veröffentlichende Fachgesellschaft: Joint Trauma System – Department of Defense Center of Excellence for Trauma (JTS)
Klassifikation gemäß AWMF:
Datum der Veröffentlichung: 17.02.2026
Ablaufdatum:
Quelle/Quelllink: https://jts.health.mil/assets/docs/cpgs/Pelvic_Fracture_Care_17_Feb_2026_ID34.pdf
Grundsätzliches
- Merkmale, die auf Notwendigkeit einer interventionellen Blutungskontrolle hindeuten, sind:
- Verletzungsschweregrad
- fortgeschrittenes Alter
- Transfusion von Blutprodukten
- offene Beckenfrakturen
- Beckenfrakturmuster, v.a.:
- vertikale Scherung
- Typ-III-Kompression in anterior-posteriorer Richtung
- mittlerer Injury Severity Score (ISS) liegt bei kampfbedingten Beckenfrakturen bei 31 (mittlerer ISS in zivilen Traumazentren bei 15)
Epidemiologie
- nur 9 % der Patient*innen mit stumpfen Traumata erleiden Beckenverletzungen
- Gesamtmortalitätsraten bei schweren Beckenverletzungen: 13 – 56 %
- Mortalitätsrate bei hämodynamisch instabilen Patient*innen: 40 %
- Mortalitätsratebei offenen Beckenfrakturen: 50 %
- > 70 % der Blutungen, die bei Beckenfrakturen auftreten, sind venös und 15 – 25 % sind arterieller Natur
- 71 % der kampfbedingten Beckenfrakturen sind offene Frakturen
Diagnostik
- wichtige, zu identifizierende Punkte bei Patient*innen mit Beckenfrakturen
- hämodynamische Stabilität –> Blutstillung
- mechanische Stabilität der Beckenfraktur
- Art der Verletzung (z. B. Explosion improvisierter Sprengvorrichtungen, Quetschverletzung und penetrierende Beckenverletzungen mit hoher Geschwindigkeit) sowie Hypotonie können auf Hinweis für hohes Risiko für Beckenfraktur sein
- bei hohem V.a instabile Beckenfraktur (sofern nicht bereits im präklinischen Bereich erfolgt) sollten Beckenschlinge vor dem Umlagern im Krankenhaus auf der Trage (dem Bett) bereitgelegt werden
- Anzeichen für Beckenfraktur bei körperlicher Untersuchung
- Schmerzen bei Palpation
- Beinlängendifferenz mit Verkürzung und Innenrotation der unteren Extremität
- perineales Hämatom, das bei Männern wie Hodensackprellung aussehen kann
- Untersuchung von Thorax, Abdomen, Extremitäten und anderen potenziellen Blutungsstellen
- gründliche Untersuchung des Beckens und Perineums, um assoziierte Verletzungen von Rektum sowie des urogenitalen und gynäkologischen Bereichs auszuschließen
- CAVE: bei offenen Beckenfrakturen muss rektale und vaginale Untersuchung erfolgen
- Ausschluss von Verletzungen der Harnröhre und der Blase
Evaluation von Begleitverletzungen
- 1. Urogenitalbereich – Bei schweren Beckenverletzungen können Verletzungen der Genitalien, der Harnröhre und der Blase auftreten. Es muss eine gründliche Untersuchung der Genitalien und des Perineums durchgeführt werden.
- a. Harnröhre – Bei Blut am Harnröhrenausgang oder einer hochstehenden Prostata bei der ersten rektalen Untersuchung sollte eine Harnröhrenverletzung vermutet werden. Ein Blasenkatheter sollte vorsichtig eingeführt werden; bei Schwierigkeiten bei der anfänglichen Katheterplatzierung muss die Integrität der Harnröhre mittels retrograder Urethrographie beurteilt werden.
- b. Blase – Bei makroskopischer Hämaturie sollte ein Zystogramm durchgeführt werden, um eine Blasenverletzung auszuschließen.
- c. Hoden- und Vaginalverletzungen – Auf Verletzungen untersuchen; für detailliertere Informationen siehe die JTS-Leitlinie zum Management von Verletzungen des Urogenitaltrakts.
- 2. Rektal – Es sollte eine digitale rektale Untersuchung durchgeführt werden. Wenn Defekte oder Blut festgestellt werden, ist eine gründlichere Untersuchung mittels starrer oder flexibler Proktoskopie erforderlich, um rektale Verletzungen zu beurteilen.
- 3. Perineale Wunden – Es sollte eine gründliche Untersuchung durchgeführt werden; perineale Wunden können leicht übersehen werden und stehen oft im Zusammenhang mit den oben genannten Verletzungen.
Therapie
- vier Grundsätze der Versorgung instabiler Beckenfrakturen:
- Flüssigkeitstherapie mit Vollblut oder balancierten Blutkomponenten
- Stabilisierung des Beckens
- Lokalisierung der Blutungsquellen
- Blutstillung
Vorgehen Blutungskontrolle
- schnelle Traumabeurteilung gemäß TCCC, ATLS & JTS mit rascher Identifizierung und systematischer Therapie von Blutungen
- bei hämorrhagischem Schock Gabe von Blutprodukten, idealerweise Vollblut
- Hypotonie: Ziel-RRsys < 100 mmHg ODER V.a. traumatische Hirnverletzung: < 110 mmHg –> je nach Verfügbarkeit, Gabe von Blutprodukten im Verhältnis 1:1:1 (i.d.R. Aktivierung Massivtransfusionsprotokoll)
- während Flüssigkeitstherapie Anlage Beckenschlinge (oder Alternative) mittig auf Höhe des Trochanter major (Schnalle der Beckenschlinge mittig über Schambeinfuge)
- Becken manuell reponieren, indem die beiden Beckenhälften nach innen gedreht werden (Zusammendrücken der Trochanter major –> Festziehen & Verschließen der Beckenschlinge)
- Verbinden von Knie und Füßen kann Innenrotation der unteren Extremitäten unterstützen und so Reposition des Beckens erleichtern
- multidisziplinärer Ansatz mit frühzeitiger orthopädisch-chirurgischer Konsultation (und traumachirurgischer Konsultation, falls Versorgung vor Erreichen einer Rolle-2 erfolgt) ist für die ganzheitliche Behandlung dieser komplexen Verletzungen entscheidend
- Röntgenaufnahme des Beckens als Ergänzung zur Erstuntersuchung (Beckenschlinge festgezogen belassen)
- Beckenschlinge lösen bei hämodynamischer Stabilität –> Wdh. des Röntgen des Beckens –> bei instabiler Beckenringfraktur Beckenschlinge wieder festziehen –> Wdh. des Röntgen des Beckens zur Kontrolle, ob Becken korrekt reponiert wurde
- Hämodynamik kontinuierlich überwachen
- Teammitglieder durchgehend informieren, wenn Beckenschlinge gelöst und wieder angelegt wird
- Kontrolle aller Bereiche mit potenziellem Blutungsrisiko
- gezielte sonografische Untersuchung bei Traumata (FAST-Untersuchung) zur Beurteilung intraabdomineller Blutungen
- detaillierte Untersuchung auf Weichteilverletzungen erfolgen (Fokus auf Perinealbereich)
- digitale rektale und vaginale Untersuchung bei allen offenen Beckenfrakturen oder Anzeichen eines Perinealtraumas
- bei Hypotonie und positivem FAST-Befund direkter Transfer in OP (CAVE: bei instabilem Becken und hämorrhagischem Schock ist großes präperitoneales (oder retroperitoneales) Hämatom wahrscheinlich)
- REBOA zur vorübergehenden Blutungskontrolle in Betracht ziehen bei hämodynamischer Instabilität und vorhandener Expertise und ausreichend Kapazitäten (siehe JTS-Leitlinie „Resuscitative Endovascular Balloon Occlusion of the Aorta (REBOA) for Hemorrhagic Shock“)
- bei Hypotonie (RRsys < 90 mmHg) und negativem FAST-Befund trotz Beckenschlinge –> Volumentherapie mit Blutprodukten auf dem Weg in den OP zur präperitonealen Tamponade (PPP) oder angiographischen Embolisation durch interventionelle Radiologie (sofern mgl.) sowie externen Fixierung (CAVE: negativer FAST-Befund schließt Blutung nicht definitiv aus)
Anlage Beckenschlinge
- Stabilisierung des Beckens kann zunächst mit zirkulären Kompressionshilfsmittel wie Decken/Laken) oder einer Beckenschlinge erfolgen
- bei instabilen Beckenfrakturen sind 70 % der Blutungen auf venöse Niederdruckblutungen zurückzuführen, die den verfügbaren Raum ausfüllen
- Beckenschlingen verringern das Beckenvolumen und unterstützen bei dieser Art von Verletzungsmuster die Gerinnselbildung



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