Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) hat am 25.04.2026 auf der bvmd-Medizinstudierendenversammlung eine Grundsatzentscheidung zur „Facharztweiterbildung Notfallmedizin“ beschlossen. Die Kurzfassung der Grundsatzentscheidung gibt es nachfolgend.
Forderungen der bvmd
- Anerkennung der klinischen Notfallmedizin als eigenständiges Fachgebiet der unmittelbaren Patient*innenversorgung
- Einführung einer eigenständigen Facharztweiterbildung für Notfallmedizin mit einem modernen, kompetenzbasierten Weiterbildungscurriculum
- strukturelle Verankerung der Notfallmedizin an medizinischen Fakultäten durch Abteilungen, Professuren sowie klar definierte Lehr- und Forschungsaufträge
- Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Kerncurriculums für den Querschnittsbereich Notfallmedizin (QB 08) zur Harmonisierung der Lehre an allen medizinischen Fakultäten
- flächendeckende Etablierung des Wahlfachs Notfallmedizin im Praktischen Jahr
- Förderung notfallmedizinischer Forschung
- sinnvolle fachliche und organisatorische Abstimmung zwischen der klinischen und präklinischen Notfallmedizin
- unabhängige wissenschaftliche Evaluation der Einführung einer Facharztweiterbildung für Notfallmedizin
Hintergrund: Notfallmedizin ohne Fachstruktur
Realität der klinischen Notfallmedizin in Deutschland
- Notaufnahmen sind zentrale Filter‑, Diagnose‑ und Steuerungsinstanzen der Krankenhäuser und verhindern viele stationäre Aufnahmen
- gleichzeitig führen steigende Fallzahlen, Multimorbidität, begrenzte Kapazitäten und schwache Schnittstellen zw. Rettungsdienst, ambulanter Versorgung und Klinik zu struktureller Überlastung
- klinische Notfallmedizin ist in Deutschland jedoch kein eigenständiges Fach –> zweijährige Zusatzweiterbildung KLINAM setzt einen abgeschlossenen Facharzt voraus und schafft keinen durchgehenden Ausbildungspfad
- flächendeckende fachärztliche Präsenz in Notaufnahmen besteht nicht, besonders nicht außerhalb der Kernarbeitszeiten
- große Teile der Versorgung werden daher von rotierenden Ärzt*innen in Weiterbildung getragen, die oft unzureichend vorbereitet sind –> hohe Fluktuation erschwert Kompetenzaufbau, Teamstabilität und fachliche Identität
- so entstehteine wachsende Diskrepanz zw. komplexen Aufgaben und fehlender struktureller Verankerung: Notaufnahmen übernehmen faktisch eigenes Versorgungssegment, ohne dass Weiterbildung, akademische Strukturen oder Verantwortlichkeiten dies abbilden
Konsequenzen für Lehre und Forschung
- Notfallmedizin ist im Medizinstudium zwar als eigener Querschnittsbereich definiert, wird jedoch sehr uneinheitlich gelehrt –> Inhalte sind über Semester und Fachdisziplinen verstreut, ein abgestimmtes, longitudinales Curriculum fehlt, und nur wenige Fakultäten verfügen über eigene notfallmedizinische Professuren oder klare Lehrstrukturen
- Studierende erleben Notfallmedizin dadurch als Sammlung einzelner Perspektiven statt als kohärentes Fach
- zentrale Kompetenzen wie leitsymptomorientiertes Denken, Entscheiden unter Unsicherheit oder interdisdisziplinäre Teamführung werden nur unsystematisch vermittelt
- fehlende akademische Verankerung erschwert zudem Promotionen, PJ‑Strukturen und die Sichtbarkeit von Role Models
- auch Forschung leidet unter der fehlenden Eigenständigkeit –> obwohl Notaufnahmen ideale Orte für prospektive, interdisziplinäre und versorgungsnahe Forschung sind, fehlen vielerorts institutionelle Abteilungen, Grundmittel und Personalstellen
- Forschung ist dadurch stark drittmittelabhängig, schwerer sichtbar und international weniger konkurrenzfähig, was die Weiterentwicklung eines zunehmend systemrelevanten Versorgungsbereichs bremst
Blick ins Ausland
- in fast allen europäischen Ländern ist die Notfallmedizin als Fachgebiet mit eigener Facharztweiterbildung etabliert und wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich professionalisiert
- Rücknahmen solcher Fachgebiete sind nicht beschrieben
- weltweit wächst die Zahl anerkannter Programmen weiter, und mit dem EUSEM‑Curriculum existiert ein konsentierter, fünfjähriger Weiterbildungskatalog
- internationale Erfahrungen zeigen, dass die Einführung eines Facharztes für Notfallmedizin typischerweise zu klareren Verantwortlichkeiten, professionelleren Strukturen sowie besseren Ausbildungs‑ und Qualitätsstandards in Notaufnahmen führt
Chancen einer eigenständigen Notfallmedizin
Impact für die Krankenversorgung
- eigenständige Notfallmedizin würde die tatsächliche Versorgungsrealität in Notaufnahmen strukturell abbilden –> speziell weitergebildete, dauerhaft tätige Ärzt*innen könnten leitsymptombasierte Diagnostik, Priorisierung, Therapie unter Unsicherheit und die koordinierte Weitersteuerung der Patient*innen verlässlich übernehmen –> klare, kontinuierliche ärztliche Zuständigkeit für Entscheidungen, Schnittstellen und Qualitätsentwicklung
- durchgehende Facharztweiterbildung würde erstmals einen vollständigen Ausbildungspfad schaffen, nachhaltigen Kompetenzaufbau ermöglichen, Teams stabilisieren und die langfristige Bindung notfallmedizinisch interessierter Ärzt*innen fördern
- Facharzt für Notfallmedizin würde als koordinierende Instanz die interdisziplinäre Zusammenarbeit stärken, ohne Spezialfächer zu ersetzen –> Strukturierung der initialen Versorgung, Schaffung klarer Schnittstellen und zeitkritisch Bindung der passenden Expertise
- rund um die Uhr Gewährleistung des Facharztstandard in Notaufnahmen durch klare Verantwortlichkeiten und flächendeckende Facharztpräsenz
universitäre Verankerung
- Anerkennung der Notfallmedizin als eigenständiges Fach würde erstmals eine institutionelle Heimat mit eigenen Abteilungen, Professuren und Ressourcen schaffen
- kohärente Planung von Lehre, Forschung, Qualitätsentwicklung und Curricula mit kontinuierlicher Vertretung aus einer eigenen fachlichen Perspektive
- deutlich Erleichterung für stabile Strukturen für die Forschung, langfristige Schwerpunktbildung, belastbare Studieninfrastrukturen, Drittmitteleinwerbung und die Einbindung in Forschungsverbünde
- Notfallmedizin –> wissenschaftlicher Knotenpunkt, an dem Akutversorgung, Versorgungsforschung und translationale Forschung zusammenlaufen
- Verankerung würde zudem internationale Sichtbarkeit stärken, Anschlussfähigkeit an globale Netzwerke verbessern und evidenzbasierte Weiterentwicklung der Notfallversorgung erheblich fördern
Chancen für die medizinische Lehre
- notfallmedizinische Kompetenzen sind im „Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin“ (NKLM) klar verankert und Notaufnahmen bieten ideale Lernumgebung für Anamnese, Untersuchung, leitsymptomorientiertes Denken, Risikostratifizierung sowie interprofessionelle Zusammenarbeit
- Vielfalt ungefilterter Krankheitsbilder und das teamorientierte Arbeiten machen die Notaufnahme zu einem zentralen Ort praxisnaher medizinischer Ausbildung
- universitäre Notaufnahmen bieten zudem großes Potenzial für innovative Lehrformate wie strukturierten Unterricht am Krankenbett, interprofessionelle Simulationen oder studentisch geführte Ambulanzen
- eigenständige Fachvertretung könnte den QB 08 (Querschnittsbereich Notfallmedizin) erstmals bündeln, ein kohärentes longitudinales Curriculum entwickeln und sicherstellen, dass zentrale Kompetenzen vollständig und systematisch vermittelt werden –> Stärkung von Praxisnähe und Kompetenzorientierung im Sinne der Reform der Approbationsordnung und Ermöglichung flächendeckender PJ‑Strukturen
- Etablierung eines bundesweit standardisierten Kerncurriculums Notfallmedizin, das Vergleichbarkeit und Qualität der Lehre erhöht und moderne Medical‑Education‑Ansätze integriert
berufliche Perspektiven für Medizinstudierende
- viele Medizinstudierende interessieren sich für Notfallmedizin, was zahlreiche studentische Initiativen zeigen –> gleichzeitig fehlt klarer, verlässlicher Karriereweg, was Unsicherheit erzeugt
- eigenständige Fachgebietsstrukturen könnten diese Lücke schließen –> Eröffnung sichtbarer, planbarer Weiterbildungspfade, akademische Perspektiven und leitende Positionen –> Stärkung von langfristiger Bindung, fachlicher Identität und kontinuierlichem Engagement in Versorgung, Lehre und Forschung
- Gefahr von Abwanderungseffekt ohne solche Perspektiven –> Orientierung ins Ausland, wo Notfallmedizin längst ein etabliertes Fach ist
- für ausländische Notfallmediziner*innen gibt es kaum eine Möglichkeit zur Anerkennung ihrer Qualifikationen in Deutschland
- insgesamt Mobilitätsverlust und Nachteile für das Gesundheitssystem
Umgang mit bestehenden Strukturen
- Facharztweiterbildung für Notfallmedizin steht nicht im Widerspruch zur Zusatzweiterbildung KLINAM
- beide können parallel bestehen – der Facharztweg als eigenständige Karriere- und akademische Heimat, die Zusatzweiterbildung als interdisziplinärer Quereinstieg
- langfristig sollte jedoch eine klare, eigenständige Fachlichkeit etabliert und Doppelstrukturen vermieden werden
Stellungnahme zu aktuellen Reformvorschlägen
kritische Stimmen
- kritische Stimmen – etwa von DIVI oder Bundesärztekammer – betonen den interdisziplinären Charakter, warnen vor Parallelstrukturen und verweisen auf bestehende Zusatzweiterbildungen sowie mögliche Risiken für Personalverfügbarkeit und Flexibilität
- bvmd teilt die Bedeutung der Interdisziplinarität, zieht jedoch eine andere Konsequenz: gerade weil Notfallmedizin viele Disziplinen verbindet, braucht sie klare Zuständigkeiten, Koordination und definierte Verantwortlichkeiten
- Facharzt für Notfallmedizin würde andere Fächer nicht ersetzen, sondern entlasten, indem er allgemeine Konsultationsanlässe eigenständig bearbeitet, Schnittstellen strukturiert und fachspezifische Expertise gezielt einbindet – v.a. bei unklaren Leitsymptomen oder kritisch Kranken
- historische Beispiele wie Allgemeinmedizin und Anästhesiologie zeigen, dass anfängliche Widerstände ggü. neuen Fachgebieten typisch, aber meist vorübergehend sind, während langfristig Versorgungsqualität, Nachwuchsgewinnung und akademische Entwicklung profitieren
- internationale Erfahrungen bestätigen, dass spezialisierte Fächer nicht verdrängt, sondern durch klare Verantwortungsstrukturen gestärkt werden
- Bedenken zu Personal und regionaler Sicherstellung sprechen aus Sicht der bvmd eher für eine Fachlichkeit –> aktuelle Situation ist bereits durch Fluktuation, fehlende Bindung und unklare Karrierewege geprägt –> strukturierte Facharztweiterbildung würde Attraktivität, Planbarkeit und Teamstabilität erhöhen –> nachhaltige personelle wie organisatorische Stärkung der Notfallversorgung
Curriculumsentwurf Fachärzt*in für Notfallmedizin
- bvmd bewertet die von der DGINA vorgelegte Konzeption einer fünfjährigen, kompetenzbasierten Facharztweiterbildung als wichtigen, konstruktiven Schritt (konkretes, rotationsgestütztes Modell, das die Debatte aus dem Theoretischen in einen fachlich anschlussfähigen Rahmen überführt und Orientierung für die weitere Ausgestaltung schafft)
- wichtig ist dabei, dass bestehende Rotationsmöglichkeiten anderer Fächer in die Notaufnahme erhalten und verbessert werden
- transparente, verbindliche Klärung offener Fragen unter Einbindung aller relevanten Stakeholder ist jetzt entscheidend – v.a. der Nachwuchsorganisationen
- Ärztekammern frühzeitig in die Harmonisierung mit bestehenden Weiterbildungsordnungen für Planungssicherheit und konsensfähige Umsetzung einbinden
Reaktionen der Politik
- Bundespolitik unterstützt inzwischen klar die Einführung eines Facharztes für Notfallmedizin (Empfehlung der Regierungskommission)
- Thema längst gesundheitspolitisch verankert und nicht mehr nur fachgesellschaftliche Debatte
- Wissenschaftlicher Dienst des Bundestags betont zudem, dass Länder selbst Facharztstrukturen schaffen können – wie beim Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen –> ähnliches Vorgehen wäre auch für die Notfallmedizin möglich und ist etwa in Bremen bereits politisch vereinbart
- parallel laufende Reformen wie integrierte Notfallzentren begrüßt die bvmd, sie bleiben jedoch unvollständig, solange ungeklärt ist, wer die Notfallmedizin langfristig trägt, lehrt, erforscht und weiterentwickelt
präklinische Notfallmedizin und Rettungsdienst
- Abstimmung zw. klinischer und präklinischer Notfallmedizin ist bislang ungelöst und erfordert aus Sicht der bvmd eine deutliche Professionalisierung
- zukünftige Verzahnung von Notaufnahme, Rettungsdienst und Notärzt*innen sollte gemeinsam mit allen beteiligten Fachgesellschaften entwickelt werden
- eigenständige klinische Notfallmedizin könnte Schnittstelle stärken, Übergänge klarer gestalten und Versorgungsabläufe über gesamten Behandlungspfad hinweg kohärenter strukturieren
- Ziel ist präklinische Notfallmedizin mit hohen Qualitätsstandards, gezielter Kompetenznutzung am Einsatzort, akademischer Verankerung und konsequenter wissenschaftlicher Weiterentwicklung im Sinne der Patient*innen
Was in der Debatte noch fehlt
- bvmd erkennt die unterschiedlichen Positionen als wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung der Notfallmedizin
- Notfallmedizin ist längst ein eigenständiges Versorgungssegment, dessen strukturelle Abbildung im System noch fehlt
- Einwände präzisieren Anforderungen an zukünftige Strukturen, führen aus Sicht der bvmd aber nicht zur Ablehnung, sondern zur Schärfung der notwendigen Lösung
- zentrale Dimension bleibt gleichzeitig oft unberücksichtigt: Bedeutung für Lehre, Nachwuchs und die fachliche Identität –> ohne eigenständige Fachlichkeit fehlen konsistente curriculare Verantwortung, akademische Strukturen und verlässliche Karrierewege
- fehlende klare Karrierewege, begrenzte wissenschaftliche Qualifikationsmöglichkeiten und kaum sichtbare fachliche Vorbilder als Folge für Studierende
- fehlende Fachidentität erschwert zudem klares berufliches Selbstverständnis – zentraler Baustein für die Weiterentwicklung von Forschung, Lehre und Versorgung
Schlussbemerkung
- Anerkennung der Notfallmedizin als eigenständiges Fachgebiet ist aus Sicht der bvmd kein Selbstzweck, sondern zentrale Voraussetzung für eine zukunftsfähige, qualitativ hochwertige und akademisch verankerte Notfallversorgung
- Facharztweiterbildung würde die Grundlage für eigene Abteilungen, Professuren und klare Zuständigkeiten in Lehre und Forschung schaffen und damit bestehende Lücken in Nachwuchsförderung, Curriculum und fachlicher Identität schließen
- zeitgleich stellt die Facharztweiterbildung die internationale Anschlussfähigkeit sicher


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