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Positionspapier „Critical care management of acute-on-chronic liver failure patients“ des AARC

veröffentlichende Fachgesellschaft: APASL-ACLF Research Consortium (AARC)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 30.07.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://doi.org/10.1007/s12072-026-11116-1

Inhaltsverzeichnis

prognostische Modelle für die Behandlungsentscheidung und die Verlegung auf die Intensivstation bei Akut-auf-chronisches Leberversagen (ACLF, Acute-on-Chronic Liver Failure)

  • Patient*innen mit ACLF und fortgeschrittener Enzephalopathie, schwerer GI-Blutung, Koagulopathie sowie Sepsis auf Intensivstation behandeln, wenn diese Vasopressoren, mechanische Beatmung oder eine Nierenersatztherapie (RRT) benötigen
  • prognostische Modelle wie der APASL AARC-Score, der CLIF-C ACLF-Score, der NACSELD ACLF-Score, der MELD-Laktat-Score, der TPPM-Score und der COSSH-ACLF-Score sind hilfreich für Behandlungsentscheidungen und die Verlegung auf Intensivstation
  • dynamische Beurteilung von Prognosemodellen, d.h. serielle Beurteilung an den Tagen 0, 3, 7 und 14 sowie bei klinischer Indikation, trägt dazu bei, den Bedarf an weiterer Organunterstützung präzise vorherzusagen

Strategien zur Erkennung und Prävention von Organversagen bei ACLF

  • Identifizierung und Prävention von Risikofaktoren für die Entwicklung eines Organversagens, inkl. des Verzichts auf nephrotoxische Antibiotika und Medikamente, ist ein entscheidender Bestandteil der Behandlung von ACLF-Patient*innen
    • GIC-Score kann zur Vorhersage des Risikos bakterieller Infektionen und der ABILI-Score zur Vorhersage des Mortalitätsrisikos bei HBV-bedingtem ACLF mit bakteriellen Infektionen herangezogen werden
  • umgehende Behandlung auslösender Faktoren wie Virushepatitis, Alkohol, medikamenteninduzierte Leberschädigung, Infektionen und GI-Blutungen kann das Fortschreiten des akuten Leberversagens verhindern und das Risiko eines Organversagens verringern
  • hämodynamische Stabilität durch Vasopressoren optimieren, Albumininfusionen vorsichtig einsetzen und umsichtiges Flüssigkeitsmanagement, um die Gewebedurchblutung aufrechtzuerhalten und eine Volumenüberladung zu vermeiden (CAVE: um ein Lungenödem zu verhindern, kumulative positive Flüssigkeitsbilanz durch übermäßige Flüssigkeitszufuhr vermeiden)
  • frühzeitige nichtinvasive Beatmung kann bei hypoxämischen Patienten ein Hypoxämie-assoziiertes Syndrom verhindern
  • bei V.a. bakterielle Infektionen wie spontane bakterielle Peritonitis, Harnwegsinfektion und Pneumonie empirische Antibiotikatherapie auf Grundlage des lokalen Antibiogramms einleiten
  • adäquate Ernährung ist entscheidend, um Organversagen bei ACLF vorzubeugen (enterale Ernährung wird bevorzugt, um die Integrität der Schleimhaut zu erhalten und das Risiko einer bakteriellen Translokation zu reduzieren)
  • bei mangelernährten Patient*innen werden Formeln mit verzweigtkettigen Aminosäuren (BCAA) bevorzugt (CAVE: Fasten sollte vermieden und stattdessen kleine, häufige Mahlzeiten verabreicht werden, um einen Katabolismus zu verhindern)
  • Nichtselektive Betablocker (NSBB) wie Propranolol und Carvedilol senken den Pfortaderdruck, können Varizenblutungen verhindern, das Überleben verbessern und die Schwere der systemischen Entzündung bei einer Patientensubgruppe reduzieren (CAVE: Entscheidung für Beginn einer NSBB-Therapie bei ACLF-Patient*innen individuell treffen)
  • neue Biomarker, z.B. der von-Willebrand-Faktor (vWF) und der CLIF-SIG-Score, können zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs oder des Ansprechens auf die Behandlung beitragen

Aszites und seine Komplikationen bei ACLF

  • akutes portales Hypertensionssyndrom kann als pathophysiologisches Merkmal des ACLF erkannt werden und führt zu einer raschen Entwicklung von Aszites, Varizenblutungen und anderen Komplikationen
  • Albumin sollte auch nach Mitralklappenprolaps verabreicht werden, d.h. bei < 5 Liter Aszitesflüssigkeit, um das Risiko einer postoperativen zerebralen Erkrankung zu minimieren
  • frühzeitige Diagnose und eine umgehende Antibiotikatherapie sind entscheidend für die Behandlung der spontanen bakteriellen Peritonitis und die Vorbeugung weiterer Komplikationen
  • frühzeitige Gabe von Terlipressin innerhalb von 12 – 24 h bei akutem Nierenversagen mit Albumininfusion trägt zur Senkung der Kurzzeitmortalität bei
  • bei Patient*innen mit ACLF, Aszites und akutes Nierenversagen Stadium 3 ist es ratsam, im Einzelfall frühzeitiges kontinuierliches Nierenersatzverfahren in Erwägung zu ziehen

Rolle der IMC im Management des ACLF

  • IMC bietet Zwischenstufe der Versorgung zwischen Normal- und Intensivstation und die IMC-Behandlung eignet sich möglicherweise am besten für Patient*innen mit akut-auf-chronischem Leberversagen, die keine mechanische Beatmung benötigen

Infektionsprävention bei ACLF

  • Patient*innen mit alkoholbedingtem ACLF sind hochgradig anfällig für bakterielle und Pilzinfektionen, die mit der Entwicklung von Organversagen und erhöhter Mortalität in Verbindung stehen
  • Patient*innen mit alkoholbedingtem ACLF, die mit Steroiden oder anderen Immunsuppressiva behandelt werden, neigen besonders zu Infektionen, insbesondere Pilzinfektionen
  • Antibiotika reduzieren Infektionen, senken aber nicht die Mortalität bei schwerer alkoholbedingter Hepatitis und ACLF
  • bei hospitalisierten Patient*innen mit akut dekompensierter Leberzirrhose verhindern empirische Antibiotika keine nosokomialen Infektionen
  • bei hospitalisierten Patient*innen mit ACLF sollten Antibiotika abgesetzt werden, wenn keine Infektion nachgewiesen werden kann (basierend auf Resistenztests 24 – 48 h nach Therapiebeginn) und sich der Zustand der Patient*innen bessert
  • bei Patient*innen mit Leberzirrhose, die stationär behandelt werden, tritt häufig eine antimikrobielle Resistenz (AMR) auf, was einen rationalen Antibiotikaeinsatz rechtfertigt

Prävention von akutem Nierenversagen bei ACLF

  • zu den wichtigsten Säulen der Behandlung eines akuten Nierenversagens bei ACLF gehören die Vermeidung nephrotoxischer Substanzen, die Aufrechterhaltung der hämodynamischen Stabilität und die Gewährleistung einer effektiven Infektionskontrolle
  • Prävention des akuten Nierenversagens erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der hämodynamisches Management, Infektionskontrolle und den gezielten Einsatz von Verfahrensinterventionen zur Behandlung kritischer Komplikationen bei ACLF integriert

Management von ACLF bei gleichzeitiger Adipositas und Diabetes mellitus

  • bei Patiente*innn mit ACLF und Komorbiditäten, v.a. Adipositas und Diabetes mellitus, sollte das Management die frühzeitige Erkennung und Behandlung auslösender Ereignisse, eine sorgfältige Blutzuckerkontrolle, die Überwachung von Infektionen und eine individuell angepasste Ernährungs- & Organunterstützung sowie eine rechtzeitige Beurteilung für eine Lebertransplantation in den Vordergrund stellen

Algorithmus für die Behandlung von Infektionen mit multiresistenten Bakterien

  • empirische Antibiotikastrategien müssen an die lokale Ökologie angepasst werden und alle potenziellen Krankheitserreger bei Patient*innen mit ACLF oder septischem Schock abdecken, inkl. multiresistenter Erreger im Falle einer nosokomialen Infektion
  • Patienten mit schweren Infektionen profitieren wahrscheinlich von Strategien, die die Pharmakokinetik/Pharmakodynamik der Antibiotika optimieren, v.a. von einer kontinuierlichen Infusion bei Beta-Laktamen und einer hohen Initialdosis
  • epidemiologische Überwachungsprogramme (zur Beurteilung potenzieller multiresistenter Erreger) könnten empirische Antibiotikastrategien leiten

Pilzinfektion bei ACLF – Biomarker für Diagnose und Management

  • invasive Pilzinfektionen sind bei Patient*innen mit akutem Leberversagen nicht selten und mit einem hohen Mortalitätsrisiko verbunden (CAVE: jede klinische und biochemische Verschlechterung sollte Anlass zu einer Abklärung auf Infektionen, inkl. invasiver Pilzinfektionen, geben)
  • Diagnose einer invasiven Pilzinfektion bei ACLF kann anhand von Wirtsfaktoren, klinischen Merkmalen und mykologischen Befunden als gesichert, wahrscheinlich oder möglich eingestuft werden
  • Pilzbiomarker, darunter 1,3-β-D-Glucan und GM, können die Diagnose von invasiven Pilzinfektionen unterstützen und weisen einen hohen negativen Vorhersagewert auf
  • Echinocandine sind die bevorzugten Antimykotika zur Behandlung der invasiven Candidiasis
  • bei invasiver Aspergillose sollte liposomales Amphotericin B in Betracht gezogen werden, da es eine geringere Lebertoxizität aufweist, jedoch potenziell nephrotoxisch wirkt. Voriconazol kann mit einer Dosisanpassung basierend auf dem MELD-Score eingesetzt werden

virale Sepsis bei ACLF

  • Virusinfektionen (z. B. SARS-CoV-2) sollten in Betracht gezogen werden, wenn ungeklärtes Fieber, grippeähnliche Symptome oder Anzeichen für spezifische Erreger (wie Zytopenie, Milchglasinfiltrate, Beteiligung der oberen Atemwege) vorliegen, v.a. wenn gleichzeitig erhöhte Laktatwerte oder eine Verschlechterung der Organfunktion auftreten
  • bei einer viralen Sepsis im Rahmen einer akuten Leberinsuffizienz sind maßgeschneiderte Strategien erforderlich, die eine schnelle virologische Diagnose, eine zeitnahe Therapie und eine ganzheitliche Betreuung kombinieren

Management der Nierenfunktionsstörung oder des Nierenversagens

  • bei Patienten mit ACLF sollte nach Ausschluss anderer Ursachen für AKI umgehend ein hepatorenales Syndrom mit akuter Nierenschädigung (HRS-AKI) diagnostiziert werden
  • Gabe von Terlipressin als Bolus oder Infusion in Kombination mit intravenösem Albumin ist die Erstlinientherapie bei HRS-AKI und muss bei Patienten mit ACLF Grad 3 oder bei Patient*innen mit bekannter Herz- oder Atemwegsfunktionsstörung mit Vorsicht angewendet werden

Nierenersatztherapie bei ACLF: Herausforderungen und Leitlinien

  • Nierenersatztherapie sollte bei Patient*innen mit ACLF eingeleitet werden, die nicht auf Vasokonstriktoren ansprechen, sowie bei solchen mit klaren Indikationen für eine RRT (fortgeschrittene Azotämie, metabolische Azidose, Hyperkaliämie und Volumenüberladung, die nicht auf Diuretika anspricht)
  • bei Patient*innen mit ACLF, insbesondere bei solchen mit Multiorganversagen und hämodynamischer Instabilität, ist die kontinuierliche Nierenersatztherapie intermittierenden Formen der Nierenersatztherapie vorzuziehen
  • neutrophilengelatinase-assoziierte Lipocalin (NGAL) kann zur Identifizierung von Patient*innen mit akuter Tubulusnekrose verwendet werden, die bei fehlendem Ansprechen auf Terlipressin möglicherweise eine Nierenersatztherapie benötigen

Management kognitiver Dysfunktion bei ACLF-Patient*innen

  • umfassende Differenzialdiagnostik ist bei ACLF-Patient*innen mit verändertem Bewusstseinszustand unerlässlich, da HE häufig mit anderen kritischen Zuständen wie septischer Enzephalopathie, intrakranieller Blutung usw. koexistiert oder diese imitiert
  • Behandlung akuter HE-Episoden sollte sich auf die Prävention von Komplikationen wie Aspirationspneumonie, Dehydratation durch übermäßige Lactulosezufuhr, eine rechtzeitige Vorausplanung der Transplantation und die Sicherstellung der Medikamentenkontinuität nach der Entlassung konzentrieren
  • normale Ammoniakwerte können helfen eine hepatische Enzephalopathie (HE) auszuschließen, sind aber bei erhöhten Werten nicht eindeutig diagnostisch (neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass niedrige Thyroxinwerte die Entwicklung einer schweren HE vorhersagen können)
  • Patient*innen mit ACLF und bakterieller Infektion, die mit Breitspektrumantibiotika behandelt werden, profitieren nicht von der zusätzlichen Gabe von Rifaximin

kardiale Beurteilung bei ACLF mit Schock

  • gründliche Auswertung der Krankengeschichte der Patient*innen, v.a. etwaiger vorbestehender Herzerkrankungen, sowie die Durchführung routinemäßiger Herzuntersuchungen, inkl. kardialer Biomarker, EKG und Echokardiographie, ermöglichen eine schnelle Beurteilung der kardialen Hämodynamik und den Ausschluss von Funktionsstörungen
  • Echokardiographie und hämodynamisches Monitoring dienen der präzisen Beurteilung der Herzfunktion und des Volumenstatus. In komplexen Fällen kann ein invasives Monitoring erwogen werden, um die Volumen- und Katecholamingabe besser zu steuern
  • zur Behandlung dieser komplexen Patient*innen sollte ein multidisziplinäres Team aus Kardiologen, Hepatologen und Intensivmedizinern eingesetzt werden (Technologien oder Hilfsmittel wie die Merkhilfe „SUSPECT CS“ werden empfohlen, um die schnelle Erkennung und Diagnose eines kardiogenen Schocks zu erleichtern)

Merkhilfe „SUSPECT CS“
SSymptoms/Signs (Symptome und klinische Zeichen, z.B. Dyspnoe, Kaltschweißigkeit)
UUrine output (Urinausscheidung; Überwachung auf Oligurie/Nierenversagen als Zeichen der Minderperfusion)
SSustained hypotension (anhaltende Hypotonie; meist definiert als systolischer Blutdruck < 90 mmHg oder MAP < 65 mmHg)
PPerfusion markers (Perfusionsparameter; klinische Zeichen wie verlängerte Rekapillarisierungszeit oder laborchemische Marker wie ein erhöhtes Laktat)
EElectro/echocardiogram (Elektro- und Echokardiogramm zur Identifikation der zugrundeliegenden kardialen Ursache, z.B. Myokardinfarkt oder Pumpversagen)
CCongestion (Stauungszeichen; Nachweis einer pulmonalen oder venösen Überwässerung, z.B. Lungenödem oder gestaute Halsvenen)
TTriage (Triage; rasche Risikoeinschätzung, ggf. Initiierung eines multidisziplinären „Shock Teams“ und Entscheidung über die Verlegung in ein spezialisiertes Zentrum)

  • patient*innennahe Sonographie (POCUS) sollte zur Beurteilung des Schockzustands und des Flüssigkeitsmanagements eingesetzt werden

Flüssigkeitsmanagement bei ACLF mit Schock – Auswahl und Ziele

  • aus Sicherheitsgründen werden balancierte Kristalloidlösungen (z.B. Plasmalyte) bevorzugt
  • 5%ige Albuminlösung kann angewendet werden, wenn der mittlere arterielle Blutdruck (MAP) < 60 mmHg oder der Laktatwert ≥ 2 mmol/L beträgt, oder alternativ eine Vasopressortherapie mit 0,2 – 0,3 μg/kg/min zur hämodynamischen Stabilisierung und zur Erhöhung des Albuminspiegels, wenn dieser 2,5 – 3,0 g/dL beträgt
  • Ziel-MAP sollte zwischen 65 und 75 mmHg liegen, mit dem Zielwert für Laktat < 2 mmol/L

Laktatkinetik bei ACLF – Implikationen für das Management

  • Bestimmung des Serum-Laktats kann zusammen mit etablierten Prognosemodellen wie dem AARC-Score zur Unterstützung der Schweregradeinteilung und der kurzfristigen Prognoseeinschätzung bei Patienten mit ACLF erfolgen
  • serielle Laktatmessungen sollten in die hämodynamische Beurteilung von Patient*innen mit akutem Leberversagen (ACLF) und Schock oder Hypoperfusion einbezogen werden, um die Flüssigkeitszufuhr und die allgemeine Kreislaufunterstützung zu steuern
  • Veränderungen des Laktatspiegels können die Wirksamkeit der Behandlung bei der Infektionskontrolle im Rahmen eines septischen Schocks anzeigen (Überwachung des Laktatspiegels hilft, Patient*innen zu identifizieren, die nicht gut auf die Behandlung ansprechen, und ermöglicht so eine rechtzeitige Anpassung der Therapie)

TIPS in der Behandlung von Varizenblutungen bei einem ACLF-Patient*innen

  • bei Patient*innen mit ACLF, die eine akute Varizenblutung entwickeln, sollten aufgrund des erhöhten Risikos für erneute Blutungen und Mortalität eine frühzeitige Risikostratifizierung und eine intensivierte Überwachung in Betracht gezogen werden
  • bei ACLF und Varizenblutung sollte bei ausgewählten geeigneten Patient*innen eine präemptive und eine Salvage-/Rescue-TIPS-Anlage in Betracht gezogen werden
  • bei therapierefraktärer Varizenblutung im Rahmen eines ACLF wird eine Rescue-TIPS-Anlage empfohlen, sofern eine Sepsis und ein Multiorganversagen (ACLF-3) ausgeschlossen sind
    • bei ACLF-Patient*innen mit akuter Varizenblutung und Hochrisikofaktoren (Child-Pugh C oder B > 7 + aktive Blutung, MELD ≥ 19) sollte eine präemptive TIPS-Anlage priorisiert werden, um Therapieversagen und Mortalität zu reduzieren
  • bei Patient*innen mit ACLF stellen hepatische Enzephalopathie oder Hyperbilirubinämie keine absolute Kontraindikation für TIPS dar (Patient*innenauswahl erfordert eine multidisziplinäre Beurteilung unter Berücksichtigung des Schweregrads der Blutung, des ACLF-Grades und von Kontraindikationen, z.B. unkontrollierte Infektionen)

Vorgehen bei Gerinnungsversagen im Rahmen einer ACLF

  • Versagen der Blutgerinnung sollte als Orientierungspunkt zur Bestimmung des natürlichen Verlaufs des ACLF herangezogen werden

Beurteilung und Korrektur der Koagulopathie bei nicht-variköser Blutung

  • bei Patient*innen mit ACLF sollten Gerinnungsstörungen im Kontext der systemischen Entzündung, der Sepsis und des gesamten hämostatischen Profils interpretiert werden
  • Hinweise auf eine Hypokoagulabilität bei ACLF sollten eine sorgfältige Prognoseeinschätzung und eine engmaschigere klinische Überwachung veranlassen, selbst wenn keine offensichtlichen Blutungen vorliegen
  • konventionelle Gerinnungsuntersuchungen, inkl. PT, APTT, INR, Fibrinogenspiegel und Blutungszeit, sagen das Blutungsrisiko bei Patient*innen mit ACLF nicht zuverlässig voraus
  • viskoelastische Tests wie Thromboelastographie, Sonoclot und ROTEM ermöglichen eine physiologischere und dynamischere Beurteilung der Blutgerinnung und bieten dadurch eine verbesserte Vorhersage des Blutungsrisikos bei ACLF
  • viskoelastische Tests sollten zur Steuerung von Bluttransfusionsstrategien bei ACLF dringend in Betracht gezogen werden
  • bei der Behandlung von nicht-varikösen Blutungen bei Patient*innen mit ACLF kann eine gezielte Transfusionsstrategie auf Basis viskoelastischer Tests die Koagulopathie effektiv korrigieren, die Blutung stoppen und transfusionsbedingte Komplikationen vermeiden

Plasmapherese bei ACLF – Wahl, Zeitpunkt und therapeutische Endpunkte

  • Plasmapherese senkt den Bilirubinspiegel signifikant, verringert die systemische Entzündung und verbessert die Gerinnungsfunktion bei Patient*innen mit ACLF
  • Plasmapherese verbessert das Überleben von sorgfältig ausgewählten ACLF-Patient*innen ohne Infektion, Schock und Beatmung
  • weitere klinische Daten benötigt, um den Zeitpunkt und die Behandlungsendpunkte für ACLF-Patient*innen, die sich einer Plasmapherese unterziehen, zu bestimmen
  • Plasmapherese kann als unterstützende Behandlung vor LT eingesetzt werden

Adsorptionstherapie bei ACLF – Auswahl des Patient*innen und des Filters

  • Wahl des Filters ist entscheidend, da unterschiedliche Materialien und Designs die Therapieergebnisse erheblich beeinflussen

Leberunterstützungssysteme im ACLF

  • ALSS (PP + PE, DPMAS + PE) kann Hyperbilirubinämie, Endotoxämie und Enzephalopathie verbessern und in ausgewählten Fällen als Überbrückung bis zur Transplantation eingesetzt werden
  • ALSS (PP + PE, DPMAS + PE) erfordert erhebliche Ressourcen und qualifiziertes Personal, ist mit potenziellen Komplikationen verbunden und weist je nach Zustand und Ätiologie des Patienten eine variable Wirksamkeit auf
  • ALSS (PP + PE, DPMAS + PE) kann eine tatsächliche Krankheitsprogression verschleiern, ethische Bedenken hinsichtlich kostenintensiver Behandlungen mit begrenztem Nutzen aufwerfen und die Langzeitprognose möglicherweise nicht verbessern

Ernährungsbewertung und -planung bei adipösen ACLF-Patient*innen

  • Adipositas und damit verbundene Stoffwechselstörungen sollten als wichtige Komorbiditätsfaktoren bei ACLF anerkannt und bei der Risikobewertung, der Ernährungsberatung und der Transplantationsplanung berücksichtigt werden
  • Ernährungsbewertung mithilfe des Royal Free Hospital Nutrition Prioritizing Tool ist bei ACLF hilfreich
  • schwer kranke Patient*innen mit ACLF sollten mind. 30 – 35 kcal/kgKG/d erhalten, wobei die Proteinzufuhr zur Vorbeugung von Sarkopenie zwischen 1,2 und 1,5 g/kg/d liegen sollte. Kohlenhydrate sollten 45 – 50 % der täglichen Zufuhr ausmachen, der Rest sollte aus Fetten stammen
  • enterale Ernährung wird zur Reduzierung der Mortalität und infektiöser Erkrankungen bei Patient*innen mit akut-auf-chronischem Leberversagen empfohlen
    • bei Patient*innen mit hepatischer Enzephalopathie, die nicht ausreichend oral Nahrung aufnehmen können, kann eine nasogastrale Ernährung unter Einhaltung geeigneter Aspirationsvorkehrungen, inkl. erhöhter Oberkörperlagerung und engmaschiger Überwachung, erwogen werden

prognostische Bedeutung der Sarkopenie auf der Intensivstation und nach der Transplantation

  • Sarkopenie ist häufig und mit schlechteren Langzeitergebnissen verbunden und kann bei der Behandlung von Patient*innen mit ACLF als Entscheidungsgrundlage dienen
  • Sarkopenie bei Leberzirrhose ist ein Risikofaktor für die Entwicklung eines akuten Leberversagens bei Patient*innen auf der Warteliste für eine Lebertransplantation
  • Sarkopenie ist bei hospitalisierten Patient*innen mit ACLF und Patienten nach Lebertransplantation mit einer hohen Mortalität, Infektionen und längeren Krankenhausaufenthalten verbunden

Darmversagen bei ACLF – Management

  • Darmfunktionsstörung sollte bei Patient*innen mit ACLF systematisch untersucht und bei Hochrisikopatient*innen mit dekompensierter Zirrhose in Betracht gezogen werden, da sie eine potenzielle Rolle bei systemischer Entzündung und extrahepatischem Organversagen spielt
  • Wiederherstellung des Gleichgewichts der Darmmikrobiota ist ein wichtiges Therapieziel (aktuelle Interventionen wie Rifaximin, Probiotika und FMT stellen vielversprechende Therapieoptionen dar, erfordern jedoch aufgrund uneinheitlicher Evidenz und potenzieller Risiken eine vorsichtige Anwendung; weitere Validierungsstudien sind notwendig)
  • langfristige Antibiotikaprophylaxe und Strategien zur mikrobiellen Modulation müssen sorgfältig gegen das Risiko von Antibiotikaresistenzen abgewogen werden, wobei patient*innenspezifische Ansätze unerlässlich sind

Auswahl eines ACLF-Grad-III-Patient*innen für eine Lebertransplantation

  • bei ACLF Grad III hängt die Entscheidung zur Transplantation vom Ausmaß und der Reversibilität des Organversagens, dem Schweregrad von ALI/ARDS, den dynamischen Veränderungen des AARC-Scores, der Anzahl und Dosis der Vasopressoren sowie dem Vorhandensein oder Fehlen einer Sepsis ab
  • angesichts der Dringlichkeit des Zustands der Patient*innen mit ACLF Grad III muss das Transplantationsteam die Risiken und Vorteile einer Transplantation mit einer nicht optimalen Spenderleber gegen das Risiko einer weiteren Verschlechterung des Patientenzustands abwägen
  • psychischen Zustand der Patient*innen, die Einhaltung der Nachsorge nach der Transplantation und sein soziales Unterstützungssystem sind ebenfalls wichtige Faktoren, da diese die postoperative Genesung und die Lebensqualität der Patient*innen erheblich beeinflussen können

ACLF aufgrund von Alkohol und Entscheidung für eine Transplantation

  • bei Patient*innen mit alkoholbedingtem ACLF Grad III ist eine umfassende Abklärung erforderlich (schwere Begleiterkrankungen wie unkontrollierbare Infektionen oder schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen machen eine Transplantation zu riskant und erfordern eine Ablehnung)
  • Mangel an Spenderlebern und die oft mangelhafte Qualität der verfügbaren Spenderorgane können die Entscheidungsfindung erschweren
    • wenn Patient*innen vor der Transplantation nicht mit dem Alkoholkonsum aufhören können und ein hohes Rückfallrisiko nach der Transplantation besteht, was eine Ablehnung rechtfertigen würde, muss dies sorgfältig geprüft werden
  • schlechter psychischer Zustand, mangelnde familiäre Unterstützung und die Unfähigkeit, die postoperativen Pflegevorschriften einzuhalten, sind entscheidende Faktoren –> liegen diese Faktoren vor, erhöhen sie das Risiko eines Transplantatversagens erheblich, was zu einer Ablehnung der Transplantation führen kann
  • Lebertransplantation mit Lebendspende sollte bei Patient*innen mit ACLF, sofern indiziert und durchführbar, erwogen werden
  • ACLF im Rahmen einer alkoholbedingten Leberzirrhose sollte anders differenziert und behandelt werden als ACLF bei Patient*innen mit zugrundeliegender alkoholbedingter Leberzirrhose ohne alkoholbedingte Leberzirrhose
  • Lebertransplantation bei ACLF im Rahmen einer alkoholbedingten Zirrhose sollte nicht durchgeführt werden, wenn in der Vorgeschichte eine Leberdekompensation aufgrund einer Alkoholabhängigkeit vorliegt, mehrere Rehabilitationsversuche erfolglos waren, der mentale Zustand so beeinträchtigt ist, dass die Bereitschaft zur Abstinenz nicht beurteilt werden kann, es an sozialer Unterstützung mangelt, Polytoxikomanie besteht oder eine schwere Sarkopenie vorliegt
  • Lebertransplantation bei ACLF im Rahmen einer AH sollte im fortgeschrittenen Stadium der ACLF erst nach Stabilisierung des Patienten erfolgen

Prä-LT-Optimierung für eine günstige postoperative Erholung

  • idealerweise sollten Patient*innen innerhalb von 30 Tagen nach Aufnahme auf die Warteliste oder Beurteilung der Eignung für eine Transplantation transplantiert werden
  • Patient*innen mit ACLF sollten auf den Wartelisten priorisiert werden, um einen frühzeitigen Zugang zu Lebertransplantaten zu gewährleisten
  • Verwendung von Randtransplantaten mit maschineller Perfusion kann je nach lokaler Expertise erwogen werden
  • bei schwerkranken Patient*innen, die im Rahmen einer Notfalltransplantation untersucht werden müssen, kann ein verkürztes Verfahren zur Beurteilung der Eignung für eine Transplantation mit begrenzten Untersuchungen angewendet werden
  • bei Patient*innen, die nicht auf die Behandlung einer akuten Nierenschädigung ansprechen, sollte eine niedrige Schwelle für den Beginn einer Nierenersatztherapie als Überbrückung bis zur Transplantation bestehen
  • Patient*innen, die eine Langzeit-Nierenersatztherapie benötigen, können für eine simultane Leber- und Nierentransplantation in Betracht gezogen werden
  • Leberunterstützungssystem kann genutzt werden, um Patient*innen bis zur Lebertransplantation zu überbrücken und die Zeit, in der sie für eine Transplantation geeignet sind, zu verlängern, während sie auf einen geeigneten Spender warten
  • Schwelle für die Abklärung von Infektionen sollte niedrig angesetzt werden, indem routinemäßig Blut, Körperflüssigkeiten und bildgebende Verfahren untersucht werden (bis zur Identifizierung des Erregers empirisch mit Breitspektrum-Antibiotika behandeln)
  • Antibiotikatherapie sollte 24 h vor der Transplantation begonnen und bis 24 – 72 h nach der Transplantation fortgesetzt werden
Published inLeitlinien kompakt

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