, um eindeutig anzuzeigen, dass die jeweiligen Patient*innen eine Tetanusprophylaxe erhalten haben
- (2) bei Gruppen von Verletzten mit offenen Wunden sollte, wenn der Tetanus-Immunstatus nicht schnell bestätigt werden kann, unverzüglich ein Präparat zur passiven Immunisierung zusammen mit einer Dosis TTCV verabreicht werden
- (3) wenn die Vorräte an Präparaten zur passiven Immunisierung begrenzt sind, diese vorrangig schwerverletzten Patient*innen applizieren, deren Impfstatus unklar oder offensichtlich unvollständig ist (CAVE: Präventionsbedarf von Hochrisikogruppen priorisieren)
- bei fehlenden Tetanusimpfstoffen oder unter ressourcenbeschränkten Bedingungen (z.B. im Feldeinsatz, in abgelegenen Gebieten, bei Unterbrechung der Kühlkette) sollte die Tetanusprophylaxe folgende gezielte Strategien verfolgen:
- (1) gründliches chirurgisches Débridement und offene Wunddrainage sind die wichtigsten Präventionsmaßnahmen
- (2) einzeitige Naht einer kontaminierten Wunde wird im Feldeinsatz nicht empfohlen
- (3) Antibiotika werden zur Infektionskontrolle kontaminierter Wunden eingesetzt, sind aber keine Kernmaßnahme der Postexpositionsprophylaxe gegen Tetanus und können die Immunprophylaxe nicht ersetzen
- (4) Patient*innen sollten so früh wie möglich in eine Einrichtung verlegt werden, die über Impfstoffe verfügt
Qualitätskontrolle und Nachsorge der Tetanusprophylaxe bei Patient*innen mit schwerem Trauma
- Traumazentren und Notaufnahmen auf allen Ebenen des Gesundheitssystems sollen, soweit möglich, die Tetanusprophylaxe in das Qualitätskontrollindikatorensystem für die Versorgung schwerer Traumata aufnehmen und ein krankenhausinternes Erinnerungssystem für die Tetanusprophylaxe sowie einen soliden Mechanismus zur Nachsorge nach Entlassung einrichten
Arbeitsablauf zur Tetanusprophylaxe bei schweren Traumata



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