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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – Cholinesterase-Hemmstoffe“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • z.B. Terbufos (COUNTER), Phorate (THIMET), Dimethoat (CYGON), Temephos (ABATE) oder Carbaryl
  • Synonyme: Anti-Cholinesterase-Pestizide, Organophosphate und N-Methylcarbamat-Insektizide
  • Cholinesterase-Hemmstoffe sind die derzeit meistverwendeten Insektizide
  • Wirkungsweise einer Cholinesterase-Hemmung (veränderte Neurotransmission an allen cholinergen Synapsen –> Symptome an vier funktionellen Rezeptoren mgl. (Muskarinrezeptoren, ganglionären Nikotinrezeptoren, Nikotinrezeptoren des Skelettmuskels sowie im ZNS)
  • Wirkstärke kann in Abhängigkeit von der jeweiligen Substanz sehr variieren
  • Identifikation des speziellen Wirkstoffes oder zumindest der jeweiligen Wirkstoffklasse sehr wichtig

Exposition

  • Einatmen
    • schnelle Aufnahme über die Lunge
  • Haut-/Augenkontakt
    • schnelle Aufnahme über die Haut und Schleimhäute
  • Verschlucken
    • schnelle Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt

akute gesundheitliche Wirkungen

Grundsätzliches

  • Symptome können innerhalb von Minuten oder verzögert bis zu 12 Stunden später auftreten
  • geringe Exposition
    • ggf. biochemische Wirkungen ohne Symptome
  • leichte Vergiftung
    • leichte Vermehrung der Sekretionen, wie z.B. Speichel, Tränen, Nasenabsonderungen und Schleim bei normalem Bewusstseinszustand
  • schwere Vergiftung
    • veränderter Bewusstseinszustand, starke Sekretionen und Schweißbildung („alles läuft“), abnorme Pupillengröße, Schwäche, Muskelzucken, Brustschmerzen und Atemnot
  • lebensgefährdende Vergiftung
    • Koma, Krampfanfällen, massiven Sekretionen, Zyanose, Lungenödem und Aussetzen der Atmung

klassische Erstsymptome gemäß dem ”SLUDGE”-Akronym
S – Salivation (Speichelfluss)
L – Lacrimation (Tränenfluss)
U – Urination (Wasserlassen)
D – Diarrhea (Durchfall)
G – Gastrointestinal distress (Magen-Darm-Beschwerden)
E – Emesis (Erbrechen)

  • andere mögliche Symptome: Übelkeit, Schweiß und Engegefühl in der Brust
  • Miosis als charakteristisches Zeichen (CAVE: ausbleibende Miosis schließt Diagnose nicht aus, v.a. im Frühstadium in dem auch Mydriasis mgl. ist)
  • Vergiftung führt bei nicht rechtzeitiger Therapie zum Tod
  • Anzeichen, Symptome und Beginn der Vergiftung variieren je nach Alter der Patient*innen, spezifischer Wirkstoff und Stärke der Exposition

Symptomatik

  • Wirkung an Muskarinrezeptoren
    • sehr kleine Pupillen, verzerrte/verschwommene Sicht, starke Speichelsekretion, Tränen und nasale Sekretion, Schweiß und Bronchialsekretion, Verengung der Bronchien, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchkrämpfe, Inkontinenz, niedriger RR und niedrige HF
  • Wirkung an ganglionären Nikotinrezeptoren
    • hohe HF, hoher RR und erweiterte Pupillen
  • Wirkung an Nikotinrezeptoren des Skelettmuskels
    • Zittern, Muskelzucken, Krämpfe, Schwächeanfälle, schlaffer Tonus, Atemschwäche
  • Zentrales Nervensystem
    • Schwindel, Agitiertheit, Angstzustände, Schwerfälligkeit, Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Benommenheit, Anfälle, Bewusstlosigkeit
    • Erregbarkeit, Nervosität, Schwindel, Müdigkeit, Lethargie, Verwirrtheit, undeutliches Sprechen, Krämpfe, Bewusstlosigkeit und Atemdepression mgl.
    • akute ZNS-Effekte sind typisches Zeichen signifikanter Vergiftungen bei Erwachsenen und können klinisches Bild bei Kindern beherrschen
  • Atemwege
    • Bronchokonstriktion und deutlich vermehrte Bronchialsekretion mgl.
    • Atembeschwerden als Folge von zentraler Atemdepression, Lähmung des Atemmuskels und progressiver Obstruktion der Luftwege durch Bronchialsekrete
  • Haut-/Augenkontakt
    • sofortige und schnelle Resorbtion durch die Haut (CAVE: Hautkontakt kann systemische Auswirkung haben)
    • immer Miosis bei lokale Kontamination des Auges
    • allgemeine Vergiftung kann entweder Mydriasis oder Miosis hervorrufen
    • verzerrte/verschwommene Sicht und Schmerzen im Auge durch Spasmus des für die Akkomodation wichtigen Ziliarmuskels
  • Magen-Darm-Trakt
    • häufig Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe, Diarrhoe und Inkontinenz (unabhängig vom Einwirkungsweg)
  • Säure-Basen-Status
    • starke Dehydrierung durch starkes Schwitzen

mögliche Folgen

  • in unkomplizierten Fällen innerhalb von 1 – 2 Wochen klinisch komplett beschwerdefrei
  • Komplikationen in Form verzögert auftretender neurologische Syndrome, von Aspirationspneumonien und Ateminsuffizienz bei Lungenentzündung, Sepsis oder anderen mit dem ITS-Aufenthalt zusammenhängenden Problemen
  • Schäden am Gehirn oder anderen Organen bei länger dauernder Hypoxie aufgrund akuter Atemstörungen mgl.
  • residuelle neuropsychiatrische Symptome wie Verwirrtheit, Müdigkeit, Erregbarkeit, Nervosität und Gedächtnisstörungen ggf. manchmal einige Wochen lang andauernd
  • verzögerte Neuropathie eines gemischt sensomotorischen Typs 1 – 3 Wochen nach akuter Exposition mgl.

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • direkten Kontakt mit verunreinigter Kleidung, Haut und Erbrochenem sowie mit verunreinigten Oberflächen vermeiden
  • Tragen von Neopren- oder Nitril-Handschuhen, Gummistiefeln und Chemieschutzanzügen (CAVE: Vinyl- oder Lederhandschuhe nicht ausreichend)
  • Atemschutz notwendig, je nach Ausmaß der Verunreinigung Umluft unabhängiges Atemschutzgerät erwägen
  • CAVE: Patient*innen, die selbst oder deren Kleidung mit Chemikalien benetzt ist, die Cholinesterase-Hemmstoff enthalten, kann andere Personen durch direkten Kontakt gefährden
  • CAVE: Verunreinigung von Innenflächen von Handschuhen, Stiefeln und Kopfschutz können ebenso wie andere Teile der Ausrüstung mgl.

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
  • „CRASH“-Dekontamination
    • kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
    • falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
    • kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
    • Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
    • Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)

Reinigung

  • bei V.a. Kontakt mit Chemikalien, die Cholinesterase-Hemmstoffe enthalten, sind Reinigungsmaßnahmen notwendig
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • schnellstmögliche Entfernung von verunreinigter Kleidung sowie sicheres Einpacken in Plastikbeutel –> währenddessen betroffene Haut- und Haarpartien über 15 min mit Wasser spülen –> weitere Reinigung der Haut- und Haarpartien mit Seife oder mildem, flüssigem Spülmittel und Wasser (CAVE: Augen während Reinigung schützen)
  • verunreinigte Kleidung vor weiterem Gebrauch separat waschen
  • verunreinigtes Leder wie Schuhe, Gürtel oder Brieftaschen entsorgen
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)

Antidot-Therapie (notärztlich)

  • Vorgehen
    • je nach Schweregrad der Vergiftung initial 1 – 2 mg Atropin i.v. bei Erwachsenen (Kinder < 12 Jahre: 0,05 mg/kgKG)
    • anschließend repetitiv alle 15 min entsprechende Dosen verabreichen bis exzessive Sekretion und Schweißproduktion unter Kontrolle sind
    • weitere Dosen je nach Wiederauftreten der Symptome
  • Dosis-Erhöhung bei gesicherter Diagnose ohne Reaktion auf Atropin-Gabe erwägen
  • bei starker Organophosphat-Vergiftung kann initialer 50 mg-Atropin-Bolus notwendig sein –> danach für mehrere Tage 0, 5 – 2,0 mg/h kontinuierlich als Infusion
  • CAVE: Atropin nicht wirksam gegen nikotinische Effekte, v.a. Muskelschwäche, Muskelzuckungen und Atemdepression
  • bei Carbamat-Vergiftungen
    • i.d.R. viel geringere Atropin-Dosen über eine kürzere Zeitspanne erforderlich
    • wenn mgl., keine Opiate, Parasympathomimetika, Theophyllin, Reserpin und Phenothiazin
    • adrenerge Amine nur bei spezifischer Indikation (z.B. niedriger RR)
  • bei signifikanter Beeinträchtigungen des ZNS und/oder der Funktion der Skelettmuskulatur
    • Enzymreaktivator der Acetylcholinesterase (z.B. Obidoxim oder Pralidoxim) zusammen mit Atropin erwägen (ggf. angepasst an Alter und Gewicht als kontinuierliche Infusion nach Sättigungsdosis oder langsam als Bolus)
      • Pralidoxim: 1,0 – 2,0 g als Infusion i.v. bei > 12 Jahre (max. 0,2 g/min)
    • beste Wirkung bei Gabe so bald wie möglich nach Intoxikation
    • CAVE: vor Gabe Abnahme von Blutproben für standardgemäße Bestimmungen von Serumparametern und Erythrozyten-Cholinesterase-Aktivität
  • Oxim-Therapie
    • Gabe von Oximen bei Diethylorganophosphaten (z.B. Parathion, Phoxin, Pyrazophos) im Allgemeinen von Nutzen
    • Gabe von Oximen bei Dimethylorganophosphaten (z.B. Dimethoate, Omethoate, Phosphamidone) zeitnah nach Exposition
  • Benzodiazepin (z.B. Diazepam i.v.) bi neurologischen Anfällen nach Atropin/Oxim-Therapie –> Phenobarbital bei anhaltenden oder wiederkehrenden Krämpfen und, falls notwendig, Phenytoin
  • Furosemid bei Lungenödem und Rasseln in den Lungen trotz maximaler Atropin-Gabe

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • Atemwegssicherung bei Vergiftungszeichen sowie 100 % O2 (gute Sauerstoffversorgung minimiert das Arrhythmie-Risiko durch Atropin-Gabe)
  • bei Verschlucken kein Erbrechen provozieren
  • Erbrochenes und orale Sekrete durch Absaugen entfernen (CAVE: direkte Kontakt mit verunreinigten Flüssigkeiten unbedingt vermeiden)
  • CAVE: Intubation, Absaugung und andere Manipulationen des Kopfes & Halses vor Atropin-Gabe kann Bradykardie hervorrufen
  • sofortige Magenspülung erwägen, wenn Verschlucken der lebensbedrohlichen Dosis vor < 60 min erfolgt (zeitnah 30 g Aktivkohle mit 240 mL Wasser, falls Patient*in bei bei Bewusstsein und zum Schlucken in der Lage)
    • keine Indikation bei beachtlichen Mengen, da Durchfall und/oder Erbrechen zu wahrscheinlich
    • Magenspülflüssigkeit und Erbrochenes isolieren und sicher entsorgen
  • unverzüglicher Transport in KH mit Intensivtherapie-Möglichkeiten bei Exposition ggü. hohen Konzentrationen und notwendiger Atropin-Therapie
  • nach Beendigung der Atropin-Gabe ständiger Beobachtung für…
    • … mind. 72 h bei Organophosphaten
    • … mind. 24 h bei Carbamat-Vergiftung
  • weitere Exposition ggü. Cholinesterase-Hemmstoffen verhindern, bis laborchemisch verifizierte ausreichende Regeneration der Cholinesterase erfolgt ist

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • Anamnese, körperlicher Untersuchung und Monitoring der Vitalfunktionen (v.a. SpO2) sowie Thorax-Röntgen
  • kontinuierliche EKG-Überwachung sowie regelmäßige Kontrolle der Elektrolyt-, v.a. Kaliumwerte, bei allen mit Atropin behandelten Fällen empfohlen
  • Einfluss von Hämoperfusion, Hämodialyse oder Austauschtransfusion auf Ausprägung oder Dauer der Vergiftung nicht klinisch gesichert

Laboruntersuchungen

  • Diagnose akuter toxischer Effekte von Cholinesterase-Hemmstoffen ist bei hochgradigem Verdacht v.a. klinische Diagnose, die auf schnellem Beginn charakteristischer Symptome wie vermehrter Sekretion, Muskelzuckungen und Schwächeanfällen, Veränderung des Bewusstseinszustandes basiert
  • unverzügliche Behandlung bei deutlichen klinischen Hinweise auf akute Vergiftung durch Cholinesterase-Hemmstoff, ggf. auch ohne genauere Erkenntnisse über genaue Substanz und Expositionsdosis
  • kein Warten auf laborchemische Bestätigung bei Vergiftung
  • Anzeichen eines anticholinergen Syndroms nach erster Atropin-Gabe, falls Zustand nicht auf Hemmung der Cholinesterase zurückzuführen ist –> weitere Differentialdiagnostik
  • laborchemische Bestimmung der Plasma-Pseudocholinesterase und Erythrozyten-Acetylcholinesterase bei toxischen Wirkungen eines Cholinesterase-Hemmstoffes aus der Klasse der Organophosphate
  • unwahrscheinlicher laborchemischer Nachweis einer verminderten Cholinesterase-Aktivität im Blut, wenn keine beträchtliche N-Methylcarbamat-Menge aufgenommen wurde oder Blutentnahme innerhalb von 1 – 2 h erfolgte
  • routinemäßige Laboruntersuchungen umfasst großes Blutbild, Glukose-, Amylase- und Elektrolytbestimmungen
  • Asservierung von Urinprobe (oder Erbrochenem, falls Mittel verschluckt wurde) zur Analyse auf Metaboliten
  • BGA (art.) bei schwerwiegender Vergiftung, um Oxygenierung und Säure-Basen-Status abzuschätzen
    • Bikarbonat bei metabolischer Azidose, wenn Blut-pH-Wert < 7,15
  • Elektrolytstörungen (z.B. Hyperkaliämie) ebenfalls evaluieren und ggf. behandeln

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei klinisch asymptomatischen Patient*innen mit nur geringer Exposition ggü. Cholinesterase-Hemmstoffen (abhängig von Einwirkungsdauer), ohne Verschlucken von Cholinesterase-Hemmstoffen und ohne keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen von Cholinesterase-Hemmstoffen kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
Published inLeitlinien kompakt

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