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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – Aminonitril“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • 2-Amino-2,3-dimethylbutyronitril
  • Synonym: Aminonitril
  • Zusammensetzung ist wie folgt: 2-Amino-2,3-dimethylbutyronitril (~ 80 %) CAS 13893-53-3 und Toluol (~ 20 %)
  • Flüssigkeit ist farblos bis gelblich braun, ölig flüssig mit moderigem Geruch nach Toluol
  • kleiner Anteil zerfällt unter normalen Bedingungen zu freiem Cyanid (HCN), sowohl in reiner Flüssigkeit als auch in nichtreaktiver Toluol-haltigen Lösung
  • Bildung von Cyaniden beim metabolischen Abbau aus 2-Amino-2,3-dimethylbutyronitril im Körper –> Cyanid-Vergiftung
  • Geruch des Cyanids warnt nicht ausreichend vor gefährlicher Einwirkung
  • Lösungsmittel Toluol ist entzündlich

Exposition

  • Einatmen
    • schnelle Aufnahme über die Lunge
    • intensive Exposition ggü. atembarem Toluol kann starke Reizung der Lunge verursachen
  • Haut-/Augenkontakt
    • schnelle Aufnahme durch Haut und Schleimhäute –> allgemeine Vergiftung
    • potenzielle tödliche Dosis bereits durch Verunreinigung sehr kleiner Hautfläche mit Aminonitril mgl. (CAVE: Beginn der Vergiftungssymptome ggf. leicht verzögert)
    • leichte Haut- und Augenreizung durch Aminonitril-Exposition
  • Verschlucken
    • unbeabsichtigtes Verschlucken ist unwahrscheinlich
    • sofortige Aufnhame über Magen-Darm-Trakt
    • Verschlucken kann zu ernster Vergiftung führen

akute gesundheitliche Wirkungen

  • initial Hautrötung, Tachykardie, Atemnot, Kopfschmerzen und Schwindel
  • im Verlauf Agitiertheit, Regungslosigkeit, Bewusstlosigkeit, Atemstillstand, Krampfanfällen, Bradykardie, Blutdruckabfall –> Tod
  • Cyanid-Vergiftung mgl.
  • ZNS
    • i.d.R. sehr schnelle Entwicklung zentralnervöser Symptome
    • initial oft unspezifische Symptome vor, z.B. Erregungszustände, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen
    • im Verlauf Bewusstseinsstörungen, Atemlähmung, Krampfanfällen bis Koma
  • Herz-Kreislauf-System
    • Herzrhythmusstörungen bei schweren Vergiftungen
    • Hypertonie und Tachykardie direkt nach Exposition –> im Verlauf Bradykardie und niedriger, kaum messbarer Blutdruck –> Herz-Kreislaufstillstand
  • Säure-Base-Status
    • schwere Vergiftung –> erhöhter Milchsäurespiegel im Blut –> Anionenlücke –> metabolische Azidose
  • Atemwege
    • Atemnot und Engegefühl in der Brust bereits bei beginnender systemischer Vergiftung
    • Tachypnoe und vertiefte Atemzüge –> Bradypnoe und schwere Atmung bei fortschreitender Vergiftung
    • Zyanose mgl., aber nicht zwingend
  • Hautkontakt
    • ggf. Reizungen nach Hautkontakt
    • systemische toxische Wirkung mgl., da gute Aufnahme über die Haut
  • Augenkontakt
    • Reizungen und Schwellungen bei Augenkontakt
    • schnelle Aufnahme in den Körper über die Augen
  • orale Aufnahme
    • brennendes Gefühl im Mund und Rachen mgl.
    • Geruch bzw. Geschmack nach bitteren Mandeln (CAVE: nur ca. 50% der Menschen können Geruch wahrnehmen)
    • sehr schnelle systemische Aufnahme

mögliche Folgen

  • Nachuntersuchung bei Überlebenden nach lebensbedrohlicher Exposition bzgl. mgl. zerebraler oder kardialer Schädigung
  • erhöhtes Risiko für zentralnervöse Störungen inkl. Gedächtnisdefizit oder Parkinson-Syndroms (CAVE: klinische Kontroll-Untersuchungen auch mehrere Wochen bis Monate nach Exposition)

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
  • kontaminierte Ausrüstung nicht verwenden
  • Patient*innen, die selbst oder deren Kleidung mit Aminonitril enthaltenden Flüssigkeiten benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch verdampfende Cyanide gefährden
  • Aminonitril liegt in Toluol-Lösung vor, daher Vorsichtsmaßnahmen zur Handhabung von entzündlichen Flüssigkeiten genau beachten

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
  • „CRASH“-Dekontamination
    • kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
    • falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
    • kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
    • Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
    • Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)

Reinigung

  • bei V.a. Kontakt mit Cyanid-haltigen Lösungen muss zwingend eine Dekontamination erfolgen
  • bei Reinigung von Personen/Gegenständen empfohlene Schutzmaßnahmen beachten (Butylkautschuk oder Viton Handschuhe, Schutzbrille, etc.)
  • verwendete Ausrüstungsgegenstände sorgsam reinigen (z.B. mit 5,25% Hypochlorit)
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssigem Cyanid Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
  • betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen (CAVE: Augen während des Spülens schützen)
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min und bis der pH-Wert der Tränenflüssigkeit wieder bei pH 7 ist (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
  • nach Verschlucken auf keinen Fall Erbrechen provozieren

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • Schnelligkeit ist entscheidend
  • bei Vergiftungszeichen unverzüglich 100 %iger Sauerstoff bis spez. Antidote verfügbar
  • falls verfügbar, Amylnitrit-Perlen anwenden bis i.v.-Therapie begonnen werden kann
  • kein Erbrechen provozieren –> wenn mgl. unverzüglich Aktivkohle-Gabe (CAVE: Einatmen des Produkts vermeiden; CAVE: Magenspülflüssigkeit und Erbrochenes isolieren)
  • ETI oder alternatives Atemwegsmanagement bei respiratorischer Insuffizienz (falls nicht mgl., ggf. Koniotomie)

Antidot-Behandlung

  • notärztliche Behandlung mit unverzüglicher Antidota-Therapie i.v. bei kritischen oder bewusstlosen Patient*innen mit bekannter oder sehr wahrscheinlicher Cyanid-Vergiftung
  • i.d.R. Antidot-Behandlung in zwei Schritten
  • Methämoglobinbilder (4-Dimethylaminophenol = 4-DMAP oder Amyl- und/oder Natriumnitrit) –> Gabe von Wirkstoff zur Bildung weniger schädlicher Verbindungen mit Cyanid und deren Ausscheidung (Natriumthiosulfat)
    • 4-DMAP oder Amyl- und/oder Natriumnitrit nur bei hochgradigem Verdacht auf Cyanid-Vergiftung
  • CAVE: Antidot-Gabe auf keinen Fall bei Rauchgasintoxikation mit gleichzeitiger Freisetzung von Cyaniden
  • alternatives Antidot ist Hydroxocobalamin (Vitamin B12)
    • 5 g Hydroxocobalamin in 100 mL NaCl (70 mg Hydroxycobalamin/kgKG)+
    • 2. und 3. Dosis erwägen (max. 15 g), v.a. bei andauerndem Herzkreislaufversagen
    • Bindungskapazität einer Standard-Hydroxycobalamin-Dosis reicht bei schwerwiegender Cyanid-Intoxikation nicht aus –> hier 4-DMAP bevorzugen

Schritt 1
Amylnitrit:
– wenn 0,2 – 0,4 mL Amylnitrit Inhalier-Ampullen (Perlen) verfügbar, diese verwenden bis i.v.-Therapie begonnen werden kann
– CAVE: Applikation im Liegen wegen Hypotonie-Gefahr
– Inhalt der Amylnitrit-Perle in ein Tuch geben und für 15 – 30 sec nahe unter die Nase halten –> dann für 15 – 30 sec O2-Gabe (Gabe abwechselnd wiederholen, alle 3 min neue Perlen verwenden)
4-Dimethylaminophenol (4-DMAP):
– wenn 4-DMAP verfügbar, dieses sofort i.v. injizieren
– i.d.R. reicht Dosis von 1 Ampulle mit 250 mg 4-DMAP beim Erwachsenen zur Bildung eines therapeutischen Methämoglobinspiegels (Ziel-Meth-Hb-Spiegel: ca. 30 – 40 %)
– wenn 4-DMAP nicht verfügbar, sofort Natriumnitrit i.v. infundieren (übliche Erwachsenendosis: 300 mg, also 10 mL einer 3%igen Lösung, über mind. 5 min, also 2 – 4 mL/min; Lösung kann mit 50 – 100 mL NaCl gemischt werden)
– engmaschige RR-Überwachung (Volumengabe mit 10 – 20 mL/kgKG NaCl sowie Schocklagerung bei Blutdruckabfall –> bei klinischem Schockzustand Gabe von adrenergen Substanzen erwägen)

Schritt 2
– Natriumthiosulfat über Zeitraum von 10 min infundieren (100 mg/kgKG)
– auftretende Methämoglobinämie nur dann behandeln, wenn 4-DMAP oder Nitrit
überdosiert oder Diagnose einer Cyanid-Vergiftung revidiert wurde
– bei anhaltenden oder wiederkehrenden Symptomen, eine Stunde später Gabe von Natriumthiosulfat mit 50 % der initialen Dosis wiederholen
– 5 mg Diazepam oder alternatives Benzodiazepin i.v. bei Krampfanfall
– Transport in KH mit Möglichkeit der Intensivtherapie
– Gabe von Natriumthiosulfat auch bei symptomatischen, nicht kritischen und nicht bewusstlosen Patient*innen mit V.a Cyanidvergiftung mgl. (CAVE: kein 4-DMAP oder Natriumnitrit bei Patient*innen ohne Bewusstseinsbeeinträchtigung)

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • BGA (art.) sowie Bestimmung von Hämoglobin- und Methämoglobinspiegel, venösem Sauerstoffgehalt und der-Blutspiegel neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
    • Überwachung des Methämoglobinspiegel im Serum nach Behandlung mit 4-DMAP oder Natriumnitrit
    • max. Methämoglobinspiegel von 30 – 40 %, wenn keine Anämie vorliegt
  • Röntgenaufnahme des Thorax
  • Behandlung von Methämoglobinämie bei Überdosierung oder fälschlicher Anwendung des Methämoglobinbildners (spezifische Antidote: Methylenblau oder Toluidinblau)
  • Bikarbonat-Gabe bei metabolischer Azidose, wenn pH < 7,15
  • alle Patient*innen, die mit systemischen Antidota zur Behandlung einer Aminonitril-Vergiftung/Exposition behandelt wurden, mind. 24 h intensivmedizinisch stationär betreuen
  • Laboruntersuchungen
    • Diagnosestellung erfolgt v.a. aufgrund des klinischen Bildes mit schnell einsetzenden zentralnervösen und kardiopulmonalen Symptomen sowie bekannter oder mutmaßlich sehr wahrscheinlicher Cyanid-Exposition
    • Laborbestimmungen nützlich für Überwachung des Vergiftungsverlaufs und Früherkennung von Komplikationen
    • routinemäßige Laborbestimmungen: großes Blutbild, Glukose und Elektrolyte
    • BGA (art.) zur Erfassung/Bestimmung des Säure-Basen-Status, von SpO2 und Sauerstoffaufnahme (CAVE: Pulsoxymetrie nicht ausreichend)
    • zusätzlich EKG-Monitoring und Serum-Laktat-Bestimmung
    • auf rechtzeitige Erkennung und Behandlung von Störungen des Elektrolythaushalts (z.B. Hyperkaliämie, Hyperkalzämie) achten

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei Patient*innen nach nur geringfügiger Cyanid-Exposition, ohne Verschlucken ohne Antidota-Therapie, unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und ohne keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • behandelndes ärztliches Personal ist erfahren in der Beurteilung von Patient*innen mit Cyanid-Exposition
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylsäure kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
    • mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
Published inLeitlinien kompakt

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