veröffentlichende Fachgesellschaft: National Institute for Health and Care Excellence (NICE)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 05.08.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://www.nice.org.uk/guidance/ng217
Diagnostik und Beurteilung der Epilepsie
Überweisung nach erstem Anfall oder nach Remission und Beurteilung des Risikos eines zweiten Anfalls
- Kinder, Jugendliche und Erwachsene nach einem ersten vermuteten Krampfanfall dringend (Termin innerhalb von 2 Wochen) zur Untersuchung überweisen:
- bei Erwachsenen an Ärzt*innen wenden, die über Erfahrung in der Beurteilung von ersten epileptischen Anfällen und der Diagnose von Epilepsie verfügen
- bei Kindern und Jugendlichen Kinderärzt*innen mit Erfahrung in der Beurteilung von ersten Krampfanfällen und der Diagnose von Epilepsie konsultieren
- Kinder, Jugendliche und Erwachsene dringend (Termin innerhalb von 2 Wochen) zur Abklärung überweisen, wenn nach einer Remissionsphase erneut ein Anfall auftritt
- Beurteilung des Risikos eines zweiten Anfalls
- bei einem ersten Krampfanfall bei einem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen eine individuelle Risikobewertung für einen zweiten Krampfanfall durchführen
- bei Erwachsenen sollte die Beurteilung die Überprüfung der folgenden veränderbaren Faktoren umfassen, die das Risiko eines zweiten Krampfanfalls erhöhen können:
- zugrunde liegende psychische Erkrankungen (wie Depressionen, Angstzustände, Psychosen und Alkohol- oder Drogenmissbrauch)
- vaskuläre Risikofaktoren (z.B. Diabetes, Bluthochdruck, Vorhofflimmern)
- Sepsis
- berücksichtigen, dass Kinder, die einen ersten afebrilen Krampfanfall (Anfall ohne Fieber) erleiden, im Vergleich zu Kindern mit einem febrilen Krampfanfall (Anfall mit Fieber) ein erhöhtes Risiko für weitere afebrile Krampfanfälle haben, v.a. innerhalb von 6 – 12 Monaten
- berücksichtigen, dass Kinder mit komplizierten Fieberkrämpfen (Fieberkrämpfe, die länger als 10 min andauern oder Fieberkrämpfe in Verbindung mit anderen Symptomen wie einseitiger Schwäche) ein erhöhtes Epilepsierisiko aufweisen können, v.a. wenn weitere prädisponierende Risikofaktoren für Epilepsie vorliegen
- unter Berücksichtigung einer personenzentrierten Herangehensweise mit der betroffenen Person sowie ggf. den dazugehörigen Angehörigen und Betreuungspersonen die individuellen Risiken für weitere Anfälle besprechen (alle als mögliche Risikofaktoren identifizierten: mentale, physische und soziale Faktoren sowie deren mögliche Beeinflussung)
- Informationen und Unterstützung nach einem ersten Anfall
- nach einem ersten Anfall die betroffenen Personen sowie ggf. ihre Angehörigen und Betreuer über Folgendes informieren:
- wie man einen weiteren Anfall erkennt
- Erste Hilfe und erste Sicherheitshinweise für den Fall eines erneuten Anfalls
- alle Änderungen, die sie vornehmen können, um ihr Risiko eines weiteren Anfalls zu verringern
- an wen sie sich wenden sollten, wenn sie während der Wartezeit auf ihren Termin zur Untersuchung und Diagnose einen weiteren Anfall erleiden
- nach einem ersten Anfall die betroffenen Personen sowie ggf. ihre Angehörigen und Betreuer über Folgendes informieren:
fachärztliche Untersuchung und Diagnose
- nach einem ersten vermuteten Krampfanfall sollte eine ausführliche Anamnese des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen sowie ggf. deren Angehörigen und Betreuungspersonen erhoben und eine körperliche Untersuchung durchgeführt werden (wenn möglich, sollten Augenzeugenberichte und Videoaufnahmen des Anfalls zur Beurteilung herangezogen werden)
- nach einem ersten vermuteten epileptischen Anfall sollte ein 12-Kanal-EKG durchgeführt werden, um Herzerkrankungen zu identifizieren, die einen epileptischen Anfall imitieren könnten
- berücksichtigen, dass Stoffwechselstörungen (inkl. Hypoglykämie) zu Krampfanfällen führen können
- Neuro-Bildgebung anbieten, wenn eine zugrunde liegende strukturelle Ursache vermutet wird
- Elektroenzephalogramm (EEG)
- wenn die Anamnese und die Untersuchung auf einen epileptischen Anfall hindeuten und der V.a. Epilepsie besteht, sollte ein routinemäßiges EEG im Wachzustand in Betracht gezogen werden, um die Diagnose zu untermauern und Informationen über den Anfallstyp oder das Epilepsiesyndrom zu gewinnen
- EEG nicht zum Ausschluss einer Epilepsie-Diagnose heranziehen
- wird nach einem ersten Anfall ein EEG angeordnert, sollte dieses so schnell wie möglich durchgeführt werden (idealerweise innerhalb von 72 h nach dem Anfall)
- bei der Durchführung eines EEGs sollten Nutzen und Risiken von Provokationsmanövern während des EEGs, wie z.B. Hyperventilation und Lichtstimulation, mit der betroffenen Person und ggf. deren Angehörigen oder Betreuungspersonen besprochen werden (sofern Einverständnis besteht, können Provokationsmanöver auch im Rahmen eines Routine-EEGs zur Abklärung eines vermuteten ersten epileptischen Anfalls durchgeführt werden)
- bei einem unauffälligen Routine-EEG sollte nach Abwägung von Nutzen und Risiken und in Absprache mit der betroffenen Person sowie ggf. deren Angehörigen oder Betreuer*innen ein Schlafentzugs-EEG erwogen werden
- sind die Ergebnisse des Routine-EEGs und des EEGs nach Schlafentzug unauffällig und besteht weiterhin diagnostische Unsicherheit, sollte ein Langzeit-EEG (bis zu 48 h) erwogen werden
Neuroimaging
- Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit der Diagnose Epilepsie sollte eine MRT-Untersuchung angeboten werden, es sei denn, sie leiden an idiopathischer generalisierter Epilepsie oder selbstlimitierender Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes –> MRT-Untersuchung sollte wie folgt durchgeführt werden:
- innerhalb von 6 Wochen nach der MRT-Überweisung UND
- gemäß regional vereinbarter MRT-Protokolle für Epilepsie
- wenn eine MRT-Untersuchung kontraindiziert ist, sollte bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Epilepsie eine CT-Untersuchung erwogen werden
- bei der Empfehlung für eine MRT- oder CT-Untersuchung sollten die Risiken und Vorteile mit der Person mit Epilepsie (und ggf. deren Angehörigen und Betreuer*innen) besprochen werden, v.a. wenn für die Untersuchung eine Vollnarkose oder Sedierung erforderlich ist
- wenn die Anfälle trotz Behandlung anhalten und die Diagnose weiterhin unklar ist, sollte eine zusätzliche Begutachtung der MRT-Aufnahmen durch Spezialist*innen für pädiatrische oder neuroradiologische Erkrankungen im Erwachsenenalter in einem spezialisierten Zentrum erwogen werden
- bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Epilepsie sollte eine zusätzliche MRT-Untersuchung erwogen werden, wenn:
- ursprünglicher Scan suboptimal war
- neue Merkmale der Epilepsie
- idiopathische generalisierte Epilepsie oder selbstlimitierende Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes, die auf eine Erstlinienbehandlung nicht angesprochen hat
- Operation wird in Erwägung gezogen
- bei Patient*innen mit bekannter Epilepsie, die sich nach einem typischen Anfall in der Notaufnahme vorstellen, sollte keine Computertomographie durchgeführt werden, es sei denn, es bestehen weitere Bedenken
Behandlung epileptischer Anfälle bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen
generalisierte tonisch-klonische Anfälle
- Lamotrigin, Levetiracetam oder Natriumvalproat als First-Line-Monotherapie bei generalisierten tonisch-klonischen Anfällen
- wenn Monotherapie nicht erfolgreich ist, eine der folgenden ergänzenden First-Line-Behandlungsoptionen in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum gewünschten Erfolg führt, die anderen First-Line-Zusatzoptionen in Betracht ziehen):
- Clobazam
- Lamotrigin
- Levetiracetam
- perampanel
- Natriumvalproat
- Topiramat
- wenn die zunächst eingesetzten Zusatztherapien erfolglos bleiben, eine der folgenden Zusatztherapieoptionen der Second-Line-Monotherapie in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, die anderen Second-Line-Zusatzoptionen in Betracht ziehen):
- Brivaracetam
- Lacosamid
- Phenobarbital
- Primidon
- Zonisamid
- berücksichtigen, dass die folgenden Antiepileptika Anfälle bei Menschen mit Absencen oder myoklonischen Anfällen, inkl. juveniler myoklonischer Epilepsie, verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Lamotrigin (bei myoklonischen Anfällen)
- Oxcarbazepin
- Phenytoin
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
fokale Anfälle mit oder ohne Entwicklung zu bilateralen tonisch-klonischen Anfällen
- bei fokalen Anfällen sollten Lamotrigin oder Levetiracetam als First-Line-Monotherapie in Betracht gezogen werden (falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, kann die jeweils andere Option erwogen werden)
- wenn die First-Line-Monotherapie bei Patienten mit fokalen Anfällen nicht erfolgreich ist, eine der folgenden Second-Line-Monotherapieoptionen in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, die anderen Second-Line-Monotherapieoptionen in Betracht ziehen):
- Carbamazepin
- Oxcarbazepin
- Zonisamid
- wenn Zweitlinien-Monotherapien bei Patienten mit fokalen Anfällen erfolglos bleiben, Lacosamid als Second-Line-Monotherapieoption erwägen
- wenn eine Monotherapie bei Patienten mit fokalen Anfällen nicht erfolgreich ist, eine der folgenden ergänzenden Erstlinienbehandlungsoptionen in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, die anderen First-Line-Zusatzoptionen in Betracht ziehen):
- Carbamazepin
- Lacosamid
- Lamotrigin
- Levetiracetam
- Oxcarbazepin
- Topiramat
- Zonisamid
- wenn die zunächst eingesetzten Zusatztherapien bei Patienten mit fokalen Anfällen erfolglos bleiben, eine der folgenden Second-Line-Zusatztherapieoptionen in Betracht ziehen (falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, die anderen Second-Line-Zusatzoptionen in Betracht ziehen):
- Brivaracetam
- Cenobamat
- Eslicarbazepinacetat
- perampanel
- Pregabalin
- wenn die versuchten Second-Line-Zusatztherapien bei Patienten mit fokalen Anfällen erfolglos bleiben, eine der folgenden Third-Line-Zusatztherapieoptionen in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, die anderen Third-Line-Zusatzoptionen in Betracht ziehen):
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Natriumvalproat
- Tiagabin
- Vigabatrin
Absencen
- Absencen (einschließlich kindlicher Absencen-Epilepsie)
- Ethosuximid als First-Line-Therapie bei Absencen
- wenn First-Line-Therapie erfolglos bleibt, Lamotrigin, Levetiracetam oder Natriumvalproat als Second-Line-Monotherapie oder Zusatztherapie bei Absencen
- sollte auch die First-Line-Therapie nicht erfolgreich sein, eine weitere dieser Optionen als Second-Line-Monotherapie oder Zusatztherapie versuchen
- falls auch diese erfolglos bleibt, versuchen Sie die Third-Line-Monotherapie oder Zusatztherapie
- berücksichtigen, dass die folgenden Antiepileptika die Anfälle bei Menschen mit Absencen verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Oxcarbazepin
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
- Absencen mit anderen Anfallsarten
- bei Absencen mit anderen Anfallsformen (oder bei entsprechendem Risiko) sollten Lamotrigin, Levetiracetam oder Natriumvalproat als First-Line-Therapie in Betracht gezogen werden
- falls die First-Line-Therapie nicht erfolgreich ist, eine weitere dieser Optionen als Monotherapie oder Zusatztherapie versuchen
- falls auch diese erfolglos bleibt, versuchen Sie die dritte Option als Monotherapie oder Zusatztherapie
- wenn die First-Line-Therapie bei Absencen und anderen Anfallsformen (oder bei entsprechendem Risiko) erfolglos bleibt, Ethosuximid als zusätzliche Second-Line-Therapie in Betracht ziehen
- berücksichtigen, dass die folgenden Antiepileptika die Anfälle bei Menschen mit Absencen verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Oxcarbazepin
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
- bei Absencen mit anderen Anfallsformen (oder bei entsprechendem Risiko) sollten Lamotrigin, Levetiracetam oder Natriumvalproat als First-Line-Therapie in Betracht gezogen werden
myoklonische Anfälle
- Levetiracetam oder Natriumvalproat als First-Line-Therapie bei myoklonischen Anfällen
- falls die First-Line-Therapie nicht erfolgreich ist, versuchen Sie die jeweils andere Option als Monotherapie oder Zusatztherapie
- wenn die First-Line-Therapie bei myoklonischen Anfällen erfolglos bleibt, eine der folgenden Optionen als Monotherapie oder zusätzliche Behandlungsoption in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, eine der anderen Optionen in Betracht ziehen):
- Brivaracetam
- Clobazam
- Clonazepam
- Lamotrigin
- Phenobarbital
- Piracetam
- Topiramat
- Zonisamid
- berücksichtigen, dass Lamotrigin gelegentlich myoklonische Anfälle verschlimmern kann
- folgende Antiepileptika dürfen bei Personen mit myoklonischen Anfällen nicht angewendet werden, da sie die Anfälle verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Oxcarbazepin
- Phenytoin
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
tonische oder atonische Anfälle
- Lamotrigin oder Natriumvalproat als First-Line-Therapie bei tonischen oder atonischen Anfällen (falls die First-Line-Therapie nicht erfolgreich ist, versuchen Sie die jeweils andere Option als Monotherapie oder Zusatztherapie)
- wenn die First-Line-Therapie bei tonischen oder atonischen Anfällen erfolglos bleibt, eine der folgenden Optionen als Monotherapie oder zusätzliche Behandlungsoption in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Option nicht zum Erfolg führt, eine der anderen Optionen in Betracht ziehen):
- Clobazam
- Rufinamid
- Topiramat
- berücksichtigen, dass die folgenden Antiepileptika die Anfälle bei Menschen mit tonischen oder atonischen Anfällen verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Oxcarbazepin
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
idiopathische generalisierte Epilepsien
- Lamotrigin, Levetiracetam oder Natriumvalproat als First-Line-Therapie bei idiopathischer generalisierter Epilepsie
- falls die First-Line-Therapie nicht erfolgreich ist, eine andere dieser Optionen als Monotherapie oder Zusatztherapie versuchen
- wenn auch diese nicht erfolgreich ist, versuchen Sie die dritte Option als Monotherapie oder Zusatztherapie
- wenn die First-Line-Therapie bei idiopathischer generalisierter Epilepsie nicht erfolgreich ist, Perampanel oder Topiramat als zusätzliche Second-Line-Therapie in Betracht ziehen (CAVE: ist auch die erste Wahl nicht erfolgreich, sollte die jeweils andere Option erwogen werden)
Behandlung von Epilepsien im Kindesalter
Dravet-Syndrom
- bei Patient*innen mit Dravet-Syndrom Natriumvalproat als First-LineTherapie in Betracht ziehen (CAVE: Natriumvalproat sollte mit Vorsicht angewendet werden, wird aber aufgrund der Schwere des Syndroms und des Mangels an Evidenz für andere wirksame First-Line-Therapie-Optionen als First-Line-Therapie empfohlen)
- wenn Natriumvalproat als First-Line-Monotherapie beim Dravet-Syndrom nicht wirksam ist, Dreifachtherapie mit Stiripentol und Clobazam als zusätzliche First-Line-Therapie erwägen (zusätzliche Medikamente sind sorgfältig zu titrieren und die Behandlung regelmäßig zu überprüfen, v.a. auf Nebenwirkungen wie Sedierung)
- wenn die Dreifachtherapie beim Dravet-Syndrom erfolglos bleibt und das Kind ≥ 2 Jahre ist, sollten ergänzende Behandlungsoptionen der 2. Wahl in Betracht gezogen werden:
- Fenfluramin
- Cannabidiol mit Clobazam
- wenn die Dreifachtherapie bei Kindern < 2 Jahre mit Dravet-Syndrom oder die Second-Line-Therapie bei Kindern ≥ 2 Jahren erfolglos bleibt, unter der Aufsicht eines Teams für ketogene Diät oder auf Epilepsie spezialisierten Neurolog*innen ggf. eine der folgenden zusätzlichen Optionen in Betracht ziehen:
- ketogene Diät
- Levetiracetam
- Topiramat
- wenn alle anderen Behandlungsoptionen für das Dravet-Syndrom erfolglos bleiben, Kaliumbromid unter Anleitung auf Epilepsie spezialisierter Neurolog*innen erwägen
- berücksichtigen, dass die folgenden Medikamente Anfälle bei Menschen mit Dravet-Syndrom verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Lacosamid
- Lamotrigin
- Oxcarbazepin
- Phenobarbital
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
Lennox-Gastaut-Syndrom
- bei Patient*innen mit Lennox-Gastaut-Syndrom sllte Natriumvalproat als First-Line-Therapie in Betracht ziehen (CAVE: Natriumvalproat sollte mit Vorsicht angewendet werden, wird aber aufgrund der Schwere des Syndroms und des Mangels an Evidenz für andere wirksame First-Line-Therapie-Optionen als First-Line-Therapie empfohlen)
- wenn die First-Line-Therapie nicht erfolgreich ist, Lamotrigin als Second-Line-Monotherapie oder Zusatztherapie erwägen
- wenn die Second-Line-Therapie erfolglos bleibt, die folgenden Optionen als zusätzliche Third-Line-Therapie in Betracht ziehen:
- Cannabidiol in Kombination mit Clobazam bei Kindern ≥ 2 Jahren
- Clobazam
- Fenfluramin bei Kindern ≥ 2 Jahren
- Rufinamid
- Topiramat
- bei Beginn einer Zusatztherapie bei Patient*innen mit Lennox-Gastaut-Syndrom sollte die zusätzliche Medikation sorgfältig titriert und die Behandlung regelmäßig überprüft werden, inkl. der Überwachung auf Nebenwirkungen wie Sedierung
- wenn die Anfälle trotz Third-Line-Therapie des Lennox-Gastaut-Syndroms weiterhin auftreten, sollte eine ketogene Diät als zusätzliche Behandlung unter der Aufsicht eines spezialisierten Teams für ketogene Diät erwogen werden
- berücksichtigen, dass die folgenden Medikamente Anfälle bei Menschen mit Lennox-Gastaut-Syndrom verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Lacosamid
- Lamotrigin
- Oxcarbazepin
- Phenobarbital
- Pregabalin
- Tiagabin
- Vigabatrin
infantiles Spasmussyndrom
- bei infantilen Spasmen, die nicht durch tuberöse Sklerose bedingt sind, sollte eine Kombinationstherapie mit hochdosiertem oralem Prednisolon und Vigabatrin als First-Line-Therapie angeboten werden, es sei denn, das Kind hat ein hohes Risiko für steroidbedingte Nebenwirkungen
- bei Kindern mit hohem Risiko für steroidbedingte Nebenwirkungen Vigabatrin als First-Line-Monotherapie zur Behandlung von infantilen Spasmen in Betracht ziehen
- Vigabatrin als First-Line-Therapie bei infantilen Spasmen aufgrund tuberöser Sklerose einsetzen (falls Vigabatrin nach einer Woche nicht wirksam ist, sollte zusätzlich hochdosiertes orales Prednisolon verabreicht werden)
- vor Beginn der oralen Prednisolon-Therapie bei infantilen Spasmen:
- möglichen Nebenwirkungen der Steroidbehandlung mit Eltern und Betreuer*innen besprechen
- Test, ob das Kind Antikörper gegen das Varicella-Zoster-Virus aufweist
- Eltern und Betreuer*innenn einen Steroidausweis sowie Informationen darüber aushändigen, wann bei Nebenwirkungen ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden soll
- bei Anwendung von Prednisolon oral zur Behandlung infantiler Spasmen die Dosierungsempfehlungen für Kinder beachten (Blutdruck und Glukose im Urin während der Behandlung wöchentlich kontrollieren)
- wenn die First-Line-Therapie von infantilen Spasmen erfolglos bleibt, weitere Behandlung mit spezialisierten Kinderepileptikolog*innen besprechen
- folgende Optionen als Second-Line-Monotherapie oder als zusätzliche Behandlungsoption bei infantilen Spasmen in Betracht ziehen, ggf. unter Anleitung eines Teams für ketogene Diät oder spezialisierten pädiatrischen Epilepsie-Expert*innen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, sollten die anderen Second-Line-Optionen in Betracht ziehen):
- ketogene Diät
- Levetiracetam
- Nitrazepam
- Natriumvalproat
- Topiramat
selbstlimitierende Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes
- bei selbstlimitierender Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes Lamotrigin oder Levetiracetam als First-Line-Monotherapie in Betracht ziehen (falls Lamotrigin oder Levetiracetam nicht wirksam sind, kann die jeweils andere Option versucht werden)
- Sultiame-Monotherapie erwägen, wenn die First-Line-Therapien bei selbstlimitierender Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes erfolglos bleiben (Sultiame nur von pädiatrischen Epilepsiespezialist*innen oder auf dessen Anraten verschreiben)
- wenn Sultiame nicht wirksam oder ungeeignet ist, Carbamazepin, Oxcarbazepin oder Zonisamid als Monotherapie in Betracht ziehen (falls auch diese Therapie nicht erfolgreich ist, die anderen Second-LineMonotherapieoptionen in Betracht ziehen)
- berücksichtigen, dass Carbamazepin, Oxcarbazepin und Lamotrigin in seltenen Fällen Anfälle verschlimmern, zur Entwicklung eines anderen Epilepsiesyndroms führen oder die kognitive Leistungsfähigkeit bei einer kleinen Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit selbstlimitierender Epilepsie mit zentrotemporalen Spikes beeinträchtigen können
Epilepsie mit myoklonisch-atonischen Anfällen (Doose-Syndrom)
- Levetiracetam oder Natriumvalproat als Mittel der 1. Wahl zur Behandlung von Epilepsie mit myoklonisch-atonischen Anfällen in Betracht ziehen (sollte Levetiracetam oder Natriumvalproat wirksam sein, versuchen Sie die jeweils andere Option)
- wenn die First-Line-Therapie von Epilepsie mit myoklonisch-atonischen Anfällen erfolglos bleibt, ketogene Diät als Second-Line-Monotherapie oder Zusatzbehandlung unter der Aufsicht eines auf ketogene Diäten spezialisierten Teams in Betracht ziehen
- wenn die Second-Line-Therapie von Epilepsie mit myoklonisch-atonischen Anfällen erfolglos bleibt, die folgenden Therapieoptionen als Third-Line-Monotherapie oder als zusätzliche Behandlungsoption in Betracht ziehen (CAVE: falls die erste Wahl nicht zum Erfolg führt, sollten die anderen Third-Line-Optionen in Betracht gezogen werden):
- Clobazam
- Ethosuximid
- Topiramat
- Zonisamid
- folgende Medikamente dürfen nicht angewendet werden, da sie bei Menschen mit myoklonisch-atonischen Epilepsieanfällen die Anfälle verschlimmern können:
- Carbamazepin
- Gabapentin
- Oxcarbazepin
- Phenytoin
- Pregabalin
- Vigabatrin
Behandlung des Status epilepticus, wiederholter oder gehäufter Anfälle und prolongierter Anfälle
Status epilepticus
- Erstbehandlung des generalisierten konvulsiven Status epilepticus
- bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit konvulsivem Status epilepticus (Anfälle von 5 Minuten oder länger) sind Wiederbelebungsmaßnahmen und sofortige Notfallbehandlung durchzuführen
- wenn für die Person mit konvulsivem Status epilepticus ein individueller Notfallplan vorliegt, der sofort verfügbar ist, die Medikamente gemäß diesem Plan verabreichen
- wenn für die Person mit konvulsivem Status epilepticus kein individueller Notfallplan sofort verfügbar ist:
- sofort Benzodiazepine (bukkales Midazolam oder rektales Diazepam) als First-Line-Therapie in der ambulanten Versorgung ODER
- Lorazepam i.v., wenn ein i.v.-Zugang und Reanimationsmöglichkeiten sofort verfügbar sind
- möglichen zugrunde liegenden Ursachen eines Status epilepticus berücksichtigen, inkl. Hypoglykämie, Eklampsie und Alkoholentzug, die ggf. mit zusätzlichen Medikamenten behandelt werden müssen
- Nichteinhaltung der Einnahme von Antiepileptika berücksichtigen, da dies ebenfalls eine Ursache für einen Status epilepticus sein kann
- berücksichtigen, dass nicht-epileptische Anfälle (dissoziative Anfälle) ähnliche Symptome wie ein konvulsiver Status epilepticus aufweisen können
- Vorgehen bei erfolgloser Erstbehandlung
- weiterhin den individuellen Notfallplan der Person befolgen, sofern dieser sofort verfügbar ist, oder eine zweite Dosis Benzodiazepin verabreichen, wenn der Anfall nicht innerhalb von 5 – 10 Minuten nach der ersten Dosis aufhört
- wenn ein konvulsiver Status epilepticus auf 2 Dosen eines Benzodiazepins nicht anspricht, verabreichen Sie eines der folgenden Arzneimittel i.v. als Second-Line-Therapie:
- Levetiracetam
- Phenytoin
- Natriumvalproat
- spricht ein konvulsiver Status epilepticus nicht auf eine Second-Line-Therapie an, sollte unter fachkundiger Anleitung eine alternative Second-Line-Therapie erwogen werden
- wenn der konvulsive Status epilepticus auf die versuchten Second-Line-Behandlungsoptionen nicht anspricht, sollten unter fachkundiger Anleitung die folgenden Third-Line-Optionen in Betracht gezogen werden:
- Phenobarbital ODER
- Allgemeinanästhesie
wiederholte Anfälle oder Cluster-Anfälle
- wiederholte oder gehäufte Krampfanfälle (typischerweise 3 oder mehr selbstlimitierende Anfälle innerhalb von 24 h) sind als medizinischer Notfall zu behandeln
- wenn eine Person wiederholte oder gehäufte Krampfanfälle hat:
- individuellen Notfallplan befolgen, sofern dieser sofort verfügbar ist, ODER
- sofortige Gabe eines Benzodiazepins wie Clobazam oder Midazolam erwägen, falls kein individueller Notfallplan vorliegt
- bei weiteren Episoden wiederholter oder gehäufter Krampfanfälle fachärztlichen Rat einholen
anhaltende Krampfanfälle
- prolongierte Krampfanfälle (jeder Krampfanfall, der länger als 2 min über die übliche Anfallsdauer einer Person hinaus andauert) als medizinischer Notfall zu behandeln
- wenn eine Person einen anhaltenden Krampfanfall hat:
- individuellen Notfallplan befolgen, sofern dieser sofort verfügbar ist, ODER
- sofortige Gabe eines Benzodiazepins wie Clobazam oder Midazolam erwägen, falls kein individueller Notfallplan vorliegt


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