Zivilschutz-Hubschrauber (ZSH) sind Mehrzweckhubschrauber, die der Bund – vertreten durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) – den Ländern als ergänzende Ausstattung für Katastrophen- und Zivilschutzzwecke zur Verfügung stellt. Sie sind Teil der sogenannten „ergänzenden Ausstattung“ nach § 13 des Gesetzes über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (ZSKG) und werden im Alltag überwiegend im Luftrettungsdienst eingesetzt.
Die ZSH sind an zwölf Luftrettungszentren in Deutschland stationiert und werden von der Bundespolizei-Fliegergruppe betrieben. Insgesamt stehen aktuell 18 Maschinen zur Verfügung, die im Regelfall als Rettungshubschrauber (RTH) mit der Funkkennung „Christoph“ im Einsatz sind. Die auffällige orange Lackierung und die Beschriftung „Luftrettung Bundesministerium des Innern“ machen sie im deutschen Luftraum unverwechselbar.
Die Besonderheit der ZSH liegt in ihrer Doppelnutzung: Sie sind primär für den Zivilschutzfall vorgesehen, werden aber in Friedenszeiten von den Ländern im Rettungsdienst eingesetzt. Damit sind sie ein integraler Bestandteil des deutschen Luftrettungssystems und leisten einen entscheidenden Beitrag zur flächendeckenden Notfallversorgung.
historische Entwicklung und Hintergrund
Die Geschichte der ZSH beginnt Anfang der 1970er Jahre. Damals stieg die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland dramatisch an, und es wurde erkannt, dass durch den Einsatz von Hubschraubern viele Menschenleben hätten gerettet werden können. Die Länder forderten den Bund auf, sich am Aufbau einer Luftrettung zu beteiligen, da ihnen die finanziellen Mittel fehlten. Das Gesetz über die Erweiterung des Katastrophenschutzes von 1968 schuf die rechtliche Grundlage, auf deren Basis der Bund den Ländern ergänzende Ausrüstung – darunter auch Hubschrauber – zur Verfügung stellen konnte.
Am 22. Dezember 1971 wurde der erste Zivilschutz-Hubschrauber in Leverkusen in Dienst gestellt. In den folgenden Jahren entstand ein bundesweites Netz von Luftrettungszentren, das bis Mitte der 1990er Jahre auf 22 Standorte mit 32 ZSH anwuchs. Nach der Wiedervereinigung wurde das System auch auf die neuen Bundesländer ausgedehnt. Im Zuge von Umstrukturierungen und politischen Entscheidungen wurde die Zahl der Standorte auf heute zwölf reduziert.
organisatorische Einbindung im Zivilschutz
rechtliche und organisatorische Grundlagen
Die ZSH sind Teil der ergänzenden Ausstattung des Bundes für den Zivilschutz und Katastrophenschutz. Die rechtliche Grundlage bildet das Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG). Der Bund ist nach Artikel 73 Absatz 1 Nummer 1 des Grundgesetzes für den Schutz der Bevölkerung im Spannungs- und Verteidigungsfall zuständig. Die ZSH werden den Ländern per Zuweisungsverfügung zur Verfügung gestellt und dürfen von diesen auch im Katastrophenschutz und im Luftrettungsdienst eingesetzt werden.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist für die Beschaffung und Verwaltung der Hubschrauber zuständig. Die Bundespolizei-Fliegergruppe übernimmt den Flugbetrieb, die Wartung und die Ausbildung der Pilot*innen. Die medizinische Besatzung wird in der Regel von den Ländern, Hilfsorganisationen oder Berufsfeuerwehren gestellt.
Doppelnutzen und föderale Besonderheiten
Der Doppelnutzen der ZSH – Katastrophenschutz und Luftrettung – ist ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Hilfeleistungssystem. Während der Bund die Investitionskosten trägt und die Maschinen für den Zivilschutzfall vorhält, werden sie im Alltag fast ausschließlich im Luftrettungsdienst eingesetzt. Die Betriebskosten werden von den Krankenkassen übernommen. Diese Konstruktion ermöglicht eine hohe Einsatzbereitschaft und ständige Übung der Besatzungen, birgt aber auch Herausforderungen hinsichtlich der Harmonisierung von Ausrüstung, Ausbildung und Qualitätsmanagement zwischen den Ländern.
Rahmenkonzept Zivile Verteidigung: Sechs Einsatzrollen der ZSH
Auch wenn die Öffentlichkeit die ZSH fast ausschließlich in ihrer Funktion als primäre Rettungshubschrauber bei Verkehrsunfällen oder internistischen Notfällen wahrnimmt, sind die Maschinen konzeptionell strikt als Mehrzweckhubschrauber definiert. Auf der Basis der 2016 beschlossenen Konzeption Zivile Verteidigung (KZV) hat das BBK ein spezifisches Rahmenkonzept Zivilschutz-Hubschrauber (RK ZSH) für den Verteidigungsfall ausgearbeitet, welches die Befähigung der Maschinen in sechs distinkten Einsatzrollen festschreibt:
| Einsatzrolle | detaillierte Funktionsbeschreibung und notfallmedizinische Relevanz |
|---|---|
| Erkunden & Überwachen | – Lageaufklärung aus der Luft bei großflächigen, unübersichtlichen Schadenslagen – Identifikation nutzbarer Anfahrtswege für bodengebundene Kräfte – direkte Luftaufklärung durch Führungskräfte |
| Führen | – beim Ausfall regulärer Netze fungieren die ZSH als fliegende Kommunikationsbrücken – Transport von Führungsinformationen – Mitnahme von Führungspersonal |
| Lenken | – Direktwarnung aus der Luft mittels Hochleistungslautsprecher im langsamen Tiefflug – Alternative beim Ausfall bodengebundener Warnmittel – luftgestützte Einsatzlenkung, z.B. für Marschverbände |
| Transportieren | – Luftverlegung von Spezialpersonal wie z.B. Analytische Task Force (ATF) – schneller Materialtransport – Versorgung in MANV/CBRN, z.B. mit Antidote, Blutkonserven o.Ä. |
| Strahlenmessung & – detektion | – radiologische Luftmessung in Kooperation mit dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) – Rasterbefliegung, bevor Bodenkräfte in potenziell kontaminierte Bereiche vorrücken – v.a. durch die spezialisierte Bundespolizei-Fliegerstaffel Blumberg |
| Retten & Bergen (Luftrettung) | – primäres Rettungsmittel als Notärzt*in-Zubringer – Sekundärtransport von intensivpflichtigen Patient*innen |
genauere Einsatzszenarien der ZSH
Katastrophen und Großschadenslagen
Im Katastrophen- oder Zivilschutzfall wechseln die ZSH aus ihrer Rolle als Rettungshubschrauber in den Zivil- und Katastrophenschutz über. Typische Einsatzszenarien sind:
- großflächige Überschwemmungen und Hochwasser
- Wald- und Flurbrände
- Massenunfälle (z. B. Zugunglücke, Busunfälle)
- Evakuierungen bei Gefahrstoffaustritten oder Bombenfunden
- Unterstützung bei der Suche und Rettung vermisster Personen in unwegsamem Gelände
Die ZSH können aus der Luft einen entscheidenden Überblick über das Schadensausmaß verschaffen, sichere Anfahrtswege für Einsatzkräfte identifizieren und die Einsatzleitung mit aktuellen Lageinformationen versorgen. Bei Bedarf können auch Führungskräfte mitfliegen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen
Überschwemmungen und Hochwasser
Bei Überschwemmungen und Hochwasserereignissen sind die ZSH ebenfalls unverzichtbar für:
- Erkundung und Überwachung der Schadensstellen aus der Luft
- Evakuierung von Personen aus überfluteten Gebieten
- Transport von Einsatzkräften und Material in unzugängliche Bereiche
- Unterstützung der Einsatzleitung durch aktuelle Luftbilder und Lageeinschätzungen
Die hohe Geschwindigkeit und Flexibilität der Hubschrauber ermöglichen es, auch bei zerstörter Infrastruktur schnell Hilfe zu leisten und Leben zu retten.
Wald- und Flurbrände
Bei Vegetations- und Waldbränden unterstützen die ZSH die Einsatzkräfte durch:
- Luftgestützte Lageerkundung und Überwachung der Ausbreitung
- Identifikation von Brandherden und gefährdeten Bereichen
- Lenkung von Einsatzkräften und Bevölkerung durch Lautsprecherdurchsagen
- Unterstützung bei der Koordination von Löschmaßnahmen und Evakuierungen
Die Möglichkeit, aus der Luft einen umfassenden Überblick zu gewinnen, ist bei der Bekämpfung von Flur- und Waldbränden von unschätzbarem Wert.
Messung von radioaktiver Kontamination
Im Falle von Gefahrstoff- oder Strahlenereignissen übernehmen die ZSH in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) die Messung von radioaktiver Kontamination aus der Luft. Hierzu werden die Hubschrauber mit speziellen Messsystemen ausgerüstet, die es ermöglichen, die Strahlenbelastung großflächig zu erfassen und gezielt nach versteckten Strahlenquellen zu suchen.
Die gewonnenen Daten werden an die Einsatzleitung und die zuständigen Behörden übermittelt, um gezielte Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung einzuleiten. Regelmäßige Übungen mit dem BfS stellen sic
Luftrettungszentren mit ZSH
Derzeit sind die ZSH an folgenden zwölf Luftrettungszentren in acht Bundesländern stationiert:
- Christoph 2 – Frankfurt am Main
- Christoph 3 – Köln
- Christoph 4 – Hannover
- Christoph 7 – Kassel
- Christoph 9 – Duisburg
- Christoph 12 – Siblin (Ahrensbök)
- Christoph 13 – Bielefeld
- Christoph 14 – Traunstein
- Christoph 17 – Kempten
- Christoph 29 – Hamburg
- Christoph 34 – Güstrow
- Christoph 35 – Brandenburg (Havel)
An diesen Standorten stehen insgesamt 18 ZSH zur Verfügung, wobei einige Standorte mit mehreren Maschinen ausgestattet sind, um Ersatz bei Wartung oder Ausfall zu gewährleisten.
Die ZSH absolvieren jährlich rund 1.500 Einsätze pro Standort. 2020 wurde der 800.000ste Einsatz eines ZSH registriert. Im Jahr 2025 wurden die Maschinen insgesamt 13.515-mal alarmiert. Der überwiegende Teil der Einsätze entfiel auf die medizinische Erstversorgung und den Transport von Patientinnen und Patienten.
Fazit
Die Zivilschutz-Hubschrauber des Bundesministeriums des Innern sind weit mehr als nur ein Relikt des Kalten Krieges. Sie sind ein hochmodernes, flexibles und unverzichtbares Element im deutschen Hilfeleistungssystem. Ihr Doppelnutzen, die enge Verzahnung von Katastrophenschutz und Notfallmedizin, die hohe Qualifikation der Besatzungen und die moderne technische Ausstattung machen sie zu einem Rückgrat des Bevölkerungsschutzes und der Notfallversorgung. Für die Notfallmedizin bieten sie die Möglichkeit, Patienten schnell, sicher und auf höchstem Niveau zu versorgen – Tag für Tag, seit über 50 Jahren.
Quellen
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- Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Zivilschutz-Hubschrauber seit 50 Jahren im Einsatz“. BBK, 20. Dezember 2021. https://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/12/pm-20-50-jahre-zsh.html.
- Bundesministerium des Innern. „Konzeption Zivile Verteidigung“. Zugegriffen 6. August 2026. https://www.bmi.bund.de/DE/themen/bevoelkerungsschutz/zivil-und-katastrophenschutz/konzeption-zivile-verteidigung/konzeption-zivile-verteidigung-artikel.html?nn=9393004.
- Bundesministerium des Innern. „Konzeption Zivile Verteidigung (KZV)“. 24. August 2016. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/themen/bevoelkerungsschutz/konzeption-zivile-verteidigung.pdf?__blob=publicationFile&v=3.
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- www.rth.info. „Luftrettungs-Standortinfothek“. Zugegriffen 6. August 2026. https://www.rth.info/stationen.db/stationen.php?utm_source=copilot.com.


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