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Leitlinie „Chemical Emergency Medical Guideline – Cyanide/Blausäure“ der BASF

veröffentlichende Fachgesellschaft: BASF Corporate Health Management – Humantoxikologie
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 01.01.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://medicalguidelines.basf.com/downloads

grundsätzliche Informationen zur Substanz

  • Cyanide (CN)
  • Cyanide sind Salze des Cyanwasserstoffs, der Blausäure (z.B. Zyankali = KCN)
  • physikalische und chemische Eigenschaften hängen von jeweiliger spezifischer Verbindung ab
  • Geruch von Cyanid-Verbindungen warnt nicht ausreichend vor gefährlicher Einwirkung
  • Alkalicyanide werden bei der Gold- und Silbererzgewinnung, der Oberflächenbehandlung von Metallen, der Galvanisierung, bei der Herstellung von Farbstoffen und Pigmenten sowie als Schädlingsbekämpfungsmittel verwendet

Exposition

  • Einatmen
    • schnelle Aufnahme über die Lunge bei allen atembaren Cyanid-Verbindungen
  • Haut-/Augenkontakt
    • sehr gute Aufnahme durch Haut und Schleimhäute
    • Symptome können auch erst verzögert auftreten
    • Augen- und Hautreizungen mgl.
  • Verschlucken
    • sofortige Absorbtion im Magen-Darm-Trakt bei den meisten Cyanid-Verbindungen
    • Alkalisalze i.d.R. nur nach Verschlucken giftig

akute gesundheitliche Wirkungen

  • Anlagerung von Cyanid-Ionen an das dreiwertige Eisen der mitochondrialen Cytochrom-C-Oxidase –> Hemmung der oxidativen Phosphorylierung und der ATP-Produktion –> zellulärer Sauerstoffmangel und Hemmung der zellulären Oxidationsprozesse –> verstärkte anaerobe Glykolyse –> Laktatazidose
  • initial ggf. Errötung, Tachykardie, Atemnot, Kopfschmerzen und Schwindel –> metabolischer Azidose, zentralnervöser Erregung, Bewusstseinsstörungen –> Koma, Atemlähmung, Krampfanfällen, Bradykardie, Blutdruckabfall –> Tod
  • ggf. auch brennendes Gefühl in Mund und Rachen sowie gerötete Augen
  • ZNS
    • zentralnervöse Störungen und Symptome entwickeln sich i.d.R. sehr schnell
    • initial oft unspezifische Symptome vor, z.B. Erregungszustände, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen
    • schlussendlich Bewusstseinsstörungen, Atemlähmung, Krampfanfällen und Koma
  • Herz-Kreislauf-System
    • Herzrhythmusstörungen bei schweren Vergiftungen
    • ggf. Bradykardie und niedriger, kaum messbarer Blutdruck und Herz-Kreislauf-Stillstand
    • vorübergehend direkt nach Exposition ggf. erhöhte RR-Werte und Tachykardie
  • Atemweg
    • Atemnot und Engegefühl in der Brust bereits bei beginnender systemischer Vergiftung
    • Tachypnoe und vertiefte Atemzüge
    • langsamere und schwerere Atmung bei fortschreitender Vergiftung
    • ggf. Zyanose (nicht zwingend, da Sauerstoffverwertung in Atmungskette und nicht Sauerstofftransport durch Erythrozyten durch Cyanide blockiert wird)
    • ggf. Entwicklung eines Lungenödems
  • Hautkontakt
    • Reizungen bei Hautkontakt mit flüssigen Cyaniden
    • systemische toxische Wirkungen mgl.
  • Augenkontakt
    • Reizungen und Ödeme, wenn Cyanid haltige Flüssigkeiten ins Auge gelangen
    • systemische Wirkungen nach Augenkontakt mit Cyanidsalzen im Tierexperiment beschrieben
  • Säure-Basen-Status
    • schwere Vergiftung –> erhöhte Milchsäurespiegel im Blut –> Anionenlücke –> metabolische Azidose

mögliche Folgen

  • Überlebende nach lebensbedrohlicher Exposition wegen eventueller zerebraler oder kardialer Schädigungen nachuntersuchen
  • Risiko für zentralnervöse Störungen inklusive eines Gedächtnisdefizits oder Parkinson-Syndroms ist bei diesen Patient*innen erhöht (CAVE: auch mehrere Wochen bis Monate nach Exposition)

Management

Selbstschutz der Helfer*innen

  • Tragen von Umluft unabhängigen Atemschutzgeräten und Chemieschutzanzügen
  • kontaminierte Ausrüstung nicht verwenden
  • keine Gefahr durch Kontakt mit Patient*innen, die nur Cyaniddämpfen ausgesetzt waren
  • Patient*innen, die selbst oder deren Kleidung mit Cyaniden enthaltenden Flüssigkeiten benetzt ist, kann andere Personen durch direkten Kontakt oder durch verdampfende Cyanide gefährden

Rettung

  • Patient*innen unmittelbar aus Gefahrenbereich entfernen
  • falls selbstständiges Gehen nicht mgl., zügig mit geeigneten Mitteln unter Beachtung des Eigenschutzes aus dem Gefahrenbereich
  • absoluten Vorrang hat das ”ABC-Schema”
    • A – Atemwege freimachen (auf Blockade durch Zunge oder Fremdkörper achten)
    • B – Beatmung (Atmung der Patient*innen überprüfen, ggf. Beatmung mit ausreichendem Selbstschutz, z.B. Atemmaske, beginnen)
    • C – Circulation (Beginn der Wiederbelebung bei jeder Person, die nicht auf Ansprache reagiert und keine normale Atmung hat)
  • „CRASH“-Dekontamination
    • kontaminierte, bewusstlose oder bewegungsunfähige Patient*innen (kritisch erkrankte/verletzte Patient*innen gemäß ABCDE-Schema) unter Eigenschutz mit dafür geeigneter persönlicher Schutzausrüstung aus unmittelbarem Gefahrenbereich retten
    • falls erforderlich Notfallmaßnahmen durchführen („BLS“; z.B. Blutungskontrolle mittels Tourniquet, Herzdruckmassage etc.)
    • kontaminierte Patient*innen unter Beachtung des Eigenschutzes komplett mittels Notfall-Rettungsmesser an geeigneter Stelle außerhalb des Gefahrenbereichs entkleiden (Dauer: ca. 1 min)
    • Duschen/Abstrahlen mit viel Wasser (Dauer: ca. 1 min)
    • Umlagerung auf sauberes Tragetuch –> Wärmeerhalt –> Transport/Übergabe an RD/notärztliches Personal (Dauer: ca. 1 min)

Reinigung

  • bei V.a. Kontakt mit Cyaniden enthaltenden Lösungen spezielle Reinigungsmaßnahmen nötig im Unterschied zu allen anderen Patient*innen
  • wenn mgl., sollten Patient*innen bei eigener Reinigung mitwirken und während der Reinigung andere wichtige Hilfsmaßnahmen fortsetzen
  • bei Verunreinigung der Kleidung durch Einwirkung von flüssigem Cyanid Entfernung und sichere Verpackung von selbiger
  • betroffene Haut- & Haarpartien über mind. 15 min mit Wasser spülen (CAVE: Augen während des Spülens schützen)
  • bei Augen-Exposition oder Augenreizungen Spülung mit Wasser oder neutraler NaCl über mind. 15 min und bis der pH-Wert der Tränenflüssigkeit wieder bei pH 7 ist (CAVE: Kontaktlinsen – soweit ohne zusätzliche Gefahr fürs Auge möglich – entfernen)
  • nach Verschlucken auf keinen Fall Erbrechen provozieren

initiale Behandlung (präklinisch oder klinisch)

  • Schnelligkeit ist entscheidend!!!
  • bei Vergiftungszeichen unverzüglich 100 %iger Sauerstoff
  • Gabe von Aktivkohle (240 mL Wasser/30g Aktivkohle) nach Verschlucken erwägen, falls zeitnah verfügbar und Patient*in orientiert und ansprechbar
  • sofortige Magenspülung erwägen, wenn signifikante Dosis vor < 30 min verschluckt wurde (CAVE: Magenspülflüssigkeit und Erbrochenes isolieren)
  • ETI oder alternatives Atemwegsmanagement bei respiratorischer Insuffizienz (falls nicht mgl., ggf. Koniotomie)

Antidot-Behandlung

  • notärztliche Behandlung mit unverzüglicher Antidota-Therapie i.v. bei kritischen oder bewusstlosen Patient*innen mit bekannter oder sehr wahrscheinlicher Cyanid-Vergiftung
  • i.d.R. Antidot-Behandlung in zwei Schritten
  • Methämoglobinbilder (4-Dimethylaminophenol = 4-DMAP oder Amyl- und/oder Natriumnitrit) –> Gabe von Wirkstoff zur Bildung weniger schädlicher Verbindungen mit Cyanid und deren Ausscheidung (Natriumthiosulfat)
    • 4-DMAP oder Amyl- und/oder Natriumnitrit nur bei hochgradigem Verdacht auf Cyanid-Vergiftung
  • CAVE: Antidot-Gabe auf keinen Fall bei Rauchgasintoxikation mit gleichzeitiger Freisetzung von Cyaniden
  • alternatives Antidot ist Hydroxocobalamin (Vitamin B12)
    • 5 g Hydroxocobalamin in 100 mL NaCl (70 mg Hydroxycobalamin/kgKG)+
    • 2. und 3. Dosis erwägen (max. 15 g), v.a. bei andauerndem Herzkreislaufversagen
    • Bindungskapazität einer Standard-Hydroxycobalamin-Dosis reicht bei schwerwiegender Cyanid-Intoxikation nicht aus –> hier 4-DMAP bevorzugen

Schritt 1
Amylnitrit:
– wenn 0,2 – 0,4 mL Amylnitrit Inhalier-Ampullen (Perlen) verfügbar, diese verwenden bis i.v.-Therapie begonnen werden kann
– CAVE: Applikation im Liegen wegen Hypotonie-Gefahr
– Inhalt der Amylnitrit-Perle in ein Tuch geben und für 15 – 30 sec nahe unter die Nase halten –> dann für 15 – 30 sec O2-Gabe (Gabe abwechselnd wiederholen, alle 3 min neue Perlen verwenden)
4-Dimethylaminophenol (4-DMAP):
– wenn 4-DMAP verfügbar, dieses sofort i.v. injizieren
– i.d.R. reicht Dosis von 1 Ampulle mit 250 mg 4-DMAP beim Erwachsenen zur Bildung eines therapeutischen Methämoglobinspiegels (Ziel-Meth-Hb-Spiegel: ca. 30 – 40 %)
– wenn 4-DMAP nicht verfügbar, sofort Natriumnitrit i.v. infundieren (übliche Erwachsenendosis: 300 mg, also 10 mL einer 3%igen Lösung, über mind. 5 min, also 2 – 4 mL/min; Lösung kann mit 50 – 100 mL NaCl gemischt werden)
– engmaschige RR-Überwachung (Volumengabe mit 10 – 20 mL/kgKG NaCl sowie Schocklagerung bei Blutdruckabfall –> bei klinischem Schockzustand Gabe von adrenergen Substanzen erwägen)

Schritt 2
– Natriumthiosulfat über Zeitraum von 10 min infundieren (100 mg/kgKG)
– auftretende Methämoglobinämie nur dann behandeln, wenn 4-DMAP oder Nitrit
überdosiert oder Diagnose einer Cyanid-Vergiftung revidiert wurde
– bei anhaltenden oder wiederkehrenden Symptomen, eine Stunde später Gabe von Natriumthiosulfat mit 50 % der initialen Dosis wiederholen
– 5 mg Diazepam oder alternatives Benzodiazepin i.v. bei Krampfanfall
– Transport in KH mit Möglichkeit der Intensivtherapie
– Gabe von Natriumthiosulfat auch bei symptomatischen, nicht kritischen und nicht bewusstlosen Patient*innen mit V.a Cyanidvergiftung mgl. (CAVE: kein 4-DMAP oder Natriumnitrit bei Patient*innen ohne Bewusstseinsbeeinträchtigung)

weiteres Vorgehen und Behandlung

  • BGA (art.) sowie Bestimmung von Hämoglobin- und Methämoglobinspiegel, venösem Sauerstoffgehalt und der-Blutspiegel neben Anamnese, körperlicher Untersuchung und Vitalfunktionen
    • Überwachung des Methämoglobinspiegel im Serum nach Behandlung mit 4-DMAP oder Natriumnitrit
    • max. Methämoglobinspiegel von 30 – 40 %, wenn keine Anämie vorliegt
  • Röntgenaufnahme des Thorax
  • Behandlung von Methämoglobinämie bei Überdosierung oder fälschlicher Anwendung des Methämoglobinbildners (spezifische Antidote: Methylenblau oder Toluidinblau)
  • Bikarbonat-Gabe bei metabolischer Azidose, wenn pH < 7,15
  • alle Patient*innen, die mit systemischen Antidota zur Behandlung einer Aminonitril-Vergiftung/Exposition behandelt wurden, mind. 24 h intensivmedizinisch stationär betreuen
  • Laboruntersuchungen
    • Diagnosestellung erfolgt v.a. aufgrund des klinischen Bildes mit schnell einsetzenden zentralnervösen und kardiopulmonalen Symptomen sowie bekannter oder mutmaßlich sehr wahrscheinlicher Cyanid-Exposition
    • Laborbestimmungen nützlich für Überwachung des Vergiftungsverlaufs und Früherkennung von Komplikationen
    • routinemäßige Laborbestimmungen: großes Blutbild, Glukose und Elektrolyte
    • BGA (art.) zur Erfassung/Bestimmung des Säure-Basen-Status, von SpO2 und Sauerstoffaufnahme (CAVE: Pulsoxymetrie nicht ausreichend)
    • zusätzlich EKG-Monitoring und Serum-Laktat-Bestimmung
    • auf rechtzeitige Erkennung und Behandlung von Störungen des Elektrolythaushalts (z.B. Hyperkaliämie, Hyperkalzämie) achten

Entlassung der Patient*innen/Anweisungen für weiteres Verhalten

  • Entlassung nach angemessener Nachbeobachtungszeit bei Patient*innen nach nur geringfügiger Cyanid-Exposition, ohne Verschlucken ohne Antidota-Therapie, unauffälligen klinischen Untersuchungsbefunden und ohne keinerlei Zeichen einer toxischen Wirkung unter folgenden Umständen:
    • behandelndes ärztliches Personal ist erfahren in der Beurteilung von Patient*innen mit Cyanid-Exposition
    • mündliche & schriftliche Informationen und Empfehlungen mit Anweisungen für weiteres Verhalten und Aufforderung sich bei Auftreten gesundheitlicher Beschwerden sofort in ärztliche Behandlung zu begeben
    • ärztliches Personal ist der Ansicht, dass die Patient*innen die toxischen Wirkungen vom Acrylsäure kennt bzw. verstanden hat
    • weiterbehandelndes ärztliches Personal ist unterrichtet, so dass regelmäßiger Kontakt zw. Patient*innen und Ärzt*innen in den folgenden 24 h möglich ist
    • keine schwere körperliche Arbeit in den folgenden 24 h
    • mind. 72 h kein Rauchen und Zigarettenrauch meiden
Published inLeitlinien kompakt

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