Am heutigen 27. Mai 2026 steht der internationale Emergency Medicine Day unter einem Motto, das viele Kolleg*innen im Rettungsdienst und in den Notaufnahmen längst nicht mehr als Ausnahme erleben: „Safe Space for Emergency Medicine Teams. Stop violence everywhere.“! Also kurz und knapp gesagt: Gewalt gegen medizinisches Personal.
Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Übergriffe gehören für viele Einsatzkräfte inzwischen zum Alltag. Was früher als „Einzelfall“ beschrieben wurde, ist heute ein strukturelles Problem der präklinischen und klinischen Notfallmedizin. Betroffen sind mit dem Rettungsdienst und den Notaufnahmen genau jene Bereiche, die rund um die Uhr Versorgung garantieren sollen.
Gewalt im Gesundheitssystem
Gewalt gegen medizinisches Personal ist in Deutschland längst Alltagserfahrung. In einer im Januar 2026 veröffentlichten Umfrage des Deutschen Ärzteblatts unter 1.619 Ärzt*innen berichteten 66 % von Gewalterfahrungen im beruflichen Kontext; 89 % nannten verbale Übergriffe, 47 % körperliche Gewalt. 56 % hatten den Eindruck, dass Gewalt im Berufsalltag zugenommen hat, und 10 % waren nach Übergriffen zeitweise arbeitsunfähig. Besonders betroffen waren Notaufnahmen, aber auch Anmeldung/Aufnahme, Wartebereiche und Behandlungsräume.
Auch die Krankenhäuser selbst melden eine deutliche Eskalation. In einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft gaben 73 % der Kliniken an, dass Übergriffe in den vergangenen 5 Jahren zugenommen hätten; 50 % nannten die Notaufnahme als besonders belasteten Bereich. 95 % der Krankenhäuser registrierten dort Übergriffe. Außerdem berichteten 24 % der Häuser von Kündigungen als Folge der Gewaltvorfälle.
Gewalt in der Notfallmedizin ist Alltag geworden
Eine 2022 veröffentlichte deutsche Mixed-Methods-Studie zu Gewalt gegen Rettungsdienstpersonal zeigte, dass durchschnittlich 29 % der Befragten innerhalb des Erhebungszeitraums beleidigt, bedroht oder verbal angegriffen wurden. Rund 8 % berichteten zusätzlich von körperlicher Gewalt. Die Autor*innen beschreiben in ihrer Veröffentlichung insbesondere folgende Risikofaktoren:
- Alkohol- und Drogeneinfluss
- psychiatrische Ausnahmesituationen
- lange Wartezeiten
- emotional hochbelastete Einsatzlagen
- fehlendes Verständnis für rettungsdienstliche Abläufe
Gleichzeitig berichteten viele Betroffene über mangelnde Nachsorge und fehlende institutionelle Unterstützung nach Übergriffen.
Auch in der Notaufnahme ist die Situation kritisch. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 beschreibt Gewalt gegen medizinisches Personal als „regelmäßigen Bestandteil“ der Arbeit in präklinischen und klinischen Notfallstrukturen. Eine weitere deutsche Untersuchung aus dem Jahr 2022 mit 349 Mitarbeitenden aus Notaufnahmen zeigte, dass 97 % verbale Gewalt durch Patient*innen und 94 % durch Angehörige erlebt hatten; körperliche Gewalt durch Patient*innen berichteten 87 % und körperliche Gewalt durch Angehörige 64 %. Die Studie fand zudem: Gute Vorbereitung der Mitarbeitenden und hohe Resilienz wirken protektiv gegenüber Burnout und Stress.
hohe Dunkelziffer… vieles unklar…
Ein zentrales Problem in Bezug auf den gesamten Themenkomplex der Gewalt gegen medizinisches Personal: Viele Vorfälle werden nie offiziell dokumentiert.
Zahlreiche Beschäftigte empfinden Beschimpfungen oder Bedrohungen inzwischen als „Teil des Jobs“. Gerade verbale Gewalt wird oft nicht mehr gemeldet. Internationale Daten legen nahe, dass die tatsächliche Zahl der Übergriffe erheblich höher ist als die offiziell erfassten Fälle.
Eine 2024 publizierte Langzeitstudie aus einer universitären Notaufnahme in Freiburg analysierte Gewaltvorfälle über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Autoren beschreiben eine kontinuierliche Belastung des Personals durch aggressive Patient*innen und Angehörige sowie einen deutlichen Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen und Intoxikationen.
Gewalt hat Folgen – medizinisch, psychologisch und organisatorisch
Gewalt im Gesundheitswesen ist kein „weiches“ Thema. Sie hat direkte Auswirkungen auf:
- Mitarbeiter*innensicherheit
- psychische Gesundheit
- Personalausfälle
- Fluktuation
- Versorgungsqualität
- Nachwuchsgewinnung
Studien zeigen, dass wiederholte Gewalterfahrungen das Risiko für Stresssymptome, Schlafstörungen, Angstzustände und Burnout erhöhen. Gleichzeitig verändern sie das Arbeitsverhalten: Mitarbeitende ziehen sich emotional zurück, vermeiden Eskalationen um jeden Preis oder entwickeln defensive Kommunikationsmuster. Für ein ohnehin belastetes System ist das hochproblematisch.
Warum eskaliert die Situation?
Die Ursachen sind komplex. Gewalt entsteht selten isoliert, sondern meist in einem Zusammenspiel aus:
- Überlastung der Notaufnahmen
- lange Wartezeiten
- gesellschaftliche Gereiztheit
- fehlende Gesundheitskompetenz
- psychische Krisen
- Alkohol- und Drogenkonsum
- Personalmangel
- unrealistische Erwartungen an „Sofortmedizin“
Hinzu kommt eine zunehmende Enthemmung im öffentlichen Umgangston. Was Beschäftigte im Einzelhandel, bei Polizei oder Feuerwehr erleben, zeigt sich inzwischen ebenso deutlich im Gesundheitswesen.
Was es jetzt vor allem braucht…
Wer Einsatzkräfte in der Präklinik und das Personal in Notaufnahmen schützen will, braucht konkrete Maßnahmen:
konsequente Meldestrukturen
Übergriffe müssen niedrigschwellig dokumentiert werden können – ohne bürokratische Hürden oder Angst vor Bagatellisierung.
Deeskalations- und Sicherheitstrainings
Kommunikationstrainings helfen, ersetzen aber keine Sicherheitskonzepte. Kliniken und Rettungsdienste benötigen verbindliche Standards.
personelle und strukturelle Entlastung
Überfüllte Notaufnahmen und chronische Unterbesetzung erhöhen Eskalationsrisiken nachweislich.
klare politische Haltung & konsequentere Strafverfolgung
Gewalt gegen medizinisches Personal darf weder relativiert noch als „berufsbedingt“ akzeptiert werden. Gleichzeitig braucht es eine Null-Toleranz-Politik der Justiz, denn § 115 StGB (Widerstand gegen oder tätlicher Angriff auf Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen) wurde zwar verschärft, doch die Praxis zeigt: Zu viele Verfahren werden wegen „mangelndem öffentlichen Interesse“ oder Geringfügigkeit eingestellt.
psychologische Nachsorge
Nach belastenden Einsätzen brauchen Mitarbeitende professionelle Unterstützung – nicht nur kollegiales Schulterklopfen.
Der Emergency Medicine Day 2026
Der Emergency Medicine Day erinnert daran, dass Notfallmedizin nur funktioniert, wenn diejenigen geschützt werden, die sie tragen.
Rettungsdienstpersonal, Pflegekräfte und Ärzt*innen arbeiten täglich unter Zeitdruck, emotionaler Belastung und hoher Verantwortung. Gewalt verschärft diese Bedingungen massiv – und gefährdet langfristig die Stabilität der Notfallversorgung. Wer eine funktionierende Notfallmedizin will, muss auch für sichere Arbeitsbedingungen sorgen.
Quellen
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