Ab heute trifft sich in Hamburg die internationale Notfallmedizin-Community zur International Conference on Emergency Medicine 2026 (ICEM 2026). Für viele wirkt ein Kongress zwischen Schichtdienst, viel Schreibarbeit und hoher Arbeitsbelastung wie ein „nice to have“: teuer, zeitaufwendig, organisatorisch mühsam. Aber wenn man sich die Daten anschaut, sind Kongresse alles andere als Luxus – sie sind ein relevanter Baustein für Qualität, Patient*innensicherheit und professionelle Entwicklung in der Notfallmedizin sowie Raum für Wissenstransfer, interprofessionellen Austausch, Karriereentwicklung und Innovation.
Was sagen die Daten? Kongresse als wirksame Bildungsform?
Educational meetings wirken – aber nicht automatisch
Eine große Cochrane-Übersichtsarbeit (Forsetlund et al., 2021) zu Fortbildungs-Meetings (inkl. Kongressen, Workshops, Kursen) zeigt: Solche Veranstaltungen führen im Mittel zu kleinen bis moderaten Verbesserungen im klinischen Verhalten und teilweise auch in Patient*innen-Outcomes. Entscheidend sind Format und Didaktik (interaktiv, fallbasiert, mit Feedback) – nicht nur die reine „Frontalvorlesung“. Denn der Mehrwert medizinischer Kongresse liegt nicht nur im Zuhören im „Frontalvorlesung“-Setting. Moderne Kongresse kombinieren:
- wissenschaftliche Sessions
- Hands-on-Workshops
- Fallbesprechungen
- Simulationstrainings
- Diskussionen mit Expert*innen
- interprofessionellen Austausch
Eine neuere Übersichtsarbeit zu Continuing Professional Development (CPD; Ali et al., 2025) zeigt, dass gut geplante CPD-Aktivitäten (inkl. Kongressen) mit Verbesserungen in Wissen, klinischem Verhalten und teilweise Outcome-Parametern assoziiert sind – auch wenn der direkte Nachweis auf Patient*innen-Ebene methodisch schwierig bleibt.
Wie misst man den Impact von Kongressen?
Eine Analyse in der International Journal of Medical Education (Albrecht, 2024) zeigt, dass klassische Evaluationsbögen („Wie hat Ihnen der Kongress gefallen?“) kaum abbilden, was wirklich zählt: Verhaltensänderung, Implementierung im Alltag, Netzwerk-Effekte. Die Autor*innen fordern validierte Tools, die genau diese Dimensionen erfassen.
Die Quintessenz: Kongresse sind kein Selbstzweck – sie können Verhalten und Versorgung verändern, wenn sie gut gemacht sind und wenn wir das Gelernte bewusst in unseren Alltag übertragen.
Kongresse als Motor medizinischer Innovation
Medizin entwickelt sich heute schneller denn je. Neue Leitlinien, technische Innovationen, KI-gestützte Diagnostik oder moderne Ausbildungskonzepte entstehen nicht isoliert, sondern im Austausch zwischen Fachdisziplinen und Ländern. Kongresse schaffen genau diesen Raum.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass persönliche Begegnungen auf Konferenzen die Wahrscheinlichkeit neuer wissenschaftlicher Kooperationen signifikant erhöhen. Eine Analyse mehrjähriger Konferenzdaten konnte zeigen, dass Teilnehmende mit intensiverem Austausch eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit hatten, später gemeinsame Forschungsprojekte zu starten.
kritische Punkte an Kongressen
Kongresse verursachen durch Reisen, Unterkunft und Verpflegung erhebliche CO2-Emissionen. Studien zeigen, dass der Flugverkehr mit 80 – 96 % den Hauptanteil der Emissionen ausmacht. Die Umstellung auf hybride oder virtuelle Formate kann die Emissionen um bis zu 50 % reduzieren, ohne dass der wissenschaftliche Austausch leidet. Eine weitere Lösungsmöglichkeit als Zwischenstufe auf dem Weg zu hybriden oder virtuellen Formate wäre auch die Auswahl zentral gelegener Veranstaltungsorte mit guter Bahnanbindung.
Aber nicht nur die Umweltkosten durch Flugreisen sind erheblich, auch die allgemeinen Kosten und Zeit sind real und können Teilnahmebarrieren schaffen. Nicht jede Person kann sich eine Kongressteilnahme leisten und die nötige Zeit für eine solche Teilnahme ist auch oft nicht so einfach freizuschaufeln – u.a. wegen der Care-Arbeit und noch vielerorts fehlender Betreuungsangebote für die eigenen Kinder bei Kongressen.
Fazit
Wenn man die Evidenz und die Realität der Medizin zusammendenkt, bleibt eine klare Botschaft:
Kongresse wie die ICEM sind keine „Fortbildungsreise“, sondern ein Stück kritische Infrastruktur für eine moderne, evidenzbasierte und vernetzte Medizin.
Kongresse bringen Menschen, Daten, Ideen und Systeme zusammen – und genau das brauchen wir, wenn wir Versorgung, Patient*innensicherheit und Arbeitsbedingungen in der Notfallmedizin weiterentwickeln wollen. Kongresse sind:
- Innovationstreiber für die tägliche Arbeit
- Qualitätssicherung durch Evidenz-Update
- Mental Health Support durch die Community
Außerdem ermöglicht die Teilnahme Abstand vom klinischen Alltag und erinnert viele Fachkräfte daran, warum sie ihren Beruf ursprünglich gewählt haben. So zeigte z.B. eine Untersuchung unter Ärzt*innen auf internationalen AIDS-Kongressen Effekte, die gerade in Berufen mit hoher emotionaler Belastung enorm relevant sein können:
- 50 % berichteten über gesteigerte Motivation für die klinische Arbeit
- 57 % berichteten über höhere Motivation für Forschung und Weiterentwicklung
Ein Exkurs zum Schluss: erhöhte Sterblichkeit durch Kongresse?
Jena et al. konnten 2015 in einer Untersuchung die diskutierte Frage beantworten, ob große medizinische Kongresse, v.a. wenn viele erfahrene Ärzt*innen durch diesen abwesend sind, die Versorgungsqualität beeinträchtigen. Die Studie untersuchte die Mortalität bei akuten kardialen Notfällen während großer Kardiologiekongresse und fand keine erhöhte Sterblichkeit.
Im Gegenteil: In Lehrkrankenhäusern war die 30-Tages-Mortalität bei Hochrisikopatient*innen während der Kongresstage sogar niedriger. Die Gründe hierfür sind nicht abschließend geklärt, könnten aber mit einer veränderten Personalzusammensetzung oder einer bewussteren Indikationsstellung zusammenhängen.


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