Hitzewellen, Extremwetterereignisse, Luftverschmutzung und neue Infektionsrisiken verändern bereits heute das Einsatzspektrum der Notfallmedizin. Internationale Fachgesellschaften und wissenschaftliche Publikationen zeigen übereinstimmend:
- hitzebedingte Notfälle (Dehydratation, Hitzschlag, kardiale Dekompensation) nehmen deutlich zu
- Extremwetter wie Starkregen oder Stürme führen zu MANV-Szenarien, Infrastrukturversagen und Versorgungsengpässen
- Luftverschmutzung verstärkt respiratorische und kardiovaskuläre Erkrankungen
- vektorübertragene Infektionen breiten sich in neuen Regionen aus
- psychische Belastungen durch Klimafolgen (Angst, Trauma, Verlust) werden häufiger
Diese Entwicklungen sind gut belegt – dennoch spiegeln sie sich bislang kaum strukturiert in der medizinischen Ausbildung wider.
Was ist Planetary Health?
Planetary Health ist mehr als nur „Umweltschutz für Mediziner*innen“. Es ist das Konzept, dass die menschliche Gesundheit untrennbar mit dem Zustand der natürlichen Systeme der Erde verbunden ist. Wenn der Planet Fieber hat, landen die Patient*innen bei uns im Schockraum.
Ausbildungslücke – planetare Gesundheit fehlt in vielen Curricula
Trotz der Dringlichkeit ist die Integration von Klimawandel und planetarer Gesundheit in medizinische Curricula weltweit unzureichend. Eine internationale Erhebung zeigte, dass nur wenige medizinische Fakultäten entsprechende Inhalte systematisch lehren. Dabei fordern Studierende, Fachgesellschaften und internationale Organisationen seit Jahren:
- Klimakompetenz als ärztliche Kernkompetenz
- Verständnis für ökologische Determinanten von Gesundheit
- Kenntnisse zu resilienten, nachhaltigen Gesundheitssystemen
Gerade in der Notfallmedizin, wo Zeitdruck, Ressourcenknappheit und Systemstress zusammentreffen, ist dieses Wissen essenziell.
Warum die Notfallmedizin besonders betroffen ist?
Die Notfallmedizin ist oft der erste mediznische Bereich, in dem sich die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise manifestieren. Notfallmediziner*innen müssen…
- … klimabedingte Krankheitsbilder erkennen und priorisieren.
- … Umgang mit klimabedingten MANV-Lagen beherrschen.
- … vulnerable Gruppen (Ältere, Kinder, sozial Benachteiligte) gezielter schützen können.
- … Kenntnisse über die Auswirkungen des Gesundheitssystem selbst erhalten, dass erheblich zum CO2-Ausstoß beiträgt und in dem wir gleichzeitig selbst arbeiten.
Ohne entsprechende Ausbildung bleibt die Notfallmedizin reaktiv – statt vorbereitet und gestaltend.
Was planetare Gesundheit in der Ausbildung leisten kann?
Es reicht nicht mehr aus, Planetary Health als „Wahlfach für Idealist*innen“ zu betrachten. Wir müssen das Thema tief in die DNA der medizinischen Ausbildung und der Notfallsanitäter-Schulungen integrieren, denn eine stärkere Verankerung planetarer Gesundheit in Studium, Weiterbildung und notfallmedizinischer Lehre würde:
- … die klinische Entscheidungsfindung (z. B. bei Hitze- oder Umweltbelastungen) verbessern.
- … die Prävention stärken, auch im Akutsetting (Beratung vulnerabler Gruppen wie Ältere oder chronisch Kranke zur Hitzeanpassung als Teil der Entlassung/Versorgung).
- … die Systemresilienz fördern, etwa durch nachhaltige Ressourcenplanung (Reduktion des massiven ökologischen Fußabdrucks des Gesundheitswesens)
- … die ärztliche Handlungskompetenz fördern, über die individuellen Krankheitsbilder hinaus (Management von Hitzschlag, Erkennung neuer Infektionskrankheiten, Anpassung der Pharmakotherapie bei Hitzewellen).
Internationale Beispiele zeigen, dass solche Module praxisnah, interdisziplinär und ohne Überfrachtung bestehender Curricula umsetzbar sind.
Ein klarer Auftrag an Ausbildung und Fachgesellschaften
Die Klimakrise ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert. Für uns in der Notfallmedizin bedeutet das: Wir müssen unsere Ausbildung zukunfts- und krisenfest machen. Wir brauchen Fachkräfte, die nicht nur wissen, wie man intubiert, sondern auch, wie man unter den veränderten Bedingungen einer sich erhitzenden Welt die beste Patient*innenversorgung garantiert.
Die Klimakrise ist eine Gesundheitskrise – und damit ein genuin medizinisches Thema. Wer heute Ärztinnen und Ärzte ausbildet, trägt Verantwortung dafür, sie auf die Realität von morgen vorzubereiten.
Planetary Health gehört als fester Bestandteil in jedes Staatsexamen, jede Rettungsdienst-Fortbildung und alle anderen Bereiche der medizinischen Lehre. Nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil ärztlicher Professionalität. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus rein medizinischer Notwendigkeit.
Es ist Zeit, dass wir lernen, den Planeten mitzubehandeln – bevor die Notfälle uns über den Kopf wachsen.
Quellen
- Beguin, Arne M., Andrea van Acker-Koning, Prosper Lutala, Martha Makwero, und Dorothee van Breevoort. „Integrating planetary health into medical training: Defining physicians’ roles in Malawi“. African Journal of Primary Health Care & Family Medicine 17, Nr. 1 (2025): 4962. https://doi.org/10.4102/phcfm.v17i1.4962.
- Blom, Iris Martine, Ines Rupp, Irene Maria de Graaf, Berber Kapitein, Anne Timmermans, und Nicolaas H. Sperna Weiland. „Putting Planetary Health at the Core of the Medical Curriculum in Amsterdam“. The Lancet Planetary Health 7, Nr. 1 (2023): e15–17. https://doi.org/10.1016/S2542-5196(22)00316-3.
- Flock, Charlotte, Rebecca Boekels, Alina Herrmann, u. a. „Final Year Medical Students’ Expectations for Medical Education on Climate Change and Planetary Health – a Qualitative Study“. Medical Education Online 30, Nr. 1 (2025): 2477670. https://doi.org/10.1080/10872981.2025.2477670.
- McLean, Michelle, Georgia Behrens, Hannah Chase, u. a. „The Medical Education Planetary Health Journey: Advancing the Agenda in the Health Professions Requires Eco-Ethical Leadership and Inclusive Collaboration“. Challenges 13, Nr. 2 (2022): 62. https://doi.org/10.3390/challe13020062.
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- Phillips-Wilson, Tasha, Sumanth Khadke, Adriana Mares, u. a. „Integrating Planetary Health Into Medical Education“. JACC: Advances 3, Nr. 12 (2024): 101366. https://doi.org/10.1016/j.jacadv.2024.101366.
- Visser, Eva H., Berdien Oosterveld, Irene A. Slootweg, u. a. „The Development and Characteristics of Planetary Health in Medical Education: A Scoping Review“. Academic Medicine 99, Nr. 10 (2024): 1155–66. https://doi.org/10.1097/ACM.0000000000005796.
- Lee, S A, Brady Bates, O, Perez, E C, Swift, C P and Stanistreet, D (2022) ‚Integrating Planetary Health into the Medical Curriculum‘, Policy and Practice: A Development Education Review, Vol. 34, Spring, pp. 7-34. https://www.developmenteducationreview.com/issue/issue-34/integrating-planetary-health-medical-curriculum


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