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Was ist eigentlich… eine körperdysmorphe Störung?

Wie in jedem Monat, geht es auch im Januar um eine spezielle psychiatrische Erkrankung. Und heute ist die körperdysmorphe Störung (KDS) am Zug und es gibt alle wichtigen Informationen zur KDS hier und heute bei „Leitlinien kompakt“.

Grundsätzliches

Bei der körperdysmorphen Störung handelt es sich um eine Körperbildstörung, die vor allem mit einer übermäßigen Beschäftigung bzw. einer verzerrten subjektiven Wahrnehmung mit wahrgenommenen Makeln hinsichtlich des eigenen Aussehens einhergeht, welche so von anderen Menschen nicht so eingeschätzt bzw. geteilt werden. Ein großes Problem ist, dass die KDS bei nur wenigen Betroffenen entsprechend früh diagnostiziert und psychotherapeutisch bzw. psychopharmakologisch behandelt wird. Oftmals kommt es stattdessen zu medizinisch-kosmetischen Eingriffen, welche schlussendlich oftmals nicht zu einer Verbesserung führen, sondern vielfach eher zu einer Verschlechterung der Symptomatik.

Über Jahre zählte die körperdysmorphe Störung aufgrund der fehlenden Störungseinsicht zu den wahnhaften Störung mit einem körperbezogenem Wahn (DSM-3). Über die letzten Jahrzehnte stellt man jedoch sukzessive fest, dass sich wahnhafte und nicht-wahnhafte Patient*innen bzgl. den meisten demografischen und klinischen Faktoren nicht unterscheiden. Aus diesem Grund sieht das DSM-5 seit 2013 Diagnose einer wahnhaften Störung bei körperdysmorphen Überzeugungen daher nicht mehr vor, anstelle dessen soll der Grad der Einsichtsfähigkeit in folgender Form festgestellt werden:

  • „gute oder angemessene Einsichtsfähigkeit“
  • „wenig einsichtsfähig“
  • „Einsichtsfähigkeitfehlend/mit wahnhaften Überzeugungen“

Erstmals beschrieben worden ist die körperdysmorphen Störung als „Entstellungsangst“ vom Turiner Neurologen Enrico Morselli im Jahr 1886 und war seitdem unter den folgenden Begriffen bzw. Abkürzungen bekannt:

  • Body dysmorphic disorder (BDD)
  • Dysmorphophobie bzw. Body Dysmorphia
  • dysmorphophobe Störung
  • dermatologische Hypochondrie
  • Schönheitshypochondrie
  • Hässlichkeitskummer
  • dermatologische Non-Disease
  • monosymptomatische Hypochondrie
  • primäre monosymptomatische hypochondrische Psychos
  • Thersites-Komplex
  • pseudoneurotische Schizophrenie
  • Dorian-Gray-Syndrom

Epidemiologie

  • Überzeugung, min. einen hässlichen/entstellenden Körperbereich zu haben, welche von Mitmenschen nicht geteilt bzw. für stark übertrieben angesehen wird, liegt in der deutschen Allgemeinbevölkerung bei ca. 16 %
  • Punktprävalenz der KDS in der Allgemeinbevölkerung: 0,7 – 3,42 %
    • Punktprävalenz der KDS bei Erwachsenen: 1,9  %
    • Punktprävalenz der KDS bei Jugendlichen: 2,2 %
  • bis zu 76,4 % der Betroffenen werden initial nicht psychologisch/psychiatrisch vorstellig
  • KDS-Prävalenz in verschiedenen med. Bereichen
    • ambulante psychotherapeutische bzw. psychiatrische Behandlungsangebote: 5,8 %
    • stationäre psychotherapeutische bzw. psychiatrische Behandlungsangebote: 7,4 %
    • plastische Chirurgie: 13,2 %
    • dermatologische Praxen: 11,3 % (46 % aller KDS-Patient*innen werden in Dermatologie vorstellig, 38 % erhalten meist erfolglose dermatologische Therapie)
    • kieferortopädische Praxen: 7,5 %
    • Eingriffsrate bzgl. kosmetischer oder plastisch-chirurgischer Interventionen: 76 %
  • ungewöhnlich hohe Nonresponse-Raten von 40 – 54 %
  • Remissionsrate: 20 % (9 % volle Remission; 21 % partielle Remission)
  • hohe Komorbiditätsraten mit Persönlichkeitsstörungen und Defiziten in der Emotionsregulation: 57 – 84 %
  • mittleres Erkrankungsalter: ca. 15 – 17 Jahre (wobei viele Patient*innen die erste Symptome bereits im Alter zw. 12 – 13 Jahren zeigen und 2/3 vor dem 18. Lj. erkranken)
  • Frauen etwas mehr betroffen als Männer (Frauen: 60 %; Männer: 40 %)
  • primär chronischer Krankheitsverlauf mit mittlerer Krankheitsdauer von 16 Jahren
  • 75 % der KDS-Betroffenen sind unverheiratet und 74 % berichten über Einschränkung ihrer beruflichen Tätigkeit
  • ca. 80 % der Betroffenen haben im Laufe ihres Lebens Suizidgedanken (ca. 25 – 30 % haben min. einen Suizidversuch)
  • komorbide(r) Substanzmissbrauch und -abhängigkeit in bis zu 40 % der Fälle

Ätiologie

Hinsichtlich der Ursachen einer körperdysmorphen Störung muss von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen werden. Neurobiologisch/-psychiatrisch kommt es z.B. zu einer erhöhten linkshemisphärischen Aktivität, was ein Indiz dafür sein kann, dass Betroffene bei der visuellen Erfassung von Gesichtern mehr Aufmerksamkeit auf Details und deren Verarbeitung verwenden. Weitere neurobiologische/-psychiatrische Auffälligkeiten sind:

  • Läsionen im Bereich der frontostriatalen Verknüpfung –> Beeinträchtigung exekutiver Hirnfunktionen, welche das Zusammenspiel von Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten steuern
  • V.a. Störung des Serotoninhaushalts, v.a. auf der Therapieerfolge mit SSRI

Bzgl. der kognitiven, behavioralen und psychosozialen Aspekten sind z.B. fehlerhafte Wahrnehmungs- & Bewertungsprozesse bzgl. des eigenen Erscheinungsbildes sowie ausgeprägte Denkmuster bzgl. des „inneren Ideals“ führt zu Vergleichsprozessen des Status Quo bzw. des fehlwahrgenommenen Zustandes mit den Idealvorstellungen (+ starke Medieneinflüsse hinsichtlich des vorherrschenden „Schönheitsideals“).

Darüber hinaus spielt die Genetik eine relevante Rolle bei der Entstehung einer KDS, da die Wahrscheinlichkeit einer KDS drei- bis achtmal höher ist, sofern min. ein Verwandter 1. Grades ebenfalls erkrankt ist.

Symptomatik

  • ausgeprägte Körperunzufriedenheit (CAVE: diese ist kein spezifisches Merkmal, da sie in der Allgemeinbevölkerung bereits relativ verbreitet ist und auch bei anderen psychischen Störungen oder körperlichen Krankheitsbildern vorkommt)
  • übermäßige Beschäftigung mit selektiver Aufmerksamkeit & hyperfokussierter Wahrnehmung bzgl. vermeintlicher Makeln (CAVE: benannte Defekte/Mängel im äußeren Erscheinungsbild für andere Personen i.d.R. nicht erkennbar)
  • ständige, oft andauernde, Gedanken bzgl. des eigenen Aussehens über mehrere Stunden (1 – 8 h)
  • repetitive Zwangshandlungen wie z.B.
    • Pflegerituale/Überpflege bzw. zwanghaftes, intensives Pflegeverhalten („grooming“)
    • Rückversicherungen und/oder häufiges Vergleichen mit dem Aussehen anderer Personen
    • Dermatillomanie („Skin picking“)
    • Selbstmanipulation
    • ständige Anfertigung von Fotos und Videos sowie Überprüfung des eigenen Aussehens auf selbigen oder in reflektierenden Oberflächen wie Spiegel oder Schaufenster („mirror-checking“), aber auch das Vermeiden von reflektierenden Oberflächen
    • Messen von Körperteilen (Umfang, Breite, Länge etc.)
    • exzessives Sporttreiben, Diät halten, intensives Hautbräunen, ständige Friseurbesuche etc.
  • deutliche Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Lebensbereichen durch übermäßige Beschäftigung mit wahrgenommenen Makeln
  • vermehrtes autoaggressives Verhalten sowie erhöhte Suizidalität (Suizidgedanken & Suizidversuche) durch übermäßige Beschäftigung mit wahrgenommenen Makeln
    • Suizidgedanken bei ca. 80 % der Betroffenen
    • min. ein Suizidversuch bei 25 – 30 % der Betroffenen
  • ständige Gedanken darüber wie schlimm das eigene Aussehen aktuell ist und wie sehr dies auf andere Personen wirken könnte
  • häufiges Verstecken/Kaschieren der negativ wahrgenommener Körperbereiche (z.B. Make-up, Schal, Hut, Tragen von extravaganter Kleidung oder Schmuck)
  • Aufsuchen und Inanspruchnahme von medizinischen Hilfen (dermatologische, plastisch-chirurgische, zahnärztliche, kieferorthopädische Behandlungen)
  • vermeidende Verhaltensweisen (z.B. in die Öffentlichkeit begeben, nicht zur Arbeit/Schule gehen –> Fehltage, Verlust der Arbeit, Abbruch der Schule, Kündigung der Arbeit etc.)
  • häufige Informationssuche zur Verbesserung des Äußeren (z.B. Internet, Zeitschriften)
  • ständiges Bitten um Bestätigung, dass der Defekt nicht sichtbar oder nicht zu offensichtlich ist

typische Persönlichkeitszüge bei KDS

  • tiefgehende Minderwertigkeitsgefühle
  • übertriebene Selbstbeobachtung und ausgeprägt selbstkritischer Umgang
  • übersteigerte Normvorstellungen
  • idealisierter Schönheitsbegriff
  • Sensitivität mit depressiver Neigung
  • überzogene Introversionsneigung („Innenschau“)
  • krankhafte Scheu mit sozialem Rückzug
  • Kommunikationsschwäche
  • Beziehungsstörungen (Eifersucht, Misstrauen, sexuelle Schwierigkeiten)
  • narzisstische Überschätzung der eigenen Person (CAVE: keine „Selbstverliebtheit“)
  • hohes Schamerleben, starke Ängste und/oder Entstellungsgefühl
  • Hoffnungslosigkeit, weil Makel trotz aller Versuche fortbesteht, sowie ggf. Schuldgefühle, wenn kosmetische Eingriffe das Aussehen verschlechtern
  • Zweifeln an Aussagen anderer, dass man gut aussieht
  • schlechte oder nicht vorhandene Einsichtfähigkeit

betroffene Körperbereiche

  • Gesicht und Kopf (z.B. Asymmetrie, Falten, Flecken, Akne, Narben, übermäßige Gesichtsbehaarung, Schwellungen, Farbe ihres Teints, Blässe oder Rötung der Haut, zu geringer Haarwuchs, Form/Größe der Wangen, der Nase, des Kinns, der Ohren, des Mundes, der Lippen, der Zähne, des Kiefers, der Augen, der Augenbrauen und der Augenlider)
  • Haare (z.B. Volumen)
  • Haut des Körpers (z.B. Akne, Muttermale, Narben, Farbe, Gefäßzeichnungen)
  • Geschlechtsorgane (z.B. zu kleiner Penis, unpassende Schambehaarung), ggf. auch mit Labienkorrektur o.Ä.
  • Busen (z.B. zu klein oder zu groß),
  • Brust (z.B. angeblich unmännlich, sodass ein nackter Oberkörper vermieden wird),
  • Hüften (z.B. zu breites Becken),
  • Bauch (z.B. zu dick trotz Schlankheit),
  • Gesäß (z.B. vermeintlich zu dicker Po),
  • Schultern oder Rücken,
  • Arme und Beine (z.B. vermeintliche X- oder O-Beine)
  • allgemeiner Körperbau (z.B. muskulös)

Bei Frauen sind v.a. Lippen, Gesicht, Brüste, Hüften sowie das Gewicht im Allgemeinen betroffen und es gibt ein stärkeres Verlangen nach (plastisch-)chirurgischen Interventionen bzw. Modifikationen. Bei Männern hingegen sind die vermeintlichen Makel vor allem auf die Genitalien, Haupthaar und Muskulatur bezogen und es kommt häufiger zum Missbrauch von anabol-androgenen Steroiden.

Durch die oftmals große Zahl von durchgeführten (plastisch-)chirurgischen Interventionen kommt es nicht selten zu deutlichen Narben (15 %), Taubheit von Körperregionen (22 %), Asymmetrien (14 %), Infektionen (9 %) sowie Kapselfibrosen mit Dellen & Ödem (11 %).

https://www.springermedizin.de/symptomatik-diagnostik-und-therapie-der-koerperdysmorphen-stoeru/12244034

Krankheitsverlauf

I.d.r. verläuft die körperdysmorphe Erkrankung primär chronisch mit einer mittleren Krankheitsdauer von 16 Jahren, v.a. sofern keine oder erst spät eine psychotherapeutische-psychiatrische Intervention erfolgt. Während der Krankheitsphase ist ein Wechsel von wahnhaften und nicht-wahnhafte Symptomen sehr typisch. Vor allem in Kombination mit einer wahnhaften Denkstörung, depressiver Komorbidität und ausgeprägtem Vermeidungsverhalten hat die KDS eine schlechtere Prognose.

Diagnostik & Anamnese

Anamnestisch sind v.a. die nachfolgenden Fragen/Bereiche von großer Bedeutung, um die Diagnose zu spezifizieren und die Ausprägung der KDS zu evaluieren:

  • häufige Beunruhigung bzgl. des äußeren Erscheinungsbildes
  • häufiges Nachdenken über das eigene Erscheinungsbild, verbunden mit dem Wunsch diese Gedankengänge zu durchbrechen
  • Anzahl der Stunden, die man durschnittlich mit dem eigenen Aussehen beschäftigt ist
  • Hauptinteresse ist es nicht dünn genug zu sein oder zu dick zu werden (Abgrenzung zur Essstörung)
  • Beeinflusst die Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen Ihr Leben?
  • Kommt es zur Vermeidung von Treffen mit Freunden oder der Familie?
  • Wird der Arbeit bzw. dem Schulbesuch normal nachgegangen?
  • vermeidende Verhaltensweisen aufgrund des eigenen Aussehens

Diagnosekriterien

Gemäß DSM-5 zeigt sich die körperdysmorphe Störung bzw. Body Dysmorphic Disorder (DSM-5 300.7) durch folgende Anzeichen/Befunde:

  • übermäßige Beschäftigung mit einem oder mehreren wahrgenommenen Mängeln oder Defekten im äußeren Erscheinungsbild, die für andere nicht erkennbar sind oder geringfügig erscheinen
  • im Verlauf wiederholende Verhaltensweisen (z. B. Überprüfung im Spiegel, übermäßige Körperpflege, Hautzupfen/-quetschen, Rückversicherungsverhalten) oder mentale Handlungen (z. B. Vergleich des Aussehens mit dem von anderen) als Reaktion auf die Befürchtungen bezüglich des Aussehens
  • übermäßige Beschäftigung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen
  • übermäßige Beschäftigung mit dem äußeren Erscheinungsbild kann nicht besser durch Befürchtungen in Bezug auf Körperfett oder -gewicht erklärt werden, wie sie bei Personen auftreten, deren Symptomatik die diagnostischen Kriterien für eine Essstörung erfüllt
  • gute Krankheitseinsicht bis nicht korrigierbare Gewissheit über körperliche Entstellung
  • mit/ohne wahnhafte Überzeugungen

In der 11. Fassung der ICD wird die körperdysmorphe Störung (ICD-11 6B21) beschrieben:

  • anhaltende Beschäftigung mit einem oder mehreren wahrgenommenen Makeln oder Fehlern im Aussehen, die für andere entweder nicht oder nur geringfügig wahrnehmbar sind
  • Betroffene sind sich ihrer selbst übermäßig bewusst, oft mit Beziehungsideen (d.h. Überzeugung, dass andere Menschen den wahrgenommenen Fehler oder Makel bemerken, beurteilen oder darüber sprechen)
  • repetitive und exzessive Verhaltensweisen, wie z.B. die wiederholte Untersuchung des Aussehens oder der Schwere des wahrgenommenen Fehlers oder Makels, übermäßige Versuche, den wahrgenommenen Fehler zu tarnen oder zu verändern, oder ausgeprägte Vermeidung sozialer Situationen oder Auslöser, die die Verzweiflung über den wahrgenommenen Fehler oder Makel erhöhen, als Reaktion auf Besorgnis
  • Symptome sind so schwerwiegend, dass sie zu erheblichem Leidensdruck oder erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen

Zusätzlich werden in der wissenschaftlichen Fachliteratur zwei Subtypen beschrieben:

  • Körperdysmorphie-by-proxy (stellvertrende körperdysmorphe Störung): übermäßige Konzentration auf das Aussehen bzw. einen spezifischen Makel bei einer anderen Person, oftmals ein*e nahe*r Bekannte*r
  • Muskeldysmorphie: siehe Exkurs am Ende des Beitrags

Schweregrad

Eine international einheitliche Schweregrad-Klassifikation für die KDS gibt es nicht, jedoch werden in einigen Quellen folgende Schweregrade beschrieben:

  • leicht –> konservative Therapie (Abdeckung, Lifestylemedikamente, Orthorexia)
  • mittelgradig –> chemical Peeling, Lasertherapie, Botulinustoxin
  • schwer –> invasive Operationen in Narkose, Augmentation, Straffung

Differenzialdiagnosen

  • Essstörungen, v.a. Bulimia nervosa (CAVE: erhebliche Symptomüberschneidungen;bei Essstörung v.a. Gewicht und figurbezogene Körperregionen wie Hüfte, Bauch, Po, Oberschenkel im Vordergrund, bei KDS eher gewichtunabhängige Körperregionen wie Haut, Nase, Haare)
  • Zwangsstörungen
  • hypochondrische Störungen
  • soziale Phobie (CAVE: häufig auch Komorbidität)
  • zoenästhetische Schizophrenie
  • paranoide Persönlichkeitsstörung
  • Geschlechtsinkongruenz
  • Depressionen

Risikofaktoren

  • früheres Hänseln oder ähnliche negative Vorerfahrungen bzgl. des eigenen Aussehens
  • konfliktvermeidendes und/oder überbehütendes, aber auch dominantes und/oder konfliktreiches Elternhaus
  • Missbrauchserfahrungen
  • starke gesellschaftliche und Medieneinflüsse bzgl. vorherrschender „Schönheitsideale“

Komorbidiäten

  • Depressionen (Lebenszeitprävalenz: 75 %)
  • soziale Phobie (38 %)
  • Zwangsstörung (33 %)
  • Persönlichkeitsstörung, v.a. unsicher vermeidende Persönlichkeitsstörung (40 – 72 %)
  • Suizidalität
  • Essstörungen (ca. 30 %)
  • Substanzmittelmissbrauch und -abhängigkeit (Punktprävalenz: 6,3 – 17,0 %; Lebenszeitprävalenz: 30,0 – 48,9 %)

Screening-Tools

  • Dysmorphic Concern Questionnaire (DCQ)
  • Fragebogen körperdysmorpher Symptome (FKS)
  • Body Dysmorphic Disorder Examination Self Report (BDDE-SR)
  • Body-Dysmorphic-Disorder-Diagnostic-Module (BDDDM)
  • Yale-Brown-Obsessive-Compulsive-Scale (BDD-YBOCS)
  • Body Dysmorphic Disorder Questionnaire (BDDQ)
  • KDS-Kurzscreening (s.u.)

KDS-Kurzscreening

  • Wie stark belasten Sie die Gedanken über Ihr Aussehen?
    • gar nicht (1 Punkt)
    • etwas (2 Punkte)
    • mittel (3 Punkte)
    • stark (4 Punkte)
    • sehr stark (5 Punkte)
  • Wie viel Zeit beanspruchen Ihre Gedanken über Ihren körperlichen Makel täglich?
    • keine Zeit (0 Punkte)
    • < 1 h (1 Punkt)
    • zw. 1 – 3 h (3 Punkte)
    • zw. 3 – 8 h (5 Punkte)
    • > 8 h (7 Punkte)
  • Wie viel Zeit verbringen Sie am Tag mit repetetiven Mustern, wie in den Spiegel zu schauen, ihren Körper zu pflegen, sich zu schminken, zu rasieren oder mit anderen Handlungen, die im Zusammenhang mit der Sorge um Ihr Äußeres stehen?
    • keine Zeit (0 Punkte)
    • < 1 h (1 Punkt)
    • zw. 1 – 3 h (3 Punkte)
    • zw. 3 – 8 h (5 Punkte)
    • > 8 h (7 Punkte)
  • Einschätzung der Beeinträchtigung durch das eigene Aussehen
    • 0 = keine Beschwerden bis 10 = sehr starke Beschwerden
  • Fremdbeurteilung: grad der Entstellung der betroffenen Personen
    • 0 = normales, unauffälliges Aussehen bis 10 = starke Entstellung des Aussehens wie z.B. nach schwerem Unfall

Auswertung KDS-Kurzscreening
– Punkte der Fragen 1 – 4 addieren und Punkte der Frage 5 davon abziehen
– > 12 Punkte = hohe Wahrscheinlichkeit für körperdysmorphe Störung

Therapie

Therapietechnisch ist i.d.R. ein multimodaler Ansatz notwendig, der auf einer aus Akzeptanz und Verständig geprägten Ärzt*innen- Patient*innen-Beziehung aufbaut:

  • Psychoedukation
    • Weitergabe störungsbezogener Informationen & Verständnis für Erkrankung entwickeln
  • kognitive Verhaltenstherapie
    • Formulierung akzeptabler Erklärungsmodelle („immer wenn…, dann…“)
    • Konfrontation mit und Verhinderung des Vermeidungsverhaltens (Expositions- & Ritualprävention)
    • Expositionsversuche (z.B. schwierige Situationen wie Schwimmbadbesuch oder Unterlassen von Sicherheitsverhaltensweisen wie Abdecken von Makeln)
    • kognitive Umstrukturierung (z.B. Fehlbewertungen zum Aussehen verändern)
    • Training zur Umkehrung der Gewohnheit (z.B. bei Skinpicking)
    • Videofeedback & Wahrnehmungsschulungen
    • Integration der Komorbiditäten
  • Psychopharmakatherapie
    • höhere Dosen von SSRI wie Fluoxetin, Sertralin, Paroxetin oder Citalopram + Clomipramin (höher als bei Depressionen oder Angsterkrankungen)
    • ggf. zusätzlich Anxiolytika
    • bei wahnhafter Form: zusätzlich Neuroleptika (CAVE: Monotherapie nicht hinreichend belegt)
    • CAVE: nie Psychopharmaka einzeln, sondern immer in Kombination mit Psychotherapie

Was im gesamten Therapieprozess, aber auch schon davor zu berücksichtigen ist, ist, dass jedliche therapeutische Interventionen durch Dermatolog*innen, plastische Chirurg*innen oder Kieferorthopäd*innen, auch wenn von vielen Patient*innen erhofft oder verlangt, keine Verbesserung der Symptomatik brachten bzw. nur in wenigen Fällen von bis 3,6 – 15 %, in 15 – 20 % der Fälle kam es sogar zu einer Verschlechterung und in > 90 % waren die Patient*innen unzufrieden mit dem OP-Ergebnis.

Ohne etwaige therapeutische Interventionen verschlechtert sich die KDS i.d.R. und es kann schlussendlich auch zu suizidalen Handlungen kommen. Zusätzlich sind etwaige Komorbiditäten bei der Therapie zu berücksichtigen.

Exkurs: Muskeldysmorphie

Die Muskeldysmorphie, auch als Sport- oder Muskelsucht bekannt, ist eine Unterform der körperdysmorphen Störung, die i.d.R. bei jungen Männern und zusätzlich immer häufiger auftritt. Epidemiologisch ist von einer Prävalenz zwischen 1 – 7 % in der Gesamtbevölkerung sowie von bis zu 25 – 55 % in Risikogruppen wie Bodybuildern oder Leistungssportlern. Das durchschnittliche Erkrankungaalter liegt bei 19,5 Jahren und Männer sind erheblich häufiger betroffen als Frauen.

Hauptsymptom der Muskeldysmorphie ist die intensive, übermäßige Beschäftigung und Unzufriedenheit mit den selbst empfundenen Makeln hinsichtlich des eigenen muskulösen Aussehens und der Definiertheit der eigenen Muskulatur. Hinzu kommen weiteren Symptome wie:

  • Angst, mühsam erarbeitete Muskeln rasch wieder zu verlieren
  • Angst, niemals eine Partnerin zu finden und für immer einsam zu bleiben
  • stark eingeschränktes, zwanghaftes Handeln & Denken bzgl. Sport & Ernährung, oftmals mit hohem Leidensdruck (z.B. ständiges Gedankenkreisen um Trainingsplan, Diäten & Sport)
  • stark verzerrte Selbstwahrnehmung in Bezug auf das eigene Körperbild
  • Schamgefühl aufgrund des als defizitär empfundenen Körpers
  • Einschränkungen im sozialen und beruflichen Bereich
  • Einnahme gesundheitsschädigender, leistungssteigernder Präparate, ggf. Anzeichen von Substanzkonsumstörungen (Anabolika, Steroide etc.) –> ggf. nachfolgend weitere Probleme wie Steroidakne, Hodenatrophie, Fettstoffwechselveränderungen, lebertoxische Symptome, Myokardhypertrophie bis hin zur Kardiomyopathie, Herzrhythmusstörungen sowie Erektionsstörungen
  • ggf. Ähnlichkeiten zu Essstörungen, v.a. der Anorexia Nervosa

Zu den typischen prädisponierenden bzw. risikobehafteten Faktoren gehören:

  • traumatische Mobbing- oder Ablehnungserlebnisse in Kindheit und Jugend (z.B. anhaltende Hänseleien bis hin zu körperlichen Misshandlungen)
  • Kränkungen bei Annäherungsversuchen mit dem Gefühl der körperlichen Unzulänglichkeit als Ursache allen Übels
  • Ungleichgewichte im Neurotransmitterhaushalt (z.B. Serotonin)
  • genetische Prädispositionen (z.B. Zwangserkrankungen in der Familie)
  • gesellschaftliches Rollenbild des Mannes als unangreifbares & starkes Individuum
  • ständige Verfügbarkeit von Fitnessstudios und Präparaten
  • hoher Perfektionismus, hohe Sensibilität gegenüber Zurückweisung sowie Mobbing-, Ablehnungs- und Viktimisierungserfahrungen

PsychFacts

Passend zum heutigen Beitrag gibt es natürlich auch wieder ein PsychFacts mit allen wichtigen Infos kurz und knapp zusammengefasst:

PsychFacts – körperdysmorphe Störung

Quellen

Published inIm Notfall Psychiatrie

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