In Deutschland existieren unterschiedliche notfallmedizinische Qualifikationsprofile mit jeweils spezifischen Zielen, Inhalten und Einsatzbereichen. Die aktuelle Muster-Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer (BÄK) sieht zwei Zusatzweiterbildungen vor:
- Zusatzweiterbildung „Klinische Akut- und Notfallmedizin“ (KLINAM)
- Zusatzweiterbildung „Notfallmedizin“
Zusätzlich gibt es einen Vorschlag der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) für die Etablierung einer Facharztweiterbildung Notfallmedizin. Die zwei vorhandenen Zusatzweiterbildungen und die Facharztweiterbildung würden sich inhaltlich zwar teilweise überschneiden, unterscheiden sich jedoch eindeutig in Zielsetzung und Ausbildungsumfang.
In der öffentlichen Diskussion über den Status quo und wie sich die Notfallmedizin professionalisieren kann bzw. muss, werden immer wieder Punkte miteinander vermengt oder missinterpretiert. So machen einige fälschliche Informationen die Runde. Ein guter Anlass, um ein bisschen Klarheit in dieses Dickicht zu bringen!
Die klassische ZWB Notfallmedizin – präklinisch, fokussiert, historisch gewachsen
Die Zusatzweiterbildung Notfallmedizin ist ein Produkt der 1980er/90er Jahre und entstand, um Ärzt*innen als Notärzt*innen für den Rettungsdienst zu qualifizieren. Die ZWB Notfallmedizin soll laut der (Muster-)Weiterbildungsordnung der BÄK von 2018 dazu befähigen…
- … drohende oder eingetretene Notfallsituationen zu erkennen.
- … Notfälle zu behandeln und dabei die akut bedrohten Vitalfunktionen wiederzuherstellen und aufrechtzuerhalten.
Um die Zusatzweiterbildung Notfallmedizin zu erwerben, sieht die Musterweiterbildungsordnung der BÄK folgende Weiterbildungsinhalte vor:
- 24 Monate Weiterbildung in einem Gebiet der unmittelbaren Patient*innenversorgung im stationären Bereich unter Befugnis an Weiterbildungsstätten, davon 6 Monate in der Intensivmedizin, in Anästhesiologie oder in einer interdisziplinären zentralen Notfallaufnahme
- 80 h Kurs-Weiterbildung gemäß § 4 Abs. 8 in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung
- 50 Notarzteinsätze im öffentlichen Rettungsdienst (NEF oder RTH) unter Begleitung eines/einer verantwortlichen Notärzt*in, davon können bis zu 25 Einsätze im Rahmen eines standardisierten Simulationskurses erfolgen
- Notfallmedizin gemäß Weiterbildungsinhalten unter Befugnis
Die ZWB Notfallmedizin war für die Präklinik für Jahrzehnte sinnvoll, ist jedoch kein innerklinisches Curriculum und war nie dafür gedacht.
Alle Informationen und die Weiterbildungsinhalte der Zusatz-Weiterbildung „KLINAM“ findet ihr HIER als Auszug aus der (Muster-)Weiterbildungsordnung der BÄK von 2018.
KLINAM – innerklinische Antwort auf eine Versorgungslücke
Die Zusatzweiterbildung Klinische Akut- und Notfallmedizin (KLINAM) richtet sich primär an Ärzt*innen, die in der innerklinischen Akut- und Notfallversorgung tätig sind und dort eine vertiefte, strukturierte Qualifikation in Akut- und Notfallmedizin erwerben wollen. Die ZWB KLINAM soll laut der (Muster-)Weiterbildungsordnung der BÄK von 2018 dazu befähigen…
- … Erstdiagnostik bei Notfall- und Akutpatient*innen im Krankenhaus durchzuführen.
- … Initialtherapie von Notfall- und Akutpatient*innen im Krankenhaus einzuleiten.
- … Indikationsstellung und Koordination der weiterführenden fachspezifischen Behandlung in interdisziplinärer Zusammenarbeit sicherzustellen.
Um Zusatzweiterbildung KLINAM zu erwerben, sieht die Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer folgende Weiterbildungsinhalte vor:
- Facharztanerkennung in einem Gebiet der unmittelbaren Patient*innenversorgung UND ZUSÄTZLICH
- 6 Monate Intensivmedizin, die auch während der Facharztweiterbildung abgeleistet werden können
- 80 h Kurs-Weiterbildung gemäß § 4 Abs. 8 in allgemeiner und spezieller Notfallbehandlung
- 24 Monate Klinische Akut- und Notfallmedizin in einer interdisziplinären Notfallaufnahme unter Befugnis an Weiterbildungsstätten
Die ZWB KLINAM ist also kein „innerklinischer Notarztkurs“, sondern ein eigenständiges klinisches Curriculum. Wer KLINAM absolviert, ist nicht automatisch für die prähospitale Notfallmedizin qualifiziert — und umgekehrt.
Alle Informationen und die Weiterbildungsinhalte der Zusatz-Weiterbildung „KLINAM“ findet ihr HIER.
Die vorgeschlagene Facharztweiterbildung Notfallmedizin – Ein Paradigmenwechsel
Die DGINA hat mit ihrem ersten Vorschlag für ein Facharztweiterbildungs-Curriculum Notfallmedizin einen Schritt in Richtung internationalem Standard vollzogen: Notfallmedizin als eigenständiges Fachgebiet. Fachärzt*innen für Notfallmedizin soll nach den Gedanken der DGINA eine umfassende Qualifikation mit dem Schwerpunkt innerklinischer Notfallversorgung erwerben. Folgende Ziele sind im ersten Entwurf der DGINA vorgesehen:
- Akut- und Notfallversorgung von Patient*innen einschließlich der medizinischen Einordnung und Risikostratifizierung und der Behandlung akuter Erkrankungen aller Organsysteme
- Anwendung lebensrettender Maßnahmen und Stabilisierung von Patient*innen mit schwerwiegenden Erkrankungen oder Verletzungen
- enge interdisziplinäre, interprofessionelle sowie sektorenübergreifende Zusammenarbeit und Bahnung weiterführender bedarfsgerechter Versorgung
Alle Informationen um ersten Vorschlag der DGINA findet ihr HIER oder auf facharztnotfallmedizin.de.
Wo die aktuelle Verwirrung herkommt?
In vielen Diskussionen werden die drei Qualifikationen vermengt, weil…
- „Notfallmedizin“ als Begriff im deutschsprachigen Raum unscharf verwendet wird.
- die ZWB Notfallmedizin historisch dominiert, aber eigentlich nur die prähospitale Notfallmedizin adressiert.
- die ZWB KLINAM noch jung ist und regional unterschiedlich implementiert wird.
- die Grenzen in Bezug auf den DGINA-Entwurf für eine Facharztweiterbildung Notfallmedizin von manchen Seiten (bewusst oder unbewusst) verwischt werden.
Das Ergebnis: Ein Notarzt mit 80-h-Kurs wird mit einer zukünftigen Fachärztin für Notfallmedizin gleichgesetzt. Das ist inhatlich falsch und politisch gefährlich.
Warum die klare Trennung so wichtig ist?
- Patient*innensicherheit: prähospitale und innerklinische Notfallmedizin erfordern unterschiedliche Kompetenzen
- Versorgungsqualität: Notaufnahmen brauchen Fachärzt*innen, die für genau diesen Bereich umfangreich weitergebildet sind.
- Karrierewege: junge Kolleg*innen brauchen transparente und attraktive Perspektiven in der Notfallmedizin, ohne dafür Deutschland verlassen zu müssen
- Berufspolitik: nur mit klaren Profilen lassen sich Zuständigkeiten, Finanzierung und Personalplanung sinnvoll gestalten
- Europa: In Zeiten, in denen wir über Steigerung europäischer Resilienz sprechen, sollten wir dringend auch notfallmedizinische Weiterbildungsstrukturen europäisch harmonisieren.
Die Notfallmedizin in Deutschland hat die Chance, sich neu aufzustellen: moderner, klarer, professioneller. Aber das gelingt nur, wenn wir aufhören, Begriffe zu vermischen und so neue Entwicklungen zu verwässern.
Die drei Qualifikationen im Überblick

Quellen
- Bundesärztekammer, Hrsg. „(Muster-)Weiterbildungsordnung 2018“. Berlin, 3. Juli 2025. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Aus-Fort-Weiterbildung/Weiterbildung/20250703_MWBO-2018.pdf.
- Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin, Hrsg. „Hintergrundpapier Facharzt/Fachärztin Notfallmedizin“. 1. Mai 2025. https://www.dgina.de/images/news/news2024/hintergrundpapier_facharztweiterbildung_notfallmedizin.pdf.
- DGINA Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin. „Facharzt für Notfallmedizin“. 27. Februar 2026. https://www.dgina.de/facharzt.
- Fandler, M., J. Lorenz, J. Wolff, u. a. „Facharztweiterbildung Notfallmedizin: Entwicklung eines umfassenden Weiterbildungs-Curriculums“. Notfall + Rettungsmedizin 28, Nr. 7 (2025): 513–20. https://doi.org/10.1007/s10049-025-01540-5.


Sei der Erste der einen Kommentar abgibt